Cloud Computing: Interview mit Thomas Hansen und Wolfgang Brehm, Microsoft

Cloud-Software für den Mittelstand

Cloud-Lösungen verändern die Arbeitswelten mittelständischer Kunden, aber auch das Unternehmen Microsoft selbst und sein Partnergeschäft. Thomas Hansen, VP SMB Worldwide, Microsoft, und Wolfgang Brehm, Direktor Mittelstand, Distribution & Fachhändler, Microsoft, sprechen im Interview über den Einsatz cloud-basierter Produkte wie Office 365 im Mittelstand. Hansen und Brehm erklären die Transformation sowie ihre Geschwindigkeit und die Bedeutung für den Mittelstand.

  • „Office 365 ist das am schnellsten wachsende Produkt, das wir je herausgebracht haben“, weiß Thomas Hansen, VP SMB Worldwide bei Microsoft.

  • „Unsere Sicherheits-Infrastruktur ist im Vergleich zu der Infrastruktur, die im Keller vieler Betriebe läuft, deutlich besser. In 99 Prozent der Fälle ist unser Sicherheitslevel höher als das der Kunden“, meint Wolfgang Brehm, Direktor Mittelstand, Distribution & Fachhändler bei Microsoft.

ITM: Welche Vorteile hat der Mittelstand von Cloud-Produkten?
Hansen:
Im Vergleich zu großen Unternehmen waren Mittelständler lange benachteiligt, denn sie konnten nicht das gleiche Niveau der Computerisierung erreichen wie die großen. Ihnen standen nicht die Werkzeuge und Infrastrukturen zur Verfügung, um mit ihren Geschäftsmodellen zu expandieren.
Die Cloud-Technologie demokratisiert den Zugang zu Werkzeugen und Ressourcen für den Mittelstand. Sogar sehr kleine Unternehmen können nun die selben Technologien und Services wie Großunternehmen nutzen – für ein paar Euro pro Nutzer im Monat. Und die Technologie läuft in den Datenzentren von Microsoft: Redundanz, Zuverlässigkeit und Sicherheit sind genau so ausgelegt wie für große Firmen.

ITM: Trotzdem ist die Skepsis gegenüber Cloud-Lösungen im Mittelstand nicht von der Hand zu weisen.
Hansen:
Die Kunden brauchen noch Erklärung und Hilfe, was die Cloud ist. Mehrere Punkte können mittelständischen Kunden helfen, das Thema zu verstehen:

  • Erstens, um es etwas zu vereinfachen, ein cloud-basiertes Produkt wie Office365 ist – Office. Eine Software, die 95% der mittelständischen Unternehmen weltweit nutzen. Dies ist die neuste Version und sie läuft geräteübergreifend. Dazu bekommt der Kunde Kommunikation und Kollaboration in Form von Dokumenten-Flow, E-Mail, VoIP, Video, etc.
  • Zweitens, viele Kunden glauben zwar, nicht die Cloud zu benutzen, tun dies aber de facto bereits seit Jahren: sei es ein webbasierter E-Mail-Account, sei es Antivirus-Software. Antivirus Software ist ein gutes Beispiel: Sie war die erste Software, die quasi aus der Cloud heraus funktionierte – was viele Nutzer zu schätzen wissen.
  • Drittens: Ein positiver Fakt, neben dem Wachstum und der Effizienz, den die Cloud Unternehmen ermöglicht, ist der, dass die Cloud das Profil der IT verändert. IT stellt sich für viele Unternehmen bisher als Budgetfresser dar: große Summen und Investitionen in Infrastruktur wie Server, aber auch in On-Premise-Software und natürlich in Mitarbeiter. Besonders für kleinere Unternehmen war das sehr viel Geld.


ITM: Wie ist den speziell in Deutschland bisher die Rückmeldung der mittelständischen Kunden auf die Cloud-Produkte?
Hansen:
Es ist ein positives Feedback, aber Erklärungen sind nötig, es gibt noch viele Fragen. Deutschland hat dabei seine Eigenheiten: Das Thema Datenschutz, aktuell besonders die  Snowden/NSA-Affäre. Aber wir haben gute Antworten auf diese Fragen.

ITM: Nämlich?
Hansen:
Es ist normal und häufig, dass eine neue Technologie auch Ängste hervorruft. Microsoft ist führend in Sachen Compliance und hat wichtige Zertifikate der EU erhalten.

Brehm: Wir arbeiten nach strengen ISO-Zertifizierungen, beachten alle legalen Rahmenbedingungen und Datenschutzbestimmungen. Wir handeln transparent und hatten keine Sicherheitsvorfälle in der Vergangenheit. Diese Fakten müssen wir dem Mittelstand vermitteln. Unsere Sicherheits-Infrastruktur ist im Vergleich zu der Infrastruktur, die im Keller vieler Betriebe läuft, deutlich besser. In 99 Prozent der Fälle ist unser Sicherheitslevel höher als das der Kunden. Einfach weil Sicherheit teuer und kompliziert ist – das ist eine Realität.

ITM: Wie sicher ist die Cloud?
Hansen:
Jeder Mittelständler sollte sich fragen: Kann die hauseigenen IT diese Themen wirklich so darstellen wie Microsoft? Ein Unternehmen, das viele Billionen Dollar in Sicherheit investiert und Daten mehrfach repliziert vorhält, damit – was auch immer an Eventualitäten und Naturkatastrophen passiert – Daten wiederhergestellt werden können. In Calgary gab es vor einiger Zeit heftige Überschwemmungen, die IT im Keller vieler Unternehmen wurde schwer beschädigt. Diese Unternehmen sind jetzt buchstäblich „Out of business“. Diejenigen aber, die in der Cloud arbeiteten, konnten einfach weitermachen.

ITM: An cloud-basierten Produkten führt also für die Kunden kein Weg mehr vorbei?
Hansen:
So sehr wir auch davon überzeugt sind, dass die Cloud die Zukunft und richtige Richtung ist, sind wir auch pragmatisch: Wir verstehen, dass Organisationen und Unternehmen sich in unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln. Manche setzen sofort und komplett auf die Cloud, andere brauchen länger. Die Realität ist, dass die Unternehmenswelt für eine Weile hybrid sein wird. Manche Anwender setzen weiterhin auf On-Premise-Software, manche nur auf die Cloud, die meisten fahren Lösungen dazwischen. Einige Firmen hosten in Partner-Clouds, andere in der Public-Cloud, viele in Private-Clouds, und viele machen von allem etwas.

Die meisten konkurrierenden Cloud-Anbieter bieten nur die eine Wahrheit an: Die Cloud, zu 100%. Wir glauben nicht, dass dies der richtige Weg ist. Es ist wichtig, Optionen anzubieten, auch um die Ängste und Skepsis zu nehmen. Wenn wir nicht nur die eine mögliche Lösung verkaufen wollen, dann nimmt das vielen Kunden die Ängste.

ITM: Wie nimmt der deutsche Mittelstand im internationalen Vergleich bisher die Cloud an?
Hansen:
Das Cloud-Geschäft wächst unglaublich stark, da ist Deutschland keine Ausnahme. Deutschland wächst so schnell wie die USA, UK oder die nordischen Staaten, traditionell die Vorreiter bei neuen Technologien.

Brehm: Für mich als Deutschland-Verantwortlicher ist es wichtig, dass der Mittelstand hier gut aufgestellt ist und gute Geschäfte macht. Im deutschen Mittelstand gibt es viele Weltmarktführer. Diese Unternehmen haben nun die Chance, schnell unsere neuesten Technologien zu nutzen, auch zur Kommunikation: Lync ist ein gutes Beispiel dafür, wie solche Unternehmen über internationalen Niederlassungen hinweg zusammenarbeiten können.

Ihre weltweite Führungsrolle können deutsche Unternehmen nur behalten, wenn sie die neueste und beste Technologie einsetzen. Sonst werden andere Mittelständler aus anderen Ländern schneller sein. Letztlich steht der deutsche Mittelstand im Wettbewerb mit China und USA.

ITM: Was halten Sie von einer „nationalen“ Cloud, einem „deutschem Internet“ – ein Vorschlag, der zur Zeit ja durch die Presse geistert?
Hansen:
Ich bin kein Techniker, ich weiß nicht, ob das überhaupt funktioniert. Es klingt für mich nicht möglich. Aber ich respektiere, dass einige Kunden dies wünschen, aus wettbewerblichen oder rechtlichen Gründen, evtl. sind sie sogar gesetzlich dazu verpflichtet, dass ihre Daten in Deutschland gehostet werden. Wir arbeiten mit einigen sehr großen und vielen kleinen Hostern zusammen. Es gibt mehr als 20.000 Hoster weltweit, die unsere Produkte hosten und Cloud-Services für mittelständische Unternehmen bereitstellen. Somit können wir den Kundenwünschen – seien diese irrational, rational oder legal begründet – entsprechen. Unternehmen, die also unbedingt in Deutschland ihre Daten hosten wollen, können dies mit unseren vielen Partnern tun.

Im Öffentlichen Sektor ist das oft ein entscheidender Faktor, viele unserer Kunden dort fahren einen Mix aus On-Premise und bei Partnern gehosteten Lösungen.

Brehm: Sinniger als ein nationales Netz ist Verschlüsslung. So können auch internationale Filialen sicher zusammenarbeiten. Wenn ein Unternehmen weiß, dass seine Daten nur verschlüsselt in die Cloud geladen werden, ist das doch viel einfacher, als ein nationales Netz abzuschotten.

ITM: Warum ist Deutschland so speziell in dieser Hinsicht?
Hansen:
In Deutschland herrscht, wie in meiner Heimat Dänemark auch, ein klassisches Interesse an Details und Ingenieurswissenschaften. Hier wollen die Verantwortlichen eine Lösung verstehen, bevor sie sich für sie entscheiden. Also muss Microsoft alle Details zur Verfügung stellen und jegliche Unklarheiten und Skepsis beantworten. Das ist gut so, es zwingt uns, einen besseren Job zu machen.

Brehm: Es hat natürlich auch mit unserer Geschichte zu tun. Die Staatssicherheit der DDR war Meister des illegalen Abhörens. Es ist gut, dass wir einen hohen Standard bezüglich Privatsphäre haben.

ITM: Wie steht es im internationalen Vergleich um die Adaption mobiler Technologien in deutschen Unternehmen?
Brehm:
Eigentlich bewegen sich deutsche Unternehmen auf gutem europäischem Niveau, wobei die notwendige Bandbreite in manchen Regionen noch nicht gegeben ist.

Hansen: Jeder Konsument weiß: Man ist nicht immer online. Sogar in weit entwickelten Märkten gibt es eben manchmal keine Verbindung. Daher ist es wichtig, auch offline arbeiten zu können und die Daten später in der Cloud zu sichern. Diese Möglichkeit unterscheidet uns von anderen Anbietern. Ein weiteres Merkmal ist, dass wir unseren Kunden über verschiedene Geräte und Systeme hinweg die beste Produkterfahrung bieten wollen.

ITM: Dazu gibt es ja nun endlich eine iPad-App für Office – warum hat Microsoft damit so lange gewartet? Aus strategischen Gründen, oder war die Entwicklung schwierig?
Hansen:
Dazu kann ich nichts sagen. Aber wir haben es nun getan und das Kunden-Feedback ist absolut positiv. Hinsichtlich der Nutzerzahlen ist Office eine der beliebtesten Apps auf dem iPad.

So sehr wir uns natürlich wünschen, dass die Kunden Windows über alle Geräte hinweg nutzen, müssen wir anerkennen, dass es hier einen starken Wettbewerb gibt. Der Erfolg des iPads ist eine kommerzielle Realität. Dass wir Office nun darauf anbieten, war eine gute Entscheidung, auch geschäftlich. Die Kunden haben mit ihren Downloads bewiesen, dass dies der richtige Weg ist.

Brehm: Hinzu kommt unser neues Lizenzmodell. Früher gab es gerätegebundene Lizenzen, heutzutage ist es normal, dass Angestellte viele Geräte nutzen. Der Kunde kauft Lizenzen pro Nutzer für fünf Geräte, inklusive mobilen Geräten wie dem iPad.

Die Arbeitswelt verändert sich. Technologie ist die eine Seite, aber die Art und Weise wie wir arbeiten, verändert sich ebenfalls rasant. Der Fokus liegt darauf, die Arbeit zu erledigen. Egal wo.

ITM: Es gibt aber auch große deutsche Firmen die nach einer bestimmten Uhrzeit keine E-Mails mehr weiterleiten, damit ihre Angestellten nicht nachts zu Hause bis zum Burn-Out weiterarbeiten.
Hansen:
Ja, die neuen Möglichkeiten bringen eine große Verantwortung, da müssen die Verantwortlichen den richtigen Ton wählen. Die neue Verfügbarkeit soll den Mitarbeitern ja helfen und sie nicht drangsalieren.

Ich selber arbeite international, und bei Microsoft wird immer irgendwo gerade gearbeitet – alleine wegen der verschiedenen Zeitzonen. Da braucht es Disziplin, feste Arbeitsstunden festzulegen. Ich weiß, dass meine E-Mails sehr viel Arbeit verursachen,  mittlerweile verschicke ich sie nur noch zu bestimmten Zeiten und bereite sie vorher offline vor. Grundsätzlich verschicke ich auch viel weniger E-Mails als früher: Yammer – unser soziales Netzwerk für Unternehmen – ist mittlerweile meine Lieblingsanwendung zur schnellen Kollaboration.

Brehm: Bei Yammer steht insbesondere das projektbezogene Arbeiten im Mittelpunkt, oft werden so firmeninterne Arbeitsgruppen gebildet. Besonders für Diskussionen und Meinungsaustausch ist Yammer sinnvoller als etliche E-Mails.

ITM: Wie läuft das Partnergeschäft in Deutschland?
Hansen:
Unter den gegebenen Voraussetzungen wäre es leicht, schlusszufolgern, dass die Kunden nur noch direkt beim Hersteller kaufen. Aber besonders im Mittelstand ist es so, dass viele kleinere Firmen keine professionelles IT-Management im Haus haben. Viele Kunden wollen mit einem ihnen bekannten Berater arbeiten, dem sie vertrauen. Auch unsere vielen neuen Cloud-Kunden wollen mehrheitlich mit Partnern arbeiten. Die Zahlen in unserem Partner-Ökosystem weltweit und in Deutschland schrumpfen also nicht, sie wachsen. Das Partnergeschäft brummt und es ist gesund. Unsere Partner verdienen Geld – auch weil es viele neue Kunden gibt.

Es gibt sogar einen neuen Typ von Partnern, der mit uns in der Cloud zusammenarbeitet. Zum Beispiel aus dem Photokopie-Umfeld. Das können kleine Partner sein, die ihren Kunden nun gut unsere Cloud-Produkte verkaufen können, weil sie die Vorteile kennen. Das kann zum Beispiel auch Ricoh sein, ein Hersteller, der eine Anbindung für kopierte Dokumente direkt an die Microsoft-Cloud anbietet.

Auch unsere etablierten Partner wissen, dass sich das Geschäft Richtung Cloud ändert. In der Cloud lässt sich Geld verdienen – das Geschäft ist da. Nicht mehr fokussiert auf einmalige Verkäufe, die alle drei Jahre wiederholt werden. Mit der Cloud baut man eine Subskription auf, eine Partnerschaft, in der die Zufriedenheit des Kunden der wichtigste Faktor ist. Das Gespräch mit den Kunden ist eine wichtige Gelegenheit, mehr Geschäft zu generieren.

ITM: Das ist für viele Partner sicherlich eine große Veränderung?
Brehm:
Sicher, wenn der Partner heute seinen Umsatz mit Patch-Installationen oder Backups macht, dann ist das eine große Veränderung. Unsere informierten Kunden im Mittelstand wissen, dass diese Dinge Teil unserer Cloud-Services sind. Die Kunden werden sich dann anderen Partnern zuwenden – jenen, die die Veränderungen verstehen. Das Geschäft ist groß und der Mehrwert für die Kunden ebenfalls, daher erwarte ich bis 2020 in Deutschland 80 Prozent unserer Kunden als Nutzer von Office 365.

Hansen: Es dauert, bis wir jeden Konsumenten erreicht haben, um das Cloud-Thema zu erklären, dort liegt im Moment die Herausforderung. Microsoft wird weiterhin immer seinen Partnern verpflichtet bleiben. Wir brauchen Zehntausende Microsoft-Verkäufer an unserer Seite, die unsere Botschaft weitergeben. Das gibt uns Skalierbarkeit.

Brehm: Um das Momentum zu belegen, das wir zur Zeit erleben: Letztes Kalenderjahr hatten wir im SMB-Bereich 4.178 Reseller, die Office verkauften, 2437 verkauften Exchange On-Premise. Office 365 hat heute bereits exakt 2400 Reseller – und die Zahl wächst. Sie wächst so schnell, dass in 12 bis 16 Monaten die alte Zahl überschritten werden wird.

Hansen: In manchen Märkten (UK, Nordic) haben wir bereits die Schwelle überschritten und schon jetzt mehr Cloud-Reseller.

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