Office-Killer

Coda erfindet die Tabellenkalkulation neu

Excel gehört in den Unternehmen zu den hassgeliebten Anwendungen: Alle meckern darüber, aber alle nutzen es. Doch jetzt kommt eine schicke Alternative.

Büroarbeit mit Notebook

Büroarbeit: Wahrscheinlich läuft auf diesem Notebook Excel

Die neue Webapp Coda will Excel als zentrale Schaltstelle für Büroarbeiten ablösen und sie hat sogar das Zeug dazu. Nach drei Jahren im Stealth-Modus geht Coda.io jetzt in den offenen Betatest. Das Startup der beiden Ex-Googler Shishir Mehrotra und Alex DeNeui will eine Antwort auf die Frage geben: Wie würden Dokumente und Kalkulationsblätter aussehen, wenn sie heute erfunden würden? Auf den ersten Blick vertraut, die Unterschiede erschließen sich erst nach einiger Zeit.

Die Benutzeroberfläche von Coda ist altbekannt: Nach dem Erzeugen eines neuen Dokuments erscheint eine seitenartige Arbeitsfläche, auf der wie mit jeder Textverarbeitung gearbeitet werden kann. Allerdings merkt man hier einerseits den Betastatus der App und andererseits ihren Ausgangspunkt als Excel-Ersatz. Die Textverarbeitungsfunktionen sind recht rudimentär, so fehlt zum Beispiel eine Möglichkeit die Schriftart zu verändern. Doch zum Schreiben längerer Dokumente ist Coda ohnehin nicht gedacht.

Einfache Oberfläche, leistungsfähiges Fundament

Um die vielen Möglichkeiten kennenzulernen, muss zunächst eine Tabelle eingefügt werden. Tabellen in Coda sind nicht wie in Word ein fauler Kompromiss mit aufwändigen Layout-Möglichkeiten, aber rudimentären Kalkulationsfunktionen. Aber sie sind auch nicht so unübersichtlich wie in Excels Gitternetz mit Zahlen und Buchstaben als Koordinaten. Stattdessen wird eine Tabelle eingefügt und mit Spalten und gegebenenfalls auch Zeilenüberschriften versehen.

Diese Tabelle kann für vieles stehen, eine Übersicht kaufmännischer Zahlen, ein Verzeichnis von Anschriften, eine Liste mit zu erledigenden Aufgaben und vieles mehr. Es kommt einfach darauf an, wie die Tabelle aufgebaut ist und welche Daten dort eingefügt werden. Ähnlich wie bei Excel gibt es umfassende Formatierungsmöglichkeiten, sodass Eingaben beispielsweise direkt im kaufmännischen Währungsformat erscheinen. Zudem sind auch Checkboxen, Schieberegler, Auswahllisten, Bilder oder Verweise auf andere Tabellen möglich.

Darüber hinaus hat Coda eine umfangreiche Formelsprache, mit der die Zahlen und Daten verarbeitet werden. Sehr praktisch: Formeln und Tabellenbezüge können auch außerhalb der Tabellen eingesetzt werden. Zudem können sie auch in Form von Karten oder Gantt-Charts angezeigt und bearbeitet werden. Ergänzt werden diese Funktionen durch die Möglichkeit der Zusammenarbeit mehrerer Nutzer und das Eingeben von Kommentaren. Grundsätzlich kann jeder Anwender dabei eine eigene Sicht auf die zugrunde liegenden Daten in den Tabellen verwirklichen, in dem er entsprechend gestaltete Dokumente nutzt.

Flexibel und anpassungsfähig, aber mit steiler Lernkurve

Wer sich gut mit Office und vor allem Excel auskennt, wird sich recht schnell zurechtfinden. Auch die Formelsprache ist für Excel-Experten schnell verständlich. Sie nutzt dieselben Konzepte, aber eine etwas andere Syntax. Und ähnlich wie mit Excel lassen sich auch mit Coda recht umfangreiche „Anwendungen“ aufbauen, die in diesem Fall aber eher die Anmutung moderner Apps haben. Der entscheidende Unterschied zu Excel: Die Flexibilität eines Arbeitsblattes in Coda ist um einige Faktoren größer, gleichzeitig ist es übersichtlicher.

Zudem ist Coda um einiges attraktiver als eine klassische Tabellenkalkulation. Das liegt an seiner weitgehenden Bedienbarkeit mit der Maus und den zahlreichen Möglichkeiten, die Funktionen direkt „vor Ort“ an den jeweiligen Bedienelemente abzurufen. Allerdings ist die Lernkurve recht steil. Die Basisfunktionen sind zwar intuitiv nutzbar, doch die eigentliche Leistungsfähigkeit wird erst nach längerer Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten deutlich - und ein regelmäßiger Blick in die Dokumentation ist nötig.

Glücklicherweise gibt es zu Coda auch ein umfangreiches Templates-Verzeichnis, in dem sehr viele potentielle Anwendungsgebiete der App durchdekliniert werden. Sie können entweder eins zu eins übernommen werden oder als Anregung für eigene Coda-Apps dienen. Obwohl die Website noch im Betatest ist und nur eine limitierte Benutzerzahl zulässt, läuft sie doch schon recht sauber, trotz gelegentlicher Probleme beim Bildaufbau. Allerdings arbeitet sie sie nur in Chrome, andere Browser sollen erst später unterstützt werden.

Jeder Anwender gestaltet eigene Workflows

Ob Coda tatsächlich der schon wiederholt ausgerufene Office-Killer ist, muss sich erst noch zeigen. Doch zumindest sind die Ansätze vielversprechend. So lassen sich mit der App innerhalb eines einzelnen Dokuments durchgängige „Workflows“ gestalten, die bei Office auf mehrere Anwendungen verteilt sind. Ein Beispiel: Um als Selbständiger Kontakte, Projekte/Aufgaben und die Rechnungslegung zu verwalten, sind mehrere einzelne Anwendungen erforderlich. Dabei müssen unter Umständen Daten hin und her kopiert oder ganz schlicht abgetippt werden.

Bei Coda ist es möglich, auf der Basis einiger Tabellen für Kontakte, vereinbarte Aufträge, daraus abgeleiteten Aufgaben und Abrechnungsdaten eine durchgängig bedienbare App zu gestalten. Dabei können beispielsweise Rechnungen automatisch generiert werden, wenn die entsprechenden Tabellen alle notwendigen Angaben enthalten - das Abhaken eines bestimmten Auftrages reicht dann aus. Ergänzt werden kann das recht einfach durch weitere Funktionen, etwa CRM oder Zeitkontrolle.

Die enorme Flexibilität der Coda-Dokumente dürfte allerdings auch ein Hindernis im Massenmarkt sein. Die Webapp eignet sich in erster Linie für Excel-Freaks, denen das Basteln mit Tabellen und Funktionen keine Probleme bereitet - wohl eher eine Minderheit unter den Office-Anwendern. Die große Chance von Coda ist aber, die internen Entwicklungsabteilungen von Unternehmen für sich zu interessieren. Denn das Alleinstellungsmerkmal ist die Möglichkeit, vergleichsweise einfach attraktive und leicht bedienbare „Office-Apps“ sehr genau an die genutzten Prozesse und Workflows anzupassen.

Registrierung zum Beta-Test unter https://coda.io/welcome

Bildquelle: Thinkstock

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