Open Source CMS: Punk oder Mainstream?

Content-Management-Systeme im Vergleich

Contao, Drupal, Joomla, Typo3, Wordpress und Co. – das Angebot an quelloffenen Content-Management-Systemen (CMS) ist vielfältig. Sie locken mit Flexibilität und scheinbarer Kostenfreiheit. Dem gegenüber stehen aber mögliche Sicherheitslücken. Wird Open Source (OS) von den Anwendern somit eher noch gemieden oder gehören entsprechende CMS-Systeme schon zum Mainstream?

Punk oder Mainstream? – Content-Management-Systeme im Vergleich

Punk oder Mainstream? Welche Stärken haben Open Source CMS im Vergleich zu kommerziellen Lösungen?

Stehen Unternehmen vor der Aufgabe, eine frische Website aufzusetzen, haben sie die Qual der Wahl: Entweder entscheiden sie sich für ein quelloffenes Content-Management-System, hinter dem meist eine komplette Entwickler-Community steht, oder für die Standardlösung eines bestimmten Herstellers. Elementar ist hierbei, neben der langfristigen Betrachtung über die projektierte Laufzeit sowie die Budgetierung der monatlichen Kosten, der klare Vergleich der erforderlichen Funktionalitäten. „Nicht alles, was Feature-Listen hergeben, passt auch zur Geschäftsanforderung“, betont Christian P. M. End, Leiter des Geschäftsbereichs E-Commerce bei der Four For Business AG. Vor der Entscheidung für eine Lösung sollten klare Antworten gefunden werden, etwa auf die Fragen: „Was muss das System sofort können und was zu einem späteren Zeitpunkt?“, „Sagt uns das Look and Feel zu?“, „Wie gestaltet sich die Benutzerfreundlichkeit?“, „Wie viel Erfahrung hat der Dienstleister?“ und „Klappt die Kommunikation mit ihm?“. Für die Beantwortung sei ein umfangreiches Testen unumgänglich. Bewährt habe sich die Bildung von Anwendungsfällen, um Szenarien zu simulieren.

Kian T. Gould, CEO der AOE GmbH, spricht von einer systematischen Vorgehensweise bei der Anbieter- und Lösungsauswahl. Ein Prozess, der sich für alle bewährt haben soll, läuft in etwa wie folgt ab: Als erstes erarbeitet das Unternehmen einen Anforderungskatalog. Danach sollten firmenpolitische und juristische Fragen geklärt werden, etwa welche Technologie aus internen Motiven favorisiert werden soll oder ob bestehende Rahmenverträge einen Hersteller begünstigen. Als drittes trifft die Firma eine Vorauswahl von maximal sieben Anbietern, die sogenannte „Long List“, und fordert Informationen an. Nach Erhalt der Infos wird die Liste auf maximal drei Anbieter reduziert („Short List“), von denen dann umfangreiches Material angefordert wird. Abschließend werden diese drei Anbieter für eine Präsentation des Unternehmens, Vorgehens und Lösungsansatzes eingeladen. „Für die richtige Entscheidung ist es essenziell, dass Dienstleister und Lösung gleichermaßen berücksichtigt werden“, erklärt Kian Gould. „Es nützt nichts, ein gutes System auszuwählen, aber Differenzen mit dem Anbieter zu haben.“

Akzeptiertes Geschäftsmodell

Generell sollen die quelloffenen Content-Management-Systeme einen hohen Stellenwert bei den Unternehmen genießen. „Derzeit werden mehr als 80 Prozent aller CMS-basierten Websites mit Open-Source-Lösungen verwaltet“, meint Kian Gould. Ähnlich sieht es Tim Neugebauer, Geschäftsführer der DMK E-Business GmbH: „Zumindest im deutschen Mittelstand haben unserer Erfahrung nach Open-Source-CMS einen erheblichen Stellenwert. Systeme wie Typo3 für PHP oder auch Magnolia im Java-Umfeld bieten hier genügend Funktionsvielfalt und bilden die gewünschten Unternehmens- und Kommunikationsprozesse gut ab.“ Und auch Christan End ist von den quelloffenen Lösungen überzeugt: „Bei einem Marktanteil von ca. 80 Prozent kann man bei OS CMS mittlerweile getrost von einem Standard sprechen. Ohnehin ist Open Source bei Software allgemein zu einem akzeptierten Geschäftsmodell geworden. Von Apache bis Zend Framework, über Firefox, Linux und MySQL: Open Source ist längst kein Punk mehr. Open Source ist Mainstream.“

Ganz so positiv sieht es Michael Hack, Geschäftsführer von Sitecore in der DACH-Region, nicht. Im Enterprise-Bereich, vor allem bei international tätigen Mittelständlern aller Branchen, seien Open-Source-CMS immer seltener im Einsatz. Denn: „Wichtige Anforderungen wie Mehrsprachigkeit, Multi-Site-Management oder Mobile-Unterstützung sind damit nicht oder nur schwer möglich. Viele Kunden möchten zudem die Sicherheit eines zuverlässigen Herstellers mit klaren Verträgen, Gewährleistung, Roadmap, Support, Schulungen etc.“ Das Web sei einfach zu wichtig geworden, um es nicht professionell zu nutzen. Doch ist es wirklich so, dass Open Source dies alles nicht bieten kann? Große Dienstleister und Marken stehen laut Jeffrey A. „Jam“ McGuire, Open-Source-Evangelist bei Acquia, tatsächlich noch bei vielen Entscheidern für Investitionssicherheit und Qualität, „während Open Source als komplex gilt und mit Unsicherheiten behaftet ist – allerdings zu Unrecht. Mit diesem Mythos sollten wir aufräumen.“

Eine kommerzielle Lösung ist letztlich immer nur so lange am Markt wie ihr Herstellerunternehmen. „Erfolgreiche OS CMS hingegen leben länger“, bemerkt Christian End. „Sie überdauern Anbieterinsolvenzen oder Dienstleisterwechsel und werden herstellerunabhängig weiterentwickelt. Marktteilnehmer, die mit OS CMS ihr Geld verdienen, kommen und gehen. Die Systeme aber bleiben.“ Die Anbieterunabhängigkeit quelloffener CMS hebt auch Tim Neugebauer hervor, ebenso wie die Flexibilität in der Nutzungstiefe und Individualisierbarkeit. „Hinzu kommt, dass Open-Source-CMS in der Regel stark von Communities getrieben werden. Damit wird eine Entwicklungsgeschwindigkeit erreicht, die kommerzielle Anbieter meist nicht haben. In unserem Projektalltag sind diese Argumente wesentliche Auswahlgründe, neben dem Aspekt der Lizenzkostenersparnis.“

IT kostet immer

Rundum kostenfrei ist Open Source allerdings nicht. Jeffrey McGuire erklärt: „IT ist niemals gratis! Bei Open Source werden die Kosten lediglich zum Vorteil des Anwenderunternehmens umverteilt.“ Das Geld, das sonst in ein bloßes Nutzungsrecht für eine Standardlösung fließe, werde hier punktgenau in die Entwicklung einer Lösung und entsprechender Features investiert. Komplett gratis ist ein OS CMS nur dann, wenn die Lösung alle Anforderungen des Anwenders ‚out of the box’ abbilden kann. Das wird aber laut Christian End nur selten der Fall sein. Sobald individuelle Anpassungen nötig seien oder Support erforderlich werde, entstünden Kosten. Ein weiterer Nachteil: Wenn man Open-Source-CMS nutzt, „bekommt man kein schlüsselfertiges Haus, sondern einen Bausatz mit diversen Elementen“, so Jeffrey McGuire. „Einfach nur anschalten und loslegen geht also nicht. Man braucht schon jemanden, der sich mit dem CMS und seinen Möglichkeiten auskennt und das Wunschhaus baut.“ Diese Kompetenzen kann nicht jedes Anwenderunternehmen inhouse bereitstellen. Allerdings gibt es dafür eine Fülle von Dienstleistern, die sich auf entsprechende Open-Source-Lösungen spezialisiert haben.

Doch durch die Offenheit der Quellen werden auch Sicherheitslücken schneller bekannt als bei proprietären Systemen. Dies bedeutet, dass Open-Source-Modelle leichter angreifbar sind. „Beim Bekanntwerden von Sicherheitslücken müssen diese schnell gefixt werden“, so Arash Kaffamanesh, Geschäftsführer der Clouds Sky GmbH. „Bei einigen OS CMS klagen die Anwender zudem über mangelnde Benutzerfreundlichkeit und manche finden die Systeme schwer erlernbar.“

CMS-System sollte intuitiv bedienbar sein

Ein gutes Content-Management-System – egal ob quell­offen oder klassisch – muss also in jedem Fall intuitiv bedienbar sein. Generell sollte es auch immer „State of the Art“ sein, also stets den aktuellen Online-Entwicklungen Rechnung tragen. „Das bedeutet“, so Knud Kegel, Vice President of Engineering & Infrastructure bei Coremedia, „die Möglichkeit zur Einbettung von Social-Media-Elementen, einen hohen Personalisierungsgrad und ein responsives Design, um den wachsenden Mobile-Markt zu bedienen.“ Natürlich ist auch die Kompatibilität mit bzw. Integrierbarkeit in andere Systeme wichtig. Je besser die hier beteiligten Systeme selbst Gebrauch von (offenen) Industriestandards machen, desto einfacher lassen sich Prozesse integrieren und Daten austauschen. „Open Source spielt hier seine Stärken aus“, meint Tim Neugebauer. „Oftmals existieren zwischen verschiedenen OS-Anwendungen schon standardisierte Schnittstellen oder zumindest Basisbibliotheken, die individualisiert werden können. Weiterhin lassen sich mit einem offenen Quellcode auch schneller neue Schnittstellen schaffen.“ Doch bei spezielleren oder weniger häufig eingesetzten Systemen wird es schwieriger. Dr. Joachim Weiß, Berater bei der Netpioneer GmbH, betont: „Welcher freie Entwickler setzt für sein Feierabendprojekt etwa eine teure Oracle-Datenbanklizenz ein? Ein kommerzieller Hersteller muss eine solche Schnittstelle natürlich bieten, wenn er am Markt erfolgreich sein will.“

Hohe Ansprüche der Nutzer

Und wie schaut es generell mit der Zukunftsfähigkeit eines CMS aus? „Technologien entstehen und verschwinden wieder – so ist es auch mit den Content-Management-Systemen“, kommentiert Joachim Weiß. „Festhalten kann man, dass hinter den Open-Source-CMS immer auch ein kommerzielles Unternehmen steht.“ Dieses finanziere sich – und damit die Weiterentwicklung des Produkts – entweder über Support-Dienstleistungen und Projektarbeit oder aber es biete sogenannte Enterprise-Lizenzen, mit denen den zahlenden Kunden Premiumfunktionen vorbehalten sind. Zugleich geht der Trend bei Content-Management-Systemen „ganz klar in Richtung Experience“, fügt Knud Kegel an. „Der Nutzer hat heute hohe Ansprüche an eine Website. Es reicht nicht mehr, nur die wichtigsten Informationen verfügbar zu machen. Stattdessen wünschen sich die Nutzer Geschichten, inspirierende Anleitungen oder Bild- und Videomaterial, das die Produkte und Dienstleistungen interessanter gestaltet. Ein modernes CMS muss in der Lage sein, diese Dinge zu integrieren.“ Ein weiterer wichtiger Trend ist die Mobilität und hier insbesondere die Darstellung von Inhalten auf unterschiedlichsten mobilen Geräten. Schließlich müssen moderne CMS heute die zielgruppengenaue und personalisierte Auslieferung von Inhalten und eine Kampagnensteuerung erlauben. „Dabei ist das CMS“, so Tim Neugenauer, „auch an dieser Stelle in eine komplexe Architektur aus Systemen, u.a. CRM und Web-Analyse-Tools, einzubinden.“

Fakt ist, dass Open-Source-Lösungen heute schon vielfach zum Einsatz kommen und für Mittelständler eine kostengünstige Alternative zu Standardlösungen darstellen können. Doch ist dies nicht immer der Königsweg, denn auch letztere Lösungen haben ihre Vorteile. Am besten lassen sich Unternehmen von einer unabhängigen Consulting-Firma beraten. Schließlich ist es von der Situation, den Ansprüchen und Anforderungen eines Unternehmens abhängig, ob sich eher ein OS-System oder eine proprietäre Lösung auszahlt.

 

Kriterien für ein gutes CMS

  • einfache Installation und Inbetriebnahme
  • einfache Bedienung
  • leichte Integration mit externen Systemen und sozialen Netzwerken
  • Erweiterbarkeit
  • Anpassungsfähigkeit
  • hohe Sicherheit
  • SEO-Freundlichkeit
  • leistungsfähige Suchmaschine
  • einfache und schnelle Aktualisierung
  • Unterstützung auf mobilen Geräten mit Simulatoren
  • Kosten und TCO (Total Cost of Ownership)
  • Skalierbarkeit (Cloud-Fähigkeit)
  • Kundenorientierung

Quelle: Arash Kaffamanesh, Clouds Sky

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