Wenn der Cloud-Exit vertraglich nicht geregelt ist

„Dann wird es teuer und schmerzhaft“

Im Interview warnt Serdar Güler, Sales Director von Claranet Deutschland, dass es teuer und schmerzhaft werden könnte, wenn der Cloud-Exit vertraglich nicht geregelt ist und auch keine Strategie dafür existiert.

Serdar Güler, Sales Director von Claranet Deutschland

„Den Betrieb auf einer Public Cloud selbst zu übernehmen, sollte gut durchdacht sein“, betont Serdar Güler, Sales Director von Claranet Deutschland.

ITM: Herr Güler, wie viel Vertrauen schenkt der Mittelstand anno 2019 dem Cloud Computing?
Serdar Güler:
Vertrauen ist mittlerweile auch in Deutschland da, jedoch wird das Ganze mit dementsprechenden Maßnahmen oder Zertifizierungen noch zugänglicher für die Kunden (ISO 27001, ISAE 3402, etc.). Oftmals herrschen noch gewisse Ängste, Cloud-Dienste von amerikanischen Unternehmen (Hyperscaler) zu nutzen. Hier gibt es aber mittlerweile auch Alternativen (Private Cloud, Anbieter, die die Daten in Deutschland halten).

ITM: Inwieweit hat sich hier die Einstellung der Unternehmer zu Cloud Computing in den letzten zwei, drei Jahren gewandelt?
Güler:
Die Einstellung und die Bereitschaft, in die Cloud zu gehen, hat sich deutlich gewandelt. Viele Start-ups nutzen direkt Cloud-Lösungen und haben den Vorteil, keine alten Systeme oder Applikationen, die nicht „cloud-ready“ sind, zu nutzen. Das Thema ist Cloud Native. Cloud-Lösungen werden mittlerweile von sehr vielen Unternehmen eingesetzt, um bestimmte Workloads dort abzubilden oder auch die gesamte IT-Infrastruktur in die Cloud zu verlagern. Der erste Schritt kann eine Hybrid-Cloud-Strategie sein, um sanft in die Cloud zu migrieren und Erfahrungen zu sammeln. Enterprise-Kunden fahren auch oft eine Multi-Cloud-Strategie, um nicht alle Workloads auf einen Anbieter zu migrieren (AWS, Google Cloud Platform, Azure, Ali Baba) und somit keine Abhängigkeiten zu einzelnen Anbietern zu haben. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob Cloud, sondern viel mehr, wann? Auch aus dem öffentlichen Sektor sind schon viele Behörden oder Ämter in der Cloud.

ITM: Welche konkreten Chancen und auch Risiken sehen die Anwender in Cloud-Lösungen?
Güler:
Das größte Thema ist nach wie vor das Thema Datenschutz und Informationssicherheit. Auch der Verlust von Daten oder das Abgreifen der Daten von Dritten (NSA, Cloud Act). Chancen sehen viele in der Skalierung, Flexibilität und auch in der bedarfsgerechten Nutzung, keine großen Plattformen vorhalten zu müssen für gewisse temporäre Loads (Weihnachtsgeschäft, Black Friday, Flash News). Es wird weniger Capex eingesetzt und man partizipiert direkt von neuen Services und Weiterentwicklungen der Plattformen.

ITM: Welche Cloud-Variante ist für Mittelständler besonders sinnvoll und woran wird das festgemacht: Private Cloud, Public Cloud, Hybrid-Cloud, Multi-Cloud...?
Güler:
Es kommt immer sehr speziell auf die Anforderung des Kunden an, hier gibt es keinen Königsweg. Wenn Unternehmen sehr konstante Geschäftsmodelle haben und sehr hohen Wert auf Sicherheit legen, kann man eine Private Cloud nutzen. Das Thema Performance in der Private Cloud ist auch ein Aspekt, da hier Ressourcen nicht geteilt werden wie bei einer Public Cloud. Ganz spezielle Anforderungen an Hardware kann auch ein Faktor sein, um sich für eine Private Cloud zu entscheiden. Multi-Cloud ist im Mittelstand eher seltener ein Thema. Der Vorteil für mittelständische Unternehmen bei einer Public Cloud sind die permanente Weiterentwicklung der Dienste. Wenn es um Internationalisierung oder Skalierung geht, kann die Public Cloud die richtige Plattform sein. Oftmals entscheiden sich mittelständische Unternehmen für ein hybrides Szenario, wenn es noch keine All-Cloud-Strategie gibt. Der erste Schritt sind MOD2-Anwendungen, während ERP-Systeme klassisch „On Premise“ belassen werden.

ITM: Worauf sollten Anwender bei der entsprechenden Vertragsgestaltung achten?
Güler:
Gerade wenn es um eine Public-Cloud-Lösung geht, gibt es sehr günstige Einsteigerkonditionen, in denen man keine festen Laufzeiten, Ressourcen, Services festlegt (uncommited). Augenscheinlich sieht das recht flexibel und kostengünstig aus, kann jedoch zu einer Kostenfalle werden. Gute Konditionen gibt es immer nur, wenn Laufzeiten und Ressourcen fest vereinbart werden. Enterprise-Kunden verhandeln komplizierte Rahmenverträge und versuchen jedwede Eventualität abzusichern. Sind diese Kunden mal in der Cloud und wollen dann den Anbieter wechseln oder wieder insourcen, kommt die große Erkenntnis, dass man im Vorfeld genau diesen Exit weder vertraglich geregelt und auch keine Strategie dafür im Schrank liegen hat. Dann wird es teuer und schmerzhaft.

ITM: Was sind übliche Laufzeiten bei der Nutzung von Cloud-Lösungen?
Güler:
Es gibt sehr flexible Modelle, die jederzeit kündbar, aber dafür sehr teuer sind. Laufzeiten gerade im Mittelstand belaufen sich auf 12, 24 und 36 Monate. Unsere Empfehlung ist generell, keine Verträge über 36 Monate zu machen, da sich die Technologie und auch die Preise ändern.

ITM: Wie komplex gestaltet sich ein möglicher Wechsel zu einem neuen Cloud-Anbieter?
Güler:
Das kommt immer darauf an, wie umfangreich das Projekt ist. In aller Regel unterstützen die Managed-Service-Provider diese Transition. Es gibt Workshops, Projektpläne und auch Projektmanager, die hier tätig werden. Die Applikationen spielen auch eine Rolle (Cloud-Fähigkeit). Sicherlich muss man sich auch Gedanken über das Betriebskonzept machen. Von On Premise auf die Cloud zu migrieren, muss gut durchdacht und gut geplant sein. Man sollte bei einer Transformation auch die Deployment-Prozesse betrachten und gegebenenfalls modernisieren (DevOps, CD/CI, Automation, etc.).

ITM: Was sind hier häufige Stolpersteine hinsichtlich der Ausstiegsklauseln?
Güler:
Dass es oftmals keine vereinbarten und vertraglich festgelegten Klauseln gibt.

ITM: Was raten Sie mittelständischen Anwendern, die sich anno 2019 für die Cloud entscheiden? Welche Strategie sollten sie fahren?
Güler:
Den Betrieb auf einer Public Cloud selbst zu übernehmen, sollte gut durchdacht sein.

Bildquelle: Claranet

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok