Aus Krisen etwas Gutes ziehen

Das Coronavirus als unternehmerische Chance?

Viele Erfindungen sind aus der Not heraus entstanden und so kann auch aus der aktuellen Situation etwas Positives entstehen. Im Interview erklärt Prof. Nikolaus Franke, wissenschaftlicher Leiter des Professional MBA Entrepreneurship & Innovation von der Wirtschaftsuniversität Wien, dass jede Veränderung Gelegenheiten schafft, und erläutert dies mit einem Beispiel.

Prof. Nikolaus Franke, Wirtschaftsuniversität Wien

Prof. Nikolaus Franke von der Wirtschaftsuniversität Wien erklärt, wie sich mit dem Coronavirus unternehmerische Chancen ergeben können.

ITM: Herr Franke, das Coronavirus hinterlässt bereits in vielen Bereichen seine Spuren. Die prominentesten Beispiele dürften die medizinische Versorgung und die Lebensmittelindustrie sein. Aber inwiefern nimmt es Einfluss auf unsere Wirtschaft?
Nikolaus Franke:
Unmittelbar betroffen sind natürlich auch Veranstaltungen und die Tourismusindustrie. Das größere Problem sind Lieferketten. Im Moment wird noch viel über Lagerung und den bestehenden Transport abgefedert. Viele Frachten brauchen ja Wochen. Aber früher oder später werden die Lieferketten berührt, es wird zu Ausfällen und Folgeeffekten kommen. Panikreaktionen können das Problem vervielfachen. Letztlich ist das größte Problem die Unsicherheit.
 
ITM: Inwieweit ist die deutsche IT-Branche vom Coronavirus betroffen?
Franke:
Ich habe mich in den letzten Tagen mit Mitarbeitern von Facebook und Google unterhalten. Beide waren sozusagen die „letzten Mohikaner“ in den Offices. Fast alle arbeiten von daheim aus. Das haben die meisten IT-Unternehmen im Silicon Valley bisher vermieden. Nun stellt man fest: Vieles geht auch so. Immerhin müssen Nullen und Einsen nicht physisch transportiert werden. Allerdings wird sich der fehlende direkte Kontakt mittel- bis langfristig negativ auf Kreativität und Innovationsfähigkeit auswirken. Der unmittelbare Austausch ist durch nichts wirklich zu ersetzen. Das ist in den USA so, das ist in Indien so, das ist in Deutschland so.
 
ITM: Und wie können die Unternehmen dagegen ansteuern und mögliche Schäden abwenden?
Franke:
Virtuelle Meetings können viel ersetzen. Wir werden nun Gelegenheit haben, zu lernen, wie wir das besser nutzen können!
 
ITM: Welche Chancen können sich daraus für die IT-Branche zugleich ergeben?
Franke:
Wer lernt, wird besser. Jede Veränderung schafft Gelegenheiten. Jedes Problem ist umgekehrt auch eine unternehmerische Chance, denn sie eröffnet Raum für neuartige Lösungen. Das gilt auch in der Corona-Krise.
 
ITM: Ein Blick in die Zukunft: Inwieweit werden Unternehmen diese Chance ergreifen?
Franke:
Das wird stark variieren. Lassen Sie mich mit einer kleinen Geschichte antworten. BüBa ist ein mittelständisches Büro- und Industriereinigungsunternehmen, das 2019 mit dem TOP-100-Innovationpreis ausgezeichnet wurde. Angesichts von Corona gab es fast über Nacht eine riesige Nachfrage nach Desinfektionsmittel. BüBa hatte große Vorräte. Was sie aber nicht hatten, das waren Pumpspender, denn das ist ja gar nicht wirklich ihr Business. Aber plötzlich wollte alle Welt klein portionierende Spender. Was tun? Im ersten Schritt hat das Unternehmen natürlich alle Spender eingekauft, die die Lieferanten hatten. Das hat aber bei weitem nicht gereicht. Was tun? Warten? Sich dem Schicksal fügen? Das wäre die Reaktion eines Verwalters. Es wurde aber unternehmerisch reagiert. Einem Mitarbeiter dort ist eingefallen, dass auch Ikea Spender verkauft. Also sind sie in alle Filialen gefahren, in ganz Deutschland und rüber nach Frankreich. Im nächsten Schritt ging es darum, die Spender von den Filialen zur Zentrale zu bringen. Dabei ging es um Stunden. Entsprechend haben sie sich wieder etwas Neues einfallen lassen und die Mitfahrzentrale genutzt. Auch für die Abfüllung selbst mussten sie improvisieren – im Grunde haben sie sich fast über Nacht von einem Dienstleistungsunternehmen zu einem Produktionsbetrieb gewandelt. Innerhalb von drei Tagen haben sie bald 10.000 Einheiten verkauft – zu fairen Preisen. An diesem Beispiel wird gut deutlich, was wir brauchen: Mut, Schnelligkeit und unkonventionelles Denken. Die Fähigkeit zur Innovation ist unterschiedlich ausgeprägt. Wer schnell und änderungsfähig ist, wird gewinnen.

Bildquelle: Stephan Huger

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