Individuelles aus der Fabrik

Das schwere Los mit „Losgröße Eins“

Bei Industrie 4.0 wird auch die Lieferkette auf digitale Prinzipien umgestellt: Sie muss einerseits effizient, andererseits aber auch agil sein.

Eine der Lieblingsideen der Industrie-4.0-Verfechter ist die „Losgröße Eins“. Damit ist Herstellung von Einzelstücken gemeint, aber mit denselben Maschinen und Methoden wie in der Massenproduktion. Dank Smart Factory und Industrial Internet soll damit ein heterogener Produktionsausstoß möglich sein - bunt gemischte Abfolgen aus Einzelstücken, Kleinstauflagen und Serienprodukten.

Radikaler als „Mass Customization“

Dieser Ansatz radikalisiert das Prinzip der „Mass Customization“, die in der Automobilindustrie schon seit Jahren üblich ist. Dort kann sich ein Kunde via Konfigurator ein individuelles Auto zusammenstellen - bis hin zur Farbe der Zierleisten und der Form des Schaltknüppels. Eine andere Variante dieses Verfahrens sind die Müslimischer, die dank vieler dutzend Zutaten jedem ein persönliches Lieblingsmüsli zusammenstellen können.

Zwar ist die Industrie im Moment noch auf die herkömmliche Massenproduktion ausgerichtet, doch die Losgröße Eins kommt immer mehr in Sicht. Bis dahin sind jedoch zahlreiche Vorarbeiten zu erfüllen, denn völlig ohne Änderungen an Maschinenparks, Software und der Logistik des Ganzen wird so etwas nicht möglich sein.

Das hier passende Stichwort lautet „Digitale Supply Chain“. Damit sind zwei relativ unterschiedliche Dinge gemeint: Erstens der Einsatz digitaler Tools, zweitens eine Umstrukturierung der Lieferkette. Bei der Technik gibt es in der Industrie noch Nachholbedarf: „Der Einsatz moderner digitaler Technologien wird nur in kleinen Schritten verwirklicht“, meint Ludger Schuh, Bereichsleiter Inventory & Supply Chain bei Inform Software.

Von einer tatsächlichen digitalen Transformation könne noch keine Rede sein, es werden erst vergleichsweise einfache Lösungen genutzt. „Sie sind aber trotzdem recht weit verbreitet - beispielsweise Pick By Voice oder entscheidungsintelligente Anwendungen“, sagt Schuh. Letztere erlauben eine Optimierung von Entscheidungen anhand von Echtzeit-Informationen und ihren Abgleich mit historischen Verbrauchsdaten.

Dies sind bereits erste Reaktionen auf eine zunehmende Veränderung der Marktbedingungen in Richtung auf stärkere Vernetzung und höhere Geschwindigkeit: „Der Anspruch an die Beweglichkeit in der Supply Chain wird höher. Die Unternehmen müssen sofort reagieren und rasch umplanen.“ Für Anbieter entsprechender Software-Lösungen ist diese Entwicklung nicht neu, sondern bereits seit etlichen Jahren feststellbar.

Die digitale Supply Chain ist agil und effizient

Durch Trends wie Mass Customization und Einzelfertigung verändert sich die Organisationsstruktur der Supply Chain immer stärker. In der traditionellen Massenproduktion ist eher der Lean-Gedanke verbreitet: Die Lieferkette muss möglichst schlank, effizient und gut geplant sein, damit keine Ressourcen verschwendet werden.

Ganz anders dagegen die Einzelfertigung, hier steht die Reaktionsgeschwindigkeit im Vordergrund. Das ist allerdings auch nichts grundsätzlich Neues, der Sondermaschinenbau arbeitet bereits seit Jahrzehnten auf diese Weise. Hier funktioniert die Lieferkette nach agilen Prinzipien: Der Kunde oder Abnehmer hat ein gewichtiges Wörtchen mitzureden und die Lieferkette muss so beweglich sein, dass auch kurzfristige Änderungen am Auftrag keine Probleme erzeugen.

Da die Idee der „Losgröße Eins“ letztlich eine individuelle Massenproduktion bedeutet, muss die Supply Chain nun beide Prinzipien berücksichtigen: Sie muss lean und agil sein, damit sie effizient und rasch auf Probleme reagiert. „Störungen haben bei wachsender Komplexität der Supply Chain deutlich höhere Auswirkungen als bei einer einfachen, linearen Lieferkette“, betont Schuh.

Ein großer Teil der Ansprüche liegt in dem Wort „agil“ verborgen, dass zugleich ein so genanntes Pull-Prinzip voraussetzt: Waren werden basierend auf Nachfragedaten kurzfristig produziert. Hier sind effiziente Informationsflüsse notwendig, was automatisch zum Einsatz von digitalen Technologien wie etwa Collaboration-Software, mobile Apps und Automatisierung führt.

Doch das ist nach Ansicht von Ludger Schuh der zweite Schritt, den man nicht vor dem ersten unternehmen sollte. Denn nicht nur die bisherigen Software-Lösungen sind auf herkömmliche Verfahren ausgerichtet. Auch die Mitarbeiter müssen umdenken, vom Lagerarbeiter bis zum Manager. Ludger Schuh: „Voraussetzung der Digitalisierung ist eine starke Bereitschaft zur Veränderung der Prozesse und eine entsprechende Weiterbildung der Mitarbeiter.“

Bildquelle: Thinkstock

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