Drei Fragen an zwei Experten

DCIM für den Mittelstand?

Mittelständler brauchen die volle Kontrolle im Rechenzentrum, können hier doch Pannen gravierende Folgen haben. Die Redaktion von IT-Mittelstand befragte vor diesem Hintergrund zwei Experten zur Überwachung im Rechenzentrum.

  • Bernd Hanstein, Hauptabteilungsleiter Produktmanagement IT bei Rittal

    „Einen wichtigen Beitrag zu mehr Ausfallsicherheit leistet ein Monitoring, das bereits bei der Infrastruktur ansetzt und die komplette Stromeinspeisung überwacht.“
    Bernd Hanstein, Hauptabteilungsleiter Produktmanagement IT bei Rittal

  • Dr. Rolf Werner,  Head of Central Europe  und Vorsitzender der Geschäftsführung von Fujitsu Deutschland

    „Falls Unbefugte Zugriff auf das DCIM-Tool bekommen, könnten sie nach Belieben ganze RZ ausschalten – mit verheerenden Konsequenzen für sensible Unternehmensanwendungen.“
    Dr. Rolf Werner, Head of Central Europe und Vorsitzender der Geschäftsführung von Fujitsu Deutschland

Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Energieverbrauch oder Server-Auslastung – das sind Parameter, die kontinuierlich überwacht und analysiert werden müssen, damit der effiziente RZ-Betrieb gewährleistet ist. Dabei helfen Software-Tools für das RZ-Management – im Fachjargon „Data Center Infrastructure Management“ oder kurz DCIM genannt. Damit lassen sich alle relevanten RZ-Werte messen bzw. analysieren.

Hier braucht der Mittelstand „eigene“ Lösungen, die wegen des kleineren Mengengerüsts und der geringeren Funktionstiefe auch kostengünstiger sein sollten. Und: Sie sollten schnell in Betrieb zu nehmen, direkt einsetzbar und leicht für alltägliche Aufgaben zu bedienen sein, da im Mittelstand typischerweise nur ein kleiner Personenkreis für solche Aufgaben zur Verfügung steht. Die Redaktion von IT-Mittelstand befragte vor diesem Hintergrund zwei Experten zur Überwachung im Rechenzentrum.

ITM: Tools für das Datacenter-Infrastructure-Management kommen in den Rechenzentren der Großunternehmen und IT-Dienstleister schon lange zum Einsatz. Was macht diese Tools jetzt auch für Mittelständler und kleinere Rechenzentren interessant?
Dr. Rolf Werner:
Moderne DCIM-Lösungen stellen eine Verbindung zwischen der IT-Infrastruktur und der Rechenzentrumsinfrastruktur her. Dabei werden auch Energieversorgung, Kühlung, Raumnutzung und die Übersicht des Inventars berücksichtigt. Dadurch lassen sich das Management von IT und Infrastruktur integrieren und Rechenzentrumsprozesse automatisieren. Grafische Tools für die Konfiguration, Workflow-Komponenten sowie Überwachungs-Tools für RZ-Infrastruktur und Service-Management sollten integriert sein – dies erleichtert die Bearbeitung der alltäglichen Aufgaben für die IT-Verantwortlichen erheblich.

Diese Vielzahl von Vorzügen macht DCIM auch für Mittelständler interessant. Sie zeigen derzeit auch ein zunehmendes Interesse am Thema Energieeffizienz. Dabei geht es um die ganzheitliche Betrachtung von IT-Service-Prozessen, IT-Infrastruktur und um Kühlung und Klimaanlagen im RZ. Die hohen Energiekosten hierzulande sind hierbei sicherlich ein treibender Faktor. Auch die Prozessautomation – zum Beispiel zur Automatisierung von Notfallhandbüchern oder anderen IT-Service-Prozessen – stößt auf große Resonanz im Mittelstand.

Bernd Hanstein: Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen ist ein Trend, den auch kleinere Betriebe spüren. Das führt dazu, dass diese Unternehmen immer stärker auf unterbrechungsfrei arbeitende IT-Systeme angewiesen sind. Einen wichtigen Beitrag zu mehr Ausfallsicherheit leistet ein Monitoring, das bereits bei der Infrastruktur ansetzt und beispielsweise die komplette Stromeinspeisung bis hin zum Server überwacht. Auch muss die Kühlung von der Kälteerzeugung über die Verteilung bis zum Abführen der Wärme stets überwacht werden. Bei diesen Gewerken ist häufig das Facility-Management für den Betrieb verantwortlich, jedoch sollte auch der IT-Administrator auf den Status dieser Systeme Zugriff haben. Mit DCIM gelingt die Vereinheitlichung des Monitorings der gesamten Infrastruktur.

Ein zweiter Aspekt ist die Kostentransparenz im RZ. Da die IT-Leistung in vielen Unternehmen bereits zu einem wichtigen Produktionsfaktor zählt, will das Management natürlich auch wissen, wo noch Einsparpotential zu finden ist. Das wird für kleinere Unternehmen insbesondere dann interessant, wenn die IT und das Facility-Management am Betrieb der IT-Umgebung beteiligt sind. DCIM liefert dem Management schließlich mehr Transparenz zu Kostenblöcken wie Energie oder Klimatisierung.

Übrigens ist die Einrichtung eines übergreifenden DCIM-Monitorings längst nicht so komplex, wie das vielleicht früher einmal der Fall war. Heute liefern die Anbieter adaptierbare Treiber zur Integration von Fremdgeräten. Für Infrastrukturkom­ponenten, die kein IP-Protokoll kennen, da sie zur Haustechnik gehören, stehen komfortable Protokollkonverter zur Verfügung. Diese leiten die gewünschten Daten an den IT-Leitstand weiter, sodass DCIM das Monitoring gewerkeübergreifend vereinheitlicht.

ITM: Worauf müssen Mittelständler bei der Einführung von DCIM-Tools achten, damit diese später im Betrieb auch tatsächlich die erhofften Vorteile bringen?
Hanstein:
IT-Verantwortliche sollten zunächst klar die eigenen Anforderungen analysieren. Wer zum Beispiel nur ein einfaches Monitoring-System benötigt, das bei Ausfällen das IT-Personal informiert, kommt mit simplen Überwachungslösungen aus. Hilfreich kann DCIM schon bei der Optimierung des Stromverbrauchs sein, indem es Diagramme und Trendanalysen liefert. Relevant ist DCIM auch für die weitergehende Automatisierung im Rechenzentrum, da IT-Experten hiermit Zugriff auf zentrale Messdaten und Prozesse erhalten.

Wichtig ist jedoch, dass IT-Manager die Komplexität eines solchen Projekts begrenzen. So gibt es DCIM-Tools für das Capacity-Management, allerdings kommen hier sehr schnell Abläufe auf Basis der ITIL-Standards ins Spiel. Da sollte ein Mittelständler schon genau schauen, ob er für seine IT-Organisation tatsächlich Abläufe benötigt, die sich an dem ITIL-Katalog orientieren.

Werner:
Zu Beginn von DCIM-Projekten muss das Ziel klar definiert und kommuniziert werden. Alle Fachabteilungen sollten frühzeitig in das Projekt eingebunden werden, um ihre Anforderungen zu berücksichtigen. Dadurch wird für sie der individuelle Mehrwert des Vorhabens deutlich, was erfahrungsgemäß erforderlich ist, damit sie das Projekt unterstützen.

Speziell für die Modellierung der IT-Service-Prozesse ist diese enge Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen unerlässlich. Denn die Praxisnähe der Prozesse entscheidet letztlich über ihre Nutzung und Akzeptanz. So sind beispielsweise Aktualität und Verlässlichkeit der hinterlegten Daten für die Raumnutzung im RZ, die Rack-Belegung, die Verkabelung und das Netzwerk kritische Faktoren für den Erfolg des DCIM.

ITM: Wann ist DCIM aus der Cloud eine Alternative?
Hanstein:
Die Cloud kann helfen, wenn bei dem Monitoring große Datenmengen anfallen. Dann kann es sinnvoll sein, Rohdaten in der Cloud zu speichern und dort auch zu analysieren. Auf diese Daten kann die DCIM-Software dann zugreifen. Auf der Hannover Messe zeigten wir auch eine ähnliche Lösung aus dem Industriebereich. Systeme für die vorbeugende Wartung nutzen die Cloud, um Zustandsmeldungen von Maschinen und Geräten in die Cloud zu senden und dort Big-Data-Analysen vorzunehmen. In den meisten Fällen werden IT-Manager jedoch die DCIM-Lösung in ihrem eigenen RZ betreiben.

Werner: Da sich mit DCIM die Komponenten von Energieversorgung, Kühlung, Netzwerk, Server und Speicher nicht nur überwachen, sondern auch konfigurieren und ein- und ausschalten lassen, ist Sicherheit hier oberstes Gebot.  Falls Unbefugte Zugriff auf das DCIM-Tool bekommen, könnten sie somit nach Belieben ganze RZ ausschalten – mit entsprechend verheerenden Konsequenzen für sensible Unternehmensanwendungen oder kritische Infrastrukturen. 

Deshalb sind die Sicherheitsanforderungen an DCIM besonders hoch, was die Bereitstellung von DCIM aus einer Public Cloud heraus ausschließt. In Private-Cloud-Umgebungen lassen sich diese hohen Sicherheitsanforderungen dagegen realisieren, wenn der Implementierungspartner über ausgewiesene Sicherheitsexpertise verfügt. Zudem müssen die gesetzlichen Richtlinien in dem Land, in dem die DCIM-Cloud betrieben wird, die hohen Sicherheitsanforderungen auch unterstützen. Vor diesem Hintergrund verzeichnen wir eine wachsende Nachfrage nach Beratung zu diesem Thema sowie entsprechenden Cloud-Services aus unseren deutschen Rechenzentren. 

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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