IoT im stationären Handel

Der lange Weg zur intelligenten Filiale

In Branchen wie dem produzierenden Gewerbe oder der Logistik gilt das Internet der Dinge schon lange als wichtiger Innovationstreiber. Während die Anwendungsfälle in diesen Bereichen bereits verhältnismäßig ausgeprägt sind, sucht auch der Handel vermehrt nach effektiven Nutzungsszenarien. Potential bietet dabei etwa die klassische Filiale, die schon in naher Zukunft zum „Smart Store” werden soll.

  • Ein langer Highway der durch eine Wüste führt

    Der Weg zum vernetzten Smart Store ist kein Spaziergang. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Oliver Vatterodt, Geschäftsführer von Allgeier Experts

    „Ob 5G in naher Zukunft für den Mittelstand eine große Rolle spielen wird, ist sicherlich fraglich.” Oliver Vatterodt, Geschäftsführer von Allgeier Experts ((Bildquelle: Allgeier Experts))

  • Ramona Swhajor, Manager Innovation bei der GS1 Germany GmbH

    „Um den Nutzen, die Einsatzgebiete und Potentiale besser einordnen zu können, sollte das Thema IoT aus Sicht des Kunden betrachtet werden.” Ramona Swhajor, Manager Innovation bei der GS1 Germany GmbH ((Bildquelle: GS1 Germany GmbH))

  • Stefan Lenz, Senior Consultant Retail Industry bei Fujitsu

    „Eine moderne Filialausstattung enthält in sehr vielen Fällen bereits geeignete Sensorik und ist über die Software des Geräteherstellers administrierbar.” Stefan Lenz, Senior Consultant Retail Industry bei Fujitsu ((Bildquelle: Fujitsu))

Es gibt nur wenige Sparten in der hiesigen Wirtschaft, die mehr unter dem allgegenwärtigen Dogma der Digitalisierung leiden, als der stationäre Handel – so lautet zumindest eine weit verbreitete Annahme. Dass die Realität bisweilen komplexer ausfällt, zeigen nicht zuletzt die oft widersprüchlichen Markterhebungen rund um das Thema. So kommt etwa das Beratungshaus PwC in seiner „Global Consumer Insights Survey 2018“ zu dem Schluss, dass sich der stationäre Handel entgegen der oft pessimistischen Grundstimmung wieder im Aufwind befindet. Demnach würden knapp 60 Prozent der Deutschen mindestens einmal pro Woche ein lokales Ladengeschäft aufsuchen – vor zwei Jahren sollen es gerade mal 46 Prozent gewesen sein.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Dass der Druck auf Einzel- und Großhändler groß bleibt, ist trotzdem kaum von der Hand zu weisen. Die Konkurrenz agiert dabei schon längst nicht mehr nur über das Internet, sondern auch immer häufiger aus der unmittelbaren Nachbarschaft heraus. Denn neben globalen Konzernen wie Amazon experimentieren auch deutsche Online-Händler wie Zalando oder Mister Spex mit stationären Filialen. Wer in diesem Umfeld bestehen möchte, muss umdenken. Das ist leichter gesagt als getan. Denn während der Online-Handel alleine schon aufgrund seiner digitalen Natur einer konstanten Weiterentwicklung unterworfen ist, muss man die Ansätze für Innovationen in den Filialen der Händler überhaupt erstmal definieren. Im Lager oder in der Produktion mag der Einsatz von Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz oder dem Internet of Things (IoT) auf der Hand liegen, in einem Ladenlokal oder in den Hallen eines Großhändlers erfordert diese Vorstellung aber schlichtweg etwas mehr Fantasie als bei den bereits bekannten Anwendungsszenarien.

Den Versuch einer Definition haben das EHI Retail Institute und Microsoft jüngst mit einer umfangreichen Marktanalyse zum Thema gewagt. Das Fazit: „Smart Stores” können Händlern neue Möglichkeiten eröffnen. Gemeint ist damit vor allem eine ganzheitlich gedachte Vernetzung von Filialen, in denen vom Lager über das Regalsystem bis hin zur digitalen Preisauszeichnung alle relevanten Stellen miteinander kommunizieren. Über solche IoT-Systeme können Standardprozesse automatisiert werden, die auf dem herkömmlichen Weg personelle Kapazitäten binden – man denke etwa an Etikettierungsarbeiten oder das Bestandsmanagement. Kunden sollen so von einem besseren Service profitieren, der Händler kann auf Basis der neuen Datenquellen wiederum Prognosen für die zukünftige Planung erstellen. Ein Aspekt, der in der Branche auf großes Interesse stößt, wie auch die letztjährige Mittelstandsstudie der Commerzbank herausfand. Demnach misst jeder zweite Händler der Bedeutung der Datenanalyse schon jetzt eine zentrale Bedeutung bei.

Kaum Standards und wenig Anwendungsfälle

Wer angesichts der optimistischen Grundstimmung schon an kassenlose Ladenlokale und durchgängig automatisierte Regaloptimierung denkt, muss sich allerdings noch gedulden – ganz so schnell wird es nach Meinung der Experten hierzulande nicht gehen. „Auf den gesamten Markt bezogen ist der mittelständische Handel noch am Anfang der IoT-Implementierung, obwohl schon mehr IoT-fähige Komponenten in den Filialen verbaut sind als den meisten Händlern bewusst ist”, stellt etwa Stefan Lenz, Senior Consultant Retail Industry bei Fujitsu, fest. Auch Ramona Swhajor, Manager Innovation bei der GS1 Germany GmbH, sieht noch Hürden für die Entwicklung: Die Annäherung an neue IoT-Szenarien, ohne in der Breite erfolgreich umgesetzte Use Cases, sei schwierig, so ihr Befund. Dafür seien u.a. fehlende Standards mitverantwortlich. Oliver Vatterodt, Geschäftsführer von Allgeier Experts, schätzt, dass bei gerade mal einem Drittel der hiesigen Mittelständler IoT-Komponenten zum Einsatz kommen. Doch selbst in diesem Segment läge der Intensivierungsgrad bei maximal 60 Prozent. Ramona Swhajor ist sich dennoch sicher, dass IoT den Einzelhandel revolutionieren wird: „Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Internet of Things für den mittelständischen Handel in Deutschland an Bedeutung gewinnt”, so ihre Feststellung.

Stefan Lenz unterteilt den Einsatz der Technologie je nach Anwendungstiefe in drei Stufen: „Den Anfang machen oft isolierte Systeme wie z.B. Leergutautomaten im Lebensmitteleinzelhandel. Diese melden Störungen oder das Erreichen bestimmter Schwellwerte an ein spezielles Endgerät.” In der nächsten Stufe würden bereits die Daten verschiedener Sensoren über eine IoT-Plattform organisiert werden. Dieses Verfahren finde man etwa im Lebensmittelhandel, wo die vorgeschriebenen Kontrollen von Kühlmöbeln über die Technologie erfolge. Die dritte und letzte Stufe veranschaulicht Lenz ebenfalls an einem Szenario aus dem Supermarkt: „Befinden sich aktuell weniger als sieben Kunden pro offener Kasse in der Filiale und der Füllstand des Leergutautomaten liegt unter 70 Prozent, wird eine Kasse geschlossen und der Mitarbeiter mit der Entleerung des Automaten beauftragt.“ Diese Stufe sei letztlich anzustreben, da hier gesamte Arbeitsabläufe innerhalb der Filiale koordiniert werden könnten.

Oliver Vatterodt betont ebenfalls, dass für den maximalen Effekt eine ganzheitliche Umsetzung von Systemen erforderlich ist: „Das größte Potential aus IoT wird geschöpft, indem man die gesamte Kette (Kernprozess) zusammenführt. Einmal etwas erfasst, findet es meist mehrmals in der Prozesskette seinen Nutzen und seine Auswirkungen”, so sein Befund.

Ramona Swhajor führt mit Blick auf die Praxis die hiesigen Discounter als innovationsfreudige Akteure an und erkennt im Einsatz sogenannter Beacons bereits erste Schritte in die richtige Richtung. Die Technologie wird bereits seit einigen Jahren als erfolgsversprechendes Digitalisierungskonzept gehandelt und ermöglicht es u.a., Kunden in der Filiale per Push-Nachricht anzusprechen, die über kleine Bluetooth-Sender angestoßen werden. Überzeugende, nachhaltige und vor allem breit angelegte Pionierprojekte findet man dazu im Mittelstand allerdings kaum – oft sind es große Ketten, die mit vereinzelten Aktionen experimentieren.

Individuelle Kundenansprache

Um bei den mittelständischen Händlern ein ernsthaftes Interesse an IoT-Lösungen zu wecken, braucht es in Zukunft offenbar deutlich mehr Argumente in Form von streng nutzenorientierten Szenarios. Doch wie könnten diese letztendlich aussehen? Ramona Swhajor führt die individuelle Ansprache des Kunden als großen Wettbewerbsvorteil an: „Beispielsweise durch personalisierte Produktangebote und -empfehlungen für einen Shopper, der Allergiker ist oder Wert auf eine bestimmte Form der Ernährung legt – wie glutenfrei oder vegan”, erläutert die Expertin. „Vielleicht kauft er zudem ganz bewusst Bioprodukte immer am Dienstagvormittag ein, mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit. Auf Basis der Verarbeitung seiner Kundendaten kann ein Unternehmen ihm rechtzeitig passgenaue Angebote unterbreiten.” Ein willkommener Nebeneffekt sei dabei, dass das Unternehmen den Kunden besser kennenlerne und einfacher mit ihm agieren könne. Für Unternehmen liege das Potential darin, sich flexibel auf die situativen Bedürfnisse des Kunden einstellen sowie Angebote, Produkte und Dienstleistungen daran ausrichten zu können.

Stefan Lenz sieht das größte und vor allem am schnellsten nutzbare Potential in der übergeordneten Optimierung von Abläufen in der Filiale: „Durch die Nutzung von Sensorinformationen und die damit möglichen, optimierten Arbeitsabläufe können Personalaufwand wie auch allgemeine Betriebskosten, beispielsweise der Energieverbrauch, deutlich reduziert werden”, so seine Prognose. Die dadurch erzielten positiven Effekte ermöglichten einen effizienten Filialbetrieb und hätten Auswirkungen in allen genannten Bereichen. Davon profitiere letztendlich auch der Kunde: „Die Ware ist durch rechtzeitige Nachbestellung vorrätig und die Regale stets ausreichend befüllt. Die Kassen können bedarfsgerecht besetzt werden, bereits bevor sich lange Schlangen bilden. Die Zufriedenheit der Kunden zahlt sich langfristig aus.”

Persönliche Daten schützen

Da IoT-Lösungen von potentiellen Angreifern gerne als leichte Ziele gehandelt werden und ganz unabhängig von ihrem konkreten Einsatzfeld große Mengen an Daten produzieren, müssen sich Betreiber zwangsläufig auch mit der Frage nach ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen auseinandersetzen. In diesem Kontext ist es vor allem wichtig, von Anfang an ein kohärentes System mit durchgängig kompatiblen Endgeräten aufzusetzen. So lassen sich sicherheitskritische Behelfslösungen vermeiden, wie sie etwa bei unkontrolliert gewachsenen IoT-Netzwerken gefunden werden können. Besondere Vorsicht sollte zudem geboten sein, wenn über die Schnittstellen persönliche Daten der Kunden erhoben und analysiert werden, da der Gesetzgeber auf den Schutz dieser Informationen bekanntlich besonders großen Wert legt.

Elementar zur Einhaltung der DSGVO ist laut Stefan Lenz, keine personenbezogenen Daten ohne das Einverständnis der Person zu erheben. Dieses Einverständnis könnte man beispielsweise durch die Nutzungsbedingungen einer App einholen oder während der Einwahl des Kunden in ein frei zugängliches WLAN-Netz des Händlers. „Neben der rein rechtlichen Sphäre spielen persönliche Einstellungen des Kunden zur Datennutzung eine wichtige Rolle”, stellt Lenz zudem fest.

„Erfahrungsgemäß schwingen Sicherheitsaspekte gerade in Deutschland immer mit”, betont derweil Ramona Swhajor und führt weiter aus: „Die Endkonsumenten sind von Haus aus skeptisch. Hinzu kommt, dass die eingesetzten IoT-Technologien, insbesondere im Consumer-Bereich, vorwiegend aus China und den USA stammen.” Das Vertrauen in diese Technologien sei gering, der Umgang mit Daten wäre in diesen Ländern ein völlig anderer – auch wenn auf den Zielmärkten dem datenschutzkonformen Ansatz natürlich entsprochen werde.

Veränderte Vorzeichen

Nicht zuletzt bleibt auch die zukünftige Entwicklung der hiesigen Mobilfunkstruktur ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von IoT-Lösungen. Vor allem die Nutzung der neuen 5G-Frequenzen in Kombination mit der entsprechenden Chiptechnologie in den IoT-Endgeräten könnte einem Befreiungsschlag gleichkommen. 5G „öffne die Türen” und ermögliche die Vernetzung von Sensoren auch außerhalb von Gebäuden, meint auch Stefan Lenz.

Oliver Vatterodt sieht zwar ebenfalls den wachsenden Bedarf für den Austausch von immer größeren Datenmengen, zeigt sich aber nur bedingt optimistisch: „Ob 5G in naher Zukunft für den Mittelstand eine große Rolle spielen wird, ist sicherlich fraglich. Eine stabilere flächendeckende Infrastruktur in Deutschland sollte der erste und wichtigere Schritt sein. Quantität und Qualität sollten immer aufeinander abgestimmt und im Einklang sein”, so seine Einschätzung.

Ein Kredo, das freilich auch für das Internet der Dinge gültig ist. Denn was nützen schon große Datenmengen, wenn aus ihnen keine zuverlässigen Schlüsse gezogen werden können? Die Entwicklung und Einführung entsprechender Lösungen sollte demnach zwar ganzheitlich und durchdacht, nicht aber überambitioniert oder gar aktionistisch erfolgen. Kleine, aber effektive Pilotprojekte stellen am Ende einen weit größeren Nutzen dar als unübersichtliche Komplettlösungen – nicht zuletzt auch, weil gelungene Testballons wertvolle Erkenntnisse für den Blick auf das große Ganze liefern können.

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