Digitalisierung in den Regionen

Der Mittelstand braucht digitale Vorbilder

Im Interview erklärt Telekom-Manager Hagen Rickmann, wie sein Konzern den Mittelstand in Sachen Digitalisierung unterstützen will.

  • Hagen Rickmann

    Hagen Rickmann ist Geschäftsführer Geschäftskunden von Telekom Deutschland.

  • Status Quo der Digitalisierung

    Status Quo der Digitalisierung in den einzelnen Branchen.

ITM: Herr Rickmann, Innovationen haben den Mittelstand groß gemacht. Warum tut er sich jetzt mit der Digitalisierung so schwer?
Hagen Rickmann:
Der Mittelstand ist in Sachen Digitalisierung weiter, als viele denken. Inzwischen haben 42 Prozent der Unternehmen die Digitalisierung in ihrer Geschäftsstrategie verankert. Das belegt unsere Studie „Digitalisierungsindex Mittelstand“. Viele kleine und mittelständische Unternehmen wissen grundsätzlich, dass sie Bestehendes – Produkte, Services, interne Prozesse, die Zusammenarbeit mit Dienstleistern – immer wieder auf den Prüfstand stellen und bei Bedarf kreativ zerstören sollten, um den Wünschen ihrer Kunden besser entgegenkommen zu können. Das gezielte Zerstören von Bestehendem im Sinne der Entwicklungen war bereits Joseph Schumpeters Definition von Innovation. Heute eben vor allem mit der Hilfe digitaler Technologien.

ITM: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?
Rickmann:
Klar, man nehme z. B. Color Digital aus Köln: Das Unternehmen hat nicht nur eine Software entwickelt, mit der sich Farben in einen eindeutigen digitalen Code umwandeln lassen. Color Digital hat auch eine Cloud-Plattform aufgebaut, über die sich Designer, Modefirmen, Produzenten oder Färber miteinander vernetzen können. Der Vorteil dank digitaler Technologien: Mussten diese bislang ihre Farbproben langwierig per Post hin und her verschicken, genügt heute ein Klick in die Cloud. Den Kölnern ist damit eine Innovation gelungen, die die Modewelt revolutionieren könnte. Klar ist aber auch: Unternehmen, die die Vorteile der Digitalisierung nutzen möchten, brauchen nicht nur technisches Verständnis, sondern auch den nötigen Mut, sich auf Neues einzulassen.

ITM: Gibt es zu wenig mutige Mittelständler?
Rickmann:
Würde ich so nicht sagen: Mittelständler waren schon immer innovativ und aufgeschlossen. Sonst wäre der deutsche Mittelstand nicht so stark, wie er heute ist. Viele Firmen sind extrem erfolgreich mit dem, was sie tun. Sie besitzen eine lange Tradition, ein erfolgreiches Geschäftsmodell und ihre Kernkompetenzen. Sowie übervolle Auftragsbücher. Das ist einerseits sehr beruhigend. Aber gleichzeitig fehlt den Mittelständlern oft die Zeit, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Die kommen oft gar nicht dazu, den Blick für ganz neue Kundenbedürfnisse oder für disruptive Geschäftsmodelle zu öffnen.

ITM: Lohnt sich die Digitalisierung für die Mittelständler überhaupt?
Rickmann:
Die Transformation zahlt sich längst aus. Auch das zeigt unser Digitalisierungsindex Mittelstand: Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Indexpunkte erreicht haben, konnten im vergangenen Jahr ihren Umsatz steigern. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen digitalem Reifegrad und Geschäftserfolg. Heißt: Unternehmen, die schon in digitale Lösungen investiert haben, streichen bereits jetzt eine digitale Dividende ein. Sie gewinnen leichter Kunden, haben ihren Service verbessert, ihren Umsatz und die Produktivität gesteigert und ihre Mitarbeiter können leichter zusammenarbeiten.

ITM: Muss der Mittelstand dennoch digital gecoacht werden?
Rickmann:
Viele Mittelständler sind für Hilfestellungen dankbar. Denn das Thema Digitalisierung ist komplex. Ginge es nur um Technologie oder Infrastruktur, dann bräuchten wir nicht so viel über Digitalisierung zu reden. In Wahrheit muss man die Transformation als umfassenden kulturellen Wandel auf allen Ebenen des Unternehmens begreifen. Es geht darum, digitale Kompetenz aufzubauen, auf allen Ebenen eines Unternehmens. Das fällt oft leichter, wenn man sich an digitalen Vorbildern orientieren und man sich Hilfe von außen holen kann.

ITM: Wer kann dabei konkret unterstützen?
Rickmann:
Beispielsweise eine Vielzahl junger Gründer. Es gibt in unserem Land zahlreiche Start-ups, die sich auf das B2B-Geschäft konzentrieren und die tolle digitale Anwendungen für den Mittelstand entwickelt haben, für das Geschäft zwischen Unternehmen oder das Internet der Dinge. Mit ihren Innovationen können Mittelständler viele Bereiche ihres Unternehmens digital weiterentwickeln: den Vertrieb, die Logistik, ihre Planung. Oder etwa die Frage, wie sie neue Kunden gewinnen – etwa mithilfe eines CRM-Systems.

ITM: Nutzt der Mittelstand solche Angebote junger Unternehmen schon?
Rickmann:
Leider noch zu selten. Laut einer neuen Bitkom-Studie entwickeln bislang nur 14 Prozent der Mittelständler gemeinsam mit Start-ups neue Produkte oder Dienstleistungen. So verspielen wir in Deutschland riesige Chancen.

ITM: Warum klappt das noch nicht?
Rickmann:
Ein Grund ist sicher, dass es zwischen der traditionellen und der neuen Unternehmenswelt noch zu wenige Berührungspunkte gibt. Laut einer Studie des RKW Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft können sich aber 70 Prozent der Mittelständler eine Zusammenarbeit mit Start-ups vorstellen – 95 Prozent der Mittelständler mit Kooperationserfahrung würden jederzeit wieder mit Start-ups zusammenarbeiten. Die beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Welten passen also durchaus zueinander – sie müssen nur besser und selbstverständlicher als bisher zusammenfinden.

ITM: Wie wollen Sie das erreichen?
Rickmann:
Zum Beispiel mit einer neuen Veranstaltungsreihe, mit der wir in diesem Jahr die Digitalisierung in die Regionen bringen. Wir schaffen damit eine Plattform für den Austausch von Unternehmen mit digitalen Vorreiterfirmen und Start-ups. Wir wollen, dass sich regionale „Digital-Netzwerke“ entwickeln.

Digitalisierung für die Region
Im Frühling und Sommer 2018 ist die Telekom in Sachen Digitalisierung in sechs Städten unterwegs: Los geht es am 20. März in Köln. Es folgen Stuttgart, München, Hamburg, Frankfurt am Main und Berlin. Wer sich für das Thema Digitalisierung interessiert und sich mit mittelständischen Unternehmen, Vertretern der Regionalpolitik oder innovativen Start-up-Gründern vernetzen möchte, kann sich unter telekom.de/digitale-zukunft für die Veranstaltungen anmelden. Zudem sind Bewerbungen für den neuen regionalen „Digital Champions Award“ möglich. Gesucht werden in jeder Region Unternehmen, die bereits erste Digitalisierungsprojekte umgesetzt haben. Die Gewinner jeder regionalen Etappe sind automatisch für den nationalen „Digital Champions Award“ nominiert, der im November prämiert wird. 

 

Bildquelle: Bild 1, Status Quo der Digitalisierung: 1)Roland-Berger- Krankenhausstudie; 2)Digitalisierungsindex Mittelstand; 3)Metro-Studie; 4)IDG-Research Services-Studie Internet of Things; 5)Bitkom; 6)ibi Research/Uni Regensburg; Bild 2: Telekom Deutschland

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