Digitalisierung der Arbeitswelt

Deutschland hat Optimierungsbedarf

Im Interview erklärt Gregor Knipper, Geschäftsführer EMEA B2B bei Jabra, weshalb es für Unternehmen immer wichtiger wird, neue Arbeitsplatzmodelle zu entwickeln und welche Herausforderungen es dabei gibt.

Gregor Knipper, Geschäftsführer EMEA B2B bei Jabra

Gregor Knipper, Geschäftsführer EMEA B2B bei Jabra

ITM: Viele Unternehmen glauben, ein „Modern Workspace“ sei gleichbedeutend mit einem „Digital Workspace“ – doch gibt es hier Unterschiede?
Georg Knipper:
Diese beiden Begriffe gehen Hand in Hand, sind aber keinesfalls deckungsgleich. Zu einem modernen Arbeitsplatz gehören nicht nur digitale Tools, sondern beispielsweise auch Möglichkeiten zum flexiblen und remoten Arbeiten. Unternehmen dürfen hier also keinesfalls zu kurz denken und sich nur auf die Ausstattung eines Arbeitsplatzes konzentrieren, um eine moderne Arbeitsumgebung zu schaffen.

ITM: Weshalb kann es für Unternehmen langfristig geschäftsschädigend sein, auf zu starren und alten Arbeitsplatzmodellen festzuhalten? 
Knipper:
Bereits jetzt besetzen die Generationen X und Y rund die Hälfte aller Arbeitsplätze. Diese jungen Generationen und auch die, die ihnen folgen, haben andere Anforderungen an einen Arbeitsplatz als das noch bei älteren Generationen der Fall ist. Sie wollen selbst entscheiden, wann, wo und wie sie arbeiten. Dazu verändert sich auch die Art, wie Mitarbeiter zusammenarbeiten, nicht zuletzt durch immer dezentralere Unternehmensstrukturen. Auch hier ist also Flexibilität gefragt, um mit der Entwicklung Schritt zu halten und weiterhin attraktiv für Arbeitnehmer zu sein.

ITM: Sind es Ihrer Erfahrung nach eher die Arbeitnehmer, die digitaler Technologie am Arbeitsplatz gegenüber skeptisch sind, oder befürchten die Arbeitgeber, dies sei mit hohen Investitionskosten verbunden?

Knipper: Menschen stehen Neuem und Veränderungen oft skeptisch gegenüber, das liegt in unserer Natur. Dazu kommt, dass Digitalisierung und Künstliche Intelligenz häufig negativ behaftet sind, beispielsweise mit Angst vor Jobverlust. Dass das Thema von der IT Industrie zudem sehr technisch vorangetrieben wird, ist hier ebenfalls nicht hilfreich. Für neue und flexiblere Arbeitszeitmodelle müssen daher die Mitarbeiter frühzeitig involviert und abgeholt werden. Meine Empfehlung ist ganz klar: nicht zu schnell und zu radikal. Wir reden hier über Change Management, in dem es nicht nur um Technik, sondern auch um Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber geht, um Motivation, die Fähigkeit zu selbständigem Arbeiten bis hin zu neuen Methoden der Erfolgsmessung und Kontrolle. „Hohe Investitionskosten“ spielen eine eher untergeordnete Rolle.

ITM: Welche Vorteile kann remotes Arbeiten mit sich bringen? Sehen Sie auch Nachteile?

Knipper: Die Vorteile von Remotearbeit liegen auf der Hand. Man spart sich den Weg zur Arbeit, die Parkplatzsuche und belastet dadurch weniger die Umwelt. Lärm und Ablenkungen sind in großen Büros oft unvermeidlich. Zu Hause ist es meist deutlich ruhiger, insofern kann Wissensarbeit in der Regel mit deutlich weniger Stress bewerkstelligt werden. Remotearbeit hat neben einem positiven Effekt auf die Motivation also auch klar messbare Vorteile für den Arbeitnehmer. Arbeitgeber profitieren davon ebenfalls: Theoretisch benötigt man weniger Bürofläche und folglich sinken auch die Kosten für Immobilien und Energie. Ein anderer Gesichtspunkt ist jedoch aus unserer Sicht noch viel relevanter: Unser Geschäftsleben wird flexibler, schneller, anspruchsvoller und selbst kleinere Unternehmen müssen ihre Kernarbeitszeiten ausweiten. Dies, verbunden mit zunehmendem Fachkräftemangel, muss die Unternehmen motivieren, flexiblere Arbeitsmodelle anzubieten, sonst finden sie schlicht und ergreifend nur schwer qualifiziertes und motiviertes Personal. Die Arbeitnehmer wiederum profitieren davon, dass sie ihre Expertise und Know-how einem größeren Kreis von potentiellen Arbeitgebern anbieten können.

Nachteile sehen wir weniger, eher Herausforderungen, die aber lösbar sind. Nicht jeder will oder kann von zu Hause arbeiten. Wichtig ist, die richtige Balance zu finden und nur solchen Mitarbeitern einen entsprechenden Arbeitsplatz anzubieten, die mit Freiheit und Autonomie umgehen können und möchten. Dezentrale Organisationen und neue Arbeitszeitmodelle erfordern sicher auch ein Umdenken in der Erfolgs- und Leistungskontrolle. Hier geht es weg von klassischen Methoden der Zeit- und Stückerfassung. Vielmehr spielen ganzheitliche Qualitäts- und Zufriedenheitsbewertungen als Qualitätskriterium künftig eine stärkere Rolle.

ITM:
Videokonferenzen erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Welche Vorteile bringen sie mit sich?
Knipper:
Videokonferenzen haben gerade in Zeiten der Umweltdebatte einen großen Vorteil: Sie reduzieren die Zahl der Geschäftsreisen und schützen damit die Umwelt. Gleichzeitig fallen natürlich auch weniger Reisekosten an und Arbeitnehmer sind ohne lange An- und Abreisezeiten und den damit verbundenen Stress schneller wieder am Arbeitsplatz. Ein ganz entscheidender Vorteil von Videokonferenzen lässt sich an einem einfachen Beispiel aufzeigen: Wir Menschen kommunizieren nur zu 7% mit einer inhaltlichen Botschaft, die Tonalität trägt 38 Prozent bei und zu 55 Prozent hilft uns die Körpersprache, andere glaubhaft zu überzeugen. Somit ist offensichtlich, dass eine Videokonferenz ganz erheblich dazu beiträgt, dass die Teilnehmer einander besser verstehen und schneller zum Ziel kommen. Eventuelle Missverständnisse, die oft nur in der non-verbalen Kommunikation artikuliert werden, lassen sich besser erkennen und sofort ausräumen.

ITM: Bei einem persönlichen Meeting werden im Idealfall auch Entscheidungen besiegelt und Verträge ausgehandelt – kann die im Zuge einer Videokonferenz gehandhabt werden?

Knipper:
Ob in einem persönlichen Meeting oder per Video, eine wichtige Entscheidung wird ohnehin immer schriftlich besiegelt. Je nach Tragweite geschieht dies entweder per Vertrag oder gegenseitiger, schriftlicher Bestätigung der vereinbarten Parameter. Ein etwaiger Handschlag lässt sich natürlich nur persönlich durchführen, aber auch hier werden die getroffenen Vereinbarungen anschließend schriftlich fixiert. Damit gibt es auch für wichtige Verhandlungen keinen Grund, warum sie nicht per Video durchgeführt werden können.

ITM:
Ein gängiges Vorurteil ist, dass Arbeitnehmer durch zu viel moderne Technologie den sozialen Kontakt zu ihren Kollegen verlieren und eine Art „Digitalstress“ entwickeln. Wie bewerten Sie dies?
Knipper:
Digitalstress kann immer dann entstehen, wenn Arbeitnehmer nicht richtig in den Prozess der Digitalisierung eingebunden werden. Von Anfang an muss hier ein Dialog entstehen, in den Mitarbeiter ihre Wünsche und Meinungen einbringen können. Nur wenn alle Beteiligten die Veränderungen mittragen, können sie funktionieren, ohne dass sich einzelne Arbeitnehmer überfordert oder isoliert fühlen. Neben der richtigen Kommunikation ist für die Akzeptanz entsprechender moderner Lösungen auch eine funktionierende Hardware nötig, sonst entsteht an einer eigentlich unnötigen Stelle Frustration.

ITM: Wo ordnen Sie Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung der Arbeitswelt Sie im europäischen Vergleich ein?

Knipper:
Zu dieser Einordnung gibt es verschiedene Sichtweisen bzw. Studien. Im Digital Economy Society Index (DESI) der EU liegt Deutschland auf Platz 12 von 28 Ländern. Führend sind hier – wie oft in diesen Disziplinen – Skandinavien, Holland und Belgien, aber auch Irland, England sowie die baltischen Länder sind vor uns. Am weitesten sind uns diese Länder in der Digitalisierung von behördlichen Services voraus, aber auch bei der flächendeckenden Breitbandverfügbarkeit und Digitalisierung in der Bildung haben wir Optimierungsbedarf. Während dies jedoch viel an der Infrastruktur liegt, haben wir es bei der Digitalisierung am unmittelbaren Arbeitsplatz selbst in der Hand, schneller Fortschritte zu machen.

Bildquelle: Jabra

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