Mangel an Experten?

Die Blockchain ist noch ein zartes Pflänzchen im Mittelstand

Das Argument für die Blockchain ist, dass Mittelständler dank ihr ohne zentrale Instanz transparent miteinander agieren können. „Die Blockchain bietet kleinen und mittleren Unternehmen die Chance, dass sie für Transaktionen keine große Plattform, etwa die Cloud, brauchen“, sagt denn auch Prof. Wolfgang Prinz vom Fraunhofer Blockchain-Labor, einer Einrichtung von Fraunhofer FIT. Was ist bereits konkret und umsetzbar?

  • zartes Pflänzchen

    Die Blockchain kann für viele Anwendungen die Spielregeln verändern.

  • Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse im Bitkom

    „Während Großunternehmen bei der Blockchain vorangehen, beschränkt sich der Einsatz im Mittelstand bislang vor allem auf Pilotprojekte“, sagt Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse im Bitkom.

  • Simon Schiwek, Projektleiter des Technologieberaters KEX

    Simon Schiwek, Projektleiter des Technologieberaters KEX, zieht eine ausgeglichene Bilanz: „Es gibt 250 Blockchain-Lösungen für Services im B2B und B2C. 150 davon sind genauso gut wie andere IT-Lösungen, je 50 sind besser oder schlechter.“

Eine Anwendung, die immer wieder als idealtypisch gepriesen wird, ist die Lieferkette in der Autoindustrie. Das Liefernetz könnte man in der Blockchain leicht erweitern und mehr Transparenz über Lieferprobleme herstellen. So ließe sich feststellen, ob ein Ersatzteil wirklich vom Originalhersteller stamme. Die Automatisierung würde vorangetrieben und die Überwachung der Leistungen durch Smart Contracts würde eine schnellere Bezahlung ermöglichen. Derzeit nutzen die Zulieferer oft die IT der Autohersteller oder sie arbeiten noch gar nicht digital zusammen, sondern mit Papier und den damit verbundenen Medienbrüchen. Noch sind die technische Komplexität und der organisatorische Aufwand der Blockchain-Einführung den Autokonzernen nämlich zu groß. Sollte sich das ändernn wäre das ein Riesenschub für die neue Technologie.

„Während Großunternehmen bei der Blockchain vorangehen, beschränkt sich der Einsatz im Mittelstand bislang vor allem auf Pilotprojekte“, konstatiert Nils Britze, Bereichsleiter Digitale Geschäftsprozesse im Bitkom. Laut einer Bitkom-Umfrage unter 1.004 Unternehmen ab 50 Mitarbeitern diskutieren gerade einmal zwei Prozent davon aktuell den Einsatz, vier Prozent sind in der Planungs- oder Testphase und bei weiteren zwei Prozent laufen bereits Projekte. Als Grund für die schwache Resonanz gerade im Mittelstand nennen die Firmen vor allem fehlende Anwendungsfälle, den Mangel an Blockchain-Experten und rechtliche Unsicherheiten. Dafür sehen die Unternehmen, die die Blockchain bereits nutzen, über sie diskutieren oder den Einsatz planen, großes Potential in der Technologie. Praktisch alle von ihnen gehen davon aus, ihre Produkte oder Dienstleistungen anpassen zu können. 82 Prozent wollen damit gänzlich neue Produkte und Dienstleistungen anbieten. Und zwei Drittel erwarten, dass sie dank Blockchain neue Geschäftsmodelle entwickeln können.

Neue Geschäftsmodelle dank Blockchain?

Britze erkennt den „Gartner Hype Cycle“ im Umgang mit der Blockchain. Nachdem die Euphorie zunächst groß war und man von der neuen Technik alle möglichen wirtschaftlichen Segnungen erwartet hatte, befinde man sich nun im „Tal der Tränen“. Das hält er für normal, schließlich sei sie erst seit 2015 auf dem Radar der deutschen Wirtschaft, und es dauere lange, bevor sich ein Techniktrend im Markt durchsetze.

Das gilt vor allem für den Mittelstand. Ein relativ banal erscheinender Grund dafür: „Deutschland und der Mittelstand sind generell keine Trendsetzer in der Digitalisierung“, sagt Achim von Michel, Pressesprecher des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW). Auch er sieht das Thema „absolut im Anfangsstadium“, „das Nischendasein kann lange dauern“. „Konkurrenten“ der Blockchain sind zentrale Datenspeicher und Middleware. Simon Schiwek, Projektleiter des Technologieberaters KEX, zieht eine ausgeglichene Bilanz: „Es gibt 250 Blockchain-Lösungen für Services im B2B und B2C. 150 davon sind genauso gut wie andere IT-Lösungen, je 50 sind besser oder schlechter.“ Er hält die Blockchain für sinnvoll, „wenn man jemandem in der Kette nicht traut oder gegenüber Dritten etwas nachweisen will“.

Vertrauen und Vertraulichkeit hält Michael Kreutzer, Projektleiter für Blockchain am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), für einen Knackpunkt: „Wenn ein Geschäftsgeheimnis fahrlässig an die Blockchain übermittelt wird, wie beispielsweise eine aus der Transaktion ableitbare Kundenbeziehung, dann können alle Teilnehmer dies lesen und man kann es nicht mehr rückgängig machen. Die Blockchain schafft Markttransparenz, die eventuell nicht von allen gewünscht ist. Es ist schwierig, das im Vorfeld auszuschließen.“

Knifflig für Mittelständler, die ihre Risiken weniger begrenzen können als Großunternehmen. Weitere Nachteile sieht er in der schlechteren Skalierbarkeit und Geschwindigkeit im Vergleich zu zentralen Systemen. „Entscheidungen über die Gültigkeit von Transaktionen müssen von der Mehrheit getroffen werden.“ Die nötige Abstimmung von vielen Akteuren führt zu sehr vielen Nachrichten mit der Folge, dass das Netzwerk zum Flaschenhals wird. Daher ist die Blockchain in der Regel langsamer als zentrale Systeme.

Aufsehen in der Blockchain-Szene erregte kürzlich ein Report von McKinsey. Die Autoren bemängelten auf der Grundlage einer Analyse von 100 Blockchain-Projekten, dass trotz milliardenschwerer Investitionen bislang wenig Substanzielles herausgekommen sei. Sie äußerten Zweifel an der breiten Durchsetzungsfähigkeit. Problematisch sei die Skalierbarkeit, wobei das für viele private Blockchains nicht gelte. Unternehmen seien gut beraten, wenn sie sich für die einfachste Lösung entschieden, um Transaktionen vorzunehmen. Die Blockchain verkompliziere die Dinge zu oft. Der Sinneswandel von McKinsey erstaunte viele, denn die Berater waren bis dahin in Bezug auf die Technologie optimistisch.

Eine Hürde für die Blockchain-Einführung sehen 64 Prozent der Unternehmen laut der Bitkom-Umfrage auch in der IT-Sicherheit. Ein Kernproblem bei der Steuerung ist die Dezentralität. „Der Koordinierungsaufwand bei Patches und Aktualisierungen ist hoch. Erst nachdem ein hohes Vertrauen vorhanden ist, werden die Teilnehmer zeitnah Patches aufspielen. Selbst dann dauert das aber seine Zeit. Ein zentrales System kann jedoch von einer Sekunde auf die nächste erzwingen, dass nur gepatchte Clients Transaktionen durchführen dürfen“, erklärt Kreutzer.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Knackpunkt Vertraulichkeit und Sicherheit

Die gleichen Herausforderungen gälten für die Kryptoagilität, wenn veraltete Kryptoverfahren ausgetauscht werden müssen. Die Prinzipien Security und Privacy by Design hält er bei Distributed-Ledger-Technologien (Technik verteilter Kassenbücher) wie der Blockchain für besonders wichtig, damit der Änderungsaufwand nicht zu hoch wird und das System robust bleibt. Da es sich in der Regel um große Systeme handelt und oft viele Partner beteiligt sind, rät er zudem dazu, die Gesamtsicherheit zu betrachten. Weitere Risiken sind gezielte Angriffe auf die am schwächsten gesicherten Teilnehmer und Man-in-the-Middle-Angriffe. Wenn die Täter wissen, dass eine Großtransaktion ansteht, können sie mit einer solchen Attacke vorspiegeln, dass eine Blockchain existiert. Das Geld wird dann an den falschen Empfänger gesendet. Diese Methode ist aber sehr aufwendig und teuer. Der Hack muss sich ja rentieren.

Kreutzer empfiehlt als Schutz gegen die diversen Gefahren, sich unbedingt erst fit zu machen, wie eine Blockchain funktioniert. Andererseits hat die Blockchain nach seiner Einschätzung den Vorteil, dass ein Betrug schneller aufgedeckt werden kann durch ein Netz von Überprüfungen durch mehrere Teilnehmer. Sein Fazit: „Die Blockchain kann für viele Anwendungen die Spielregeln verändern. Grundvoraussetzung dafür ist aber die Gewährleistung von IT-Sicherheit und Datenschutz.“ Firmen müssen beachten, dass sie aufgrund der EU-Datenschutz-Grundverordnung personenbezogene Daten nicht auf der Blockchain ablegen dürfen.

Andere Fachleute, die IT-MITTELSTAND befragte, schätzen die Sicherheitsrisiken kleiner ein und verweisen auf den hohen Aufwand, um eine Blockchain erfolgreich anzugreifen. „Zentrale Datenbanken sind leichter zu hacken“, sagt Britze. Für die Blockchain spricht auf alle Fälle, dass ihre bekannteste Anwendung Bitcoin noch nie geknackt werden konnte, obwohl sie ein äußerst attraktives Hackerziel ist. Die Kriminellen konnten bislang nur Wallets leeren.

Blockchain in der Praxis

Wie vorteilhaft und kreativ die Blockchain von Mittelständlern schon heute genutzt wird, zeigen Firmenbeispiele. So macht Arxum, ein Spin-off von Arend Prozessautomation, einem Systemintegrator für Automatisierungstechnik in der Produktion, ein Projekt mit einem Autohersteller, in dem es um Shop-floor-Integration und Industrie 4.0 geht. Arxum bietet Produktionsunternehmen eine blockchain-basierte Infrastruktur as a Service und implementiert beispielsweise den digitalen Schatten von Produkten und deren Daten.

Das Arxum Production Protocol ist eine Technologie auf Blockchain-Basis, die eine vollständig digitalisierte Lieferkette zwischen Kunden, Herstellern und deren Lieferanten ermöglicht. Produktionsaufträge können direkt an eine Maschine weitergeleitet und von Smart Contracts ausgeführt werden, die alle Customizing-Angaben enthalten. Maschinen werden in die Blockchain integriert. „Der Vorteil der Blockchain ist ihre Unverfälschbarkeit“, sagt Geschäftsführer Markus Jostock. Zudem könnten Unternehmen durch den Einsatz von IoT- und Blockchain-Technologien Kosten senken, Interaktionen mit anderen Firmen beschleunigen und eine durchgängige Transparenz in der Lieferkette gewährleisten. „Die Infrastruktur mit Smart Contracts ist wesentlich billiger, weil der IT-Integrationsaufwand marginal ist. Das ERP-System muss nicht aufgebohrt werden“, erklärt Jostock.

Die Vorzüge der Blockchain nutzt auch ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Verbundprojekt zum sicheren Datenaustausch im 3D-Druck von Flugzeugteilen. Ziel ist die Entwicklung einer durchgängigen Sicherheitslösung für additive Fertigungsverfahren. „Wenn ein Hersteller ein Ersatzteil benötigt und dafür einem Druckdienstleister 3D-Druckdateien zur Verfügung stellt, ergeben sich Sicherheitsfragen: Wer darf die Datei lesen? Ist sie unverfälscht? Kann sie kopiert werden, sodass man das Ersatzteil illegal billiger nachbauen kann? Noch problematischer ist das im Autobau“, sagte Martin Kompf, Solution Architect des PLM-Softwarehauses Prostep.

Die Blockchain stellt sicher, dass die Datei nicht mehr verändert werden kann. Denn der Flugzeugproduzent kann die über sie gebildete Prüfsumme mit seinem Hash-Wert vergleichen. Das ist vor allem nach Unfällen sehr wichtig, denn dann prüft die Luftsicherheitsbehörde, ob ein Ersatzteil von einem Hersteller stammt. Die Lösung integriert das digitale Lizenzmanagement auf Basis der Blockchain und Smart Contracts in die Datenaustauschplattform von Prostep. Wenn künftig mehr Druckdateien über das Internet verschickt werden, dürfte die Nachfrage danach zunehmen. „Gerade für Mittelständler wäre es interessant, diese Dateien untereinander auszutauschen. Der Vorteil der Erlaubnisfreiheit der Blockchain kann besser ausgespielt werden, als wenn Airbus oder Daimler die Erlaubnis erteilt“, erläutert Kompf.

Bildquelle: gettyimages/iStock/KEX/Bitkom

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