CO2-Emissionen senken

Die Öko-Bilanz der Digitalisierung

Plastikmüll im Meer und Mikroplastik im Grundwasser zeigen einmal mehr, wie stark die Umwelt bereits belastet ist. Hier gilt es, schnell entgegenzusteuern – etwa mit digitalen Lösungen.

  • Touchscreen Nachhaltigkeit

    Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Augenwischerei oder tatsächlicher Nutzen? Eine Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

  • Carl Ernst Müller, Projektleiter beim Baum (li.), und DBU-Generalsekretär Alexander Bonde

    Nachhaltigkeitsaspekte in die Debatte um die Digitalisierung und in die digitalen Prozesse von mittelständischen Unternehmen zu bringen, das haben sich Carl Ernst Müller, Projektleiter beim Baum (li.), und DBU-Generalsekretär Alexander Bonde zum Ziel gesetzt. Bildquelle: Simon Veith – nachhaltige Fotografie

Wie kann die Digitalisierung dazu beitragen, physische Ressourcen zu schonen? Die Antworten von Marktforschern, Buchautoren und Verbänden fallen unterschiedlich aus. So erachten einige aktuelle digitale Technologien als Heilsbringer für mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Andere Stimmen hingegen betonen, dass sich „Digitalisierung in manchen Bereichen bestenfalls als ökologisches Nullsummenspiel darstellt“.

Einer Studie der Global-E-Sustainability-Initiative, einem Zusammenschluss großer ITK-Anbieter, und von Accenture zufolge sollen digitale Lösungen eine nachhaltige Entwicklung fördern. Demnach könnten die globalen CO2-Emissionen bis 2030 durch digitalisierte Prozesse um 20 Prozent reduziert werden. Außerdem würden sie zu transparenteren Lieferketten führen und so dafür sorgen, dass die Rechte von Arbeitern entlang der Lieferkette eingehalten und Umweltschutzmaßnahmen bei der Produktion umgesetzt werden.

Überdies geht der Papierverbrauch deutlich zurück, werden sämtliche, bislang papierbasierten Unternehmensprozesse digitalisiert. Parallel dazu drucken die Mitarbeiter weniger aus, sodass damit ein geringerer Verbrauch von Output-Hardware und Zubehör wie Toner einhergeht. Ebenso senkt der Versand von E-Mails statt von Briefen den logistischen Aufwand beim Informationsaustausch. Auf diese Weise können mittels elektronischer Post der Spritverbrauch von Logistikern und damit CO2-Emissionen gesenkt werden. So weit, so gut, allerdings gibt es auch Kehrseiten der Medaille. Denn die Digitale Transformation ist per se weder nachhaltig noch umweltfreundlich.

Belastungen durch 3D-Drucker

Dies zeigt die Nutzung von 3D-Druckern im Rahmen der Additiven Fertigung. Damit können für die Produktion benötigte Teile direkt in den Industriehallen hergestellt werden, sodass lange Wege entlang der Lieferkette entfallen. Damit gelingt die Erhöhung der Rohstoffeffizienz bei gleichzeitiger Senkung von Treibhausgasen und Schadstoffen. Daneben lassen sich im 3D-Druck komplexe Leichtbaustrukturen realisieren: Durch das geringere Gewicht von Fahrzeug- oder Flugzeugteilen wird weniger Kraftstoff verbraucht. Durch die unkomplizierte Herstellung von Ersatzteilen ermöglicht oder beschleunigt der 3D-Druck zudem Reparaturen, die das Leben von Werkzeugen oder Produkten verlängern. Nicht zuletzt ermöglicht 3D-Printing im privaten Bereich vor allem bei Kunststoffen neue Recycling-Konzepte. Hier könne etwa Kunststoffabfall verwendet werden, um neue Druckmaterialien herzustellen.

Neben diesen Vorteilen verweist eine Studie des Umweltbundesamt (UBA) aber auch auf die Herausforderungen für Umwelt und Gesundheit. Durch 3D-Drucker entstehen verschiedene Belastungen, etwa durch den hohen Energieverbrauch und Schadstoffe wie Feinstaub, flüchtige organische Verbindungen (volatile organic compounds, VOC) oder Nanopartikel in Innenräumen. Daraus ergeben sich sowohl in der Industrie als auch für die Privatanwender von Desktop-3D-Druckern verschiedene Gesundheitsrisiken. Desweiteren wird für die Gewinnung der Rohstoffe und die Herstellung der Druckmaterialien die Umwelt belastet. Diese Belastungen entstehen auch durch die Toxizität der Materialien und die teils mangelnde Recycling-Fähigkeit.

Bits und Bäume
Führt die Digitalisierung in eine nachhaltige Zukunft, in der alle vom technologischen Fortschritt profitieren und zugleich schonender mit der Umwelt umgehen? Oder steuert die Gesellschaft auf einen digitalen Turbokapitalismus zu, in dem einige wenige Geld, Informationen und Macht in den Händen halten und die Wirtschaft noch weiter über die planetaren Grenzen hinauswächst? Die Konferenz „Bits & Bäume“ will in diesem Zusammenhang alle wichtigen Themen der Digitalisierung und der ökologischen, sozialen Nachhaltigkeit zusammenbringen und diskutieren. Die Veranstaltung findet am 17. und 18. November 2018 in der Technischen Universität Berlin statt.
bits-und-baeume.org

Neben dem Umweltbundesamt beschäftigen sich Steffen Lange und Tilman Santarius, die Autoren des Titels „Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“, näher mit der Frage, inwieweit die Digitalisierung für Nachhaltigkeit und Umweltschutz instrumentalisiert werden kann. Konkret fragen sie, ob das viel gepriesene Disruptionspotential der Digitalisierung dafür genutzt werden kann, den sozialökologischen Wandel voranzubringen. Denn dieser müsse vollzogen werden, da aufgrund des momentanen Konsums verschiedene Nachhaltigkeitsforscher davor warnen, dass die Tragfähigkeit der Erde an den Rand des Kollapses gerät.

Weitere Fragen, denen die Autoren nachgehen, sind: Welchen Einfluss haben Informations- und Kommunikationstechnologien, das Internet, sämtliche Apps und digitalen Plattformen auf die Energie- und Ressourcenverbräuche, auf Arbeitsplätze und Einkommensverteilung? Und wie wird sich die immer vernetztere und dadurch schnellere Kommunikation von Menschen und Dingen künftig auf Ökologie und Fairness auswirken?

Die Buchautoren decken – ähnlich wie bei den erwähnten 3D-Druckern – verschiedene Widersprüche rund um das Umweltpotential der Digitalisierung auf. Zwar können Digitaltechnologien für einen nachhaltigeren Konsum sorgen, indem sie Sharing- und Do-it-yourself-Modelle vorantreiben und damit auf den Verzicht von Neukäufen hinauslaufen. Demgegenüber soll die Digitalisierung jedoch durch personalisierte Werbung und omnipräsente Shopping-Optionen – wie Location-based Services in Filialen oder Coupon-Apps – dazu beitragen, das bestehende Konsumverhalten noch weiter zu steigern. Überdies gehe mit der Konsumwut eine Zunahme des Verkehrs einher. Man denke nur an all die DHL- oder UPS-Fahrzeuge, die die online gekauften Waren von Amazon, Zalando und Co. quer durch Deutschland zu den Käufern bringen müssen.

Reine Augenwischerei?

Ein weiterer Widerspruch liegt in der durch Digitalgeräte verursachten zunehmenden Dematerialisierung. So verschwinden dank des Musik-Streamings zunehmend CDs und Schallplatten. Und im Zuge der Verbreitung von E-Book-Readern gibt es weniger gedruckte Bücher. Was auf den ersten Blick deutlich ressourcenschonender wirkt, entlarven die Autoren jedoch als Augenwischerei. So weisen E-Book-Reader erst nach 30 bis 60 Büchern – je nach Seitenzahl des Buchs – eine bessere Ökobilanz auf als ihre analogen Pendants. Geht es um Musik-Streaming, ist die Digitalvariante ab rund 600 Songs und damit ab ca. 50 heruntergeladenen Musikalben energieeffizienter und ressourcenschonender als die physischen Datenträger.

Bedenklich erscheint, dass bereits 70 Prozent des weltweiten Datenaufkommens allein auf das Streaming von Musik und insbesondere von Videos entfallen – mit steigender Tendenz. Allein hierfür werden bereits immense Rechenzentrums- und Netzinfrastrukturen benötigt, die noch weiter ausgebaut werden müssen, um künftige Entwicklungen stemmen zu können. Laut einer Cisco-Studie aus dem Jahr 2017 soll die Datenmenge für das (mobile) Streaming deutlich steigen. So geht die Erhebung davon aus, dass sich das Datenvolumen weltweit von 2015 bis 2020 verdrei- oder sogar vervierfachen wird. Eine Vervierfachung trete insbesondere dann ein, wenn die Datenmengen etwa durch 4k-Movies (mehr als 100 Gigabyte), 3D-Filme sowie Virtual-Reality-Animationen weiter nach oben geschraubt werden. Dabei darf nicht unter den Tisch fallen, dass aktuelle und künftige Data Center und Verbindungswege ebenfalls einen gewissen Verbrauch an Materialien wie Kabel, Switches oder Server und insbesondere Strom benötigen. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren darauf, dass die Zunahme des Datenverkehrs stets mit ökologischen Effekten verbunden ist. Von daher lauten die Fragen: Wie viele zusätzliche Ressourcen und Energie werden dafür benötigt? Wie viele zusätzliche Rechenzentren müssen gebaut und betrieben werden?
Summa summarum kommen die Autoren Steffen Lange und Tilman Santarius zu dem Schluss, dass sämtliche Facetten der Digitalisierung zum einen große ökologische Auswirkungen haben. Zum anderen beeinflussen die damit einhergehenden Entwicklungen aber auch, welche Arbeitsplätze entstehen oder wegfallen, wie sich Einkommen verteilt und wer dabei wirtschaftlich gewinnt oder verliert.

Neue Umweltinitiative gegründet

Die zumindest teilweise positiven Einflüsse der Digitalen Transformation auf die Umwelt will eine im Juni gestartete Initiative fördern. Diese sieht neue Chancen für eine Umweltentlastung, wenn durch digitale Technologien Ressourcen und Energie gespart werden können. Angeführt werden dabei Smart Grids, neue Mobilitätskonzepte oder Sharing-Konzepte. „Digitalisierung eröffnet spannende neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle – auch für notwendige Umweltentlastungen. Gestalten wir sie daher so, dass sie hilft, Natur und Klima zu schützen, und nicht selbst zu mehr Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung führt“, erläutert Alexander Bonde, Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), die Ziele der neuen Kompetenzplattform „Nachhaltig.digital“.
Mit dem Gemeinschaftsprojekt wollen der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management (Baum) e. V. und der DBU verstärkt Nachhaltigkeitsaspekte in die Debatte um die Digitalisierung und in die digitalen Prozesse von mittelständischen Unternehmen einbringen. Ein Anfang stellt dabei eine nachhaltig-digitale Netzwerklandkarte dar, die Akteure und Erfolgsgeschichten rund um Nachhaltigkeit und Digitalisierung zusammenführt.

Smarte grüne Welt
In dem Titel „Smarte grüne Welt? Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ untersuchen Steffen Lange und Tilman Santarius die Rolle der Digitalisierung für unsere Zukunftsfähigkeit. Denn dass die Digitalisierung ein gesellschaftlicher Megatrend ist – darin sind sich alle einig. Doch was bedeutet sie für Ökologie und Gerechtigkeit? Das im Oekom Verlag erschienene Buch ist in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“
entstanden.
www.nachhaltige-digitalisierung.de

Bildquellen: Thinkstock/iStock, Simon Veith – nachhaltige Fotografie

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok