Mittelstand von gestern und morgen

Digitaler Wandel: Fast schon mangelhaft

Im Fach „Digitaler Wandel“ ist der deutsche Mittelstand kein Musterschüler. Doch die Startups drängen nach vorne und wollen den klassischen Mittelstand beerben.

Deutschland, das Mittelstandsland. Der starke Mittelstand, die weltweit führende Bedeutung des Maschinenbaus und der Begriff selbst gehören zur deutschen Industriemythologie. Produkte "Made in Germany" sorgen auch im Ausland für Aufsehen – vor allem Oberklasseautos aus dem süddeutschen Raum.

Doch zwei freche Innovationen in diesem Bereich kommen nicht aus Deutschland: Das erste Oberklassen-Elektroauto und das erste Roboterauto, das wohl bald eine Straßenzulassung bekommt. In beiden Fällen handelt es sich um Produkte der „Einfach mal loslegen“-Mentalität der USA. Der rasche Markteintritt hat dort eine höhere Priorität als ausgefeiltes Engineering.

Auch im Mittelstand könnte es bald ähnlich laufen: Hier in Deutschland werden neue Ideen wie 3D-Druck und andere Elemente des digitalen Wandels oft nicht so ernst genommen, denn schließlich funktioniert das alte Geschäftsmodell noch.

Deshalb findet auch gut die Hälfte aller mittelständischen Unternehmen mit einem Umsatz bis 125 Millionen Euro: "Digitaler Wandel? Interessiert uns nicht!" Dieses verblüffende Ergebnis entstammt einer neuen Studie, die das Marktforschungsinstitut GfK Enigma in Wiesbaden im Auftrag der DZ Bank ausgeführt hat.

Die Augen-zu-Strategie

„Den Entscheidern im Mittelstand ist durchaus bewusst, dass sie sich dem Fortschritt stellen müssen", meint Stefan Zeidler, Firmenkundenvorstand der DZ Bank. "Der Handlungsdruck scheint aber gering, weil es dem Mittelstand derzeit wirtschaftlich gut geht.“ Es überwiege die Angst vor Risiken wie beispielsweise fehlende Datensicherheit.

Das passt, denn zwei andere Analysen haben vergleichbare Ergebnisse in benachbarten Bereichen. Laut einer der Strategieberatung "Growww" verschlafen die Mittelständler Social Media und sind dort längst nicht aktiv genug.

Und nach einer Umfrage des Marktforschungsinstitut s Pierre Audoin Consultants (PAC) im Auftrag der Freudenberg IT stehen gut ein Drittel aller Firmen im industriellen Mittelstand Big-Data-Anwendungen skeptisch gegenüber. Es sieht ein wenig so aus, als werde der digitale Wandel bei alteingesessenen Unternehmen eher wie eine Art Naturgewalt gesehen, bei der die klassische Augen-zu-Strategie hilft.

Doch im Rücken der Altunternehmen entwickelt sich etwas. "Startups spielen für Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Gesellschaft eine zunehmend wichtige Rolle", betont Florian Nöll, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups e. V. (BVDS). Das Selbstbewusstsein der jungen Unternehmen in der Digitalwirtschaft wächst, sie sehen sich nicht mehr länger als Experimentierfeld für Nerds, sondern eher als zukünftigen Mittelstand.

Dies lässt sich recht gut an den aktuellen Ergebnissen des Deutsche Startup Monitors (DSM) Ablesen. Die Onlinebefragung von Startups in Deutschland ist 2013 als Pilotprojekt vom Bundesverband und der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin entwickelt worden und wird nun Dank der Förderung von KPMG Deutschland jedes Jahr erhoben.

Schnelles Wachstum, mehr Personal

Bei der Betrachtung der Ergebnisse wird deutlich, dass sich die Startups der Digitalwirtschaft stark von den üblichen Neugründungen einerseits und dem klassischen Mittelstand andererseits unterscheiden.

So werden mehr als drei Viertel (77%) der Unternehmen von Teams gegründet. Bei den sonstigen Unternehmensgründungen in Deutschland ist eher der Einzelkämpfer verbreitet, Teamgründungen gibt es lediglich bei weniger als einem Viertel (23%) der neuen Unternehmen insgesamt. Und in diesen Teams treffen sich dann häufig erfahrene Entrepreneure, denn gut jeder zweite (48,6%) Unternehmensgründer ist ein Serientäter.

Auch die Unternehmensstrukturen unterscheiden sich. So kennen mehr als ein Drittel (38,5%) der Startups Unternehmensbeteiligungen für Mitarbeiter und ein weiteres Drittel (35,7%) plant solche Beteiligungen.

Die Startups, die in der Studie etwas genauer in den Blick genommen wurden, sind recht typisch für die Dynamik der digitalen Wirtschaft. Sie wachsen schneller als andere Unternehmen und benötigen zunehmend mehr Personal. Wenn die Pläne der Startup eingehalten werden können, wird ihr Mitarbeiter Stamm im Durchschnitt um 50 Prozent wachsen.

Bereit zur Stabübernahme vom herkömmlichen Mittelstand sind die Startups schon, doch Ihnen werden noch jede Menge Steine in den Weg gelegt. Die Gründer kritisieren den schwierigen Zugang zu Venture Capital. Mehr als ein Drittel (38%) empfinden dies als „schweres“ oder „äußerst schweres“ Hemmnis, das die weitere Unternehmensentwicklung behindert.

Dahinter verbirgt sich eine Wirtschaftspolitik, die mit den Startups eher fremdelt. Die Förderung der Gründerstandorte durch Bund und Länder und das Verständnis der Politik für die speziellen Belange von Startups wird von den Befragten der Studie eher negativ gewertet. In Schulnoten gesprochen: Deutschland bekommt im Fach Startup-Kultur lediglich eine ziemlich schwache 4.

Bildquelle: Petra Morales / pixelio.de

Links:

  • Studie der DZ Bank zum digitalen Wandel im Mittelstand
  • Studie der Strategieberatung "Growww" zu Social Media im Mittelstand
  • Studie der Freudenberg IT zu Cloud Computing und Big Data im Mittelstand
  • Der Deutsche Startup-Monitor 2014

 

 

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