Mittelstand und Start-ups

Digitales Brachland adé

Eine Zukunftsstrategie für den Mittelstand liegt laut Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds, in der Kooperation mit Start-ups.

  • Ende des digitalen Brachlandes

    Die Kooperation von Mittelstand und Start-ups kann das Ende des digitalen Brachlandes bedeuten.

  • Michael Brandkamp, High-Tech Gründerfonds

    Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds

  • Dr. Christian Vogt, Stihl

    Dr. Christian Vogt, Chief Digital Officer den bei Stihl

Eine aktuelle Studie des Branchenverbandes Bitkom ergab kürzlich, dass 65 Prozent der deutschen Unternehmen ab 20 Mitarbeitern mit Start-ups zusammenarbeiten. Davon entwickeln aber lediglich 14 Prozent neue Produkte oder Dienstleistungen gemeinsam mit Gründern.

Diese Zahlen lassen aufhorchen. Als Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF) begleitet Dr. Michael Brandkamp seit 13 Jahren Start-ups von der Seed-Phase bis zum erfolgreichen Exit. „Für mich ist es zu einer Herzensangelegenheit geworden, die Zusammenarbeit von Start-ups mit dem deutschen Mittelstand zu intensivieren und beide für erfolgreiche Kooperationen fit zu machen. Das vielfältige Netzwerk aus Investoren, Wirtschaftsunternehmen und Start-ups, das wir mittlerweile aufgebaut haben, dient als Motor, um innovative Technologien ‚Made in Germany’ auf dem deutschen wie internationalen Markt zu stärken“, so Brandkamp.

Einer der mutigen Vorreiter im Mittelstand ist die Stihl Gruppe. Bekannt ist das Unternehmen für seine Motorsägen. Bereits 1926 entwickelte der Firmengründer Andreas Stihl die erste davon – heute umfasst die Produktpalette verschiedene Motorgeräte, die in über 160 Ländern vertrieben werden. Teil des Erfolgs ist, dass das Unternehmen stets frühzeitig wichtige Trends erkannt hat. So war es vor über zehn Jahren bei der Akku-Technologie und so ist es nun auch mit der Digitalisierung. Stihl hat die Chancen der Digitalisierung erkannt und Schritte eingeleitet, um dieses Potential auszuschöpfen. Dazu zählt unter anderem die Kooperation mit innovativen Gründern, die noch weiterausgebaut werden soll. Beispielsweise um agilere Arbeitsweisen und innovative Technologien ins Haus zu holen. Aus diesem Grund gehört Stihl auch zu den 30 Investoren aus der Privatwirtschaft, die in den neuen „High-Tech Gründerfonds III“ investieren.

Dr. Christian Vogt verantwortet als Chief Digital Officer den bei Stihl neu gegründeten Unternehmensbereich Digitalisierung. Er unterscheidet zwischen einer klassischen und einer neuen Digitalisierung. Zu ersterer zählen bei dem Unternehmen die kommerzielle EDV, Virtual Engineering, Computer-Aided Designs, Simulation, smarte Logistik, intelligente Produktionsmaschinen oder kollaborative Robotik in allen Fabriken. „Hier sind wir seit Jahren aktiv, um unsere Unternehmensprozesse zu verbessern, zu beschleunigen, zu automatisieren und effizienter zu machen“, berichtet Vogt.

Digitalisierung – wie ein Hochgeschwindigkeitszug

Digitales Brachland gebe es allerdings trotzdem. Warum? „Bei der neuen Digitalisierung geht es dagegen um innovative digitale Produkte und Lösungen mit dem Potential zum Umbruch. Hierzu gehören auch neue, disruptive Geschäftsmodelle, mit denen neuartiger Umsatz generiert werden kann.“ Solche Strategien müsse man sehr frühzeitig entwickeln, um rechtzeitig davon profitieren zu können. Für den Mittelstand eine große Herausforderung, schon allein wegen der begrenzten personellen Ressourcen. Die Innovationsgeschwindigkeit im Bereich neuer Technologie nimmt so rasant zu, dass wir von einer exponentiellen Entwicklung sprechen können.

Stihl betrachtet die Digitalisierung wie einen Hochgeschwindigkeitszug. Der Unternehmensbereich Digitalisierung um Christian Vogt beschäftigt sich daher mit vielfältigen Themen, vom digitalen Angebot über den digitalen Vertrieb und die Kundenbindung bis hin zur kontinuierlichen internen Produktivitätsverbesserungen. Das übergeordnete Ziel: neue Geschäftsmodelle, Produkte und Services entwickeln, die den Kunden einen erlebbaren Nutzen bieten – vom Reagieren hin zum Agieren. „Das Potential der Digitalisierung frühzeitig zu erkennen und zu nutzen ist ein unerlässlicher Erfolgsfaktor für den Mittelstand sein“, meint Vogt. Bei Stihl bedeutet das zum Beispiel die Beteiligung an strategisch relevanten Start-ups, zum Beispiel an Freiraum. Das Jungunternehmen bietet mit Memo Meister eine Organisationsplattform an, die die betriebliche Kommunikation in einer Software bündelt. Für Handwerksbetriebe, die bisher vorrangig analog unterwegs waren, und oft Informationen wie Arbeitsaufträge oder Fotodokumente unkoordiniert über E-Mail oder Messenger-Dienst ausgetauscht haben, ist Memo Meister eine enorme Arbeitserleichterung.

Mittelstand und Start-ups ticken unterschiedlich

Für Michael Brandkamp ist es wichtig, immer wieder von Unternehmen und Start-ups zu lernen, was ihre Kooperationen erfolgreich macht: „Nur so können wir vom High-Tech Gründerfonds die Vernetzung von innovativen Tech-Gründern mit dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft, dem Mittelstand, vorantreiben und beide Seiten effizient beraten.“ Nicht jede Kooperation gelinge zwangsläufig, denn Start-ups und Mittelständler ticken sehr unterschiedlich. Start-ups liegt es im Blut, schnell, flexibel und risikofreudig zu agieren. Mittelständler sind normalerweise eher daran gewöhnt, dass Konstanz zum Erfolg führt. Doch wer versteht, wie der andere tickt, kann das Beste aus beiden Welten herausholen. Diese Erfahrung teilt auch Christian Vogt: „Corporates benötigen agilere Arbeitsweisen, wie etwa die frühzeitige Einbindung des Kunden in die Entwicklung von Produkten. Start-ups profitieren von der Erfahrung und dem breiten Kundenzugang der Corporates. Hier können alle voneinander lernen.“

Das ist ein gutes Zeichen für den Industrie- und Gründerstandort Deutschland: Die Zusammenarbeit von Start-ups und Mittelständlern ist für beide Seiten von Vorteil und das Interesse steigt immer mehr – das sieht der High-Tech Gründerfond nicht nur an der hohen Beteiligung von Wirtschaftsunternehmen an seinem dritten Fonds. „Dennoch sehen wir gerade erst die Spitze des Eisbergs – es gilt noch eine Menge Potential zu heben. Ich appelliere daher an alle mittelständischen Unternehmen und Gründer: Seid mutig, geht den Schritt aufeinander zu. Es lohnt sich“, betont Michael Brandkamp abschließend.

Bildquellen: Thinkstock/iStock, High-Tech Gründerfonds, Stihl

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