Die Herausforderungen meistern

„Digitalisierung erfordert Kulturwandel“

„Bei einer erfolgreichen laufenden Digitalisierungsstrategie kommt es notwendigerweise zu einem Kulturwandel“, weiß Michael Hollauf, Mitgründer und CEO von Meister. Eben jener Kulturwandel stelle jedoch eine große Herausforderung für Mitarbeiter und Management dar.

Michael Hollauf, Mitgründer und CEO von Meister

„Sich von alten Management-Prinzipien zu lösen und loszulassen, ist sicher nicht einfach“, meint Michael Hollauf von Meister.

ITM: Herr Hollauf, inwieweit hat der deutsche Mittelstand anno 2020 bereits seine Prozesse digitalisiert?
Michael Hollauf:
Die Frage, ob man schon digitalisiert ist, kann leicht einen falschen Eindruck vermitteln. Wenn ich E-Mails nutze, bin ich dann digitalisiert? Oder erst wenn ich AI und Machine Learning einsetze? Ich glaube, dass die Unternehmen sich viel eher fragen sollten, wie intensiv sie sich laufend mit neuen technologischen Möglichkeiten und innovativen Lösungen am Markt auseinandersetzen. Digitalisierung ist ein laufender Prozess, der uns seit den 70er-Jahren begleitet und uns auch nicht mehr verlassen wird. Digitalisierung ist also sicher nichts, was man einmal tut und dann ein für alle Male erledigt hat.

ITM: Welchen Einfluss übt hierbei die aktuelle Corona-Krise aus?
Hollauf:
Die Corona-Krise stellt Unternehmen natürlich in vielerlei Hinsicht auf den Prüfstand. Ein ganz großes Thema ist bei vielen Unternehmen das erzwungene Arbeiten in (teil-)virtuellen Teams. Das ist selbst mit viel Vorlauf, den richtigen Tools und einer entsprechend darauf ausgerichteten Unternehmenskultur, einer die auf Vertrauen, demokratischeren Abläufen, Eigenverantwortung und intrinsischer Motivation beruht, schon herausfordernd genug. Wenn ein oder mehrere dieser Faktoren fehlen, dann ist das entsprechend eine kurzfristig kaum lösbare Mammutaufgabe.

ITM: Welche Prozesse rücken bei der Digitalisierungsstrategie derzeit besonders in den Fokus?
Hollauf:
Bei einer erfolgreichen laufenden Digitalisierungsstrategie kommt es notwendigerweise zu einem Kulturwandel. Von der Auswahl von Software bis zur Kommunikation und Verteilung von Verantwortung kommt es zu einer Demokratisierung. Mitarbeiter werden vermehrt in Entscheidungen eingebunden und übernehmen Eigenverantwortung, die direkte Kontrolle und klassische Top-Down-Entscheidungen nehmen ab. Das sind Entwicklungen, die meines Erachtens die Hauptvorteile der Prozessdigitalisierung darstellen: Sie macht die Steigerung von Produktivität und der Mitarbeiterzufriedenheit erst möglich.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Was sind häufige Stolpersteine bei der Umsetzung?
Hollauf:
Eben jener Kulturwandel stellt eine große Herausforderung für Mitarbeiter und Management dar. Sich von alten Management-Prinzipien zu lösen und loszulassen, ja sozusagen gefühlt die Kontrolle ein wenig zu verlieren, ist sicher nicht einfach. Dazu kommt, dass für den Wandel oft ein großer Zeitaufwand notwendig ist. Es muss sich z.B. intensiv mit digitalen Produkten am Markt auseinandergesetzt werden, um diese zu testen, an die eigenen Bedürfnisse anzupassen und mit viel Geduld in das Unternehmen zu integrieren. Wir kennen diese Herausforderungen gut und setzen daher bewusst auf sehr intuitiv nutzbare Tools, die den Umstieg zu und Einstieg in digitale Arbeitslösungen einfacher machen. Digitalisierungsexperten können hier außerdem Abhilfe schaffen: Sie können durch individuelle Beratung Ressourcen schonen und gleichzeitig verhindern, dass jedes Unternehmen in Sachen „Kulturwandel“ das Rad neu erfindet. Oft wird auch der Fehler gemacht, neue digitale Werkzeuge mühsam und kostspielig an die bestehenden Prozesse anzupassen – die eben nicht für eine digitale Welt geschaffen wurden – anstatt umgekehrt diese zu hinterfragen und durch moderne, höchstwahrscheinlich viel effizientere Prozesse zu ersetzen. Wandel tut manchmal weh, aber der Lohn für diese Schmerzen kann sehr groß sein.

ITM: Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie auf Digitalisierungsexperten zurückgreifen?
Hollauf:
Praktisch jeder kann sich heutzutage Experte nennen und mit einer schön gestalteten Webseite den Eindruck vermitteln, dass er legitim ist. Wer einen Experten für das eigene Unternehmen engagiert, sollte als erstes dessen Zertifikate prüfen. Diese werden teilweise von Software-Entwicklern wie Google, Microsoft oder Meister vergeben und auch von Projektmanagement-Instituten. Außerdem wichtig ist, dass der Experte sich tatsächlich in der Branche des Unternehmens auskennt und mit deren speziellen Prozessen und Herausforderungen vertraut ist. Oft lohnt es sich, die Referenzen des Experten durchzugehen und vorab einen Referenzkunden zu kontaktieren. Viele Digitalisierungsexperten haben natürlich auch eine Online-Präsenz, teilen ihr Wissen freigiebig auf ihrem Blog, in einem Podcast oder auf Youtube. Dort kann man sich schon ein erstes Bild davon machen, ob echte Substanz hinter den Beiträgen steckt. Eine engagierte Community, die positiv auf die Inhalte reagiert, kann ebenfalls ein gutes Zeichen sein.

ITM: Wie viel Digitalisierung(swahn) wird nach Corona tatsächlich erhalten bleiben?
Hollauf:
Hoffentlich ein nachhaltigeres Verständnis dafür, dass Technologie laufend neue Möglichkeiten hervorbringt, die mittelständischen Prozesse zu unterstützen und man ständig ein Auge auf neue Möglichkeiten und Chancen am Markt werfen sollte. Außerdem bleibt nach der Krise hoffentlich das Wissen darum, dass es bei der eigenen Transformation nicht um schnelle, kurzfristige Quick Wins in Sachen „Tools“ geht. Vielmehr sollten Unternehmen behutsam immer parallel an Digitalisierung und Kultur arbeiten, um sich nachhaltig sinnvoll zu digitalisieren.

Bildquelle: Meister

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