Vorausschauend denken

Digitalisierung ist iterativer Prozess

„Die Geschäftsführung muss vorausschauend denken und die Digitalisierung ernst nehmen, um zukunftsfähig und wettbewerbsfähig zu bleiben“, betont Stefanie Peters, CEO und Gründerin von Enable2grow, im Interview. Das bedeute, die digitale Transformation des Unternehmens auch bei guter Konjunktur anzupacken und nicht erst, wenn sich die Zahlen verschlechtern.

Stefanie Peters, CEO und Gründerin von Enable2grow

Laut Stefanie Peters, CEO und Gründerin von Enable2grow, verlangt die Digitalisierung einen langen Atem.

ITM: Frau Peters, wo stehen mittelständische Unternehmen in Deutschland Ende 2018 hinsichtlich der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse?
Stefanie Peters:
Die meisten mittelständischen Unternehmen haben sich mit der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse zwar spät, aber besser als nie, beschäftigt und sind nun dabei, dies auch Schritt für Schritt umzusetzen. Dennoch gibt es einige Mittelständler, die den digitalen Einstieg bisher verpasst haben, weil sie denken, dass ihre Branche oder ihr Unternehmen nicht betroffen ist. Das sehe ich sehr kritisch, denn die Digitalisierung betrifft zunächst einmal die gesamte Wirtschaft und damit sicherlich jedes Unternehmen in einem unterschiedlichen Ausmaß. Mit dem Thema sollte sich jedes Unternehmen also intensiv beschäftigen und einige müssen nun zeitnah aufholen und nachrüsten, um wettbewerbsfähig bleiben zu können. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 zur Digitalisierung im Mittelstand haben zwar schon mehr als 80 Prozent eine Strategie für die digitale Transformation, allerdings arbeiten lediglich 28,6 Prozent aktiv an den neuen Geschäftsmodellen.

ITM: Wer oder was hat den Mittelstand bislang bei der digitalen Transformation ausgebremst?
Peters:
Der Mittelstand hat sich selbst ausgebremst. Viele Unternehmen ruhen sich auf ihrem Erfolg – also ihrem Profit – aus und sind damit nicht weitsichtig genug. Es ist ganz menschlich, in guten Zeiten alles beim Alten zu lassen und in seiner Komfortzone zu bleiben – viele sind schließlich Jahrzehnte damit gut gefahren. Doch in diesem dynamischen Umfeld, in dem sich ständig neue Technologien präsentieren und auch ein verändertes Kundenverhalten mit sich bringen, wird strategisches Denken und kontinuierliche Veränderung zum Muss. Die Geschäftsführung muss vorausschauend denken und die Digitalisierung ernst nehmen, um zukunftsfähig und wettbewerbsfähig zu bleiben. Das bedeutet, die digitale Transformation des Unternehmens auch bei guter Konjunktur anzupacken und nicht erst, wenn sich die Zahlen verschlechtern. Die Digitalisierung eines Unternehmens ist ein iterativer Prozess, der frühzeitig ins Rollen gebracht werden muss.

ITM: Wo verbergen sich die Risiken solcher Digitalisierungsprojekte?
Peters:
Das Risiko für Unternehmen besteht zunächst einmal darin, die Digitalisierung als ein zeitlich begrenztes Projekt zu betrachten. Die digitale Transformation ist jedoch ein ganzheitlicher, iterativer Prozess – also ein Rad, das sich dynamisch dreht. Angestoßene Prozesse und Veränderungen müssen kontinuierlich evaluiert und angepasst werden, damit die Transformation langfristig gelingt. Dazu ist ein starkes Mindset nötig, das von der Management-Ebene vorgelebt und ins Unternehmen getragen wird. Außerdem ist Digitalisierung eine komplexe Angelegenheit, für die es kein einfaches Erfolgsrezept gibt. Erfolgreiche Unternehmen entwickeln eine spezifische Strategie und konkretisieren, was Digitalisierung genau für die Organisation bedeutet. Dabei müssen alle Bereiche und Funktionen zusammenarbeiten, denn Digitalisierung ist kein IT-Thema, sondern ganzheitlich zu betrachten. Dabei spielt vor allem die Unternehmenskultur eine entscheidende, aber meist unterschätzte, Rolle. Aus meiner Sicht ist das größte Risiko, die Mitarbeiter nicht ausreichend abzuholen und nicht in den Veränderungsprozess einzubinden.

ITM: Welche mittelständischen Branchen haben nichtsdestotrotz ihre Geschäftsprozesse bereits gut digitalisiert? Woran liegt es, dass sie die Nase vorn haben? Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Peters:
Die Digitalisierung betreffend, stehen Dienstleister und Unternehmen in der Fertigungsindustrie an der Spitze der Mittelständler. Viele von ihnen haben ihre Prozesse in Fabriken bereits hochgradig automatisiert. Dennoch ist das nur der erste Schritt – Digitalisierung muss bei allen Mitarbeitern als neues Mindset ankommen und gelebt werden, da ist noch viel Luft nach oben.

ITM: Was muss 2019 generell geschehen, um die Digitalisierung weiter voranzutreiben? Wer kann hier wie dem Mittelstand unter die Arme greifen?
Peters:
Generell muss der Mittelstand zu der Einsicht gelangen, dass die digitale Transformation des eigenen Unternehmens unumgänglich ist, um weiterhin bestehen zu können. Die digitale Transformation ist, wie gesagt, ein iterativer Prozess, der die Unternehmen immer wieder aufs Neue fordert. Diesen Prozess können viele Unternehmen ohne Unterstützung kaum meistern. Es ist deswegen vollkommen legitim, sich Hilfe von außen zu holen. Erfahrene Experten können mit ihrer Expertise und einer gesunden Distanz zum Unternehmen dabei helfen, eine passende Strategie sowie eine Roadmap zu entwickeln und – vor allem – bei der operativen Umsetzung unterstützen.

ITM: Welche Rolle kommt in diesem Transformationsprozess sogenannten „Digitalagenturen“ bzw. IT-Beratungen zu?
Peters:
Grundsätzlich stellen Digitalberatungen Unternehmen genau die Fachexpertise zur Verfügung, die sie für die digitale Transformation benötigen. Dabei ist jedoch darauf zu achten, dass es sich erstens im Kern um eine Unternehmensberatung handelt, die von der Marktanalyse zur Strategieentwicklung bis hin zur Umsetzung alles beherrscht, und zweitens das Thema Digitalisierung ganzheitlich angeht, das heißt, eben nicht nur IT. Wir haben beispielsweise eine 360-Grad-Methodik für digitales Wachstum entwickelt, unser sogenanntes Digital Transformation Wheel. Damit decken wir alle relevanten Aspekte und Erfolgsfaktoren einer digitalen Transformation ab. Darüber hinaus verfügen wir über ein großes Beraternetzwerk, das vielschichtige Praxiserfahrung in unterschiedlichen Branchen vereint. Unsere erfahrenen Enabler sind außerdem keine bloßen Theoretiker, die lediglich Strategiepräsentationen entwerfen, sondern können aufgrund ihrer langjährigen praktischen Erfahrung unsere Kunden sehr effektiv entlang des gesamten Prozesses begleiten und natürlich auch operativ unterstützen. Das bringt den Unternehmen, die sich Unterstützung von Beratungen holen, in meinen Augen den größten Mehrwert. So können wir partnerschaftlich eine individuelle Roadmap entwerfen und – abgeleitet von der Vision und Strategie – Maßnahmen über alle Bereiche konkretisieren, von neuen Geschäftsmodellen, über flexible Strukturen bis hin zu (agilen) Prozessen, Tools und operativer Umsetzung.

ITM: Mit welchem personellen, finanziellen und zeitlichen Aufwand muss in Digitalisierungsprojekten i.d.R. gerechnet werden?
Peters:
Das ist pauschal nur schwer zu beantworten und hängt stark vom jeweiligen Unternehmen ab. Als Mindestwert würde ich jedoch ein sechsmonatiges Projekt definieren, in dem eine Digitalstrategie im Einklang mit der Unternehmensstrategie erarbeitet und in einer Roadmap konkretisiert wird. Dazu sollten etwa fünf bis sechs interne Mitarbeiter intensiv eingebunden sein, so dass eine externe Beratung mit weiteren drei bis vier erfahrenen Digitalexperten das Projekt effektiv leiten und zu einem greifbaren Ergebnis führen kann.

ITM: Welchen Stellenwert schreiben Sie hierbei einem Chief Digital Officer (CDO) zu?
Peters:
Der CDO eines Unternehmens, sofern er richtig in der Organisation verankert ist, hat während der digitalen Transformation eine extrem wichtige Position. Er ist der erste Ansprechpartner für alle digitalen Initiativen und Projekte, koordiniert diese und bildet die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Beratung. Dabei sind viele Bereiche, nicht nur die IT, in den Veränderungsprozess einzubinden. Dazu braucht der CDO ausreichend Power und ein gutes Gespür, um die richtigen Themen zur richtigen Zeit beim Vorstand zu platzieren sowie ein gutes Netzwerk, um mit anderen Funktionen wie IT, Marketing, Personal, Kundenservice, etc. effektiv zusammenzuarbeiten. Der CDO kann natürlich nur erfolgreich sein, wenn er einerseits den Rückhalt des übrigen Managements und der Geschäftsführung erfährt und andererseits ausreichend Freiraum und Ressourcen hat, um neue innovative Wege zu gehen – auch außerhalb der bestehenden Regeln und Strukturen.

ITM: Welche Fehler passieren häufig in Digitalisierungsprojekten?
Peters:
Viele Projekte werden erfahrungsgemäß zu eng und nach alter Logik definiert, das heißt, man erwartet ein vorab definiertes Ergebnis zu einer komplexen Fragestellung in einem komplexen Umfeld. Das funktioniert so leider nicht. In einem komplexen Umfeld kommt man nur mit einer agilen Vorgehensweise zu einem wirklich nachhaltigen Ergebnis. Dazu bedarf es nach der Definition eines groben Zielbilds eines mutigen Sprungs, nämlich einfach zu probieren, wie beispielsweise das neue Produkt aussehen könnte. Eine Beratung hilft bei den strategischen ersten Schritten und kann den Kunden bei der agilen Entwicklung professionell unterstützen. Danach ist die Transformation jedoch nicht abgeschlossen, sondern muss im Unternehmen weitergeführt werden. Digitale Transformation bedeutet nicht nur digitale Tools einzuführen und Prozesse zu digitalisieren, sondern erfordert ein konkretes Mindset und eine unterstützende Kultur. Erarbeitete Maßnahmen müssen fortlaufend evaluiert und angepasst werden. Die digitale Transformation sollte daher höchste Priorität beim Management genießen und mithilfe der Führungskräfte dynamisch ins gesamte Unternehmen getragen werden.

ITM: Was raten Sie demnach Unternehmen, die sich die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse für 2019 fest vorgenommen haben?
Peters:
Am wichtigsten ist es, zu erkennen, dass die digitale Transformation kein linearer, sondern ein ganzheitlicher, iterativer und dynamischer Prozess ist. Sie verlangt einen langen Atem. Aber durchhalten lohnt sich und sichert einen spürbaren Wettbewerbsvorteil. Nicht jedes Unternehmen hat die internen Ressourcen und das nötige Know-how, die Transformation aus eigenen Kräften zu bestreiten. Das ist bei einem Vorhaben von dieser Tragweite vollkommen normal. Unternehmen sollten sich deshalb nicht scheuen, externe Hilfe an Bord zu holen.

Bildquelle: Enable2grow

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