Zu viel unkoordinierter Aktionismus?

Digitalisierung ohne Plan

Falsch verstandene Digitalisierung: Warum Change Management die eigentliche Herausforderung unserer Zeit ist und warum manche Geschäftsmodelle auch noch in 30 Jahren analog funktionieren werden, bringt Mark Zimmermann, Geschäftsführer bei dem Software-Anbieter Infomotion, in einem Kommentar auf den Punkt.

  • Digitalisierung: Viel unkoordinierter Aktionismus

    Da Unternehmen die Gefahren verschlafener Digital-Entwicklungen mittlerweile wohl bewusst sind, grassiert ein oftmals unkoordinierter Aktionismus.

  • Mark Zimmermann, Infomotion

    Mark Zimmermann ist Geschäftsführer der Infomotion GmbH mit Sitz in Frankfurt am Main.

Digitale Transformation, Industrie 4.0, Disruption – seit Jahren prasseln die unterschiedlichsten Buzzwords auf Unternehmen und deren Entscheidungsträger ein, und suggerieren: wer nicht agiert, verliert. Und tatsächlich ist die Digitalisierung die Entwicklung unserer Zeit. Sie kann darüber entscheiden, ob man sich einen signifikanten Wettbewerbsvorteil verschaffen kann, ober ob möglicherweise sogar das eigene Geschäftsmodell ins Wanken kommt und man zur Compact Disk 2.0 oder zur Videothek 3.0 wird. Und gerade, weil den Unternehmen die Gefahren verschlafener Entwicklungen mittlerweile wohl bewusst sind, grassiert ein oftmals unkoordinierter Aktionismus, der im Ergebnis dennoch wenig Wirkung zeigt. Denn die bloße Installierung eines Chief Digital Officers (CDO) macht noch lange keinen Erfolg.

Vor diesem Hintergrund merkt man schnell: Der Markt ist vor allem durch Angst und Unsicherheit geprägt – und das war noch nie ein guter Nährboden für Inspiration und Innovation. Dabei vergessen viele: die Digitalisierung ist kein neuer Zeitgeist, sondern begleitet uns bereits seit mehreren Jahrzehnten. Und als solcher Change-Prozess sollte sie auch verstanden werden. Doch wie bei allen Prozessen ist der Erfolg davon abhängig, ob sie richtig gemanagt werden. Und hier lauert die eigentliche Herausforderung. Ein kluges Change Management knüpft vor allem an zwei Punkten an: Der Schaffung von Unternehmensstrukturen, die agile Arbeitsprozesse als Grundlage für Veränderung zulassen und dem konsequenten Einsatz neuer, zeit- und ressourcensparender Technologien. Die gute Nachricht dabei: Das alles ist kein Hexenwerk und auch keine Frage des Alters.

Wer die Diskussion rund um Industrie 4.0 & Co. verfolgt, merkt, dass insgesamt mehr über Disruption geredet wird, anstatt selbst Anwendungsfälle zu schaffen. Dennoch darf man nicht vergessen: viele Unternehmen sind bereits heute viel digitaler als sie selbst glauben und so manch durch und durch analoges Geschäftsmodell wird auch in 30 Jahren noch analog funktionieren können, die Friedhofsgärtnerei zum Beispiel oder der Kiosk im Schwimmbad. Dennoch tun, um langfristig erfolgreich zu sein, wirklich alle gut daran, zu bedenken, was die Währung der Zukunft sein wird wie man das Gold der postindustriellen Gesellschaft – die Daten – am besten erschließt, für sein Geschäftsmodell nutzt bzw. sein Geschäftsmodell frühzeitig modifiziert.

Hinderliche Firmenstrukturen einreißen

Ein grundsätzliches Problem, das Innovation und Veränderung bremst, ist das nachhaltige Gefangensein vieler Unternehmen in archaischen Strukturen. Wo klassische Hierarchien herrschen, kann sich die nötige Fähigkeit, sich selbst, aber auch Prozesse zu hinterfragen, kaum ausbreiten. Anstatt agile Methoden wie Scrum über alle Arbeitsebenen einzuführen, werden klassische Hierarchieebenen weiter gepflegt. Weit verbreitet ist zum Beispiel die Schaffung neuer Positionen wie die von Chief Digital Officers oder Heads of Digitalization. Je nach Interpretation dieser Rolle und Hierarchiedenken führt dies aber oft auch dazu, dass weite Teile des Unternehmens von wichtigen Prozessen ausgeklammert werden. Das unterbindet eine essentielle Innovationskultur, aber auch eine weitere wichtige Voraussetzung für Fortschritt und die Einführung digitaler Use Cases: Nämlich, sich selbst Fehler, sogar ganze Fehlerketten, zu erlauben. Von daher kann man nur raten: „Habt Mut zur echten Veränderung!“ Denn solche archaischen Strukturen setzen sich in der Regel sogar bei der Beauftragung von Dienstleistern fort, die den Wandel eigentlich herbeiführen sollen. Aber anstatt Anbieter der Praxis zu wählen, werden internationale Strategieberatungen ins Boot geholt, die den Herausforderungen der digitalen Transformation meist ebenso neu gegenüberstehen wie die Unternehmen selbst und in denen hierarchischem Vorgehen, Powerpoint-Hochglanz und Buzzwords mehr Wert beigemessen wird als echte Praxiserfahrung oder interdisziplinäres denken und agieren.

Was Unternehmen heute brauchen, ist Bodenhaftung, gerade in einer digitalisierten Welt. „Blue Collar Thinking in a White Collar World“. Auf Dienstleisterebene heißt das, eher die Nerds zu beauftragen als die klassischen Berater und praxisorientiert zu agieren anstatt in der Theorie verhaftet zu bleiben. Gerade deshalb sind agile Entwicklungsprozesse und eine gesunde Fehlertoleranz heute elementarer Bestandteil von Fortschritt. Auch, um die Experten von morgen ans eigene Unternehmen zu binden.

Dazu gehört es aber auch, die nötigen Arbeitsvoraussetzungen für die digitale Generation von morgen zu schaffen. Denn während sich die Generation Y in klassisch hierarchisch geprägten Unternehmensstrukturen kaum noch wohl fühlt, werden solche Arbeitgeber von der Generation Z nicht einmal mehr wahr genommen. Doch wo es an nötigem Personal fehlt, an Menschen, die ihr Verständnis von Innovation in Unternehmen einbringen können, kann auch kein Fortschritt stattfinden. Ergo: Kollaboratives, modernes Arbeiten und Unternehmertum im Kleinen, einschließlich der Option zu scheitern, sollten heute zur Tagesordnung gehören. Diesen Zeitgeist wird man nicht mehr umkehren, deshalb ist es wichtig, frühzeitig den Bedarf zu erkennen und die nötigen Veränderungen herbeizuführen. Das schließt auch die Arbeitsumgebung ein. Bieten die Büros mit Begegnungsflächen oder hierarchiebefreiten Open-Space-Lösungen buchstäblich Raum zur Entfaltung und zum Austausch mit Kollegen, oder setzen sich verstaubte Strukturen auch in der Innenarchitektur fort? Und: Wird auf Anwesenheit Wert gelegt oder auf Leistung ?

Defizite auf Prozessebene

Ein weiterer wichtiger Punkt, den man im Kontext der Digitalisierung bei vielen Unternehmen immer wieder identifiziert, ist, dass man bei der Betrachtung des großen Ganzen Defizite auf Prozessebene vorfindet. Dann ist es auch wichtig, Verbesserungen auf Prozessebene vorzunehmen. Stichwort Business Intelligence: Gerade in Fachbereichen wie der kaufmännischen Abteilung oder dem Controlling werden heute Unmengen an Arbeitszeit verschwendet, ganz einfach, weil Arbeitsprozesse, die von zeitgemäßer Software in Sekundenbruchteilen erledigt werden können, immer noch analog und buchstäblich manuell vollbracht werden. Auch noch 30 Jahre nach „Erfindung“ des Data Warehouse müssen Controlling-Abteilungen von meterhohen Excel-Tapeten befreit werden – deren (manueller) Produktionsprozess Personenjahre verschlingt. Der Erfahrung nach sind Backoffice-Themenfelder von solchen Problemen besonders stark betroffen, oft werden hier 50 Prozent des Personals gar nicht bzw. falsch genutzt. Das heißt übrigens nicht, dass Digitalisierung Arbeitsplätze vernichtet. Im Gegenteil: sie kann Kapazitäten für das Wichtige schaffen, nämlich produktive Arbeit und Ideen für das „Business“ von morgen.

Wie Arbeitswelten von morgen aussehen können, welche Themen von Internet of Things (IoT) bis hin zu Collaboration und Künstliche Intelligenz uns morgen bewegen, zeigt Infomotion im Digital Innovation Lab in Stuttgart. Es soll buchstäblich den Horizont erweitern und die Kraft der Veränderung veranschaulichen. Dass Veränderung dabei nicht Gefahr, sondern Chance ist, und zwar für uns alle, ist die Erkenntnis, die für alle am wichtigsten ist. Vom Geschäftsführer über den Abteilungsleiter bis hin zum Sachbearbeiter.

Bildquellen: Thinkstock/iStock, Infomotion

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