Option oder Pflicht?

Digitalisierung: Spürbare Aufbruchsstimmung

Zwar haben der Mittelstand und seine Entscheider mittlerweile verstanden, dass die Digitalisierung der Unternehmen vielmehr eine Pflicht als nur eine Option ist. Dennoch scheinen einige den digitalen Einstieg bisher verpasst zu haben. Wer kann hier unter die Arme greifen und 2019 zu einem erfolgreichen Digitalisierungsjahr machen?

  • Athlet beim Start eines Sprints

    Der Startschuss für die Digitalisierung ist längst gefallen, jetzt sind die Unternehmen dran. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Julia Saswito, Triplesense Reply

    „Es bedarf einer großen Portion unternehmerischen Mutes und einer klaren Vision, sich den Herausforderungen der Digitalisierung mit den entsprechenden Etats zu stellen.“ Julia Saswito, Triplesense Reply ((Bildquelle: Triplesense Reply))

  • Dr. Holger von Daniels, Valantic

    „Digitalisierung muss auf höchster Ebene verankert und verstanden sowie mit Konsequenz im Rollout gesteuert werden. Digitalisierung als Aufgabe der IT-Abteilung zu verstehen, ist fatal.“ Dr. Holger von Daniels, Valantic ((Bildquelle: Valantic))

  • Stefanie Peters, Enable2grow

    „Das Risiko für Unternehmen besteht darin, die Digitalisierung als ein zeitlich begrenztes Projekt zu betrachten. Die digitale Transformation ist jedoch ein ganzheitlicher, iterativer Prozess – also ein Rad, das sich dynamisch dreht.“ Stefanie Peters, Enable2grow ((Bildquelle: Enable2grow))

Was die Unternehmen zunächst einmal begreifen müssen: Die Digitalisierung ist kein einmaliges Projekt, welches nach einem gewissen Zeitraum abgeschlossen ist. Vielmehr sollte man sie als fortlaufende Weiterentwicklung, Optimierung und stetige Erneuerung der Geschäftsprozesse betrachten. Dr. Holger von Daniels, CEO und Partner bei Valantic, stellt etwa fest, „dass das Verständnis der Möglichkeiten und die Kreativität der Umsetzungswege im Mittelstand in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben“. Gleichzeitig gebe es noch in allen Branchen, Fachbereichen und Unternehmensgrößen gigantische Potentiale, die erschlossen werden müssten. Der deutsche Mittelstand müsse nicht nur zum internationalen Wettbewerb in Sachen „Digitalisierung“ aufschließen, sondern Vorreiter werden, um seinem heutigen Selbstverständnis gerecht zu werden.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Einige Mittelständler haben den digitalen Einstieg bisher sogar komplett verpasst, weil sie vielleicht denken, dass ihre Branche oder ihr Unternehmen davon nicht betroffen ist. Das sieht Stefanie Peters, CEO und Gründerin von Enable2grow, sehr kritisch, denn die Digitalisierung betreffe im Grunde die gesamte Wirtschaft und „damit sicherlich jedes Unternehmen in einem unterschiedlichen Ausmaß“. Laut einer Studie vom letzten Jahr zur Digitalisierung im Mittelstand hätten zwar schon mehr als 80 Prozent eine Strategie für die digitale Transformation, „allerdings arbeiten lediglich 28,6 Prozent aktiv an den neuen Geschäftsmodellen“, so Peters.

Das Problem: Viele Unternehmen ruhen sich scheinbar auf ihrem Erfolg – sprich ihrem Profit – aus und sind damit nicht weitsichtig genug. Es ist zwar ganz menschlich, in guten Zeiten alles beim Alten zu lassen und in seiner Komfortzone zu bleiben. „Doch in diesem dynamischen Umfeld, in dem sich ständig neue Technologien präsentieren und auch ein verändertes Kundenverhalten mit sich bringen, werden strategisches Denken und kontinuierliche Veränderung zum Muss“, betont Peters. Ähnlich sieht es Toni Stork, CEO und Managing Partner von Ommax: „Der Mittelstand steht sich immer noch zum Teil selbst im Weg, indem er beispielsweise den Kunden mit all seinen Bedürfnissennicht immer in den Mittelpunkt stellt.“

Darüber hinaus sieht Daniel Schütt „unsere Politiker“ als Bremse an: Entscheidungen, die getroffen würden, seien nicht progressiv genug – so der Co-Gründer und -CEO von Masterplan. Außerdem sei das Denken und Handeln „unserer Gesellschaft“ sehr traditionell – man nehme das Beispiel „Bargeld“ – und gerade dieses Festhalten an bestehenden Systemen entwickele sich zunehmend zum „fatalen Stolperstein“.

„Wirkstoff“-Kombination zur Risikominimierung

Man darf aber auch nicht unter den Tisch kehren, dass Digitalisierungsprojekte einige Risiken bergen. Gerade im Mittelstand werden die Anforderungen häufig vorab nicht klar definiert und es fehlt eine ganzheitliche Strategie. „Oftmals beobachten wir, dass Lösungen gewählt werden, die entweder die Anforderungen und Funktionen nicht abdecken können oder das Anforderungsprofil und die gewünschten Funktionalitäten übersteigen“, berichtet Toni Stork aus der Praxis. In beiden Fällen entstünden nicht selten hohe Investitionskosten.

Ein Risiko verbirgt sich häufig auch hinter der historisch gewachsenen IT-Infrastruktur. Daniel Nill, CEO von Turbine Kreuzberg, erklärt warum: „Früher hat man auf monolithische Systeme gesetzt, bei denen jedes für sich funktioniert und seinen Zweck erfüllt.“ Heute sei viel stärker die Vernetzung von Informationen und Wissen gefragt. Es gilt also, Systeme miteinander kompatibel zu machen, Schnittstellen zu entwickeln und sie zu integrieren.

Als gute „Wirkstoff“-Kombination zur Risikominimierung empfiehlt Julia Saswito, geschäftsführende Partnerin bei Triplesense Reply, „eine gute, aber nicht zu detaillierte Planung, die die eigenen Kapazitäten berücksichtigt, sowie eine realistische Kosteneinschätzung“. Darüber hinaus sei der Wille, aus kleineren Projekten schnell und konsequent zu lernen und den erarbeiteten Plan agil anzupassen, von Vorteil.

Mitarbeiter ins Boot holen

Wie der digitale Wandel erfolgreich vollzogen werden kann, zeigt etwa der ehemalige Hersteller von Lichtschaltern, Gira, der heute komplexe Hausautomatisierungssysteme anbietet. Als anderes Beispiel nennt Saswito das Unternehmen Vorwerk: Der Produzent einer hochwertigen Küchenmaschine hat sich mit einer kostenpflichtigen Plattform für digitale Rezepte eine weitere Einkommensquelle erschlossen. Ebenfalls am Puls der Zeit bewegt sich die Firma Würth: Laut Daniel Nill hat sie IoT-gesteuerte, „mannlose“ Niederlassungen mit Rund-um-die-Uhr-Zugang zum Sortiment eingeführt. Und die Viessmann Group, Hersteller von Heiz- und Kühlsystemen, soll im letzten Jahr komplett auf kollaboratives Arbeiten umgestellt haben.

Wer greift den Unternehmen bei der Digitalisierung generell unter die Arme? Hier können beispielsweise Digitalagenturen und IT-Beratungen externe Impulsgeber sein, also entsprechende Projekte anstoßen und beschleunigen. Sie bringen die Expertise und den Blick von außen mit und können zielgerichtet helfen, Schwachstellen zu finden und in nachhaltig messbare Digitalstrategien zu wandeln.

Wichtig ist aber auch, „dass Mitarbeiter flächendeckend mit ins Boot geholt werden“, betont Daniel Schütt. Er ist der Meinung, dass die digitale Transformation grundsätzlich von innen heraus passieren muss und dass Mitarbeiter hier die wichtigste Ressource im Unternehmen sind. Natürlich sei es oft richtig und wichtig, auch externe Expertise einzukaufen. „Damit sie aber auf fruchtbaren Boden fällt, müssen alle Mitarbeiter offen für den Wandel sein und sich selbst als aktive Gestalter verstehen“, so der Experte.

Dr. Holger von Daniels hält es dabei für „extrem wertvoll“, sämtliche Digitalisierungsbemühungen bei einem Entscheider zu bündeln. Nur so könne gewährleistet werden, dass parallel laufende Projekte auch zueinander kompatibel sind. An dieser Stelle kommt der sogenannte Chief Digital Officer (CDO) ins Spiel. „Er ist der erste Ansprechpartner für alle digitalen Initiativen, koordiniert diese und bildet die Schnittstelle zwischen Unternehmen und Beratern“, erklärt Stefanie Peters. Daniel Nill sieht die Etablierung eines CDO hingegen als „Fluch und Segen“ zugleich: Einerseits bedeute es, dass Digitalisierung im Unternehmen institutionalisiert werde. Andererseits könne es der Organisation die Chance nehmen, das Thema selbst zu leben. „Sobald nämlich eine Einzelperson die Verantwortung trägt, können sich andere aus der Verantwortlichkeit nehmen“, warnt der Experte.

Langer Atem gefordert

Anno 2019 sollte der Mittelstand nun die Chancen der Digitalisierung nutzen und nicht über die Risiken ins Grübeln kommen. „Wir brauchen mehr Mut!“, ist sich Nill sicher. Das Know-how sei nämlich fast überall vorhanden – es mangele aber an der Bereitschaft, in die Umsetzung zu gehen. Wer aber nun das frisch angebrochene Jahr zum Anlass nehmen möchte, die Digitalisierung seiner Geschäftsprozesse voranzutreiben, dem rät Nill, „schlank anzufangen und die Ziele nicht gleich zu hoch zu stecken“. Ein hohes Ambitionslevel sei zwar immer wichtig – aber man könne nicht sofort einen Marathon rennen, wenn man noch nie zehn Kilometer gelaufen ist.

Am wichtigsten sei es aber zu erkennen, dass die digitale Transformation kein linearer, sondern ein ganzheitlicher, iterativer und dynamischer Prozess ist. „Sie verlangt einen langen Atem“, weiß Stefanie Peters, „aber durchhalten lohnt sich und sichert einen spürbaren Wettbewerbsvorteil.“

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok