Mittelstand braucht Antworten

Digitalisierung: Wo sind konkrete Projekte?

 Auch wenn es im derzeitigen Hype um das Wort Digitalisierung nicht so scheinen mag: Im deutschen Mittelstand ist dieser Prozess schon lange im Gange, Geschäftsprozessstandardisierung im Rahmen von ERP oder die digitale Dokumentenverarbeitung sind nur zwei Beispiele. Neben Bereichen, in denen diese Entwicklung gut läuft gibt es allerdings auch solche, in denen noch Luft nach oben besteht.

Als konservativ im klassischen Sinne könnte man laut Christian Leopoldseder die Nutzung neuer Vertriebs- und Kommunikationskanäle über das Internet oder soziale Medien anführen. „Hier sind deutsche Mittelständler so gut wie gar nicht aktiv, ernsthafte Maßnahmen begegnen uns nur selten. Dabei bieten diese Technologien ein hohes Potential, neue Zielgruppen zu erschließen, die Aktualität der Außenkommunikation zu verbessern oder den Kundenservice auszuweiten.“ Die USA und der angelsächsische Raum machen dies erfolgreich vor – und sind dem deutschen Mittelstand dabei zweifellos deutlich voraus.

Technologisch führend hingegen ist der deutsche Mittelstand tatsächlich vor allem in der klassischen Industrie. Als Beispiel könnte man hier die Umsetzung firmenübergreifender Supply-Chains nennen, mit denen sich etwa Lieferabrufe oder Bestellungen auch über Firmengrenzen hinweg nahtlos abbilden lassen. Dabei sind nicht nur Lieferanten in den Gesamtprozess eingebunden, vielmehr umfasst die firmenübergreifende Supply-Chain nahezu alle Beteiligten: vom Lieferanten des Lieferanten bis zum Kunden des Kunden und in einigen Fälle sogar schon bis zum Endkunden. Solche Strukturen sind technisch bereits in vielen mittelständischen Unternehmen – allen voran im Automotive-Bereich – sehr gut umgesetzt.

Die Entwicklung im Automotive-Segment streicht auch Harald A. Summa heraus. Entscheidend ist für ihn jedoch generell der Punkt, dass das Internet mit allen Anwendungen, die davon abhängen, derzeit in vielen Unternehmen ein Mittel ist, um Produkte zu entwickeln und zu vertreiben, die primär nichts mit dem Internet zu tun haben. In Zukunft werden jedoch immer mehr Geschäftsbereiche entstehen, für die das Internet nicht bloß ein Werkzeug ist, sondern das über die gesamte Wertschöpfungskette bis hin zum Konsumenten und darüber hinaus prägende Merkmal.

Tiefgreifende Veränderungen?!?

Für Bitmi-Vorstand Oliver Grün gibt es eine klare Trennlinie zwischen dem erprobten Einsatz von IT in Form von ERP und DMS und den Entwicklungen im Rahmen der digitalen Transformation. Beides solle man nicht verwechseln. Die digitale Transformation bedeute eine viel tiefgreifendere Veränderung als den bloßen Einsatz digitaler Technologien. „Bei der digitalen Transformation geht es darum, mithilfe dieser Technologien neue Geschäftsmodelle zu entwickeln“ schließt Grün. Wie diese Geschäftsmodelle für produzierende Mittelständler allerdings konkret aussehen könnten, lässt er offen. 

Das Thema Digitalisierung als wesentlicher Teil von Industrie 4.0 ist in den Augen von Thomas Schauer kein wirklich neuer Trend. Was neu ist, ist die Zunahme von Sensorik, vor allem in der Fertigungsindustrie. Um diese Sensorik gewinnbringend einzusetzen, bedarf es jedoch einer intelligenten Verknüpfung mit IP-Netzwerken, womit wir beim ebenfalls heiß diskutierten Trendthema „Internet of Things (IoT)“ wären. „In diesem Bereich erleben wir aktuell noch eine gewisse Pionierstimmung, IoT befindet sich in einem noch sehr experimentellen Status.“ Laut Schauer fehlt zum einen die kritische Masse der Best-Practice-Beispiele und zum anderen sorgen Negativschlagzeilen für Sicherheitsbedenken, wie im vergangen Jahr der Hacker-Angriff in die IP-vernetzten Systeme eines fahrenden Jeep Cherokee. Aus diesem Grund beschäftigten sich viele deutsche Mittelständler zwar schon intensiv mit dem Thema Industrie 4.0, warteten jedoch noch ab, bis die IT-Konzepte ausgereifter sind und noch mehr erfolgreiche Anwendungsbeispiele bekannt werden.

Denn eines ist klar: Von heute auf morgen lassen sich Mittelständler nicht komplett digitalisieren. In der Regel besitzen sie einen Maschinenpark, den man beim Umstieg auf Industrie 4.0 nicht einfach komplett austauschen kann. Die drängenden Fragen lauten demnach: Lassen sich also ältere Maschinen einbinden? Wenn ja, wie, und zu welchen Kosten? Der deutsche Mittelstand braucht Antworten auf Fragen wie diese, bevor er investieren kann.

Wo sind konkrete Projekte?

Die Unternehmen warten also auf konkrete Produkte und Lösungen, bevor sie die Digitalisierung ihrer Produktionsprozesse und Produkte in Angriff nehmen können. „Dies hängt auch damit zusammen, dass das Thema Industrie 4.0 in Deutschland deutlich stärker auf Technologien und Prozesse fokussiert als etwa im angelsächsischen Raum, wo dem Begriff Industrie 4.0 bzw. „Industrial Internet“ vor allem eine marketingtechnische Bedeutung zukommt“, konstatiert Christian Leopoldseder. Wie entsprechende Überlegungen in der Produktion dann konkret umgesetzt würden, sei dort mitunter zweitrangig. Für den deutschen Mittelstand stehe allerdings die prozesstechnische Umsetzung im Vordergrund.

Für den Wahrheitsgehalt dieser These spricht, das in 90 Prozent aller Fälle ein und dassselbe Beispiel genannt wird, wenn es um die erfolgreiche Umsetzung von Industrie-4.0-Szenarien  geht. War es bis vor kurzem der Kühlschrank, der selbstständig Milch bestellt, sollte diese zuneige gehen, ist es jetzt der Aufzug, der entsprechend der mit Sensoren erfassten Häufigkeit der Nutzung die nächste Wartung selbst bestimmt: vorausschauende Wartung also. Mit einem solchen konkreten Beispiel, das den Herstellern bei der Planung und Ausführung der Wartungstätigkeiten Geld spart und zudem die Kundenzufriedenheit erhöht, weil die Maschinen inspiziert werden, bevor sie kaputtgehen, können Mittelständler konkret etwas anfangen. Leider gibt es bis jetzt viel zu wenige solcher vorzeigbaren Projekte.

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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