Karl Tröger, Psipenta GmbH und Bernd Hellgardt, Comsol AG

Drei Fragen an...

Kleine Ursache, große Wirkung. Das lässt sich auch von sogenannten „Sonderlocken“ sagen, mit denen viele Unternehmen ihre ERP-Standardsoftware für ganz spezifische Aufgaben ergänzen.

  • Karl Tröger, Produktmanager bei der Psipenta GmbH

  • Bernd Hellgardt, Vorstand des SAP-Partners Comsol AG Commercial Solutions

Etwa die Aalberts Industries Group, ein europaweit aktiver Anbieter für die Bearbeitung komplexer Bauteile durch Wärmebehandlung und ­Oberflächentechnik. Aalberts hat im Kerpener Rechenzentrum mit PHP und Javascript eigene Applikationen geschaffen, die das ERP-System ergänzen und viel Zeit und Geld sparen. Bei diesen Anwendungen handelt es sich nicht nur um Web­services zur Abfrage aktueller Rohstoffpreise an der Börse, sondern auch um zeitkritische Ab­fragen von Daten der Werksserver und Produktionsmaschinen sowie von ­Kameras und anderen Instrumenten der Fertigungssteuerung.

Ein ganz anderes Beispiel ist eine Zusatzanwendung, mit der die Gotzeina Drehtechnik GmbH, ein Präzisionsdrehteile-Hersteller aus dem Sauerland, über das ERP-System Lüfter und Gebläse für die CNC-Maschinen und den Kompressor im Werk abschalten kann, was jedes Jahr einen fünfstelligen Betrag bei den Stromkosten einspart. Wir haben bei zwei Experten nachgefragt.

ITM: Kein ERP-System kann im Standard alle Anforderungen abdecken. Welche Optionen empfehlen Sie, wenn ein Unternehmen eine individuelle Sonderlösung braucht?

Bernd Hellgardt: Ich empfehle an dieser Stelle immer eine differenzierte Betrachtung. Zunächst geht es um eine passende Lösungsarchitektur. Wenn das ERP-System nicht alle Funktionen integriert abdeckt, dann können gegebenenfalls bestehende bzw. weitere Spezialsysteme angebunden werden. Das System muss also offen sein und über moderne Integrationstechniken inklusive der Nutzung von Webservices u. ä. verfügen. Darüber hinaus ist wichtig, dass das ERP-System über ein „Erweiterungskonzept“ verfügt. Bei SAP ist an dieser Stelle bereits an alles gedacht worden, so dass gekapselte Erweiterungen möglich sind. Es sollte dabei nicht außer Acht gelassen werden, dass das zugrunde liegende ERP-System funktional sowie im Datenmodell mächtig und zu den Anforderungen des Unternehmens passend sein sollte. Dies erleichtert eine Erweiterung im Sinne eines „Baukastensystems“ und die Systempflege.

Karl Tröger: Ein wesent­liches Kriterium für die Auswahl eines ERP-Systems ist die Abdeckung der funktionalen und prozessualen Anforderungen eines Unternehmens. Die etablierten Standardlösungen sind über Jahre gereift, verfügen über ein reichhaltiges Funktionsspektrum und unterstützen die Wertschöpfungsprozesse in einem Unternehmen tiefgreifend. Häufig ergeben sich Wettbewerbsvorteile für ein Anwenderunternehmen, seien es Kosten-, Qualitäts- oder Geschwindigkeitsvorteile, durch eine ganz eigene Art und Weise in der Abwicklung des täglichen Geschäfts. Viele unserer Kunden sind „Hidden Champions“; diese schöpfen ihre Wettbewerbsfähigkeit zum Teil auch aus Sonderlösungen, die ihnen Vorteile bringen. Oftmals dienen solche Lösungen auch der Abbildung der spezifischen Gegebenheiten an einem oder mehreren Standorten des Unternehmens. Die Flexibilität eines ERP-Systems zeigt sich in der Fähigkeit, auf einfache und nachhaltige – das heißt releasefähige – Weise Erweiterungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Es bieten sich verschiedene Optionen an. So kann selbstverständlich der Quellcode modifiziert  werden. Derartige Lösungen dienen der langfristigen Unterstützung spezifischer Prozesse und bedürfen einer genauen Abwägung hinsichtlich der Notwendigkeit und Nachhaltigkeit.  Derartige Modifikationen sind schnell und kostengünstig hergestellt und können bei veränderten Bedingungen ebenso schnell wieder abgeschaltet werden. Prinzipiell gilt das auch für Modifikationen am Quellcode; der Aufwand kann allerdings höher sein. Ein weiteres Anwendungsgebiet von Sonderlösungen betrifft die Integration mit Geschäftspartnern. Hier spielen insbesondere lokale Gegebenheiten und die Art der Geschäftsbeziehung eine Rolle. Vielfach betrifft dies etwa die Integration von Dienstleistern.

ITM: Wie kann der Support für solche Sonderlösungen geregelt werden, etwa im Störungsfall oder bei Release-Wechseln?

Tröger: Modifikationen, die von Psipenta im Auftrag des Kunden bereitgestellt worden sind, können selbstverständlich auch gewartet werden. Dies bietet dem Kunden den Vorteil, dass insbesondere die Nachführung dieser Erweiterungen bei Release-Wechseln durch den Hersteller sichergestellt wird. Generell werden alle Anpassungen vorgehalten; somit kann dem Kunden im Störungsfall schnell und effizient geholfen werden. Integrationen zu Geschäftspartnern oder anderen kundenspezifischen Systemen basieren auf einem erprobten „Application Programming Interface“ (API). Bevorzugt wird hierbei die Nutzung von Webservices. Über gesicherte Verbindungen zu den Kundensystemen kann – mit dem Einverständnis des Kunden – auch remote zugegriffen und die Analyse der Störung und deren Behebung durchgeführt werden.

Hellgardt: Grundsätzlich sollten die „Sonderlocken“ im Sinne von Erweiterungen „handwerklich sauber“ erstellt sein. Dazu gehören aus unserer Sicht die Einhaltung des Erweiterungskonzepts der SAP sowie auch die Einhaltung hauseigener Entwicklungsstandards. Eine Dokumentation, im SAP-Umfeld sinnvollerweise im SAP Solution Manager, ist unabdingbar.Dabei sollte von Anfang an die Sprache gedacht werden: Denn ist ein Near- bzw. Offshoring oder die Wartung über SAP Enterprise Support geplant, so sollten alle Dokumentationen von Beginn an in Englisch erstellt werden. Im SAP Solution Manager werden dann im Testmanagement Testszenarien und -fälle abgelegt. Der besagte Störungsfall wird dann hoffentlich die Ausnahme bleiben; der Release-Wechsel reduziert sich an dieser Stelle auf das professionelle Testen. In letzter Zeit setzt sich auch oft der Gedanke durch, dass derjenige, der die Wartung der Standardsoftware inne hat, auch die Wartung der „Sonderlocken“ übernimmt. Meines Erachtens setzt dies jedoch eine personelle Kontinuität beim Wartungsteam voraus. Anonymer Support ohne Kundenbezug hilft an dieser Stelle dann nicht mehr weiter.

ITM: Können Sie uns konkrete Beispiele für solche Sonderlösungen nennen?

Hellgardt: Nicht selten ist die Erweiterung von Dialogtransaktionen um Plausibilitätschecks, die mittels User-Exits realisiert werden. Umfassendere Erweiterungen waren beispielsweise schon eigenständige Anwendungen, die Standard-SAP-Transaktionen aufrufen. So wird eine eigenständige Funktionalität geschaffen und die Integrität des SAP-Systems sowie der Daten gewährleistet.

Tröger: Es existieren viele Beispiele. Beispielhaft genannt sei hier die mobile Datenerfassung per Scanner bei Volkswagen Motorsport. Die Standardlösung mit Komponenten für die Abwicklung der Prozesse in der Materialwirtschaft, Inventur und Produktion wurde um eine Laufzeiterfassung kritischer Komponenten und Aggregate der Rennsportfahrzeuge ergänzt. Im harten Renneinsatz bei der Rallye Dakar in Südamerika hat sich das System auch offline bewährt.
Das so erworbene Wissen über die Einsatzdauer und Laufleistung kritischer Aggregate sicherte nachweislich den Erfolg von Volkswagen bei der härtesten Rallye der Welt. Kostenaspekte spielen ebenfalls eine Rolle. Auf diese Weise wird der Einsatz der teuren Rennsportkomponenten optimiert.

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