Breitbandausbau Deutschland

Drückt die Politik jetzt auf die Tube?

Immer wieder ist davon die Rede, dass Deutschland in Sachen „Breitbandausbau“ im internationalen Vergleich zurückliegt. Eine Tatsache? Wer oder was sind die Bremsfaktoren? Und inwieweit wird der kürzlich zusammengestellte Digitalrat der Bundesregierung nun bei der Glasfaserverlegung Tempo machen?

  • Leuchtspur auf einer Landstraße

    Hohe Geschwindigkeiten auch in ländlichen Regionen – das wünschen sich nicht nur Unternehmen. ((Bildquelle: Thinkstock/iStock))

  • Ludwig Kohnen, EWE Tel / EWE Vertrieb

    „Schnelle Internetverbindungen sind von hoher Bedeutung. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten und die Glasfaserinfrastruktur bildet die Grundlage der Digitalisierung. Diese ist aber nicht kostenlos zu bekommen, das sollte allen Beteiligten bewusst sein”, meint Ludwig Kohnen, EWE Tel / EWE Vertrieb. ((Bildquelle: EWE Tel / EWE Vertrieb))

  • Andreas Klees, ZVK

    „In ländlichen Gegenden ist es nahezu unmöglich, Industrieansiedelungen durchzuführen. Keine oder wenige Arbeitsplätze führen aber unweigerlich zur Landflucht, ganze Gebiete veröden und in den Großstädten haben wir zu wenig Wohnraum. Dieser Teufelskreis kann nur durch einen schnellen Ausbau des Breitbandnetzes durchbrochen werden“, sagt Andreas Klees, ZVK. ((Bildquelle: ZVK))

  • Marc Kessler, Breko

    „Die Netzbetreiber des Breko setzen auf reine, zukunftssichere Glasfaser und bauen lokal und regional Glasfasernetze bis in die Gebäude oder bis direkt zum Anschluss des Kunden“, so Marc Kessler, Breko. ((Bildquelle: Breko))

  • Christof Sommerberg, Deutsche Glasfaser

    „Das anfängliche Vertrauen der Politik in die Vectoring-Technologie hat den Breitbandausbau der nachhaltigen Glasfaserinfrastruktur sicherlich verzögert. Mit der neuen Bundesregierung hat sich diese Sichtweise jedoch positiv hin zu einer echten Glasfaserperspektive geändert“, stellt Christof Sommerberg, Deutsche Glasfaser, fest. ((Bildquelle: Deutsche Glasfaser))

Die Lage soll inzwischen „dramatisch“ sein. Deutschland befinde sich beim Breitbandausbau – trotz einer verhältnismäßig hohen Bevölkerungsdichte – im EU-Vergleich abgeschlagen im Mittelfeld. „Wir haben den Breitbandausbau weitestgehend verschlafen und stehen nun vor der riesigen Herausforderung, das alles aufzuholen“, formuliert es der BVDW-Präsident Matthias Wahl nahezu drastisch. Als Interessenvertretung für Unternehmen, die digitale Geschäftsmodelle betreiben oder deren Wertschöpfung auf dem Einsatz digitaler Technologien beruht, setzt sich der Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V. für die Schaffung von Markttransparenz und innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen ein. Christof Sommerberg, Leiter Public Affairs bei Deutsche Glasfaser, findet hingegen die Aussage, dass Deutschland weit zurückliegt, „zu pauschal“. Speziell beim Ausbau von Glasfaseranschlüssen bis in die Häuser und Unternehmen würde man hinterherhängen, nicht jedoch notwendigerweise beim Breitbandausbau generell. „Gleichwohl muss Deutschland das Ausbautempo genau dieser Glasfaserinfrastruktur erhöhen, um mit Blick auf den rapide steigenden Bandbreitenbedarf eine Grundlage zu schaffen, die zukunftssicher ist“, betont er.

Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Andreas Klees, Geschäftsführer der ZVK GmbH, verweist derweil auf die unterschiedlichen Ausbaustufen in Deutschland. Manche ländlichen Gebiete, z.B. östlich von Hamburg, seien absolut gut angebunden und verfügten nicht selten über 100 MBit/s in den einzelnen Haushalten. „Dagegen gibt es in Großstädten wie beispielsweise München immer noch Bezirke, die mit 1 bis 5 MBit/s auskommen müssen“, so der Netzwerkspezialist. Grundsätzlich seien es aber eher die ländlichen Regionen, die mit digitalen Kriechspuren auskommen müssten, meint Matthias Wahl. Das Problem: Ein Großteil des Mittelstands sitze genau dort und eben nicht in den Ballungszentren – und sei somit von der Breitbandversorgung komplett abgeschnitten.

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Doch gerade der Mittelstand bildet das Rückgrat der deutschen Wirtschaft! Seit jeher sollen kleine und mittelständische Betriebe den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt tragen. „Sie erwirtschaften mehr als jeden zweiten Euro“, bekräftigt Christof Sommerberg. Damit das im zunehmenden internationalen Wettbewerb so bleibt, stehen Mittelständler vor der Herausforderung, sich zu digitalisieren. Dazu gehöre vor allem die Erschließung digitaler Geschäftsmodelle, betont Matthias Wahl. Da dürfe die Internetgeschwindigkeit nicht zum limitierenden Faktor werden und schon gar nicht die Unternehmen dazu drängen, in Richtung Ballungszentren zu ziehen. „Für den produzierenden Mittelstand mit immensem Platzbedarf stellt sich die Frage aus finanziellen Gründen überhaupt nicht“, so der BVDW-Präsident. „Grundsätzlich darf nicht zur Diskussion stehen, dass die Unternehmen zum Internet ziehen – hier muss der Prophet zum Berg und nicht umgekehrt.“

Zahlreiche Bremsfaktoren

Allerdings bauen die Netzbetreiber ihre Glasfaserinfrastrukturen vor allem dort aus, wo sich die Investitionen ihrer Ansicht nach langfristig rechnen. Das ist natürlich dann wahrscheinlicher, wenn pro verlegtem Glasfaserkilometer mehr Anschlüsse erreicht werden – was vornehmlich in Ballungsräumen und nicht etwa in ländlichen Regionen der Fall ist.

Einen weiteren Bremsfaktor für den Breitbandausbau sieht Marc Kessler, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliedskommunikation beim Breko Bundesverband Breitbandkommunikation e.V., in den Vectoring-Entscheidungen der Bundesnetzagentur. Durch diese und das damit u.a. verbundene Quasi-Monopol des Ex-Monopolisten Deutsche Telekom sei es vor allem 2015 und 2016 in den so genannten Nahbereichen – den in der Regel besonders lukrativen Gebieten in einem bestimmten Radius um die Hauptverteiler, die meist in der Ortsmitte liegen – zu einer starken Investitionsverunsicherung und -zurückhaltung gekommen.

Eine weitere Herausforderung stelle die aktuelle Fassung des DigiNetz-Gesetzes dar. Die ursprüngliche Idee des Gesetzes: Wenn Straßen z.B. im Zuge von Sanierungsarbeiten, im Falle von Neubauten oder bei Verlegung anderer Infrastrukturen wie Strom-, Wasser- oder Gasleitungen geöffnet werden, sollen Synergien genutzt und Glasfaserleitungen gleich mitverlegt werden können. Das Problem in der Praxis: „Das Gesetz wird derzeit vielfach dazu missbraucht, (zusätzliche) Glasfaserleitungen kostengünstig mitzuverlegen und damit Überbau bzw. Doppelausbau zu erzeugen“, kritisiert Marc Kessler. „Dadurch werden die Glasfaserausbauprojekte der Erstausbauenden gefährdet und vielfach sogar unrentabel.“

Nicht zuletzt setze sich der Breko für die Verschlankung und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren in Städten, Kreisen und Kommunen ein und möchte die Akzeptanz alternativer, innovativer Verlegetechniken – z.B. per Mini- oder Micro-Trenching, Verlegung der Glasfaser in Abwasserrohren – erhöhen.

Glasfaser vs. Vectoring

Wenn die Glasfaserkabel letztlich bis zur Anschlussbuchse im Büro reichen – Stichwort „Fiber to the home/building“, kurz FTTH/B – ergeben sich für die nutzenden Unternehmen natürlich einige Vorteile und Möglichkeiten. Christof Sommerberg erklärt: „Ein direkter Anschluss an ein kupferfreies Glasfasernetz ermöglicht einen schnellen und verlustfreien Datenverkehr. Dieser ist Voraussetzung für eine Vielzahl von Online-Anwendungen.“ Nur mit einem stabilen und störungsfreien Glasfasernetz seien neben neuen digitalen Geschäftsmodellen und Echtzeit-Backup-Services u.a. auch Software-Updates, Fernwartungen von Maschinen und Standortvernetzungen möglich. Letztlich würden die Unternehmen durch schnellere und effizientere Geschäftsabläufe bares Geld sparen.

Im badischen Bretten steht das Thema „FTTH/B“ allerdings derzeit mit einem eher negativen Beigeschmack im Fokus. Hier baut die BBV Deutschland seit dem Sommer 2017 ein komplett privatwirtschaftlich finanziertes FTTH/B-Glasfasernetz bis in die Haushalte auf. Doch die Telekom will in der Mittelstadt in der Nähe von Karlsruhe nun trotz der bestehenden Open-Access- und Wholebuy-Möglichkeiten bis Ende des ersten Quartals 2019 rund 11.000 Haushalte massiv mit Vectoring ausbauen. Dies soll das Unternehmen, das jahrelang beim Breitbandausbau einen „riesengroßen Bogen“ um die Stadt machte, jüngst angekündigt haben. „Wer sich künftig mit der Telekom ins Bett legen möchte, sollte sich die Braut und deren Verhalten sehr genau anschauen“, empfiehlt BBV-Deutschland-Chef Manfred Maschek in einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung und kritisiert: „In Zeiten, in denen die neue Bundesregierung zu 100 Prozent auf die Glasfaser setzt, versucht die Telekom mit ihrer nicht mehr zukunftsfähigen Vectoring-Technik ohne Rücksicht auf Verluste und sinnfrei möglichst rasch noch viele Wettbewerber entgegen aller wirtschaftlicher Vernunft aus dem Markt zu drängen.“

Milliarden-schwerer Fonds

Laut Andreas Klees von der ZVK GmbH beauftragen viele Unternehmen gerade deshalb private Einrichtungen, da sie in den seltensten Fällen Zeit hätten, auf die Telekom-Ausbauten zu warten. So seien viele gezwungen, sich über die Anschlusskosten an einem schnelleren Glasfaserausbau zu beteiligen. Oft ist solch ein kurzfristiger Anschluss eine existentielle Frage – zumindest was einzelne Unternehmensstandorte anbelangt. Da machen sich die Unternehmen über das Thema „Eigenbeteiligung“ auch in sofern weniger Gedanken, zumal sie diese Beteiligung an den Baukosten steuerlich geltend machen können.

„Nichtsdestotrotz bieten wir in der Business-Sparte den Netzausbau ohne Kostenbeteiligung an, wenn eine bestimmte Vertragsabschlussquote in einem Gewerbegebiet erreicht wird“, verweist Christof Sommerberg auf ein Angebot der Deutschen Glasfaser. Dieses werde von vielen Firmen in den entsprechenden Ausbaugebieten dankbar angenommen. Und auch der Konzern EWE ist gerne bereit, „mit den Unternehmen individuelle Möglichkeiten zu finden, den Ausbau gemeinsam zu gestalten“, berichtet Ludwig Kohnen, Geschäftsführer von EWE Tel / EWE Vertrieb. „Einige Unternehmen nehmen dieses auch in Anspruch, um die Investitionskosten zu reduzieren.“

Dass die Bundesregierung erst im August dieses Jahres einem milliardenschweren Fonds für den Breitbandausbau zugestimmt hat, der u.a. durch die Versteigerung der 5G-Frequenzen finanziert werden soll, sieht Kohnen kritisch: „Wir sollten nicht den Fehler machen, jetzt mit noch mehr Fördermitteln auf einen sehr schnellen, flächendeckenden Ausbau zu setzen. Der Glasfaserausbau benötigt Zeit.“ Noch mehr Fördermittel in noch kürzerer Zeit würden nicht zu einem erhöhten Ausbauvolumen führen. „Dadurch werden nur die Tiefbaumaßnahmen weiter verteuert, weil die Nachfrage nach diesen Leistungen extrem steigt“, ist sich Kohnen sicher.

Christof Sommerberg scheint da zuversichtlicher zu sein: „Wenn die staatlichen Mittel flexibel und intelligent an den richtigen Stellen eingesetzt werden, unterstützen sie die privatwirtschaftliche Wettbewerbs- und Investitionsdynamik und stellen so den schnellen und flächendeckenden Netzausbau sicher.“

Auch soll ein jüngst zusammengestelltes zehnköpfiges Gremium – der Digitalrat der Bundesregierung – ab sofort Tempo bei der Digitalisierung machen. Ob diese Rechnung aufgeht, da sind sich die Glasfaseranbieter und -experten allerdings uneinig. „Der Fokus des neu geschaffenen Digitalrats liegt nicht primär auf dem aus unserer Sicht zunächst wichtigsten Thema: der Schaffung der besten digitalen und zukunftssicheren Infrastruktur in Deutschland“, meint Marc Kessler vom Breko. Gleichwohl sei man aber optimistisch, dass der Digitalrat die Nachfrage nach zukunftssicheren Glasfaseranschlüssen und das Bewusstsein hierfür in Politik und Gesellschaft vorantreiben könne.

Meinungen gehen auseinander

Laut Wahl wurde der Digitalrat installiert, um Erkenntnisse zu sammeln. Dabei sei das überhaupt nicht der Kern des Problems. „Es ist bekannt, woran es hakt“, betont der BVDW-Präsident. „Vielmehr gibt es ein Umsetzungsproblem, das ein solcher Digitalrat kaum lösen kann.“ Das müsse im Kabinett passieren. Nach Auffassung des Voice Bundesverband der IT-Anwender e.V. würde ein um das Thema Digitalisierung ausgebautes Bundesministerium, das die Defizite in Breitbandausbau, E-Government, Aus- und Weiterbildung sowie gesellschaftlicher Awareness direkt angehe, sehr viel mehr bewirken als ein rein beratendes Gremium. „Die Einrichtung eines Digitalrats soll den Eindruck von Aktivität vermitteln und beruhigen. Doch mit ihm drohen konkrete Maßnahmen, die jetzt dringend eingeleitet werden müssten, wieder auf die lange Bank geschoben zu werden, obwohl längst konkretes Regierungshandeln angesagt wäre“, kritisiert Wolfgang Storck, Geschäftsführer des Bundesverbandes, in einer aktuellen Pressemitteilung.

Bitkom-Präsident Achim Berg begrüßt hingegen sehr, dass die Bundesregierung beim Thema „Digitalisierung“ den Rat von außen sucht und auf Experten aus Wissenschaft und Praxis setzt. „Mit Katrin Suder wurde eine starke, digital hochkompetente und engagierte Frau mit der Leitung des Digitalrats betraut. Sie kennt Wirtschaft und Politik gleichermaßen und steht für Professionalität und Entscheidungsfreude“, so Berg in einer jüngst veröffentlichten Bitkom-Pressemitteilung.

Wo wird Deutschland demnach Ende 2018 in Sachen Breitbandausbau stehen? „In dieser kurzen Zeit wird es kaum einen entscheidenden Fortschritt geben“, ist sich Matthias Wahl sicher. Zwar werde man – so wiederum Christof Sommerberg – bis zu jenem Zeitpunkt „viele weitere Projekte auf den Weg gebracht haben, welche die weißen Flecken in unserem Land nachhaltig farbig machen.“ Doch letztlich sei Ende 2018 nur eine kleine Station auf dem Marathon bis zum Jahr 2025 und darüber hinaus – bis eine flächendeckende, reine Glasfaserinfrastruktur in Deutschland Unternehmen und private Nutzer nachhaltig für die Zukunft rüstet.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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