Digitalisierung im Mittelstand

„Einfach mal neue Wege gehen“

Im Interview rät Angela Rausch, Business Development Manager Digital Consulting bei der D.velop AG, dem Mittelstand, Ängste und Verständnishürden abzubauen und den Mut zu entwickeln, einfach mal neue Wege zu gehen.

Angela Rausch, Business Development Manager Digital Consulting bei der D.velop AG

„Innovationen und Trends müssen nicht zwangsläufig technisch sein“, so Angela Rausch von der D.velop AG.

ITM: Frau Rausch, in welchen Bereichen bzw. bei welchen Themen haben Mittelständler aktuell den größten Beratungsbedarf?
Angela Rausch:
Häufig stellen sich Mittelständler immer wieder die folgenden grundlegenden Fragen: Was sind für mich relevante Angriffspunkte der Digitalisierung? Wo kann ich digitalisieren? Wo gibt es Lösungen, die zu meinen Bedarfen passen? Was ist überhaupt alles möglich? Was davon ergibt bei mir Sinn? Wie rechnet sich das Ganze kaufmännisch, was habe ich davon? Und: Wie nehme ich meine Mitarbeiter im Digitalisierungsprozess mit?

ITM: Wie war es bislang um die Digitalisierungsbemühungen kleiner und mittlerer Unternehmen bestellt? Wer oder was stand ihnen hierbei oftmals im Weg?
Rausch:
Bislang legen Unternehmen im SMB-Bereich noch eher geringen Fokus auf das Thema „Digitalisierung“. Fehlende Zeit und Kompetenz in dem Bereich, zudem Unsicherheit und fehlendes Verständnis, ob und wann Digitalisierung wirklich Vorteile bringt, sind die Hauptgründe, die an uns herangetragen werden. Neben diesen internen Hemmnissen liegt ein Grund für das Scheitern vieler Bemühungen auch im Software-Markt selbst: Zum Teil existieren zu wenige wirklich smarte Lösungen. Hier werden in Zukunft die Cloud und der vermehrte Software-as-a-Service-Einsatz (SaaS) gerade den kleineren Unternehmen schneller zu einer Einschätzung verhelfen, ob eine Lösung für sie hilfreich ist oder nicht.

Darüber hinaus müssen die Unternehmen aber auch ihre Digitalkompetenzen weiterentwickeln. Ängste und Verständnishürden müssen abgebaut und der Mut entwickelt werden, einfach mal neue Wege zu gehen. Und das am besten iterativ, in kleinen Schritten, statt direkt ein allumfassendes Digitalisierungsprojekt aufzusetzen.

ITM: Worauf sollten Mittelständler bei der Auswahl eines Digitalberaters besonders achten?
Rausch:
Ein kompetenter Berater sollte vor allem eine ganzheitliche Sicht auf das Thema der Digitalisierung und der Erfolgsfaktoren besitzen und dieses auch vermitteln. Ein hohes Verständnis für die Sichtweise und Denke der Mittelstandsunternehmen, hohe Nutzenorientierung und Unternehmersicht auf die Dinge sind ebenfalls vonnöten, ebenso wie eine gute Übersicht über die Software-Lösungen im Markt und deren Leistungsfähigkeit.

Idealerweise besitzt ein Digitalberater auch die notwendigen Umsetzungskompetenzen, um den Kunden nicht mit einem theoretischen Konstrukt zurückzulassen, dessen konkrete Realisierung er dann allein stemmen muss. Eine durchgängige Betreuung bis hin zur Umsetzung des gemeinsam erarbeiteten Konzeptes ist wünschenswert.

ITM: Wie gestalten sich die ersten Schritte, wenn sich Anwender und Berater „gefunden“ haben?
Rausch:
Zunächst erfolgt immer eine Bestandsaufnahme (Schritt 1), im nächsten Schritt wird dann gemeinsam konkretisiert und auf die kundenindividuelle Situation angepasst: Was ist das Ziel? Wie wird vorgegangen? Welche Methoden kommen zum Einsatz? Was ist das Ergebnis? (Schritt 2). Dieses wird dann gemeinsam mit dem Kunden abgestimmt und detailliert als Konzept verfeinert (Schritt 3). Dann kann es mit konkreten Ergebnissen zielgerichtet an die eigentliche Beratung gehen – wobei „Beratung“ im Idealfall immer eine gemeinsame Erarbeitung der nötigen Schritte darstellen sollte, kein 08/15-Konzept. Denn jedes Unternehmen ist völlig individuell und sollte auch so behandelt werden (Schritt 4).

ITM: Welche konkreten Bereiche sollte ein Digitalisierungsvorhaben dann in erster Linie betreffen und warum?
Rausch:
Das kommt immer auf die notwendigen Schwerpunkte und Handlungsfelder des jeweiligen Unternehmens an. Hier muss für jeden individuell die Frage beantwortet werden, was für sein Business und in seinem Markt in Zukunft die größte Herausforderung darstellt und inwieweit Digitalisierung mit ihren Möglichkeiten durch Technologien und Tools hier helfen kann.

Ein Thema, welches aus unserer Erfahrung heraus immer eine Relevanz hat, ist die Optimierung der „Nebenprozesse“. Durch diese konkreten Digitalisierungsprojekte können gezielt Kostenvorteile erwirkt werden, welche dann (digitale) Innovationen quersubventionieren. Beispiele für solche Projekte sind: Rechnungseingangsprozess digitalisieren, elektronische Gehaltszustellung einführen, Urlaubsantrags- oder AU-Bescheinigungsworkflow digitalisieren, den Posteingang digitalisieren, das Vertrags- und Fristen-Management optimieren etc.

ITM: Was sind hierbei häufige Stolpersteine und wie lassen sich diese frühzeitig umgehen?
Rausch:
Häufig gilt es vor allem die Einstiegshürde gering zu halten und sich nicht in den schier endlosen Möglichkeiten zu verzetteln. Insbesondere bei fehlender IT-Projekt- und Anwendungserfahrung ist die Unsicherheit groß. Nicht nur bei den Anwendern, auch bei den Entscheidern. So bleibt man lieber beim Altbewährten. Im Zweifel sollten gerade Mittelständler mit kleinen, risikoarmen Pilotprojekten beginnen, anhand derer man sich an digitale Mehrwerte herantasten sowie Kompetenzen und Erfahrung sammeln kann.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell ...) muss der Mittelstand letztlich in solchen Beratungsprojekten rechnen?
Rausch:
Das ist tatsächlich abhängig von der konkreten Aufgabenstellung und dem Beratungsfokus. Wichtig ist, bewusste Kosten/Nutzen-Entscheidungen zu treffen, sich die Ziele und Mehrwerte der Beratung und des Projektes klar zu machen. Ein guter Berater schafft hier durch ein strukturiertes Vorgehen frühzeitig Transparenz und bietet auch Vorstudien, Voranalysen oder Potenzialanalysen an, die mit wenig finanziellem und zeitlichem Aufwand eine sehr gute Entscheidungsgrundlage schaffen, um gezielt Maßnahmen zu ergreifen.

ITM: Auf welche weiteren Trends und Innovationen sollte der Mittelstand anno 2020 reagieren?
Rausch:
Innovationen und Trends müssen nicht zwangsläufig technisch sein. Natürlich ist der Mittelstand heute gefordert, sich über Themen wie Künstliche Intelligenz (KI), Cloud und Robotic Process Automation (RPA) zu informieren. Dies aber immer mit dem Blick auf konkrete Anwendungsszenarien, die helfen, die Wertschöpfungskette des eigenen Betriebs zu optimieren. Aber auch Branchentrends und gesellschaftliche Veränderungen im Kauf- und Nutzungsverhalten sollten Berücksichtigung finden, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und sein eigenes Geschäftsmodell ständig neu auf den Prüfstand zu stellen. Der persönliche Austausch mit anderen Unternehmen ist hier Gold wert, um sich gegenseitig Impulse zu geben und ganz praktische Erfahrungen zu teilen.

Nur, wenn es gelingt, beide Perspektiven im Blick zu behalten, diese zusammenzubringen und daraus passende Maßnahmen abzuleiten und umzusetzen, wird ein Unternehmen auch in Zukunft erfolgreich sein.

Bildquelle: D.velop

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