Keine Support-Garantien

Einsatz von Open-Source-CMS

Im Interview betont Knud Kegel, Vice President of Engineering & Infrastructure bei Coremedia, dass Kostenfreiheit und Flexibilität in keinem Zusammenhang mit Open Source stehen.

Knud Kegel, Coremedia

„Die Komplexität von CMS steigt zunehmend, vor allem durch den Wandel hin zu Digital-Experience-Plattformen“, meint Knud Kegel, Vice President of Engineering & Infrastructure bei Coremedia.

ITM: Herr Kegel, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Knud Kegel:
Eine Unterscheidung zwischen Open Source und Standard-Content-Management-Systemen ist heutzutage sehr schwierig zu treffen. Alle relevanten Open-Source-Systeme haben ja genau wie die Standardsysteme ein Monetarisierungsmodell. Da gibt es beispielsweise Hippo, Magnolia, Alfresco, WP Engine und Aquia. Hierbei geht es vielmehr um ein Vertriebsmodell mit möglichst hohem Seeding zu geringen Kosten. Nur die einfachen Systeme wie Joomla und Typo3 werden dem community-getriebenen Charakter von Open Source noch gerecht.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
Kegel:
Den Unternehmen ist das Thema „Open Source“ oder „Standard CMS“ zunehmend unwichtiger. Der Fokus liegt ganz klar auf einem lösungsorientiertem Vorgehen, anstatt dogmatische Richtungen à la „nur Open Source” oder „nur IBM” zu verfolgen. Es zählt also nicht, woher das System kommt oder welches Lizenzmodell es verwendet, sondern ob es allen Anforderungen eines modernen Unternehmens mit einer komplexen Digitalstrategie gerecht wird. Im öffentlichen Bereich wird im Gegensatz gezielt der Einsatz von Open-Source-Systemen forciert, ohne dass die Anforderungen hierbei im Vordergrund stehen.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
Kegel:
Kostenfreiheit und Flexibilität stehen in keinem Zusammenhang mit Open Source. Viele Open-Source-Lösungen werden mit einer Dual-License ausgeliefert wie einer restriktiven GPL-Lizenz und einer kommerziellen Lizenz. In einer Acquia Cloud Enterprise habe ich beispielsweise hohe laufende Kosten und keine Flexibilität im Sinne von Anpassungen an die Software. Umgekehrt liefern Enterprise-Software-Anbieter auch große Teile der Software im Source Code aus, um Kunden flexible Anpassungen zu ermöglichen.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
Kegel:
In einem rein community-getriebenen Projekt gibt es keine Garantien für Support und Updates; sowohl für Funktionalitäten als auch Sicherheitspatches. Für die aktuell relevanten Open-Source-CMS gilt dies aber nicht, da dort ja Supportverträge wie bei einer Standardsoftware abgeschlossen werden.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
Kegel:
Welche Kriterien ein CMS erfüllen muss, hängt natürlich von den Anforderungen des jeweiligen Kunden ab. Generell sollte es aber immer „State of the Art“ sein, also stets den aktuellen Online-Entwicklungen Rechnung tragen. Das bedeutet heutzutage: die Möglichkeit zur Einbettung und Verwaltung von Social-Media-Elementen, einen hohen Personalisierungsgrad, um jeden einzelnen Kunden individuellen Content auszuspielen, und ein responsives Design, um dem wachsenden Mobile-Markt zu bedienen. Weitere Anforderungen wie Erweiterbarkeit oder Skalierbarkeit müssen in Einzelfall analysiert werden. Dass es so viele Anbieter am Markt gibt, kommt nicht von Ungefähr.

ITM: Wonach entscheidet sich, ob ein Open-Source- oder Standardmodell für ein Unternehmen in Frage kommt?
Kegel:
Ob für ein Unternehmen eher Open-Source- oder Standardsysteme in Frage kommen, hängt von den einzelnen Unternehmensrichtlinien zu Open-Source-Lizenzen und den Anforderungen an die Supportverträge ab.

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
Kegel:
Bevor sich mittelständische Unternehmen für ein Content-Management-System entscheiden, müssen sie zunächst eine umfangreiche Bestandsaufnahme durchführen und ihre Unternehmensziele für die nächsten Jahre klar definieren. Wenn erst einmal klar ist, wo man aktuell steht und wohin man will, lassen sich anhand eines Anforderungskatalogs Systeme und Partner für die Umsetzung finden.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit sowie Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CM-Modellen bestellt?
Kegel:
Rein community-getriebene Systeme sind heute kaum mehr wettbewerbsfähig. Die Komplexität von CMS steigt zunehmend, vor allem durch den Wandel hin zu Digital-Experience-Plattformen. Diese sollen den Redakteuren einen größtmöglichen Freiheitsgrad gewähren und sie dabei unterstützen, schnell und einfach Content zu individualisieren und kanalübergreifend auszuspielen. Um die technische Umsetzbarkeit hierfür zu schaffen, ist ein großes Team von Vollzeitentwicklern absolut notwendig.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
Kegel:
Der Trend bei Content-Management-Systemen geht ganz klar in Richtung Experience. Der Nutzer hat heute sehr hohe Ansprüche an eine Webseite. Es reicht nicht mehr, nur die wichtigsten Informationen irgendwie verfügbar zu machen. Stattdessen wünschen sich die Nutzer Geschichten, inspirierende Anleitungen oder Bild- und Videomaterial, das die Produkte oder Dienstleistung interessanter gestaltet und einen Mehrwert liefert. Ein modernes CMS muss in der Lage sein, diese Elemente zu integrieren. Auch das Thema „Personalisierung“ wird immer wichtiger. Nicht jeder Kunde hat die gleichen Bedürfnisse, Wünsche oder Vorlieben. Pauschal Inhalte auszuspielen, die theoretisch für alle Kunden interessant sein sollten, funktioniert einfach nicht mehr. Über Social-Media-Integrationen, Kampagnen, Lagerbestand oder Klickpfad des Kunden lässt sich ein Nutzerprofil erstellen und so dynamisch ein kontextueller Inhalt generieren. Jeder Kunde sieht also das, was ihn auch wirklich interessiert, was wiederum zu einer höheren Conversion und besseren Markenbindung führt. Und dann haben wir noch den Trend „Mobile“. Es ist kein Geheimnis, dass immer mehr Menschen auch in Deutschland vom Smartphone oder dem Tablet aus ins Internet gehen, Bestellungen aufgeben oder schlicht ihr Online-Banking nutzen. Ein CMS, dass nicht adaptiv und responsive ist, kann zukünftig unmöglich mithalten, wenn es diesen grundlegenden Schwerpunkt nicht erfüllt.

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