Business-Software und KI

ERP mit Köpfchen

Kameras, Staubsauger und ganze Innenstädte: Immer mehr Dinge werden smart. Dass Künstliche Intelligenz (KI) hinter den Kulissen auch eher „unscheinbarer“ Software ganz neue Möglichkeiten eröffnet, zeigt ihr Einsatz im ERP-Bereich, wo intelligente Lösungen eindrucksvoll für mehr Nachhaltigkeit und Planbarkeit sorgen.

  • Nerd mit Strinband ohne Muskeln mit Muskleschatten

    Künstliche Intelligenz, richtig eingesetzt,hilft dabei die Zuverlässigkeit von Prozessen, Prognosen und Analysen zu steigern.

  • Timur Kücük, IAS

    „Der wesentliche Vorteil von KI ist derzeit, dass eine große Datenmenge gesammelt und so aufbereitet werden kann, dass diese zu einer fundierten Entscheidungsfindung führt.“ (Timur Kücük, IAS)

  • Stefan Hillmann, Kumavision

    „Künstliche Intelligenz wird in den nächsten Jahren die Benutzeroberfläche von ERP-Systemen radikal verändern und vereinfachen.“ (Stefan Hillmann, Kumavision)

  • Dr. Daniel Gburek, Cosmo Consult

    „Wie bei jeder neuen Technologie kommt es auch bei KI auf die Akzeptanz durch die Mitarbeiter an. Deshalb gehört zu jeder Einführung auch eine gute Change-Management-Strategie, die schon im Vorfeld greift.“ (Dr. Daniel Gburek, Cosmo Consult)

Gleich vorab: Nicht jede Software, die ohne KI auskommt, ist automatisch „dumm“. Gab es vor einiger Zeit noch den Trend, möglichst alles, was irgendwie im Entferntesten dafür in Frage kam, mit KI-Funktionalitäten auszustatten, verfährt man heute differenzierter und setzt sie gezielt dort ein, wo sie allen Akteuren einen tatsächlichen Mehrwert bieten können. Im ERP-Bereich, wo anhand großer Datenmengen Geschäftsentscheidungen getroffen werden, kann Künstliche Intelligenz – richtig eingesetzt – helfen, die Zuverlässigkeit von Prozessen, Prognosen und Analysen zu steigern.

Keine eierlegende Wollmilchsau

Timur Kücük, General Manager und Head of Sales bei IAS, beobachtet das Geschehen rund um KI-Themen schon seit Langem. Für ihn hat sich das Disruptionspotenzial entsprechender Anwendungen in Bezug auf die Veränderung bestehender Strukturen, Prozesse und Geschäftsmodelle schon seit einigen Jahren abgezeichnet. Mit Blick auf die jüngere Geschichte sagt er: „Früher haben wir Briefe geschrieben, dann folgten das Fax, E-Mails sowie SMS und heute tauschen wir uns meist via Whatsapp aus.“ Auf Basis dieser Beobachtungen habe man sich bei IAS schon frühzeitig auf die Weiterentwicklungsmöglichkeiten des eigenen ERP-Systems durch KI-Anwendungen fokussiert und eine strategische Roadmap entworfen, erklärt Kücük. In fünf Schritten wurden dazu die wesentlichen Fragen abgedeckt: Wie können sehr große Datenmengen gesammelt und für die weitere Analyse strukturierbar gemacht werden? Wo lassen sich diese Daten speichern, um sie auch effizient bearbeiten und einsetzen zu können? Wie können diese Daten für Analysezwecke eingesetzt werden? Wie kann mit diesen Daten das System gesteuert werden? An der letzten Frage, nämlich wie Maschinelles Lernen (ML) innerhalb der hauseigenen ERP-Lösung eingesetzt werden kann, arbeite man aktuell noch im Zusammenspiel mit den vorherigen Schritten.

Auch Cosmo Consult hat die Markt-erfordernisse aufgegriffen: „Nachdem Microsoft und andere große Software-Hersteller die Themen ,Cloud‘ und ,KI‘ ganz oben auf ihre Agenda gesetzt haben, liegt es auf der Hand, als ERP-Anbieter schnell nachzuziehen und eigene Branchenlösungen mit KI anzureichern“, erklärt Dr. Daniel Gburek, Solution Manager Data und Analytics bei Cosmo Consult. Sein Unternehmen investiere daher gezielt in die Entwicklung von KI, die die eigene Branchenlösung intelligenter gestalten soll. Zudem liefere die Bestandskundenbasis einen riesigen Vertriebskanal: „Wenn plötzlich eine Branchenlösung in der Fertigung zusätzliche Engpässe identifiziert und Vorschläge bei der Planung von Fertigungsaufträgen macht, dann sagt kein Kunde ‚Nein‘ zu einer total überarbeiteten Lösung mit neuartigen Funktionalitäten“, konstatiert Gburek.

Christian Leopoldseder von Asseco Solutions erinnert sich an die ersten Berührungspunkte seines Unternehmens mit KI. Über mehrere Jahre hinweg hat der Managing Director Austria den Werdegang der Technologie aufmerksam verfolgt. Einen entscheidenden Fingerzeig darauf, wie man das Potenzial von KI im ERP-Kontext nutzen kann, habe die KI „Alpha Go Zero“ geliefert. Diese habe zwar das Brettspiel Go von Grund auf selbst erlernt und 2016 sogar den amtierenden Weltmeister geschlagen, könne aber eben nur das: Go-Spielen. Dies habe Asseco schließlich auf die richtige Fährte zum KI-Einsatz geführt: „Nicht um den vollständigen Geschäftsprozess von A bis Z zu automatisieren – das ist nach aktuellem Stand der Technik noch reine Zukunftsmusik –, sondern spezialisiert auf einzelne Prozessstufen, wodurch Kunden schon heute einen echten Mehrwert durch die innovative Technologie erhalten“, sagt Leopoldseder.

Dass KI den ERP-Markt von Grund auf verändert, stellt Software-Architekt Stefan Hillmann von Kumavision fest. Der Experte betrachtet die Einbindung von KI-Funktionalitäten nicht nur unter dem Aspekt der Disruption, sondern auch unter dem der Kontinuität. Die Kumavision-Roadmap für 2021 sehe dementsprechend die Ergänzungen der bisherigen KI-basierten Funktionen im Lösungsportfolio vor. Diesen Ansatz verfolge das Unternehmen, um einerseits bereits bestehende Algorithmen durch ML weiterzuentwickeln, andererseits aber auch, um die Grundlage für neue, disruptive Geschäftsmodelle und Services zu schaffen. „Themen wie KI zeigen hier deutlich, dass sich die Rolle des ERP-Partners grundlegend verändert: Anbieter werden mehr und mehr zu einem Innovationsbegleiter, der ein breites Feld an Technologie,- Prozess- und Branchenkompetenz entwickeln muss“, erklärt Hillmann. Ziel sei es nicht mehr, nur eine Software anzubieten, sondern Kunden in die Lage zu versetzen, neue Services zu erarbeiten und anzubieten – dazu zählt er neben dem Know-how in den Bereichen „KI“ oder „IoT“ auch agile Projektmethoden.

Doch wie genau kann eine Künstliche Intelligenz ein ERP-System verbessern? „Der wesentliche Vorteil ist derzeit, dass eine große Datenmenge gesammelt und so aufbereitet werden kann, dass diese zu einer fundierten Entscheidungsfindung führt“, antwortet IAS-Mann Kücük und führt als Beispiel Predictive Maintenance, die vorausschauen Wartung, an. Die Wartung von Anlagen etwa basiere hierbei auf gesammelten Vergangenheitswerten und lasse sich so vorausschauend planen. Dies steigere die Produktivität und minimiere Ausfallzeiten. Der optimale Ressourceneinsatz – Strom, Material, Personal, Kapazität etc. – ermögliche also eine Kostenreduzierung.

Wer macht was?

Denkbare Einsatzszenarien für KI im ERP-Umfeld sind reich gesät, befindet auch Cosmo-Experte Gburek. Während einige Prozesse im Finanz, Lager- oder Logistikbereich vergleichsweise generisch seien, können sie in anderen Feldern dazu beitragen, dass sich Unternehmen von der Konkurrenz abheben. Jedoch zählen, so Gburek weiter, die generischen Abläufe zu den ersten Profiteuren maschineller Intelligenz. Bestellvorschläge, das Erkennen von Produktionsengpässen und „Lagerleichen“ oder die Lieferantenbewertung – diese und andere Funktionen vermeiden unliebsame Überraschungen. Der Grundgedanke ist hierbei sehr anwenderbezogen: „Intelligente Funktionalität ist so tief in den ERP-Standard eingebunden, dass es für den User gar nicht weiter auffällt: Er bekommt einfach fundiertere und bessere Informationen angezeigt“, führt er aus. Dadurch, dass Abläufe wie etwa die Zuordnung von Spesenquittungen durch KI automatisiert werden, würden auch klassische Workflows und Freigabeprozesse in ihrer Struktur verändert.

Überhaupt scheinen es gerade die weitreichenden Automatisierungs- und Prognosemöglichkeiten zu sein, die KI für ERP-Lösungen so interessant machen. „Der Einsatz von KI bietet sich immer dann an, wenn es darum geht, die Effizienz durch Automatisierung zu steigern, die Prozesssicherheit zu erhöhen, mehr Transparenz durch bessere Einblicke und belastbare Prognosen zu schaffen sowie neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu etablieren“, führt Kumavision-Experte Hillman dementsprechend an. Neben ML böten sich ihm zufolge kognitive KI-Services wie Sprach-, Bild- und Texterkennung, Prozessautomatisierung und virtuelle Assistenten für einen unternehmensweiten Einsatz an.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.



Christian Leopoldseder von Asseco erklärt, dass im digitalen Zeitalter ERP-Systeme eine Rolle als bereichs- und systemübergreifende Datenzentrale eingenommen haben und daher über eines der umfassendsten Datenreservoirs verfügen – somit seien sie prädestiniert für Auswertungen durch innovative KI-Systeme. Auf die Frage, ob es denn dazu wirklich einer KI bedürfe, da Datenanalysen doch bislang auch ohne deren Einsatz möglich waren, verweist er auf zwei Vorteile, die ein KI-Einsatz gegenüber der klassischen Analyse biete: „Zum einen lassen sich damit Datenmassen untersuchen, die mit herkömmlichen Mitteln niemals zu bewältigen wären. Zum anderen können mithilfe von KI Zusammenhänge entdeckt werden, die bislang völlig unbekannt waren und die bei der Planung der Analyse nicht einmal in Erwägung gezogen wurden.“ Somit könnten unterschiedlichste Stufen des Geschäftsprozesses profitieren – von der Fertigung über die Lagerhaltung bis hin zum Vertrieb.

KI, das unbekannte Wesen

Die Integration von KI-Elementen in bestehende ERP-Systeme geht mit einem grundlegenden Technologie- und damit in einem gewissen Maße auch mit einem Paradigmenwechsel einher. Künstliche Intelligenz ist für viele Anwender, die nicht als Digital Natives aufgewachsen sind oder aus der IT-Branche kommen, ein Reizthema. Oft steht dahinter die Vorstellung einer diffusen Gefahr, die von einer Technologie ausgeht, die schwer zu fassen ist, autonome Entscheidungen trifft und Jobs wegrationalisiert. Wie also gehen die ERP-Anbieter mit derartigen Vorurteilen um? Dass diese Ängste durchaus ernst zu nehmen sind, erklärt ERP-Fachmann Gburek: „Wie bei jeder neuen Technologie kommt es auch bei KI auf die Akzeptanz durch die Mitarbeiter an. Deshalb gehört zu jeder Einführung eine gute Change-Management-Strategie, die schon im Vorfeld greift.“ Für die Geschäftsführung sei es z.B. wichtig, klar herauszustellen, dass es nicht um eine Substitution, sondern um eine Ergänzung gehe. Dazu gehöre auch, Mitarbeiter konsequent für höher qualifizierte Aufgaben weiterzubilden.

Die Vorbehalte der Anwender sind ebenso Timur Kücük durchaus bewusst, doch er hat auch ein schlagkräftiges Gegenargument: „Wir nehmen diese Angst zwar sehr ernst, doch wer soll die Produkte kaufen, die von den Maschinen hergestellt werden, wenn keiner mehr arbeitet und Geld verdient?“ Hier, ergänzt er, ließen sich allein schon deshalb verschiedene Lösungsansätze finden, z.B. neue Einkommensmodelle, spezielle Besteuerungen auf Maschinen, die Arbeitsplätze ersetzen, sowie die Erschließung neuer Aufgabengebiete für den Menschen. Mit IAS habe er selbst die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter und Kunden den Einsatz von KI durchaus begrüßen, da er für mehr Sicherheit sorgt. Auch spürten viele eine Entlastung und könnten nun freigesetzte Ressourcen für qualitativere und kreativere Tätigkeiten nutzen.

Eine weitere Befürchtung ist, dass der Einsatz von KI teuer und aufwändig sei und sich nur für Unternehmen ab einer gewissen Größe lohne. Gerade im Mittelstand, wo IT-Budgets oft auf Kante genäht sind, stellt das ein echtes Hemmnis dar. „KI ist keine Frage der Unternehmensgröße, sondern der Einstellung“, erwidert Stefan Hillmann von Kumavision. Es komme dabei eher auf die konkrete Fragestellung an, die durch den Einsatz gelöst werden soll. Um hier erfolgreich zu sein, sollten Anbieter daher seiner Meinung nach über eine langjährige Erfahrung mit den branchenspezifischen Fragestellungen verfügen und die entsprechenden KI-Grundmodelle kennen. „Diese Best-Practice-Modelle dienen oft als Ausgangsbasis, die dann auf die kundenspezifischen Anforderungen hin angepasst und mit eigenen Daten trainiert werden“, erläutert der Kumavision-Experte.

Vielen Anwendern macht zudem die Frage nach der Sicherheit der Daten Sorgen, wie Christian Leopoldseder von Asseco zu berichten weiß: „Gerade bei Kunden- oder Personaldaten handelt es sich um hochgradig sensible Daten, die Unternehmen nur ungern aus der Hand geben.“ Die Einhaltung höchster Sicherheits- und Datenschutzstandards sei daher essenziell. In seinem Unternehmen habe man sich dazu entschieden, die Daten ausschließlich verschlüsselt zu übertragen und nur auf Servern in Deutschland zu speichern, sodass die Datenhoheit jederzeit beim Anwender verbleibe.

Blick in die Glaskugel

Experten sind sich einig, dass sich die Bedeutung von KI-Anwendungen im ERP-Umfeld in den kommenden Jahren weiter verfestigen wird. Doch was sind hier die nächsten großen Schritte? Woran arbeiten die Entwickler? „Während bisher diskutierte KI-Szenarien auf die Prozesse eines Unternehmens zugeschnitten sind, spielt die digitale Vernetzung mit Lieferanten und Kunden eine immer stärkere Rolle“, prognostiziert Dr. Daniel Gburek. Er könne sich daher vorstellen, dass KI-Systeme auf unternehmensübergreifende Datenpools zugreifen können. So  könnten etwa intelligente Algorithmen Bestellvorgänge berechnen, die aktuelle Auftragslage der potenziellen Lieferanten berücksichtigen und auf dieser Basis denjenigen wählen, der die gefragte Ware vorrätig hat. Die wechselseitige Abhängigkeit aller Akteure zeige sich aktuell: „Gerade die Corona-Krise legt gnadenlos offen, wie eng diese Vernetzung ist und wie viel Potenzial hier für übergreifende Systeme existiert,“ konstatiert er.

Für Stefan Hillmann werden in Zukunft zwei Themen die ERP-Landschaft verändern: Robotic Process Automation (RPA) und virtuelle Assistenten. Dokumentationspflichten werden immer komplexer – RPA könne hier durch eine weitreichende Automatisierung die Mitarbeiter entlasten und so Kosten und Arbeitsaufwand senken. Virtuelle Assistenten könnten es hingegen erlauben, unterschiedlichste Handlungsanweisungen, die bisher einzeln getätigt werden mussten, durch einen Sprachbefehl anzustoßen. „Künstliche Intelligenz wird in den nächsten Jahren die Benutzeroberfläche von ERP-Systemen radikal verändern und vereinfachen. Sprachsteuerung, Dialoge mit virtuellen Assistenten, Automatisierung im Hintergrund und viele weitere KI-Dienste werden die Bedienung nachhaltig erleichtern“, so sein Fazit.

Bildquellen: IAS, Cosmo Consult, Kumavision, Gettyimages/iStock

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