Microsoft Dynamics NAV in der Praxis

ERP-Prozesse ständig im Blick

Wenn es um die eigenen Prozesse geht, streben die Verantwortlichen der Hamburger Pfannenberg Group größtmögliche Dynamik und Flexibilität an, zeigen sich dabei aber bewusst beständig hinsichtlich der Kooperation mit ihrem ERP-Systemhaus.

  • Arne Deu (40) ist Head of Global IT bei der Pfannenberg Group Holding.

  • Arne Deu (40) ist Head of Global IT bei der Pfannenberg Group Holding.

  • „Die Cloud wurde bei uns auch unter Sicherheitsaspekten betrachtet. Genau aus diesen Sicherheitserwägungen heraus ist sie jedoch noch keine Option.“ Arne Deu

  • „Ich stelle bei der IT- und Hardware-Beschaffung immer wieder fest, dass man als Mittelständler, der an große IT-Konzerne herantritt, oftmals wie ein Spielball hin- und hergeworfen wird.“ Arne Deu

  • „Prozessanpassungen, die gerade Mittelständlern helfen, den entscheidenden Prozentsatz besser zu sein als globale Anbieter, lassen sich besser mit lokal installierten ERP-Systemen umsetzen.“ Arne Deu

  • „Ein Manko im Mittelstand besteht meiner Meinung nach darin, dass die im ERP-System vorhandenen Daten zu wenig genutzt werden.“ Arne Deu

Seit über einem Jahrzehnt setzt das Unternehmen auf Microsoft Dynamics NAV bzw. dessen Vorgänger Navision. IT-Leiter Arne Deu erläutert die Hintergründe.

ITM: Herr Deu, in welchen Geschäftsfeldern ist Pfannenberg aktiv?
Arne Deu:
Unser Unternehmen ist spezialisiert auf die Produktion von Filterlüftern, Kühlgeräten, Heizungen und Thermostaten für die Schaltschrankklimatisierung sowie auf den Bereich der optischen und akustischen Signaltechnologie, der Hindernisbefeuerung und der Art Illumination. Dabei ist Pfannenberg eines der wenigen Unternehmen weltweit, welches das gesamte Programm der industriellen Klimatisierung selbst entwickelt und produziert und somit alles aus einer Hand liefern kann.

ITM: Sie fertigen alle Baugruppen selbst?
Deu:
Im Gegensatz zum gegenwärtigen Trend trafen die Verantwortlichen bei Pfannenberg an einem gewissen Zeitpunkt die Entscheidung, alle Produktbestandteile selbst zu fertigen. Zuvor war man den gleichen Weg wie viele andere Mittelständler gegangen, Vormaterialien wie Blech- und Kunststoffteile zunächst aus Osteuropa und später dann aus Asien zu beziehen. Davon verabschiedete man sich jedoch, weil zum einen die Qualität immer weiter nachließ und zum anderen die Transportwege immer länger wurden.

ITM: Wie viele Mitarbeiter beschäftigt die Pfannenberg Group und wo produzieren Sie?
Deu:
In der Hamburger Zentrale sind in Verwaltung und Produktion ca. 200 Mitarbeiter beschäftigt, weltweit sind es etwa 430. Neben der Fertigung hier vor Ort gibt es weitere Produktionsstätten in den USA, in China und Italien sowie zehn weitere Vertriebsniederlassungen weltweit, von denen aus wir die jeweiligen Regionen betreuen.

ITM: Klimatisierung ist wohl grundlegend jedem geläufig, was aber ist optisch-akustische Signaltechnologie?
Deu:
In der Industrie kommen unsere Signalgeber überall dort zum Einsatz, wo widrige Umwelt- oder Umgebungsbedingungen die gegenseitige Unterstützung akustischer und optischer Signale erfordern. In sehr lauter Umgebung ist eine Signalunterstützung durch Blitzleuchten sinnvoll, und auch die akustische Verstärkung optischer Signale kann in hellen Umgebungen sehr nützlich sein. Dabei sind unsere Produkte natürlich spritzwassergeschützt und entsprechen sämtlichen Qualitäts- und Sicherheitsnormen.

ITM: Wer sind sie Hauptabnehmer Ihrer Produkte – sowohl der Klimatisierungsprodukte als auch der Signalgeber?
Deu:
Wir verkaufen unsere Produkte weltweit, das Haupt- und Kerngeschäft machen wir jedoch in Europa. Die Kunden stammen u.a. aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Nahrungsmittel, Automotive, Verkehrstechnik, Gebäudeausrüstung, Medizintechnik, Energieerzeugung sowie aus der gesamten verarbeitenden Industrie.

Im Klimatisierungsbereich ist etwa Barilla einer unserer großen Kunden, die Signaltechnik wird z.B. am Hamburger Flughafen verbaut. Eines unserer Vorzeigeprojekte in Sachen Kunstbeleuchtung ist die dauerhafte Bestückung des Eiffelturms mit 20.000 Blitzleuchten, die das Bauwerk jeweils am französischen Nationalfeiertag illuminieren.

Dies ist natürlich ein Prestigeobjekt, bei dem es weniger um Margen als vielmehr um Sichtbarkeit geht. Im Bereich Art Illumination nutzen übrigens viele Künstler unsere Beleuchtungstechnik.

ITM: Sie produzieren zwar auch im Ausland, aber in Eigenregie: Ist „Made in Germany“ wieder ein gefragtes Gütesiegel?
Deu:
Es ist ein Qualitätsmerkmal, mit dem sich die Produkte besser verkaufen lassen. Wieder selbst zu produzieren, hatte jedoch einen weiteren Grund: Für uns ist es extrem wichtig, sehr flexibel auf Kundenanforderungen reagieren zu können. Wenn aber die Transportwege sehr lang sind und man sich zudem nicht darauf verlassen kann, dass sich der Ausschuss in einem akzeptablen Rahmen bewegt, wird die exakte Planung trotz funktionierender IT sehr erschwert.

ITM: Gutes Stichwort: Sie sind für das ERP-System und die IT verantwortlich. Seit wann sind Sie im Unternehmen?
Deu:
Wenn man so will, bin ich ein Rückkehrer. 2001 hatte ich hier in der IT angefangen, wechselte dann 2005 zu einem Hörgerätehersteller und kam 2011 zu Pfannenberg zurück. Seitdem leite ich die globale IT, die von diesem Standort aus gesteuert wird.

Zu meinem Hintergrund: Nach der Ausbildung zum Kommunikationselektroniker habe ich mich sehr schnell in Richtung IT und Prozessabläufe orientiert und kam dadurch selbstverständlich in engen Kontakt zu ERP-Systemen. Zwischen 2005 und 2011 leitete ich bei dem Hörgerätehersteller bereits internationale IT-Projekte, so dass ich mit der Erfahrung aus einem Konzern zurückkehrte.

ITM: Die Übernahme der Betreuung des ERP-Systems bei Pfannenberg war also nicht Ihr erstes großes IT-Projekt?
Deu:
Nein. Bereits zum Zeitpunkt meines Weggangs fand ein größeres ERP-Projekt statt. Wir nutzen ein ERP-System bei Pfannenberg im Schnitt zwischen sechs und acht Jahren und ersetzen es dann durch eine neuere Version, stellen im Zuge der Releasewechsel aber auch jedes Mal unsere Projektabläufe auf die Probe und überarbeiten sie. Damals war ich an der Einführung der neuen Version beteiligt, allerdings nicht im Projektführungsteam. Dieses Mal hingegen leitete ich das Projekt zusammen mit meinem Kollegen Sven Burmeister.

ITM: Verstehe ich Sie richtig, dass es sich bei den ERP-Projekten immer „nur“ um die Implementierung der neuesten Version desgleichen Produkts handelte?
Deu:
Grundsätzlich ja. Wir bewegen uns seit langem in der Microsoft-Welt, 2006 hieß das Produkt jedoch noch Navision, heute Dynamics NAV. Auch damals arbeiteten wir bereits mit unserem Systempartner Kumavison zusammen.

ITM:  Kann man die erwähnten Releasewechsel vergleichen?
Deu:
Noch vor zehn oder zwölf Jahren war ein ERP-System etwas, das man lokal einführte, um lokale Prozesse abzubilden. Dieses Mal haben wir das ERP-System bewusst so konzipiert, dass es global in allen Niederlassungen mit den gleichen Abläufen und Standards funktioniert. Folglich haben wir das System dann auch weltweit ausgerollt.

ITM: Sie setzen seit Jahren auf das gleiche Systemhaus. Warum?
Deu:
Wir arbeiten seit ca. 25 Jahren mit Kumavision zusammen und entwickeln unser ERP-System kontinuierlich weiter. Das heißt konkret, dass wir nicht bis zum Erscheinen des nächsten Releases warten, um Prozesse anzupassen.

Langjährige Partnerschaften sind uns im Übrigen sehr wichtig, weil man sich erst über Jahre besser kennenlernt und annähert. Gegenseitiges Verständnis für die Prozessabläufe und für das Vorgehen des anderen Unternehmens ist extrem hilfreich. Davon kann vor allem der Mittelstand zehren. Ich stelle bei der IT- und Hardware-Beschaffung immer wieder fest, dass man als Mittelständler, der an große IT-Konzerne herantritt, oftmals wie ein Spielball hin- und hergeworfen wird. Bei einer Partnerschaft von Mittelständler zu Mittelständler ist das natürlich wesentlich angenehmer.

Die Pfannenberg Group
Die Pfannenberg-Gruppe bietet weltweit Systeme für unterschiedlichste Aufgabenstellungen aus den Bereichen Maschinen- und Anlagenbau, Automotive, Verkehrstechnik, Gebäudeausrüstung, Medizintechnik, konventionelle und erneuerbare Energieerzeugung sowie für den gesamten Bereich der verarbeitenden Industrie. Pfannenberg ist spezialisiert auf Schaltschrankklimatisierung, Prozesskälte sowie Signaltechnologie, Hindernisbefeuerung und Art Illumination.
www.pfannenberg.com



ITM: Bedeutet Hardware-Beschaffung, dass Sie die IT komplett hier im Hause betreiben?
Deu:
Ja, die gesamte IT-Hardware und -Infrastruktur befindet sich hier im Hause. Wir verzichten bewusst auf gemieteten Platz im Rechenzentrum und haben die IT ebenso bewusst zentralisiert. In diesem Zusammenhang arbeiten wir viel mit Virtualisierungstechnologien.

ITM: Aus welchem Grund meiden Sie externe Rechenzentren?
Deu:
Es rechnet sich nicht unbedingt: Die Bandbreiten, die wir heute benötigen würden, um unsere IT in Rechenzentren zu betreiben, würde hier in Deutschland vielleicht noch ausreichen. Anders verhielte sich dies bereits in unserer italienischen Niederlassung: Dort sind die Mitarbeiter im Rahmen der Prozessautomatisierung darauf angewiesen, ihre Scanner mit unserem ERP-System kommunizieren zu lassen. In der Nähe von Parma eine Internetbandbreite von mehr als 3 MBit zu bekommen, gestaltet sich allerdings mehr als schwierig.

ITM: Es heißt doch immer, Deutschland hinke beim Thema Breitband so weit hinterher?
Deu:
Nein, aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es in deutschen Großstädten keine Probleme gibt. Wenn ich allerdings an unsere Niederlassung in Russland oder die Anbindung unserer Niederlassung in China denke, ist es in der Tat problematisch, in einem bezahlbaren Rahmen entsprechende Leitungen zu finden.

ITM: Was haben Sie also gemacht?
Deu:
Wir haben lokale Provider gefunden, die uns die Bandbreite so gut wie möglich bereitstellen. Und wir haben unsere Prozesse optimiert: Die Niederlassung in Italien beispielsweise, die auf Direktkommunikation mit dem ERP-System angewiesen ist, wurde – wie die anderen beiden Produktionsstätten auch – mit lokaler Hardware ausgestattet. Dies war die einzig bleibende Option.

ITM: Welche Rolle spielte das Thema Sicherheit für Sie? Die Cloud- bzw. Hosting-Anbieter betonen doch stets, sie könnten die Sicherheit viel besser gewährleisten als ein Mittelständler im Keller.
Deu:
Die Cloud wurde bei uns immer auch unter Sicherheitsaspekten betrachtet. Genau aus diesen Sicherheitserwägungen heraus ist sie jedoch noch keine Option. Für uns ist es immer noch die sicherste Variante, die Daten im eigenen Hause zu halten – was ich übrigens häufig von mittelständischen Kollegen höre. Allerdings sollte man sich nicht der Illusion hingeben, die Daten seien im eigenen Keller absolut sicher.

ITM: Man findet sich also damit ab, dass mit der entsprechenden kriminellen Energie der Datenzugriff möglich ist?
Deu:
Wir investieren einiges an Geld in unsere Firewall- und Antiviren-Lösungen, um die Datenkanäle sicherer zu machen. Darüber hinaus haben wir intensiv an Konzepten gearbeitet, um unsere Hardware zu standardisieren. Und wir haben ein Lifecycle-Konzept implementiert, in dessen Rahmen wir unsere Hard- und Software in regelmäßigen Abständen austauschen, um immer auf dem aktuellsten Stand zu sein und die neuesten Sicherheitsstandards nutzen zu können. Hier wird also einiges in IT investiert, was gut ist, weil es uns flexibel hält. Ganz gefeit gegen Attacken ist man aber sicherlich nie.

ITM: Von vielen amerikanischen Produkten weiß man zudem, dass sie nach Hause funken...
Deu:
Das ist richtig. Vor einigen Jahren erwogen wir, die chinesische Niederlassung in unser Netzwerk einzubinden. Damals war es eine alleinstehende Infrastruktur, wobei wir es zunächst auch beließen, weil uns das Sicherheitsrisiko aufgrund häufiger Angriffe seitens chinesischer Hacker zu hoch schien. Ein Jahr später relativierte sich unsere ursprüngliche Meinung zu dem Thema Netzwerkeinbindung der chinesischen Niederlassung infolge der NSA-Affäre dann allerdings sehr. Das Gefühl der Sicherheit wurde empfindlich gestört. Man sieht die Welt der Sicherheitsmechanismen von einer anderen Seite, wenn man weiß, dass man sich zwar grundsätzlich schützen kann, aber nie zu einhundert Prozent.

ITM: Zurück zum ERP-System: Sie nehmen auch außerhalb der Releasezyklen ständig Anpassungen vor?
Deu:
Für uns ist Dynamik sehr wichtig, was ein entscheidendes Kriterium für Navision bzw. Dynamics NAV war und ist. Systeme wie SAP sind in meinen Augen doch sehr „anpassungsträge“, man muss seine Prozesse weitgehend an die Software anpassen. Wir hingegen benötigen ein System, mit dem wir dynamisch an unseren Prozessen arbeiten können.

Bereits im Rahmen der ersten ERP-Implementierung wurden in allen Abteilungen Key-User definiert. Diese Mitarbeiter verbrachten die Hälfte ihrer Arbeitszeit damit, ihre Prozesse und Spezifikationen sauber zu beschreiben. Dieses Konstrukt wurde nach der Implementierung nie zurückgefahren und existiert weiterhin. Die Key-User auditieren regelmäßig ihre Prozesse, schauen, ob diese überhaupt angewendet werden, und suchen nach Verbesserungspotential. Sie reagieren auf dynamische Anforderungen, wenn beispielsweise neue Produkte auf den Markt gebracht werden.

Darüber hinaus muss man im ERP-System gegebenenfalls auch andere IT-Umgebungen einbinden und abbilden können. Dies gilt insbesondere im Zeitalter von Industrie 4.0.

ITM: Heißt das im Umkehrschluss, dass Sie sich durch die Anpassungen an Dynamics mehr als die vielzitierten 20 Prozent vom Standard der Software entfernt haben?
Deu:
Wir sind, glaube ich, keine Ausnahme für einen Mittelständler, der sich irgendwann einmal auf die Fahne geschrieben hat, so nah wie möglich am Standard bleiben zu wollen. Hinterher stellt man dann meist fest, dass es so einfach dann doch nicht ist. Mittlerweile hat sich das Konzept ein wenig verändert: Wir versuchen, den Kern des ERP-Systems nicht zu verbiegen, sondern mit Add-on-Programmierung und Automatisierung zu arbeiten, die der Software hinzugefügt wird. Die Systemlogik der ERP-Software wollen wir nicht modifizieren. Aber: Unsere Prozessanpassungen sind zwingend notwendig.

ITM: Weil Sie sonst austauschbar wären?
Deu:
Und vor allem, weil wir dadurch unsere Prozesse optimieren und die zur Verfügung stehenden Ressourcen effizienter nutzen können.

ITM: Was sind das üblicherweise für Anpassungen?
Deu:
Der Vertrieb trug z.B. die Anforderung an uns heran, über eine Schnittstelle mit unseren Kunden elektronisch Rechnungsdaten austauschen zu können. Dafür existieren zwar gewisse Standards, viele unserer Kunde nutzen jedoch verschiedene dieser Standards.

Außerdem reichern wir ausgehende Dokumente mittlerweile mit Informationen an, die weit über den Microsoft-Standard hinausgehen. Ein Beispiel: In unseren Auftragsbestätigungen geben wir anstelle des Warenausgangs die kalkulierten Lieferzeiten an. Diese zusätzlichen Informationen müssen mittransportiert werden, wofür der reine Standard nicht reicht.

Diese Anforderung mündet dann in einem Projekt, in dem wir gemeinsam mit den Beratern die technischen Möglichkeiten erörtern. Zusätzlich nehmen wir die ERP-Spezialisten unserer Kunden mit ins Boot und schreiben gemeinsam die Spezifikationen, bevor man sie implementiert.

ITM: Die angesprochenen Releasewechsel werden dadurch aber aufwendiger, als wenn man sich nahe am Standard bewegt?
Deu:
Wenn man ein System wie Dynamics NAV bewusst wählt, weil es dynamisch anpassbar ist, und dann mit einem Business- Solution-Partner zusammenarbeitet, der seine eigenen Modifikationen als Module zur Verfügung stellt, ist es in meinen Augen utopisch, daran zu glauben, dass man bei einem Releasewechsel nicht wieder von vorne anfangen müsste.

ITM: Zögern Sie Releasewechsel deshalb bewusst hinaus? Wenn ja, wie passt das damit zusammen, dass Sie Ihre Prozesse kontinuierlich anpassen?
Deu:
Wir befinden uns noch auf dem 2009er R2-Release, mittlerweile kommt Release 2015. Zu der Frage: Wir lassen Releasesprünge bewusst aus, weil es in der Tat zu viel Geld verschlänge, die bei uns erfolgten Modifikationen jedes Mal erneut im System abzubilden. Zudem sorgt Microsofts Politik, ständig Änderungen auch an den Kernfunktionen ihres ERP-System vorzunehmen, dafür, dass selbst die Business-Solution-Partner Probleme haben, mit ihren Modulen Schritt zu halten.

Es kam für uns folglich gar nicht infrage, jeden Release-sprung mitzumachen. Wir bauen auf ein Release und wissen, dass wir gewisse Vereinfachungen und Automatismen aus der jeweils aktuellsten ERP-Version zu einem gewissen Zeitpunkt vielleicht nicht nutzen können. Aber es ist für einen Mittelständler einfach ein viel zu großer Kraftakt, diese Releasewechsel ständig mitzumachen. Insofern nehmen wir es in Kauf, mit einem Releasestand sechs bis acht Jahre zu leben...

ITM: Gab es denn – auch nach Ihrer Rückkehr – niemals die Überlegung, sich auch andere Produkte anzuschauen?
Deu:
Grundsätzlich schon. Auf Basis dessen, was wir damals nutzten, schrieben wir eine Spezifikation. In diesem Rahmen evaluierten wir auch, ob es sinnvoll wäre, einen anderen Systempartner als Kumavision zu wählen, und haben uns in der Folge zwei, drei Microsoft-Partner angeschaut.

Die Hürde erschien uns jedoch zu hoch. Gerade im ERP-Sektor ist es sehr schwierig, Partner zu finden, die in Prozessen denken und nicht ständig versuchen, den Anwendern neue Module und Standards zu verkaufen. Die Partnerfrage stellte sich somit, die positiven Aspekte der langen Zusammenarbeit überwogen jedoch deutlich.

ITM: Andere Systeme kamen grundsätzlich nicht infrage?
Deu:
Die Entscheidung für ein ERP-System basierend auf Dynamics stand, weil sonst die Suche nach dem passenden Partner wegen fehlender Vergleichbarkeit schwierig geworden wäre. SAP stand einmal kurz im Raum, allerdings waren die Lizenzkosten gegenüber Dynamics NAV deutlich höher. Derzeit bezahlen wir regelmäßig Update-Gebühren, bei SAP hingegen wäre eine komplette Neulizenzierung fällig gewesen, das Investitionsvolumen wäre deutlich höher ausgefallen.

Wahrscheinlich wird beim nächsten NAV-Release eher die Frage relevant sein, ob das System für die Unternehmensgröße, die wir dann vielleicht erreicht haben werden, hinsichtlich der Prozessabläufe noch passt. Dann müsste man in Richtung Axapta denken.

ITM: Können Sie die Mehrkosten für die Neulizenzierung beziffern?
Deu:
Wir versuchen immer zu kaufen anstatt zu mieten oder zu leasen. Wären wir auf ein anderes System umgestiegen, hätten wir die Lizenzen komplett neu kaufen müssen und die NAV-Lizenzen wären verfallen. Das wären alleine 200.000 Euro gewesen, die wir hätten abschreiben können.

ITM: Interessant ist, dass Sie lieber kaufen als zu mieten oder zu leasen. Die IT-Anbieter rufen mit ihren Cloud-Angeboten den gegenteiligen Trend aus. Sie versprechen mehr Skalierbarkeit und Flexibilität. Inwieweit beschäftigen Sie sich mit solchen Dingen?
Deu:
Man beschäftigt sich automatisch damit. Alleine schon deshalb, weil Microsoft seine Lizenzpolitik gerade ändert und man als Anwender um Office 365 nicht mehr wirklich herumkommt. Adobe hat es vorgemacht und bietet nur noch cloud-basierte Lizenzen an – das macht Schule.

Nichtsdestotrotz: Die versprochene Flexibilität sehe ich nicht, weil eine Cloud-Lösung allen Mitarbeitern gerecht werden muss. Und Prozessanpassungen, die gerade bei Mittelständlern dafür sorgen, den entscheidenden Prozentsatz besser zu sein als ein globaler Anbieter, lassen sich deutlich besser mit einem lokal installierten ERP-System umsetzen. Mit einem weitgehend standardisierten Cloud-System wäre man funktional doch sehr eingeschränkt.

Übrigens wissen wir, wovon wir reden, denn wir nutzen mit Salesforce eine CRM-Cloud-Software. Hauptsächlich deshalb, weil es zum Zeitpunkt der Implementierung für unsere globalen Anforderungen keine bessere Lösung gab. Somit erleben wir tagtäglich, was Cloud bedeutet. Und richtig glücklich sind wir damit nicht...

ITM: Was genau fehlt Ihnen in der Cloud?
Deu:
In der Cloud existiert eine gewisse Dynamik, die man nutzen kann. Es gibt z.B. sehr viele Möglichkeiten der Administration. Für uns verursacht es jedoch einen ziemlichen Aufwand, die Software so zu administrieren und einzustellen, wie wir sie für den jeweiligen Anwendungsfall benötigen.

Nebenbei haben wir damit zu kämpfen, dass Salesforce gelegentlich Updates in sein System einspielt, die mit einigen unserer Einstellungen nicht gänzlich kompatibel sind, gegen die wir uns jedoch auch nicht wehren können. Also müssen wir nachjustieren. Anders als bei unserem ERP-System können wir in der Cloud nicht sagen, dass wir ein Release lieber überspringen würden.

ITM: Würde es sich in dem beschriebenen Fall nicht anbieten, auf Microsoft CRM zu setzen – einfach, um bei einem Anbieter zu bleiben?
Deu:
Zum einen liegt die Entscheidung zugunsten von Salesforce schon länger zurück. Zum anderen hat die Historie von Microsoft CRM mit der von Dynamics NAV nicht viel zu tun – und noch heute ist die Produktinte-gration Microsofts größtes Problem.

Bei dem Roll-out unseres ERP-Systems haben wir auch eine große Überraschung erlebt: Aus Performance-Gründen hatten wir unternehmensweit die 64-Bit-Version von Office verteilt. Als wir dann die damals neueste Version von NAV installieren wollten, wurden wir von Microsoft darüber unterrichtet, dass beide Programme nicht kompatibel sind.

ITM: Wie reagiert man da?
Deu:
Wir sind dann zurück auf die 32-Bit-Version gegangen, was von den Lizenzkosten her kein Problem darstellte. Und da wir mit Software-Verteilung arbeiten, hielt sich der Aufwand letztlich auch in Grenzen. Trotzdem blieb komplettes Unverständnis, weil ein Softwarehaus von der Größe Microsofts gewährleisten sollte, dass man zumindest innerhalb des eigenen Produktportfolios in einer akzeptablen Zeit genügend Integration leistet. Das jedoch ist mit dem ERP-System nicht passiert.

Nebenbei: Dies spielte sich 2011 ab – und ist zumindest für unseren Releasestand immer noch nicht behoben.

ITM: Welche weiteren Peripherie-Systeme haben Sie neben Salesforce um das ERP-System herum implementiert?
Deu:
Wir versuchen, größtenteils mit den Software-Bordmitteln zu arbeiten. Wenn man sich einmal für einen Anbieter wie Microsoft entschieden hat, sollte man in meinen Augen nach Möglichkeit dessen Umgebungslandschaft nutzen. Das sind bei uns Microsoft Lync und selbstverständlich Exchange-Server. Zudem ist Sharepoint unsere Kommunikationsplattform Nummer eins, gerade weil wir großen Abstimmungsbedarf mit den ausländischen Niederlassungen haben. Vor diesem Hintergrund ist Sharepoint in den letzten Jahren immer wichtiger gewordenen.

Wir nutzen außerdem die Virtualisierungslösung von Vmware, zudem Citrix zur Virtualisierung der Desktops. Alle Vertriebsniederlassungen besitzen keine eigenen Serverlandschaften mehr, die Mitarbeiter dort arbeiten komplett über virtuelle Systeme unseres Hamburger Rechenzentrums. Nur unsere ausländischen Produktionsstätten besitzen, wie gesagt, eigene Hardware, auf der jeweils das ERP-System lokal installiert ist – wobei der gesamte Quellcode mittlerweile standardisiert ist.

ITM: Sie sprachen das Thema Industrie 4.0 an. Wo sehen Sie konkrete Ansatzpunkte für Mittelständler?
Deu:
Industrie 4.0 ist thematisch ein sehr weites Feld, das immer wichtiger wird. Bezüglich der konkreten Umsetzung geht es zunächst um die Vernetzung mit anderen Mittelständlern und Konzernen. Dazu ist der Dialog sowohl mit Kunden als auch Lieferanten entscheidend, weswegen wir bereits Workshops in unserem Hause veranstalten. In diesen Workshops taucht der Begriff Industrie 4.0 immer wieder und immer häufiger auf. Zudem streben wir die Zusammenarbeit mit Universitäten an. So stehen wir in Kontakt mit einer Hochschule in Kiel, die sich im Rahmen von Industrie 4.0 sehr intensiv mit RFID-Technologie beschäftigt.
Natürlich machen wir uns auch Gedanken darüber, was Industrie 4.0 für unsere Produktentwicklung bedeutet. Aus IT-Sicht lautet die spannendste Frage, welche Kommunikationsstandards Industrie 4.0 überhaupt erst möglich machen werden. Ich denke, dass die Beschreibung dieser Standards dann zeigen wird, was Industrie 4.0 für die eigenen Produkte, aber auch für die dahinterstehenden Business-Modelle bedeutet.

ITM: Sie sprachen konkret RFID in Zusammenhang mit Industrie 4.0 an. Die Technologie ist ja nun nicht neu?
Deu:
Wir verkaufen unsere Kühlgeräte an Distributoren, die sie weiter an die Endkunden verkaufen. Folglich wissen wir meist nicht, wo sich unsere Geräte befinden. Für uns wäre es also von Interesse, zu wissen, wo die Geräte stehen. Wenn die sich mit dem Internet verbinden könnten, wüssten wir zum einen den Standort und könnten den Endkunden zudem verschiedene Serviceleistungen wie vorausschauende Wartung anbieten. All das ist technisch denkbar und möglich, weil die bei uns verbauten Controller natürlich in der Lage sind, Daten zu speichern sowie Ausfälle oder Ungenauigkeiten zu kommunizieren.

Deswegen sprach ich eben die Kommunikationsstandards an, die geschaffen werden müssen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass uns die USA bei diesem Thema überholen, weil die sich beispielsweise über Datenschutz wesentlich weniger Gedanken machen.

ITM: Datenschutz als Hemmschuh in Deutschland?
Deu:
Es ist einerseits ein Hemmschuh hierzulande, andererseits kann ich die in den USA üblichen Wildwest-Methoden auch nicht unbedingt gutheißen. Es wäre schön, wenn man einen globalen Standard schaffen könnte, der fairen Wettbewerb ermöglicht. Dann könnten wir darüber nachdenken, welche Daten wir über unsere Produkte sammeln, um sie zu optimieren. Es gibt viele denkbare Szenarien, aber solange die Rahmenbedingungen nicht klar sind, ist es schwierig, konkrete Ergebnisse und Ideen zu entwickeln.

ITM: Für Services wie vorausschauende Wartung reicht eine integrierte SIM-Karte. Geht es bei Industrie 4.0 aber nicht um mehr, nämlich die bessere Verzahnung der Produktionsprozesse?
Deu:
Sicher. Gerade in der Automotive-Industrie ist es essentiell, dass die Prozesse ineinandergreifen. Ziel ist es dort, die Prozessabläufe in Fabriken derart zu steuern, dass das Ergebnis sehr chaotisch und dynamisch ist. Es geht darum, Produktionsprozesse derart abzustimmen, dass bestimmte Schritte, wenn nötig, auch einmal in umgekehrter Reihenfolge erfolgen können.

Das ist grundsätzlich eine sehr gute Idee. Doch gerade Unternehmen wie wir, die sehr viel Energie in die Gestaltung ihrer ERP-Prozesse investieren, müssen nach dem Sinn fragen. Denn die Daten, die wir brauchen, um unsere Produktionsprozesse dynamisch anzupassen, befinden sich im ERP-System. Wofür müssen wir unsere Geräte dann noch mit RFID-Chips ausstatten, um sie durch die Produktion zu steuern, wenn eine andere Datenquelle längst verfügbar ist? Müssen unsere Maschinen miteinander kommunizieren oder reicht es, wenn das ERP-System auf die Gegebenheiten im Produktionsprozess reagieren kann?

Wahrscheinlich ist die Analyse der Geräteeinsatzdaten inklusive der daraus resultierenden Rückschlüsse für die Optimierung unserer Produkte deutlich attraktiver für uns, als über die eigene Fertigung nachzudenken. Das verhält sich im Automotive-Bereich natürlich anders, wo es infolge der gesamten Automatisierung wesentlich interessanter ist, auf einen ausgefallenen Roboter zu reagieren und Produktionsprozesse dynamisch umzuleiten.

ITM: Was ist das nächste größere IT-Projekt, das neben dem Releasewechsel auf Version 2015 ansteht?
Deu:
Ein Manko im Mittelstand besteht meiner Meinung nach darin, dass die im ERP-System vorhandenen Daten nur zu geringen Prozentsätzen genutzt werden, um Optimierungen anzustoßen. Big Data bzw. Business Intelligence werden wir daher definitiv angehen. Der erste Schritt in diese Richtung ist die Konsolidierung der ERP-Daten und die Errichtung eines zentralen Data Warehouse, um entsprechende Analysen fahren zu können.

ITM: Wie anspruchsvoll ist es, die Daten aus allen Produktionsstätten zusammenzuführen?
Deu:
Ein positiver Aspekt, den wir im Rahmen des letzten ERP-Projektes erreicht haben, ist die Vereinheitlichung unserer Prozessabläufe. Etwas, das viele scheuen, weil es vielfach um Zuständigkeiten und Entscheidungswege geht und weil viele Mittelständler mit im Ausland verstreuten Niederlassungen hohen Kommunikationsaufwand haben, der wiederum den Aufbau einheitlicher Prozesslandschaften erschwert.

Sind die Datenstrukturen jedoch einmal standardisiert, gestaltet sich die Konsolidierung der Daten viel einfacher – der eigentliche Aufwand hatte ja zuvor stattgefunden. Derzeit arbeiten wir intensiv an der Datenzusammenzuführung und -konsolidierung, um entsprechende Reporting-Strukturen und KPIs definieren zu können.

ITM: Wie weit kommt man bei Big Data mit ERP-Bordmitteln?
Deu:
Letztlich basiert jedes Dynamics-System auf der relationalen Datenbank Microsoft SQL, die genügend Mittel zur Umsetzung von Big Data bereitstellt. Es gibt spezialisierte Anbieter, die fertige Cubes für Dynamics anbieten und damit werben, nur eine halbe Stunde hier im Hause zu benötigen, um die Daten zu konsolidieren.

Das mag bis zu einem gewissen Grade stimmen und man erhält eine ganze Menge Daten, aber: Wer garantiert deren Richtigkeit? Prüfen muss man sie trotzdem.

Von der Prozessseite ist es daher wesentlich effektiver, weil wir unsere Abläufe kennen und wissen, welche Daten wir produzieren und welche Schlüsse wir aus ihnen ziehen können. Also versuchen wir doch erst einmal, die Daten mit den bereitstehenden Bordmitteln in einem Data Warehouse zusammenzuführen.

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