Produktionsprozesse modernisieren

ERP-System für Industrie 4.0

Im ERP-System laufen alle Fäden zusammen. Welche Auswirkungen dies auf die Realisierung von Industrie 4.0-Szenarien hat, erläutert Thorsten Reuper, Chief Technology Officer bei Asseco Solution, im Interview.

Thorsten Reuper, Asseco Solution

„Das ERP-System agiert als die zentrale Informationsdrehscheibe in der smarten Fabrik", weiß Thorsten Reuper.

ITM: Herr Reuper, welche Rolle spielt das ERP-System bei der Realisierung von Industrie 4.0?
Thorsten Reuper:
Das ERP-System bildet den informationstechnischen Kern einer Industrie-4.0-Implementation. Es verbindet den Geschäftsbereich mit dem Shopfloor und sorgt für eine nahtlose, automatisierte Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette – inklusive Anbindung von Lieferantensystemen, Produktionsanlagen und im Bereich „vorausschauende Wartung“ sogar der ausgelieferten Produkte beim Endkunden. Im ERP-System laufen alle Fäden zusammen.

ITM: Welche Voraussetzungen muss ein ERP-System erfüllen, um moderne Produktionsprozesse zu unterstützen?
Reuper:
Die smarte Fabrik zeichnet sich durch automatisierte, hocheffiziente Abläufe aus, in denen alle beteiligten Komponenten optimal zusammenspielen müssen – wie Zahnräder in einem Uhrwerk. Für ein ERP-System genügt es daher nicht, lediglich vereinzelte Funktionalitäten für Industrie 4.0 bereitzustellen. Eine ERP-Lösung für die smarte Fabrik muss bis in den Kern auf diese hohen Leistungsanforderungen ausgelegt sein, auf Software- wie auf Architekturebene.

ITM: Sind die derzeit von mittelständischen Betrieben im Einsatz befindlichen Systeme darauf vorbereitet? Wo sind Veränderungen/Updates notwendig?
Reuper: Das größte Problem ist derzeit sicherlich die Hardware-Ebene. Denn in der Regel verfügt ein Unternehmen bereits über einen vorhandenen Maschinenpark, doch dieser umfasst nur in den seltensten Fällen smarte, Industrie-4.0-fähige Maschinen. Der Austausch des gesamten Maschinenparks ist selbstverständlich keine Option. Hier müssen die Anbieter ihren Kunden vielmehr Möglichkeiten bieten, auch ältere Maschinen in die vernetzten Produktionsprozesse einzubinden – zum Beispiel durch smarte Sensoren oder spezielle sowie punktuelle Hardware-Erweiterungen.

ITM: Was muss im Hinblick auf Sicherheitsanforderungen beachtet werden?
Reuper:
Die Forderung nach hoher Dezentralität macht es ganz unvermeidlich, dass teilweise hochsensible Daten und geistiges Eigentum an den Maschinen selbst – und damit außerhalb des klassischen Sicherheitsbereichs der Unternehmens-IT – gesammelt und genutzt werden. Entsprechend kann es hundertprozentige Sicherheit nie geben. Unternehmen müssen Sicherheit in der smarten Fabrik daher vielmehr als Risikoabwägung verstehen und die Hürden für Angriffe so hoch wie möglich legen: Denn ist der Aufwand, an die gewünschten Daten heranzukommen, für Cyberkriminelle zu hoch, wird das Ziel schnell unrentabel.

ITM: Welche Funktionen übernimmt das ERP im Rahmen von Industrie 4.0?
Reuper: Auch in der smarten Fabrik übernehmen ERP-Systeme weiterhin indirekt und direkt die Rolle des Empfängers, Aufbereiters und Senders innerhalb der Produktionsprozesse – und dies über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg, über alle notwendigen Liefer- und Prozessketten in allen Werken, von der Fertigung bis hin zum Service. Das ERP-System agiert damit als die zentrale Informationsdrehscheibe in der smarten Fabrik.

ITM: Sind im Zuge der Verbreitung von Industrie 4.0, ERP und MES überhaupt noch Systemgrenzen zu identifizieren?
Reuper: Durch die immer engere Integration von Planungs- und Fertigungsebene werden die Grenzen tatsächlich zunehmend fließend – und müssen dies auch werden. Denn für eine erfolgreiche smarte Produktion muss eine Maschine über mehr als nur Menge oder Ausschuss mit dem MES-System kommunizieren. Auch Auftragsdaten wie Arbeitsablauf und Vorgabewerte für die Weiterverarbeitung eines Werkstücks sowie Informationen zu vorhandenen Materialien müssen automatisiert im Fertigungsprozess zur Verfügung stehen – und dies fällt wiederum in den Zuständigkeitsbereich des ERP-Systems.

ITM: Wie steht es um Schnittstellen? Worauf müssen Mittelständler achten?
Reuper: Da Industrie 4.0 auf eine möglichst durchgängige Abbildung des gesamten Fertigungs- und Wertschöpfungsprozesses abzielt, steigt die Zahl der Drittsysteme, die an das zentrale ERP-System angebunden werden müssen, stetig an. Und damit auch der Wartungsaufwand: Denn Änderungen an einem der Drittsysteme ziehen häufig auch Änderungen am ERP-System selbst oder der verbindenden Schnittstelle nach sich. Ideal wären daher Lösungen, die mithilfe universeller Kommunikatoren den Datenaustausch zwischen Dritt- und ERP-Systemen datenstrukturunabhängig übernehmen und somit die Programmierung und Wartung individueller Schnittstellen überflüssig machen.

ITM: Wie sehen Sie die Zukunft von ERP 4.0?
Reuper:
Industrie 4.0 sorgt nicht nur für Umbruch in den Produktionshallen – auch die ERP-Systeme selbst müssen sich wandeln. Leistung wird zu einem zentralen Kriterium werden, denn die enormen Datenmengen, die eine smarte Fabrik produziert, müssen auch in Zukunft schnell und effizient bewältigt werden. Dazu muss eine ERP-Lösung sowohl auf Software- als auch auf Architekturebene auf Industrie 4.0 zugeschnitten sein. Andernfalls laufen die Systeme Gefahr, selbst zum „limitierenden Faktor“ in der smarten Fabrik zu werden.

ITM: Welche Tipps geben Sie Mittelständlern generell in Bezug auf die Kombination von ERP und Industrie 4.0?
Reuper:
Falls Unternehmen unentschlossen sind, ob sie nun die Investition in Industrie-4.0-Technologie wagen sollten oder nicht, empfiehlt es sich vielleicht, in einem überschaubareren Bereich mit der Einführung der vernetzten Technologie zu beginnen, etwa im Service-Bereich. Dort können dann Erfahrungen gesammelt und vielleicht schon der Grundstein gelegt werden für eine Umstellung der Produktion. Darüber hinaus sollte eine ERP-Lösung gewählt werden, die in der Lage ist, auch nicht intelligente Maschinen und damit idealerweise den bestehenden Maschinenpark in die smarte Fabrik mit einzubinden – dadurch lassen sich Investitionsaufwand und -kosten noch einmal senken.

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