Verknüpfung von Unternehmensbereichen

ERP-Systeme: Mehr Flexibilität notwendig

Warum die Flexibilität eines ERP-Systems entscheidend ist, und welche Rolle es in Industrie-4.0-Szenarien spielt, berichtet Frank Termer, Software-Experten des Bitkom, im Interview

Frank Termer, Bitkom

„Da jedes ERP-System offene Schnittstellen besitzt, sollte es nach außen hin gut geschützt sein und eine sichere Kommunikation mit den angeschlossenen Systemen ermöglichen", rät Frank Termer.

ITM: Herr Termer, welche Rolle spielt das ERP-System bei der Realisierung von Industrie 4.0
Frank Termer:
Das ERP-System verbindet sämtliche Business-Software-Anwendungen innerhalb von Unternehmen und über Unternehmensgrenzen hinweg. Damit spielt ERP eine zentrale, aktive Rolle bei der Umsetzung der Industrie 4.0. Das ERP-System verknüpft die unterschiedlichsten Bereiche, von der „Connected World“ mit den „Smart Objects“ und Manufacturing Execution Systemen (MES) über den Shop-Floor bis hin zu den Sensoren und Aktoren der eingebundenen Maschinen.

ITM: Welche Voraussetzungen muss ein ERP-System erfüllen, um moderne Produktionsprozesse zu unterstützen?
Termer:
Wichtigstes Merkmal ist die Flexibilität des ERP-Systems. Die Geschäfte der Unternehmen werden immer globaler und internationaler. Gleichzeitig werden die Geschäftsbeziehungen immer individueller. Das erfordert eine hohe Flexibilität der eingesetzten betriebswirtschaftlichen Lösungen. Durch eine entsprechende Architektur kann das ERP-System die Anforderung nach hoher Flexibilität erfüllen. Trends sind hier: höhere Modularität des ERP-Systems, Serviceorientierung der einzelnen Funktionen, Unterstützung mobiler Endgeräte, verbesserte Usability und eben auch die Offenheit von Schnittstellen.

ITM: Sind die derzeit von mittelständischen Betrieben im Einsatz befindlichen Systeme darauf vorbereitet? Wo sind Veränderungen oder Updates notwendig?
Termer: Da viele unterschiedliche ERP-Systeme im Einsatz sind, ist es schwierig, eine allgemeingültige Antwort zu geben. Jedes ERP-System ist an die spezifischen Gegebenheiten des Unternehmens angepasst. Ob Veränderungen oder Updates nötig sind, sollte jedes Unternehmen im Einzelfall prüfen und mit dem Hersteller zusammen besprechen.

Was muss im Hinblick auf Sicherheitsanforderungen beachtet werden
Termer: Da jedes ERP-System offene Schnittstellen besitzt, sollte es nach außen hin gut geschützt sein und eine sichere Kommunikation mit den angeschlossenen Systemen ermöglichen. Die Systeme erfassen immer mehr Daten und verarbeiten sie, so dass auch die Anforderungen an Datensicherheit und Datenschutz steigen. Themen wie Governance-, Risk- und Compliancemanagement sind im diesem Kontext ebenfalls relevant.

ITM: Welche Funktionen übernimmt das ERP im Rahmen von Industrie 4.0?
Termer:
Welche genauen Funktionen das ERP-System im Rahmen von Industrie 4.0 übernimmt, wird sich in Zukunft konkret zeigen. Es sind aber viele verschiedene Szenarien denkbar:

  • Das ERP-System stellt den zentralen Punkt für alle Daten im Szenario Industrie 4.0 bereit. Es sorgt für die Filterung, Klassifizierung und Weitergabe von Daten an die entsprechenden Systeme und liefert zusätzliche (semantische) Informationen, um Daten interpretieren zu können.
  • Das ERP-System integriert alle anderen Business-Anwendungen und koordiniert deren Zusammenspiel je nach Geschäftslogik.
  • Das ERP-System stellt die zentrale Austauschplattform (Middleware) zur Verfügung, um Daten zu transportieren, zu speichern, zu aggregieren und zu selektieren.
  • Das ERP-System wird die zentrale Planungsinstanz für Industrie 4.0 werden, um Unternehmensressourcen zu planen und zu steuern.
  • Das ERP-System liefert die betriebswirtschaftliche Komponente im Szenario Industrie 4.0, in dem eine Verbindung zwischen Warenfluss der Produktion und dem Wertefluss (Finanzen) geschaffen wird.
  • Das ERP-System stellt die Schnittstelle zum Kunden und dessen Aufträgen dar und ist somit die zwingende Voraussetzung für die Produktion und damit auch für Industrie 4.0.

ITM: Sind im Zuge der Verbreitung von Industrie 4.0, ERP und MES überhaupt noch Systemgrenzen zu identifizieren?
Termer:
Nach innen gerichtet, also im Hinblick auf die System-Architektur, wird man auch künftig sicherlich noch Systemgrenzen erkennen können. Nach außen gerichtet, im Zusammenhang mit der Nutzung des Systems, könnten sich solche Grenzen aber nach und nach auflösen. In jedem Fall sind sowohl ERP als auch MES weiterhin nötig, um die Industrie 4.0 umzusetzen. Ein denkbares Szenario ist, dass ERP-Systeme um Funktionalitäten von MES erweitert werden oder dass – genau umgekehrt – MES einige Funktionen von ERP übernimmt. Um alle benötigten Funktionen abdecken zu können, kann es aber auch in Zukunft weiterhin Schnittstellen zwischen diesen Systemen geben.

ITM: Wie steht es um Schnittstellen? Worauf müssen Mittelständler achten?
Termer:
Zurzeit gibt es noch keine standardisierten Schnittstellen für die Systeme und das wird in absehbarer Zeit wahrscheinlich erst einmal so bleiben. Deshalb entwickeln die Hersteller momentan viele individuelle Lösungen. Diese sollten weiterhin möglichst offen und damit zukunftsfähig sein.

ITM: Welche Tipps geben Sie Mittelständlern generell in Bezug auf die Kombination von ERP und Industrie 4.0?
Termer:
Die Unternehmen sollten aktuelle Entwicklung aktiv mitverfolgen und auch mitgestalten. Nur so haben sie die Chance, dass das eigene ERP-System zeitgemäß und für die Zukunft gewappnet bleibt. Wenn das Unternehmen sein ERP-System zusammen mit dem Anbieter Schritt für Schritt an aktuelle Entwicklungen anpasst, steht der Umsetzung der Industrie 4.0 nichts mehr im Wege.

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