Buchvorstellung "Mythos Fachkräftemangel"

Fachkräftemangel - das selbstverschuldete Problem

Hohe Arbeitslosigkeit, zugleich aber die Dauerklage vom Fachkräftemangel. Was läuft falsch? In einem Buch "Mythos Fachkräftemangel" analysiert Martin Gaedt, wie Wirtschaft und Gesellschaft beides zugleich produzieren.

Martin Gaedt

Manchmal boykottieren sich Unternehmen selbst, zum Beispiel mit einer Stellenanzeige. Gesucht wird ein Admin mit, der unter anderem "exzellentes Wissen und Erfahrung im Bereich der Microsoft Client/Server Betriebssysteme und Applikationen sowie grundlegende ITIL-Kenntnisse" mitbringen solle.

Bereits diese in Anforderungen werden auf den Gesichtern potentieller Bewerber viele Fragenzeichen hinterlassen. Welche Nachweise sind nötig? Offizielle Zertifikate? Wenn ja, welche? Oder reicht praktische Erfahrung? Welche Microsoft-Systeme sind gemeint. Kann sich auch jemand bewerben, der zum Beispiel Exchange und Sharepoint administriert hat, Lync aber nicht?

Bewerber abschrecken, statt anziehen

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich auf eine solche recht unklare Anzeige keine oder nur sehr wenige Leute melden. Ebenfalls sehr abschreckend für Bewerber sind Anzeigen, die das genaue Gegenteil versuchen und praktisch jedes aktuell diskutierte IT-Kürzel in ein paar Zeilen hineinquetschen.

An solchen Stellenanzeigen zeigt sich, dass sich die Unternehmen nicht genug Mühe geben und reihenweise Bewerber in die Flucht schlagen. Dies sind aber häufig zugleich die Unternehmen, die über grassierenden Fachkräftemangel klagen.

"Ganz ehrlich? Wer unter Fachkräftemangel leidet, ist selber schuld!" meint der Berliner Unternehmer und Sachbuchautor Martin Gaedt. In seinem aktuellen Buch "Mythos Fachkräftemangel" nimmt er das Dauerthema aus vielen Perspektiven in den Blick.

Er stellt fest: "Es gibt keinen allgemeinen Fachkräftemangel." Das Gejammer von Unternehmen und Verbänden liege in erster Linie daran, dass die Bewerber den Firmen nicht mehr wie früher die Türen einrennen. Wer heute nicht genügend gute Bewerber finde, macht nach Ansicht von Gaedt Fehler - zum Beispiel abschreckende Stellenanzeigen.

Abwärtsstrudel vor allem auf dem Land

"Die gönnerhafte Gutsherrenart funktioniert nicht mehr", betont Gaedt. "Die junge Generation ist selbstbewusster geworden." Er sieht das als Vorteil, vor allem für die Unternehmen, die die Situation begriffen haben. "Die beliebten Arbeitgeber erhalten immer noch massenhaft Bewerbungen."

In dem gut geschriebenen und mit vielen Beispielen illustrierten Buch zeigt Gaedt, was schief läuft im deutschen Arbeitsmarkt. In deutlichen Worten demonstriert er die Arroganz der Unternehmen bei Bewerbungsverfahren, das Versagen der Arbeitsagenturen und die Hilfslosigkeit der Politik.

Im ersten Teil analysiert Gaedt alle Schwierigkeiten, die Unternehmen bei der Personalrekrutierung so haben: Geringe Bekanntheit, fehlende oder fehlgeleitete Personalentwicklung, ein schlechtes Image als Arbeitgeber und vieles mehr. Diese Probleme verstärken sich vor allem in den ländlichen Regionen gegenseitig.

Sie führen dazu, dass geeignete Bewerber sich gar nicht erst bewerben. Volkswirtschaftlich gesehen entsteht in manchen Regionen ein Abwärtsstrudel, der durch andere Faktoren wie Schließung von Kindergärten und Schulen, Verschwinden kleiner Ladengeschäfte und ähnlichen Dingen noch verstärkt wird.

Talentmanagement und Arbeitgeber-Marken

Im zweiten Teil des Buches macht Gaedt eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie dieser Situation begegnet werden kann. Allein aus der Problembeschreibung wird schon deutlich, das Einzelmaßnahmen wie Kosmetik an den Stellenanzeigen nicht ausreichen. Neben verbessertem Talentmanagement und der Entwicklung einer "Arbeitgeber-Marke" propagiert Gaedt eine ungewöhnliche Idee: Unternehmensübergreifende Talentpools in einzelnen Regionen.

Dieser Pool sammelt alle grundsätzlich guten, aber bei den einzelnen Unternehmen nicht zum Zuge gelangten Bewerber. Denn das kommt immer wieder vor: Bei einer Stelle gibt es zum Schluss ein halbes oder ganzes Dutzend mehr oder weniger geeigneter Leute, von denen aber nur einer dieser Stelle bekommen. Doch vielleicht gibt es andere Unternehmen, die genau diese Leute brauchen?

Ohne Talentpools sind solche Bewerber den Unternehmen und womöglich der ganzen Region verloren, da sie sich frustriert umorientieren - immer öfter in Richtung Ausland. Durch die Aufnahme in den Talentpool erhalten die Bewerber dagegen die Rückmeldung: Die Unternehmen schätzen meine Fähigkeiten und bei nächster Gelegenheit komme ich zum Zuge.

Ein solcher Talentpool ist ein gutes Beispiel für die moderne Form der Netzwerkwirtschaft, die sich parallel zur Digitalisierung zahlreicher Lebensbereiche herausbildet. Gaedt hofft, durch solche Maßnahmen die Probleme vieler Regionen und zahlreicher kleinerer und mittlerer Unternehmen beheben zu können.

Das Buch von Gaedt gehört zur Pflichtlektüre für kleine und große Unternehmen aus allen Branchen. In vielen Unternehmen ist Umdenken dringend nötig. Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts funktioniert nicht mehr mit Methoden aus der Hochphase des Industriekapitalismus.

Bildquelle: Martin Gaedt

Die Website zum Buch

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok