SCM und Cloud Computing

Fertigungsdaten in der Wolke?

Hersteller von Supply-Chain-Management-Software (SCM) halten sich in der Cloud-Euphorie auffallend zurück. Dafür gibt es gute Gründe – und differenzierte Antworten.

Cloud Computing und Supply Chain Management sind nicht auf Anhieb ein Traumpaar. Zwar gelten auch hier die bekannten Vorteile der „Wolke“ wie etwa Entlastung vom IT-Betrieb, hohe Flexibilität und nutzungsbezogene Lizenzmodelle. Aber: „Jedem Supply Chain Manager fallen auf Anhieb gute Gründe ein, warum eine Verlagerung der Software in die Wolke schwieriger als bei anderen Applikationen ist. Dies beginnt bei der Sensibilität der Fertigungsdaten. Eine weitere Herausforderung sind die Datenmengen und die enge Verzahnung mit anderen IT-Systemen. Und drittens werden SCM-Systeme in Implementierungsprojekten meist auf die Prozesse im Unternehmen angepasst“, fasst Martin Hofer, Vorstand des SCM-Softwarespezialisten Wassermann AG, die größten Herausforderungen zusammen.

Tatsächlich bauen sich den Unternehmen rechtliche Hürden auf: Steuerlich relevante Daten müssen laut Gesetz im Inland gespeichert werden und im Bedarfsfall den Behörden zugänglich sein. Das ist bei „echten“ Cloud-Lösungen nicht immer gegeben.

Nur für die Private Cloud

Eine mögliche Lösung: Statt in einer anonymen Public Cloud werden die Systeme von einem Dienstleister in einer Private Cloud betrieben. Der Begriff Private Cloud beschreibt dedizierte IT-Ressourcen in fremd betriebenen Rechenzentren, womit zumindest für die IT-Teams und das Management der Speicherort bekannt ist. Aus Sicht des einzelnen Anwenders unterscheiden sich Public Cloud und Private Cloud nicht. So lassen sich auch in der Private Cloud nutzungsabhängige Lizenzmodelle etablieren.

Unternehmen, die sich vom Betrieb ihrer SCM-Anwendungen entlasten wollen, können diese in ein extern betriebenes Rechenzentrum auslagern und dann beispielsweise via Terminalserver-Anbindungen darauf zugreifen. Die Vorteile liegen auf der Hand: „An den Anwendungen muss nichts verändert werden. Auch der Betrieb bestehender Systeme kann so schnell ausgelagert und damit eines der Kernziele des Cloud Computing erreicht werden“, erläutert Martin Hofer.

Druck der Cloud


Eine weitere Herausforderung für SCM-Systeme in der Cloud ist, dass diese in aller Regel stark mit anderen Systemen – beispielsweise Lagerwirtschaft, ERP etc. – interagieren und ein reger Datenaustausch stattfindet. „Die Cloud der Zukunft wird Nutzern erlauben, verschiedene Anwendungen mit wenigen Klicks zu prozessorientierten Systemen zu vernetzen. Heute ist man davon noch weit entfernt. Doch über Webservice-Schnittstellen lassen sich Cloud-Applikationen schon heute mit Systemen des Unternehmens vernetzen“, urteilt Geschäftsführer Peter Lindlau von der Maschinenbauer MAG Manufacturing Solutions GmbH.
Der Druck der Cloud wird Software-Hersteller dazu bringen, ihre Systeme verstärkt für standardisierte Webservices zu öffnen. Software A liefert dann auf Anfrage einen flexibel konfigurierbaren Dienst für Software B. Schon heute werden SCM- und ERP-Systeme so integriert. „Das Thema Datenaustausch und Integration von SCM-Lösungen in der Cloud reduziert sich künftig auf die Bandbreite“, ist sich Peter Lindlau sicher.

Eine gewinnbringende Situation


Bleibt ein drittes Fragezeichen: Aktuell werden professionelle SCM-Systeme meist in aufwendigen Projekten eingeführt. Die Software wird dabei von internen und externen Berater- und IT-Teams auf die individuellen Wertschöpfungsprozesse des Unternehmens angepasst. Wie soll das in der Cloud funktionieren?
Tatsächlich werden Unternehmen, die eine individuelle Abstimmung an spezifische Prozesse wünschen, noch für geraume Zeit auf die klassische Projektimplementierung vertrauen. „Das größte Potential haben Cloud-Anwendungen aktuell für kleine und mittlere Unternehmen, die sich die Einführung eines professionellen SCM-Systems inklusive der Prozessberatung nicht leisten konnten. Cloud-Lösungen werden zu Beginn nur bedingt individualisierbar sein. Aber im Grundmodul moderner SCM-Software sind schon jetzt viele SCM-Standardprozesse und -methoden verfügbar“, zeigt sich Martin Hofer überzeugt. Für ihn stellt SCM in der Cloud eine gewinnbringende Situation für Anwender und Software-Anbieter her: Die Anwender können Software nutzen, die sie sich in den klassischen Implementierungs-, Betriebs- und Lizenzmodellen nicht leisten konnten. Der Software-Anbieter kann mit der bereits entwickelten Software und ohne großen Beratungsaufwand neue Kundengruppen und Lizenzeinnahmen erschließen.

Zwei Cloud-Szenarien


Hofer sieht zwei grundlegende Cloud-Szenarien: Größere Unternehmen werden ihre bestehenden SCM-Systeme über umfassende Outsourcing-Strategien in die Cloud verlagern. Dagegen werden kleine und mittlere Unternehmen Cloud-Angebote im SCM-Bereich auch singulär nutzen, um skalierbaren Zugriff auf Software zur Unterstützung ihres neu etablierten oder professionalisierten Supply Chain Managements zu erhalten.

Noch weiter geht der österreichische SCM-Experte Heinrich Wallerstorfer: „Unternehmen wollen nicht planen, sondern sie wollen eigentlich nur die Planungsergebnisse.“ Aus diesem Ansatz heraus bieten Wallerstorfer und sein Team an, die komplette Supply-Chain-Planung extern zu übernehmen. „Unser Angebot richtet sich an kleinere Unternehmen mit noch relativ einfachen Wertschöpfungsketten und ohne professionalisierte Planungsstrukturen. Bei schneller Expansion verlieren sie den Überblick und ihre Liefertreue. Es droht der Verlust von Kunden oder Projekten. Statt in dieser Situation ein aufwendiges SCM-Projekt zu starten, können wir ihnen konkrete Planungsergebnisse liefern und sozusagen im ‚SCM-Learning by Doing’ professionelle Strukturen und Prozesse sowie Planungskompetenzen bei ihren Mitarbeitern aufbauen.“

Kompakt:

 

SCM in der Cloud

Datensicherheit
Wer maximale technische und rechtliche Sicherheit möchte, sollte eher auf eine Private-Cloud-Lösung, also den Betrieb auf dedizierten RZ-Ressourcen, setzen.

Terminal-Anwendungen
Unternehmen, die sich mit Cloud Computing vorrangig vom Betrieb der Systeme entlasten wollen, können dies schneller mit einem Outsourcing an Rechenzentren und dem Zugriff via Terminalserver-Anwendungen erreichen. Das ist gerade für Unternehmen ohne große Outsourcing-Erfahrung ein risikoarmer erster Schritt in Richtung Cloud Computing.

Schnittstellen
SCM-Systeme tauschen Daten mit vielen anderen Systemen und Anwendungen aus. Insbesondere bei Performance-Berechnungen und der Bandbreitendimensionierung von Cloud-Computing-Anwendungen ist dies zu berücksichtigen.

Weniger individuell
Cloud-Computing-Lösungen sind aus kommerziellen und technischen Gründen eher standardisiert. Die detaillierte Abbildung unternehmensspezifischer Prozesse, wie sie in klassischen SCM-Implementierungen mit langen Beratungsphasen vollzogen wird, werden Cloud-Lösungen auf lange Zeit nicht bieten.

Supply-Chain-Planung als Cloud-Service
Von den Cloud-Angeboten der SCM-Software-Hersteller werden insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen profitieren. Doch der günstige Zugriff auf professionelle Systeme allein hilft nicht – auch die entsprechenden SCM-Kompetenzen und -Prozesse müssen etabliert werden. Warum also nicht gleich auch die Planungsarbeit und -ergebnisse aus der Cloud beziehen? SCM-Spezialisten bieten sich hier als externe Planer an. Die Kommunikation zwischen Beratern, Unternehmen und Lieferanten läuft dabei über Cloud-basierte SCM-Software.

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