Kritischer Zeitdruck bei zu kurzfristigen Umsetzungen

„Frühzeitig All-IP im Blick haben“

Beim Umstieg auf All-IP ist es wichtig, sich frühzeitig mit dem Thema mit ausreichenden personellen Ressourcen auseinanderzusetzen, meint Ingo Lindt, Geschäftsführer der Tiptel.com GmbH Business Solutions, im Interview. Und zwar unabhängig davon, wann man von der Umstellung betroffen sein werde. Kritischer Zeitdruck bei zu kurzfristigen Umsetzungen werde dadurch vermieden.

Ingo Lindt, Tiptel.com

„Verschiedenste Netzbetreiber geben Zusagen zur Fortführung der ISDN-Technik bis 2022“, so Ingo Lindt von Tiptel.com.

ITM: Herr Lindt, welche Chancen bietet der Übergang von ISDN zu All-IP für den deutschen Mittelstand?
Ingo Lindt:
Die IP-Telefonie bietet die Möglichkeit einer komfortablen, flexiblen Kommunikation und eine erheblich bessere Leistungsfähigkeit in der Kommunikation, oftmals auch als Unified Communications (UC) angeführt. Darüber hinaus bietet sie die Zusammenführung der Netzinfrastrukturen für die Telekommunikation und die Datentechnik durch die Vereinheitlichung eine Optimierung der Kostenstrukturen und die Möglichkeit der Verknüpfung verschiedener Datenbankbestände.

ITM: Inwieweit haben Mittelständler das Thema „All-IP“ überhaupt auf dem Schirm und sind sich über dessen Bedeutung bewusst?
Lindt:
Bislang erfolgt die Umstellung auf All-IP im Mittelstand eher schleppend. Hierfür gibt es verschieden Gründe: 1. Verschiedenste Netzbetreiber geben Zusagen zur Fortführung der ISDN-Technik bis 2022; 2. Die sich bietenden Vorteile aus der Vernetzung und Vereinfachung sind nicht bekannt. 3: Das Angebot zur Bereitstellung benötigter Anschlüsse ist teilweise noch nicht erfolgt. Auch gibt es Mittelständler, die die weitere Entwicklung zunächst beobachten und abwartend handeln.

ITM: Wie weit ist die Umstellung auf All-IP konkret im Mittelstand vorangeschritten?
Lindt:
Obwohl die Umstellung auf All-IP schon seit Jahren vollzogen wird, waren hiervon tatsächlich zunächst Privatkunden mit DSL-Anschlüssen betroffen, später auch die kleineren Geschäftskunden mit den bisherigen Mehrgeräteanschlüssen. Die Umstellung der Großkunden ist die nächste große Herausforderung, der sich Anbieter stellen müssen. Die notwendige Technik bedarf aber oftmals notwendiger Anpassungen seitens der Anlagenanbieter und der Netzbetreiber.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch davon ab, auf All-IP umzusteigen?
Lindt:
Unabhängig von der Netz- und Technikverfügbarkeit geht es im Wesentlichen um den Schutz der eigenen Investition. Telekommunikationstechnik ist in der Regel ein Anlagegut mit langen Abschreibungsfristen, parallel dazu wird der Umstieg auf All-IP in der heutigen, massiven Form erst seit kurzer Zeit propagiert. Dabei gibt es aber auch Möglichkeiten, seine Investition durch vorgeschaltete Geräte zu schützen.

Weiterhin mag es das eine oder andere Unternehmen geben, das erst dann in große Geschäftigkeit verfallen wird, wenn es die Anschlusskündigung von seinem Telekommunikationsdienstleister erhält. Teilweise werden auch Probleme aus der Anfangszeit der VoIP-Telefonlösungen, die inzwischen jedoch behoben wurden, als Hemmnis gesehen.

ITM: Welche Anforderungen müssen für einen Umstieg auf All-IP zunächst erfüllt sein?
Lindt:
Grundsätzlich sicherzustellen ist, dass die bestehende Netzwerkinfrastruktur der erhöhten Belastung gewachsen ist. Gern wird vergessen, dass durch die gemeinsame Nutzung von Daten- und Sprachdiensten in einem Netzwerk ausreichende Ressourcen sichergestellt werden müssen oder eine entsprechende Priorisierung der Dienste konfigurierbar sein muss. Dies gilt natürlich gleichwohl für die externe Anbindung zum Breitbandanbieter.

ITM: Wie „einfach“ ist der eigentliche Wechsel tatsächlich? Sprich: Mit welchen zeitlichen, personellen und finanziellen Herausforderungen müssen die Anwender beim Umstieg rechnen?
Lindt:
Die Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Grundsätzlich muss man sich doch zunächst fragen: Wo stehe ich und wohin möchte ich? Ist meine Netzwerkinfrastruktur „up-to-date“ oder muss ich ohnehin investieren? Nutze ich meine bisherigen Telekommunikationsanlage und/oder Endgeräte weiter oder möchte ich neue anschaffen? Welche Bedürfnisse habe ich an einer Vernetzung mit Sprach- und Datendiensten? Welche Möglichkeiten bieten neue Anlagen bezüglich einer Selbstinstallation von Telefonen oder muss manuell konfiguriert werden? Erst nach genauer Analyse aller Faktoren ist eine zuverlässige Aufwandsabschätzung möglich?

ITM: Was gilt es bei der Migration auf jeden Fall zu beachten? Welche Stolpersteine können auftreten?
Lindt:
Unabhängig vom technischen Umstellungsprozess ist es wichtig, frühzeitig auf Änderungen in der gewohnten Telefonie hinzuweisen. So kann es unter Umständen sein, dass durch die Umstellung auf IP lieb gewordene Standards anders abgebildet werden müssen. Ohne eine Aufklärung der Mitarbeiter kann es ansonsten zu ablehnender und kritischer Haltung der Benutzer der neuen Telekommunikationstechnik kommen.

ITM: Wie gestaltet sich die Integration von Mobilgeräten in eine All-IP-Umgebung?
Lindt:
Die Integration von mobilen Geräten ist komfortabel möglich. Für den Einsatz von Dect-IP-Geräten stehen stabile Lösungen diverser Hersteller bereit, auch die Einbindung über VoWLAN ist meist problemlos möglich. Achten sollte man nach Möglichkeit auf die Interoperabilität bei unterschiedlichen Geräteherstellern, damit zentrale Funktionen, wie z B. ein Anlagentelefonbuch, sinnvoll genutzt werden können.

ITM: Wie ist es hierbei um die Sicherheit bestellt?
Lindt:
Der Grad der Datensicherheit ergibt sich in aller Regel aus den verwendeten Funktechnologien und steht nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit All-IP: Der Dect-Standard ist in IP-Dect-Geräten identisch zu analogen und ISDN-Dect-Geräten. Bei Verwendung von VoWLAN erfolgt die Absicherung über WLAN, gegebenenfalls in Verbindung mit VPN-Tunneln.

ITM: Ein Begriff, der in Zusammenhang mit All-IP häufiger fällt, lautet „Next Generation Network“ (NGN). Was verbirgt sich dahinter? Nur eine Marketing-Phrase?
Lindt:
NGN beschreibt im Ursprung die Zusammenlegung leitungsvermittelter Telekommunikationsnetze in einen paketvermittelnden Sprachdienst. Das NGN erlaubt die Priorisierung der Datenpakete nach ihrem Zweck durch die Schaffung unterschiedlicher Ebenen.

ITM: Welche Problematiken sehen Sie noch bis 2018 bzgl. All-IP auf die Unternehmen zukommen?
Lindt:
Wichtig ist, sich frühzeitig mit dem Thema mit ausreichenden personellen Ressourcen auseinander zu setzen, unabhängig davon, wann man von der Umstellung betroffen sein wird. Kritischer Zeitdruck bei zu kurzfristigen Umsetzungen wird dadurch vermieden. Eine geplante und durchdachte Umstellung, die zeitliche Flexibilität für eventuelle Änderungen beinhaltet, ist dringend anzuraten.

Bildquelle: Tiptel

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok