Eingesparter Lizenzpreis

Großes Interesse an Open-Source-CMS

Im Interview bemerkt Dr. Joachim Weiß, Expert Consultant bei der Netpioneer GmbH, dass beim Einsatz eines Open-Source-CMS einem oft eine viel größere Anzahl an Dienstleistern und Software-Entwicklern zur Verfügung stehe, denn OS-Systeme seien weiter verbreitet als kommerzielle Systeme.

Dr. Joachim Weiß, Netpioneer

„Wenn die Community groß genug ist, kann man auch bei Open-Source-Systemen professionellen Support bekommen“, weiß Dr. Joachim Weiß, Expert Consultant bei der Netpioneer GmbH.

ITM: Herr Dr. Weiß, welchen Stellenwert haben heutzutage Open-Source-Content-Management-Systeme (CMS) im Vergleich zu Standard-Content-Management-Software?
Dr. Joachim Weiß:
Open-Source-CMS werden gerne dann eingesetzt, wenn einerseits die Anforderungen an Funktionsumfang und Leistungsfähigkeit eines CMS überschaubar sind, andererseits das Budget für ein Onlineprojekt beschränkt ist. Ebenso wird ein OS-CMS auch dann häufig genutzt, wenn ein Onlineportal nur für eine bestimmte Zeit benötigt wird, etwa für eine zeitlich beschränkte Marketingkampagne oder für ein Projekt mit experimentellem Charakter: Ist ein neues Webportal aus wirtschaftlicher Sicht erfolgreich genug, um zu bestehen? Oder wird es bald wieder eingestampft? Ein solcher Versuch rechtfertigt das Investment in ein kommerzielles CMS nicht. In diesem Fall lohnt es sich, zunächst mit einem kommerziellen Open-Source-CMS zu starten und auf die kostenfreie OS-Lizenz zu setzen. Im Erfolgsfall kann man dann auf die Enterprise-Lizenz updaten.

ITM: Wie gestaltet sich das derzeitige Interesse des Mittelstands an Content-Management-Systemen auf Open-Source-Basis?
Weiß:
Der Mittelstand wägt ab: Welche Funktionen bekomme ich zu welchem Preis? Oft ist es schwierig, die Vorteile des Herstellersupports und die Zukunftsfähigkeit eines Systems als wertvolle Eigenschaften zu vermitteln. Entscheidungen werden meist im Hinblick auf die Kostenersparnisse getroffen. Daher ist das Interesse an Open-Source-Systemen entsprechend groß.

ITM: Was hält das eine oder andere Unternehmen noch von Open-Source-Modellen im CMS-Bereich ab?
Weiß:
Generell wird Open-Source-Software gerne eingesetzt. Viele Softwarebibliotheken, Webkomponenten und Bausteine für Onlineplattformen sind Open-Source-Produkte. Reine Open-Source-CMS dagegen werden bei den großen Mittelständlern nur zögerlich eingesetzt. Dem eingesparten Lizenzpreis stehen schließlich Risiken bei Haftung, Support, Zukunftsfähigkeit, etc. gegenüber. Kleine und kleinste Unternehmen bewerten diese Risiken allerdings nicht als so hoch – für sie lohnt sich die Investition in die Anschaffung eines kommerziellen CMS meist nicht, sei es mangels Investitionsbudget oder weil kein entsprechendes eigenes IT- bzw. Web-Know-how inhouse verfügbar ist.

ITM: Welche Vorteile und Möglichkeiten bieten sich jenen Unternehmen, die auf Open-Source-CMS vertrauen?
Weiß:
Beim Einsatz eines Open-Source-CMS steht einem oft eine viel größere Anzahl an Dienstleistern und Software-Entwicklern zur Verfügung, denn OS-Systeme sind deutlich weiter verbreitet als kommerzielle Systeme. Speziell wenn es um Installationen wie kleinere und funktional überschaubare Websites geht, ist ein OS-CMS eine gute Wahl. Für die Umsetzung sollte man bei der Auswahl eines IT-Dienstleisters natürlich darauf achten, ein erfahrenes Unternehmen zu beauftragen, das über das entsprechende Know-how sowie über eine ausreichende Mitarbeiteranzahl verfügt und das auch in einigen Jahren noch am Markt ist, um Projekte zu betreuen und zu unterstützen.

ITM: Inwiefern bedeutet „Open Source“ tatsächlich Kostenfreiheit und mehr Flexibilität?
Weiß:
Auf den ersten Blick spart man natürlich die Lizenzkosten. Zudem lassen sich flexibel sämtliche Anpassungen am Quellcode vornehmen, die für die Integration in sonstige bestehende Systeme, wie beispielsweise CRM oder Warenwirtschaft, benötigt werden. Das bedeutet allerdings auch, dass sich der zuständige Entwickler sehr gut mit dem System auskennen muss. Zudem dürfen Erweiterungen nicht mit zukünftigen Updates in Konflikt geraten, das heißt, die Entwicklergemeinde einer Open-Source-Lösung muss sich über ein Modell für Anpassbarkeit, Schnittstellen, Plug-ins, etc. im Klaren sein. Das bedeutet, die Lösung muss so designt sein, dass sie praktikable Erweiterungsmöglichkeiten bietet. Falls es keine zentrale Architekturverantwortung gibt, dann muss die Entwickler-Community dies im Blick haben.

ITM: Was sind die Nachteile und Hürden von Open-Source-CMS im Vergleich zu Standardsoftware?
Weiß:
Neben den bereits erwähnten Aspekten betreffend Support und Haftung ist ein häufiger Unsicherheitsfaktor oft die Zukunftssicherheit bzw. die Ausrichtung zukünftiger Entwicklungen. Ein Hersteller will sein Produkt auch in Zukunft noch verkaufen – daher hat er ein Ohr am Puls der Zeit, reagiert auf Marktentwicklungen und hat eine Vision, wie sein Produkt in fünf Jahren aussehen soll. Der Hersteller lässt sich immer neue Features, Produkte und Services einfallen, um seine Kunden zu begeistern, an sich zu binden und neue zu gewinnen. Neben Weiter- und Neuentwicklungen, mit denen er direkt auf den Bedarf seiner Kunden reagiert, zählen dazu auch Innovationen, die noch gar nicht vom Kunden nachgefragt werden. In der Open-Source-Community kann es das auch geben, die Zusammensetzung dieser Gemeinschaft wechselt jedoch stark und es kann sein, dass ein wichtiger Entwickler das Interesse verliert oder kein Weiterentwicklungsbedarf gesehen wird, da das Produkt ja schließlich das ursprüngliche Problem zufriedenstellend löst, etc.

ITM: Welche Kriterien sollte ein gutes CMS erfüllen?
Weiß:
Das allerwichtigste Kriterium ist eine möglichst gute Erweiterbarkeit. Der Trend geht bei CMS-Systemen immer mehr weg von der Produkt-Suite, die alle denkbaren Funktionen mitbringt. Aus dem einfachen Grund, weil es immer mehr Funktionen gibt. Ein CMS muss in seinem Kernbereich, also im Erstellen, Redigieren, Veröffentlichen und Verwalten von Inhalten für das Web, usw. überzeugen. Alles, was darüber hinausgeht, können andere, spezialisierte Systeme besser, beispielsweise E-Commerce, Newsletter, Web-Controlling, etc. Dazu kommen weitere Systeme, die für heutige E-Commerce-Plattformen immer wichtiger werden, etwa Produktinformationsmanagementsysteme (PIM), Media-Asset-Management-Systeme (MAM/DAM) und CRM-Systeme diverser Softwarehersteller.

ITM: Wie gestaltet sich die jeweilige Kompatibilität/Integrierbarkeit zu/mit anderen Systemen?
Weiß:
Open-Source-CMS bieten oft recht gute Schnittstellen zu Standardsystemen, z.B. wird meist eine ganze Reihe von Open-Source-Datenbanksystemen unterstützt. Bei spezielleren oder weniger häufig eingesetzten Systemen hingegen wird es schon schwieriger – welcher freie Entwickler setzt für sein Feierabendprojekt etwa eine teure Oracle-Datenbanklizenz ein. Ein kommerzieller Hersteller wiederum muss eine solche Schnittstelle natürlich bieten, wenn er am Markt erfolgreich sein will.

ITM: Welche Anforderungen stellen Open-Source-CMS an die Leistungs- und Konfigurationsfähigkeit eines verwendeten Servers?
Weiß:
Da sehe ich keine großen Unterschiede. Die Bandbreite solcher Systeme im kommerziellen und im Open-Source-Bereich ist allerdings so groß, dass es in beiden Lagern solche mit hohen Anforderungen gibt und solche mit geringeren.

ITM: Wie sollten Mittelständler bei der Anbieter- bzw. Lösungsauswahl vorgehen?
Weiß:
Vor allem sollten sie genau hinschauen: Was sind die Anforderungen heute und wie werden sie durch ein System abgedeckt? Wichtige Punkte sind z.B. gute Bedienbarkeit durch die Onlineredaktion, Geschwindigkeit und Stabilität bei der Auslieferung, funktionale Aspekte des Systems, Usability für den Endbenutzer, Schnittstellen, usw. Aber man sollte sich auch die Frage nach zukünftigen Anforderungen stellen: Welche Projekte stehen in den nächsten Jahren noch an? Was erfordert meine Onlinestrategie? Welche Flexibilität wird benötigt? Kann und wird das die Community bzw. ein Hersteller leisten?

ITM: Mit welchem Aufwand ist die Einführung eines Open-Source-CMS verglichen zu einem Standardsystem verbunden?
Weiß:
In dieser Hinsicht gibt es keine großen Unterschiede zwischen kommerziellen und Open-Source-Systemen. Die Systeme unterscheiden sich eher darin, ob sie als Produkt oder als Plattform ausgelegt sind. In dem einen Fall werden nötige Anpassungen idealerweise durch Konfiguration und Templating erledigt, im anderen Fall ist Programmierung nötig. Bei einem Produkt kommt man schneller an die Grenzen des Systems, während eine Plattform viel Flexibilität bietet, aber auch Anpassungen erfordert.

ITM: Wie ist es um die Sicherheit sowie Zukunftsfähigkeit von Open-Source-CM-Modellen bestellt?
Weiß:
Sicherheit hängt eng mit der Qualität der Software-Entwicklung zusammen. Diese kann sowohl in einer Open-Source-Community als auch bei einem Softwarehersteller sehr hoch sein. Die Zukunftsfähigkeit eines Produktes hingegen wird stark vom strategischen, unternehmerischen Denken der führenden Personen beeinflusst. Es zeigt sich, dass bei erfolgreichen OS-Systemen meist auch ein kommerzielles Unternehmen dahinter steht.

ITM: Wie gestaltet sich der Support durch den Hersteller bzw. Entwickler bei Open-Source-Modellen?
Weiß:
Beides funktioniert. Wenn die Community groß genug ist, kann man auch bei Open-Source-Systemen professionellen Support bekommen. Wichtig dabei ist aber, einen erfahrenen Partner zu haben, mit dem man langfristig zusammenarbeiten kann. Wichtige Aspekte hierbei sind: genügend Mitarbeiter, deren Ausbildung und eine gewisse Stabilität des Unternehmens am Markt.

ITM: Welcher Trend ist im CMS-Bereich abzusehen? Wohin geht es zukünftig?
Weiß:
Vor einigen Jahren wurde schon vorhergesagt, dass sich der Markt konsolidieren wird. Das ist zwar eingetreten, allerdings wurden gleichzeitig immer neue Systeme entwickelt. Technologien entstehen und verschwinden wieder – so ist es auch mit den CMS. Festhalten kann man, dass hinter den erfolgreichen Open-Source-CMS immer auch ein kommerzielles Unternehmen steht. Dieses finanziert sich – und damit die Weiterentwicklung des Produkts – entweder über Supportdienstleistungen und Projektarbeit oder aber es bietet sogenannte Enterprise-Lizenzen an, mit denen Premiumfunktionen den zahlenden Kunden vorbehalten sind.

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