Supply Chain Management

Hindernisse überwinden

Das Thema Supply Chain Management (SCM) rückt immer mehr in den Fokus. Denn viele Unternehmen haben zwischenzeitlich erkannt, dass sie sich mit der passenden SCM-Strategie klare Wettbewerbsvorteile sichern können.

Kurt Rembold, Geschäftsführer der SteinhilberSchwehr Automotive GmbH

„Das Thema SCM ist mehr oder weniger in den 80er Jahren in der Automobilindustrie entstanden.", sagt Kurt Rembold, Geschäftsführer der SteinhilberSchwehr Automotive GmbH

Und obgleich es bei der Umsetzung von SCM-Projekten oftmals Hindernisse zu überwinden gilt, ist auch im Mittelstand das Thema präsenter als je zuvor. Viele Mittelständler erkennen, dass Exzellenz in der operativen logistischen Abwicklung nicht nur eine Chance, sondern mittlerweile eine Voraussetzung für die globale Wettbewerbsfähigkeit darstellt“, berichtet Markus Meißner, Geschäftsführer der AEB GmbH. „Der wachsende Konkurrenzdruck erfordert es, das Augenmerk auf die Logistik zu richten.“ Viele Firmen sehen laut Meißner die Notwendigkeit dafür, ihre Abläufe und Warenströme auf den Prüfstand zu stellen, Prozesse zu automatisieren und transparenter zu gestalten. Sie haben erkannt, dass es durch kürzere Lieferzeiten, eine größere Termintreue und weniger Fehler gelingt, bestehende Kunden langfristig zu binden und neue Kunden zu gewinnen. Das Interesse sei deshalb spürbar gewachsen, über die Einführung von IT-basierten Lösungen eine Verbesserung der internen und unternehmensübergreifenden Prozesssteuerung zu erzielen.

Das zunehmende Interesse an SCM-Lösungen bekräftigen auch die Marktanalysten. Laut einer Studie von Gartner vom Mai 2011 ist der weltweite SCM-Software-Markt im vergangenen Jahr um zehn Prozent gewachsen. Der Umsatz lag bei insgesamt 6,8 Mrd. US-Dollar.

Der Trend im Bereich des Lieferkettenmanagements scheint dabei verschiedene Richtungen einzuschlagen. „Neben den großen Themen Integration, Automatisierung, Nachhaltigkeit und Sicherheit sollte man den Einfluss von Social Media auf die Logistik-IT nicht unterschätzen. Schon der wichtigste Begriff aus Facebook, das ‚Status-Update’ klingt in SCM-Ohren doch sehr vertraut“, betont Markus Meißner. „Zwischen der Art und Weise, wie ein soziales Netzwerk wie Facebook funktioniert, und der Kollaboration innerhalb einer Supply Chain gibt es viele Ähnlichkeiten. Auch Medien wie Twitter werden die Supply Chain Community weit mehr verändern, als man sich derzeit vorstellen kann. Das Stichwort lautet ‚Echtzeitkommunikation’. So gibt es bereits heute Services, die es ermöglichen, die Statusnachrichten von Paketdienstleistern auf dem eigenen Twitter-Account zu erhalten.“

Kurt Rembold, Geschäftsführer der SteinhilberSchwehr AG, und Martin Ofner, Head of Solution Management bei der Comarch Software und Beratung AG, schreiben wiederum der genannten „Kollaboration“ eine große Bedeutung zu. „Die Einbindung geht über den reinen Datenaustausch per EDI hinaus“, so Kurt Rembold. „Über die Funktion ‚Vendor Managed Inventory’ (VMI) wird von den Zulieferern verlangt, dass sie einen Großteil der Disposition für ihre Kunden übernehmen.“ Und Martin Ofner ­ergänzt: „Die Prozesse der Unternehmen in einer Lieferkette greifen immer stärker ineinander. Das Modell der Autobranche mit ihren vernetzten Lieferketten macht Schule.“ So seien z.B. auch die Zulieferer des Lebensmitteleinzelhandels tief in die Prozesse der Filialketten eingebunden, versorgen häufig die Regale selbstständig und sind auch in den Verkaufsprozess direkt integriert: Erst wenn der Kunde an der Kasse zahlt, wird automatisch die gelieferte Ware abgerechnet.

Konkurrenzfähig bleiben


Um als Anbieter im Bereich Supply Chain Management auf dem Markt konkurrenzfähig zu bleiben, muss die angebotene Software in der Lage sein, jene genannten kollaborativen Prozesse zu unterstützen. Doch nicht nur das. Vielmehr müssen Logistikdienstleister ihren Kunden künftig ein Rundum-Sorglos-Paket bieten können. Robin Otto, Director Business Development bei der Geodis Logistics Deutschland GmbH, erläutert: „Der Kunde will oft nicht nur einzelne Lösungskomponenten von unterschiedlichen Anbietern in Anspruch nehmen, sondern präferiert immer häufiger eine One-Stop-Shopping-Lösung. Aus diesem Grund müssen zukunftsorientierte Dienstleister ein ganzheitliches Logistikkonzept bieten. Dabei muss das Portfolio sowohl modular wie auch als Gesamt-Supply-Chain-Lösung funktionieren.“ Konkret müssen die Dienstleister in der Lage sein, mit ihrer Software das gesamte SCM abzubilden, dürfen jedoch die Spezialisierung verschiedener Marktsektoren nie aus den Augen verlieren.

Um sich im Markt zu behaupten, sollte das eigene Produkt zudem für möglichst viele verschiedene Zielgruppen attraktiv gestaltet sein – und zwar nicht nur für Großkunden, sondern auch für den Mittelstand. Denn zu bedenken ist, dass für kleine und mittelständische Unternehmen die Einführung einer SCM-Software häufig eine Preisfrage ist. „Eine integrierte Lösung, die verschiedene branchentypische Prozesse bereits im Standard unterstützt, ist der Garant für die Eingrenzung der Kosten“, bemerkt Martin Ofner von Comarch. „Gleichzeitig sollte die Lösung flexibel an neue Anforderungen anpassbar sein. Eine interessante Option zum Kostensparen ist auch das SaaS-Modell (Software as a Service); insbesondere die Anfangsinvestition ist gering, und das Unternehmen kann den Umfang der Software-Nutzung leicht an den tatsächlichen Bedarf anpassen.“

Auch Andreas Wagner-Manslau, Partner der Wassermann AG, weiß, dass mittelständische Unternehmen stets auf die Kosten achten. Doch: „Entscheidend ist der Ergebnisbeitrag, und ich kenne bei unseren Kunden kein SCM-Projekt, das sich nicht gerechnet hat. Aber es stimmt natürlich: Rechnet man Beratung, Software und die Kosten für die internen Organisations- und Prozessveränderungen zusammen, reden wir über größere Investitionsprojekte.“ Um die kundenseitigen Risiken zu senken, arbeite man deshalb mit Instrumenten wie Festpreisen und unterteile große Projekte in überschaubare Teilprojekte mit jeweils klar messbaren Zielsetzungen.

Durchdachte SCM-Strategie


„Synergien schaffen“ lautet letztlich das entscheidende Schlagwort. Dieser Ansicht ist Robin Otto von Geodis Logistics: „Ein Mittelständler hat oft nicht die kritische Masse, um etwa beim Einkauf entsprechende Kostenvorteile zu realisieren. Externe Dienstleister haben hingegen die Möglichkeit, Volumen von verschiedenen Mittelständlern zu bündeln und somit eben diese Synergien zu schaffen und zu verteilen. Das Logistik-Outsourcing kann hier also konkrete Kostenvorteile schaffen.“ Die Log:IT GmbH wiederum empfiehlt ihren Kunden, zunächst immer eine Bestandsanalyse gepaart mit einer Simulation durchführen zu lassen, um so die individuellen Potentiale spezifisch zu verorten und zu beziffern. „Abgesehen von den dadurch ermöglichten ‚Quick Wins’“, so Prof. Dr. Alexander Söder, Bereichsleiter und Gesellschafter des IT-Unternehmens, „kann der ROI eines folgenden Projektes anhand der Analyseergebnisse relativ exakt vorab ermittelt werden.“ Auch Infor erachtet es als sinnvoll, im ersten Schritt zunächst eine Analyse durchführen zu lassen.

Dazu Michael Weidel, Director Strategic Solutions im Unternehmen: „Wir bieten unseren Kunden zu Beginn eine ROI-Analyse an. Im Anschluss kann der Preis marktgerecht und sinnvoll voll an die Größe und betriebswirtschaftlichen Potentiale des Unternehmens angepasst werden.“ Das generelle Ziel von SCM-Lösungen ist, eine realistische, durchgängige und durchdachte Planung im Unternehmen zu schaffen. Mit der passenden Strategie können Materialbedarfe und Kapazitäten synchronisiert und aufeinander abgestimmt werden. „Zudem sorgt SCM für die richtige Kapazität zur richtigen Zeit und für eine durchgängige Minimierung der Bestände“, betont Michael Weidel. Doch das soll längst nicht alles sein.

„Unternehmen können dank einer durchdachten SCM-Strategie vor allem Vorteile hinsichtlich Kostenreduzierung, Flexibilität, Qualität, Transparenz und Differenzierung im Wettbewerb erzielen“, ergänzt Robin Otto. Flexibilität bedeute in diesem Fall, dass Unternehmen eine kürzere Time-to-Market erzielen und entsprechend der zunehmend kürzeren Produktlebenszyklen schneller auf verändernde Marktbedingungen reagieren können. „Gleichzeitig sind sie so in der Lage“, führt Robin Otto weiter aus, „sich im Wettbewerb zu differenzieren und Kunden ein auf sie zugeschnittenes Produkt präsentieren zu können.“ Letztlich lassen sich mit einer smarten SCM-Strategie für mittelständische Unternehmen allein in der Logistik rund zehn Prozent Einsparungen erzielen, ist sich Tobias Götz sicher. Er ist Principal Business Transformation Consultant bei SAP. „Daneben genießt das Unternehmen“, so sagt er, „eine positive Außenwirkung dank der CO2-Reduktion und einer verbesserten Service-Qualität.“ Doch können das auch die Anwender bestätigen?

Nachhaltigkeit der Versorgungskette


„Wir haben bereits vor über zehn Jahren die für uns entscheidenden SCM-Schritte eingeleitet“, berichtet Andre Hölzer, Director Global Supply Chain bei der Carl Bechem GmbH, aus der Praxis. Das mittelständische Unternehmen entwickelt, produziert und vertreibt Hochleistungsschmier- und Verfahrensstoffe. „Die kontinuierliche Geschäftsausweitung, verbunden mit einer ständig einhergehenden Spezialisierung des Produktportfolios, bedurfte einer optimalen Verzahnung der drei inländischen Produktionswerke“, erzählt Andre Hölzer weiter. „Eine über dem Branchenniveau liegende Liefertermintreue und -flexibilität konnte nur durch eine Optimierung der eingesetzten Ressourcen dargestellt werden. Für die Optimierung war wiederum die notwendige Transparenz der Prozesse zwingende Vorraussetzung. Hierfür haben wir dann einen Partner gesucht und mit der Wassermann AG gefunden.“

Neben der Funktionalität der Software war dem Anwender eine Kommunikation auf Augenhöhe wichtig. Da zudem eine erfolgsabhängige Vergütung vereinbart wurde, war man bei Carl Bechem restlos vom Konzept überzeugt. Das Thema Nachhaltigkeit ist ebenfalls ein Grund, warum das Hagener Unternehmen auf eine SCM-Lösung setzt. „Seit jeher hat sich die Carl Bechem GmbH einem umweltschonenden Ressourceneinsatz verpflichtet“, betont Andre Hölzer. „Dazu gehört nicht nur die Entwicklung und Produktion umweltfreundlicher Produkte, sondern auch die gesamte Supply Chain. Eine erfolgreiche SCM-Strategie ermöglicht uns hohe Bündelungseffekte in der Logistik und weitestgehend die Vermeidung von Sonderfahrten/Luftfrachten. Im Bereich der Landtransporte achten wir ferner auf den Einsatz besonders emissionsarmer Fahrzeuge – sowohl im eigenen Fuhrpark als auch bei den von uns eingesetzten Spediteuren.“

Auch für die Erbe Elektromedizin GmbH aus Tübingen spielt das Thema Nachhaltigkeit in der Versorgungskette eine große Rolle. „Da im Bereich der medizinischen Produkte viele nationale Zulassungen zu durchlaufen sind, tut man sich mit alternativen Baugruppen oder -teilen sehr schwer“, so Michael Ankele, Leiter Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik beim medizintechnischen Gerätehersteller Erbe. „Aus diesem Grund ist es für uns sehr bedeutend, schon in der Entwicklungsphase die Auswirkungen auf die Lieferkette umfassend zu betrachten, um die Serienproduktion versorgungstechnisch auf sichere Beine zu stellen und unsere Kunden störungsfrei und termingerecht beliefern zu können.“

Stark variierender Projektumfang


Auch wenn es bei einem SCM-Projekt immer Standardmethoden gibt, die entsprechend angewendet werden können, so variiert der Projektumfang von Unternehmen zu Unternehmen sehr stark. „SCM-Projekte und -Strategien sind immer abhängig von komplexen Fragestellungen wie dem Produktionsprozess, der Distributionsstrategie und den Zielgruppenanforderungen“, erläutert Robin Otto von Geodis Logistics. „Auch innerhalb dieser Bereiche haben wiederum viele Faktoren Einfluss auf den Umfang des SCM-Projekts.“ Und Markus Meißner von der AEB GmbH fügt an: „Die Bandbreite möglicher Ansätze und Hebel ist sehr groß. Entsprechend können die Projekte ausgestaltet werden, also entweder fokussiert auf einen konkreten Teilbereich oder aber gleich mit einem ganzheitlichen und umfassenden Anspruch. Einen konkreten Umfang kann man deshalb erst nach Kenntnis des Einzelfalls benennen.“

Doch nicht nur die Dauer eines Projektes dürfte für den Anwender von Interesse sein, sondern auch der Punkt, dass es bei der Einführung einer SCM-Software zu Probleme kommen könnte. „Wir sehen, dass die Anforderungen an die IT über Jahre stetig gewachsen sind, die IT diese aber oft nicht mitgetragen hat und dem Unternehmen viele Informationen nicht bereitstellen konnte, die in der Logistik benötigt wurden“, weiß Robin Otto. „Konkret steht die bestehende IT-Struktur bei vielen Unternehmen immer noch nicht in Relation mit den heutigen Unternehmensanforderungen, und es kommen vor allem Patchwork-Lösungen zum Einsatz. Viele Prozesse werden auch noch manuell gesteuert oder verwaltet.“

Die aktuellen SCM-Systeme müssen jedoch der steigenden Komplexität des wirtschaftlichen Umfelds Herr werden können. Bei der Einführung einer SCM-Software besteht also die Herausforderung, dass Systeme umfangreiches Datenmaterial verarbeiten und vor allem Datenverfügbarkeit sowie -qualität sicherstellen müssen. „Bei SCM-Software handelt es sich nicht um Plug&Play-Lösungen“, ergänzt Martin Ofner von Comarch. „Der Anwender muss den Prozess komplett verstehen, sonst gibt es Akzeptanzprobleme, und das Potential der Software bleibt ungenutzt.“

Probleme bewältigen


Ein weiteres Problem sieht Michael Weidel von Infor darin, dass SCM-Projekte häufig unterschätzt werden: „In erster Linie betreffen solche Projekte das gesamte Unternehmen, d.h. dass die Unternehmensstrategie und die Organisation des Unternehmens mit einer sinnvollen Strategie in Einklang gebracht werden müssen“, erläutert er. „Oft wird die Verantwortung für das Thema SCM einzelnen Abteilungen übergeben, aber nicht von der Führungsebene getragen. Die Implementierung einer sinnvollen SCM-Strategie ist jedoch Chefsache. Das wird häufig unterschätzt.“
Um den Problemen zum Trotz professionelle SCM-Software zukünftig noch interessanter für kleinere Unternehmen zu machen, muss diese weiter standardisiert werden. Das betont Andreas Wagner-Manslau von der Wassermann AG, während AEB-Geschäftsführer Markus Meißner einen Blick in die Zukunft wirft: „Zunehmend werden wir im Markt zwischen zwei Arten von Lösungen unterscheiden: zum einen das SaaS-Modell, bei dem die einfache Einführung und ein hohes Maß an Standardisierung im Vordergrund stehen wird.

Damit werden Systemeinführungen noch günstiger und schneller ablaufen. Als Nachteil kann die fehlende Differenzierung und Branchenausrichtung benannt werden.“ Dafür gebe es auf der anderen Seite in hohem Maße spezialisierte Lösungen, die nach den individuellen Prozessen und Abläufen des Unternehmens ausgelegt werden können. „Mit solchen Systemen lassen sich hochintegrierte Lösungen umsetzen, die auch insbesondere als Vorteil im Wettbewerb eingesetzt werden können“, so Markus Meißner weiterhin. „Dies ist allerdings immer mit den damit verbundenen Kosten für Einführung und Wartung abzuwägen.“

 

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