Produktionslogistik

Hochbegabte Produktionshelfer

Im industriellen Umfeld sind schlanke Prozesse gefragter denn je – nicht nur im Lager, sondern auch in der Produktion. So befördern z.B. smarte Behälter selbstständig Teile zur entsprechenden Montagelinie – was das mit Industrie 4.0 zu tun hat, erklärt Horst Neumann, Business-Development-Manager bei Euro-Log, einem Anbieter von IT- und Prozessintegration in der Logistik.

  • Entlang der Montagelinie können smarte Behälter sequenzgerecht für die Fertigung benötigte Zwischenprodukte liefern.

    Entlang der Montagelinie können smarte Behälter sequenzgerecht für die Fertigung benötigte Zwischenprodukte liefern.

  • Horst Neumann, Euro-Log AG

    „Da sich Industrie-4.0-Szenarien mit der Prozessautomatisierung durch direkte Kommunikation zwischen Dingen, Maschinen, Transporteinheiten und anderen befassen, haben diese direkten Einfluss auf die Produktionslogistik.“ Horst Neumann, Euro-Log AG

ITM: Herr Neumann, können Sie kurz die Kanban-Methode erklären?
Horst Neumann:
Mit der Kanban-Methode lässt sich der Bestand von Materialien für die Produktion an den tatsächlichen Verbrauch anpassen. Nehmen wir ein vereinfachtes Beispiel: Im C-Teile-Management eines produzierenden Industrieunternehmens steht in einem Regal ein Behälter, der spezielle Schrauben für die Produktion beinhaltet. Am Behälter sind mehrere Begleitkarten angebracht, auf denen u.a. die Artikelnummer vermerkt ist. Stellt der zuständige Mitarbeiter nun fest, dass sich der Inhalt dem Ende neigt, entnimmt er eine Begleitkarte und gibt sie an den entsprechenden Disponenten weiter. Dieser weiß dadurch, dass Nachschub bestellt werden sollte, um eine reibungslose Produktion gewährleisten zu können. Treffen die nachbestellten Teile ein, wird die entnommene Begleitkarte wieder am entsprechenden Behälter angebracht.

ITM: Für welche Art von Unternehmen kommt eine solche Methodik in Frage? Eignet sie sich z.B. für Betriebe, die starken konjunkturellen Produktionsschwankungen unterliegen?
Neumann:
Die Methode eignet sich vor allem für produzierende Unternehmen mit produktionsnahen logistischen Prozessen und findet in vielen Bereichen Anwendung. Beispielsweise bei der sequenzgerechten Lieferung von Zwischenprodukten direkt an Montagelinien, dem Versorgen von Maschinen und Anlagen mithilfe von Routenzügen, dem Verwalten von produktionsnahen Lagern und Puffern oder der Versorgung der Produktion mit Material, das im Vergleich zum Beschaffungs- und Logistikaufwand geringen Wert hat (C-Teile). Aber auch beim Verknüpfen von Produktionsbereichen oder der Organisation von Transporten zwischen unterschiedlichen Produktionsstätten in globalen Wertschöpfungsnetzen spielt Kanban eine wichtige Rolle. Da konjunkturelle Schwankungen meist komplette Produktionslinien betreffen, sind die direkt der Produktion zugeordneten Kanban-Prozesse in diesem Bereich eher weniger relevant.

ITM: Welche Rolle kommt innerhalb von Industrie-4.0-Szenarien der Produktions-logistik zu?
Neumann:
Da sich diese Szenarien mit der Prozessautomatisierung durch direkte Kommunikation zwischen Dingen, Maschinen, Transporteinheiten und anderen befassen, haben sie direkten Einfluss auf die Produktionslogistik. Hierbei sind im engeren Sinne Prozesse in der Intralogistik, also der Logistik innerhalb eines Werkes, und im erweiterten Ansatz auch die externen Transporte beispielsweise von Zulieferern betroffen. Konkrete Beispiele dafür sind die Kommunikation zwischen autonomen Transportsystemen und einem „intelligenten“ Regal oder – wie in unserem Forschungsprojekt „DProdLog“, die Kommunikation zwischen einem Behälter und einer IoT-Plattform, die alle Logistikakteure miteinander verbindet. Die Rolle ist also dementsprechend groß und wichtig.

ITM: Immer mehr Dinge werden „smart“:
die City, das Zuhause, die Fabrik. Wie entstand nun die Idee, auch Ladungsträger smart zu machen?
Neumann:
Um Produktions- und Logistikprozesse so transparent wie möglich zu gestalten, gilt es alle relevanten Informationen zu sammeln, zu konsolidieren und allen Beteiligten zur Verfügung zu stellen – und das digital. Die Ladungsträger spielen im Kanban-Prozess eine elementare Rolle und dienen daher als Basis. Durch die fest angebrachte Mikroelektronik sind die Behälter in der Lage, einfache Probleme regelbasiert und autonom oder auch kooperativ zu lösen. Sie besitzen eine eigene Identität, können Daten erfassen, verarbeiten und speichern. Sie können kommunizieren und die erfassten Informationen mitteilen. Dazu zählen neben ihrer Identität und ihrem Inhalt auch die Position im Lager oder der Standort während des Transportes. Weiterhin unterstützen sie das Qualitätsmanagement, da sie auch externe Einflüsse wahrnehmen und aufzeichnen, wie starke Temperaturschwankungen oder Erschütterungen während des Transportes. All diese Faktoren ließen sich ohne die „Intelligenz“ der Behälter nur schwer erfassen und würden einen hohen manuellen Aufwand mit sich bringen.

ITM: Was ist derzeit noch das größte Hindernis, wenn es um die Implementierung der smarten Behälter im Betrieb geht?
Neumann:
Damit die Integration smarter Behälter erfolgreich ist, bedarf es einer entsprechenden IT-Landschaft und Klarheit über die eigenen Prozesse, wie bei jedem Digitalisierungsprojekt. Zudem gibt es smarte Behälter nicht von der Stange. Je nach Grad und Umfang der Digitalisierung müssen die Behälter speziell gefertigt, alternativ müssen bestehende Behälter mit der Sensorik ausgerüstet werden. Die nötigen Investitionen und Ressourcen schrecken dementsprechend viele Betriebe ab. Allerdings sind es Investitionen, die sich auf lange Sicht lohnen.

ITM: Die Behälter übermitteln die Daten an die Service-Plattform – entsteht dabei nicht eine Unmenge an Daten? Wie können diese weiterverarbeitet werden und dabei helfen, zukünftige Vorgänge weiter zu verbessern?
Neumann:
Ja, es entsteht förmlich ein reißender Datenstrom. Dank entsprechender Algorithmen kann man diesen Strom jedoch in die richtige Bahn lenken und so eine Basis für die Zukunft schaffen. Durch die gewonnen Daten lässt sich erkennen, wo etwaige Schwachpunkte in den Prozessen liegen: wenn z.B. – und nun kommen wir zu den Schrauben zurück – Schäden durch Umwelteinflüsse am Inhalt während des Transportes entstehen. Dank der verwendeten Sensorik kann hier der Ursprung des Problems ausfindig gemacht und verbessert werden. Diese Logik lässt sich auch für andere Ladungsträger anwenden.

ITM: Daten sind Gold, gerade im Lager und in der Produktion – besteht bei den Unternehmen generell die Bereitschaft, ihre Daten „aus der Hand zu geben“, indem sie diese an eine externe Plattform übermitteln?
Neumann:
Sicherlich ist das eine Vertrauensfrage. Allerdings überwiegen die Vorteile eine etwaige „Datenskepsis“. Cloud-basierte Lösungen spezialisierter Anbieter geben dem Mittelstand die Möglichkeit, heutige Technologien und Prozessautomatisierungen zu nutzen, ohne eigenes Know-how aufbauen oder entsprechende Hardware beschaffen zu müssen.

ITM: Gab es im Rahmen des Projekts ein Ergebnis, das Sie so nicht erwartet hatten?
Neumann:
Positiv überrascht waren wir von der umfassenden Wahrnehmung der Sensorik. Eine Vielzahl von Informationen zu externen Einflüssen lassen sich damit feststellen. Das ermöglicht einen vielfältigen und branchenübergreifenden Einsatz, unabhängig von der Behältergröße.

Bidquelle: Euro-Log

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