Schaltzentrale der Produktion

Industrie 4.0 braucht ERP

Wie es mittelständischen Unternehmen gelingt, mithilfe einer modernen Enterprise-Resource-Planning-Lösung Industrie-4.0-Prozesse zu realisieren.

  • Stefan Dornseifer, Ams Solution

    „ERP-Systeme werden ihre Funktion als führende Systeme behalten. Jedoch wird eine stärkere Integration in andere Software-Lösungen notwendig.“ Stefan Dornseifer, Ams Solution

  • Thomas Feike, Vlex Software und Consulting

    „Die ERP-Systeme der alten Generation erfüllen vielfach die Anforderungen an eine moderne Digitalisierung nicht.“ Thomas Feike, Vlex Software und Consulting

  • Frank Termer, Software-Experte des Bitkom

    Denkbare ERP-Szenarien fasst Frank Termer, Software-Experte des Bitkom, am Ende des Artikel zusammen.

An die Produktion der Zukunft werden hohe Anforderungen gestellt: Sie muss intelligent, wandelbar, effizient und nachhaltig sein. Im Mittelpunkt von „Industrie 4.0“ steht deshalb die Vernetzung von Mensch, Maschine und Software. Diese Verzahnung betrifft sämtliche Bereiche: von Produktentwicklung über Produktion bis hin zu Logistik und Kundenkontakt. Und führt dazu, dass etwa eine selbststeuernde und -lernende Prozessoptimierung gelingt, Maschinendaten automatisiert überwacht werden und Wartungsbedarf sowie Maschinenausfälle frühzeitig bekannt werden.

Die moderne Produktion im Sinne der vierten industriellen Revolution ist maßgeblich von verschiedenen IT-Komponenten abhängig. Zum einen unterstützt das sogenannte „Internet der Dinge“ die Kommunikation zwischen sämtlichen relevanten Produktionsressourcen und zuständigen Mitarbeitern. Zum anderen bedarf es einer zentralen Instanz, um die teilautonomen Einheiten (Maschinen, Menschen, Werkstücke) sowie einzelne Geschäftsbereiche verknüpfen, koordinieren und synchronisieren zu können.

Diese zentrale Aufgabe wird traditionell vom ERP-System erfüllt und ist auch an der Realisierung von Industrie 4.0-Prozessen maßgeblich beteiligt, indem es lückenlos kaufmännische und technische Daten der smarten Produktion überwacht. „Das ERP-System hat eine zentrale Rolle und verwaltet alle Daten, steuert zudem vernetzte Bereiche der Produktion – Maschinen, Anlagen und Werkzeuge. Sämtliche digitalisierten Abläufe in der Wertschöpfungskette können über ein ERP-System dargestellt und betrieben werden. ERP ist das nötige Gehirn, um Industrie 4.0 erfolgreich umzusetzen“, erläutert Christian Biebl, Geschäftsführer bei Planat, die Rolle des ERP-Systems.

Doch welche (neuen) Voraussetzungen müssen auf Seiten der Enterprise-Ressource-Planning-Lösung erfüllt sein, um Produktionsprozesse im Sinne von Industrie 4.0 voranzutreiben? „Um die Informations- und Materialflüsse von Industrie 4.0-Anwendungen durchgängig zu organisieren, brauchen ERP-Systeme ein offenes Datenhaltungskonzept“, rät Stefan Dornseifer, Mitglied der Geschäftsführung bei der Ams.Solution AG. Hier ist es besonders wichtig, dass das System bei steigenden Informationsquellen und der Menge an Daten für den Anwender zu bewältigen bleibt. Zudem müssen auch unstrukturierte Informationen in das zentrale Datenmanagement eingebunden und in Kontext mit den Unternehmensdaten gesetzt werden.

Vorbereitungen treffen

Einen weiteren relevanten Aspekt nennt Frank Termer, Software-Experte des Bitkom: „Wichtigstes Merkmal ist die Flexibilität des ERP-Systems. Die Geschäfte der Unternehmen werden immer globaler und internationaler. Gleichzeitig werden die Geschäftsbeziehungen immer individueller. Das erfordert eine hohe Flexibilität der eingesetzten betriebswirtschaftlichen Lösungen.“

Weil es bisher keine Schnittstellen-Standards gibt und diese vermutlich auch noch einige Zeit auf sich warten lassen, ist eine diesbezügliche Offenheit ebenfalls erforderlich. „Schnittstellen in einem ERP-System sind natürlich immer ein Thema und können über Standardisierung, Integration und Durchgängigkeit im Griff gehalten werden. Klar ist aber auch, dass durch die steigende Teilnehmerzahl an der Wertschöpfungskette und die damit notwendige „Connectifity“ die Anzahl und die Anforderungen an Schnittstellen zukünftig steigen werden“, berichtet Thomas Feike, Bereichsleiter Marketing und Vertrieb der Vlex Software+Consulting GmbH. Um Maschinen, Sensoren und IT-Systeme effizient miteinander zu verknüpfen, sollten Mittelständler auf interoperable Schnittstellen achten. Um Maschinendaten zu analysieren oder kurzfristige Produktionsänderungen einzuspielen, ist eine nahtlose Integration zwischen Maschinen und ERP-System erforderlich.

Nicht außer Acht lassen sollten Unternehmen zudem, dass der Zugriff über mobile Endgeräte wichtiger wird. Eine wachsende Anzahl an Systemen ist zwar bereits für den mobilen Einsatz aufgestellt – allerdings häufig auf ein bestimmtes Betriebssystem beschränkt, was mit Blick auf „Bring your own Device“-Strategien und der Auswahl an geeigneten Geräten für das Produktionsumfeld zu einer Einschränkung führen kann.

Voraussetzungen erfüllt?

Wie „Industrie 4.0-fähig“ sind die in mittelständischen Betrieben im Einsatz befindlichen ERP-System? „Bei genauer Betrachtung stellt man fest, dass zwar jedes mittelständische Unternehmen schon einmal etwas von Industrie 4.0 gehört hat, die wenigsten jedoch eine konkrete Vorstellung zur Umsetzung haben. Die ERP-Systeme der alten Generation erfüllen vielfach die Anforderungen an eine moderne Digitalisierung nicht. Nachholbedarf sehen wir bei dem Thema der gesamten Datenqualität und -aktualität über alle Geschäftsbereiche und Geschäftspartner – Thema Multisite“, gibt Thomas Feike zu bedenken.
Ähnliches weiß auch Herbert Feuchtinger, Vice President Consulting & Support bei IFS Europe Central, zu berichten: „Viele mittelständische Unternehmen haben heute noch sehr heterogene Produktionsanlagen und -systeme im Einsatz, die zum Teil nur rudimentär vernetzt sind.“

Aufgrund der Vielzahl an unterschiedlichen ERP-Systemen, auf die Mittelständler zurückgreifen, ist es schwierig eine Aussage bezüglich Industrie 4.0-Bereitschaft zu treffen. „Jedes ERP-Systeme ist an die spezifischen Gegebenheiten des Unternehmens angepasst. Ob Veränderungen oder Updates nötig sind, sollte jedes Unternehmen im Einzelfall prüfen“, rät Frank Termer.

Eine Art Bewährungsprobe stellen die im Zuge der zunehmenden Vernetzung auftretenden Sicherheitsbedenken dar. „Mit zunehmender Vernetzung steigen auch die Sicherheitsanforderungen, im Idealfall werden die Sicherheitsaspekte direkt bei der Digitalisierung der Prozesse mit einbezogen“, empfiehlt Christian Biebl. Ratsam sind daher digitale Sicherheitsrichtlinie für jede verknüpfte Maschine sowie zertifizierte Rollen aller Beteiligten.

Moderne ERP-Lösungen sind die Grundvoraussetzung für die systematische Realisierung von Industrie 4.0, da sind sich die Experten einig. „Ein modernes, flexibles und leicht konfigurierbares ERP-System ist für ein zukunftsorientiertes mittelständisches Unternehmen erfolgskritisch – und das nicht nur unter Industrie 4.0-Gesichtspunkten“, fasst Herbert Feuchtinger zusammen. Gleichzeitig stehen ERP-Anbieter genauso wie Unternehmen vor der Herausforderung, sich die Verschmelzung der digitalen und physischen Welt in der Produktion zum Vorteil zu machen. Dabei werden „ERP-Systeme ihre Funktion als führende Systeme behalten. Jedoch wird eine stärkere Integration in andere Software-Lösungen notwendig sein“, glaubt Stefan Dornseifer. Offene Schnittstellen und Flexibilität bleiben dabei ein wichtiges Kriterium.

Welche konkreten Funktionen …
… das ERP-System im Rahmen von Industrie 4.0 übernehmen wird, zeigt die Zukunft. Denkbare Szenarien fasst Frank Termer, Software-Experte des Bitkom, zusammen:
Das ERP-System...
✔ … stellt den zentralen Punkt für alle Daten im Szenario Industrie 4.0 bereit. Es sorgt für die Filterung, Klassifizierung und Weitergabe von Daten an die entsprechenden Systeme und liefert zusätzliche (semantische) Informationen, um Daten interpretieren zu können.
✔ … integriert alle anderen Business-Anwendungen und koordiniert deren Zusammenspiel je nach Geschäftslogik.
✔ … stellt die zentrale Austauschplattform (Middleware) zur Verfügung, um Daten zu transportieren, zu speichern, zu aggregieren und zu selektieren.
✔ … wird die zentrale Planungsinstanz für Industrie 4.0 werden, um Unternehmensressourcen zu planen und zu steuern.
✔ … liefert die betriebswirtschaft­liche Komponente im Szenario Industrie 4.0, in dem eine Verbindung zwischen Warenfluss der Produktion und dem Wertefluss (Finanzen) geschaffen wird.
✔ … stellt die Schnittstelle zum ­Kunden und dessen Aufträgen dar und ist somit die zwingende Voraussetzung für die ­Produktion und damit auch für ­Indus­trie 4.0.

 

Bildquelle: Thinkstock / iStock

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