Dezentralität als Risikofaktor

Industrie 4.0 – Ein Servicethema?

Studien schätzen das Potential von Industrie 4.0 für Deutschland auf derzeit knapp 79 Mrd. Euro, in der Praxis kommt die Technologie jedoch erst allmählich an. Wie der Einstieg aussehen und wie man mit möglichen Risiken umgehen sollte, erläutert Robert Monsberger, Vorstandsmitglied des ERP-Anbieters Asseco Solutions.

„Mehr Dynamik durch Industrie 4.0 bedeutet auch, immer größere Datenmengen den verteilten Komponenten zu überlassen“, sagt Robert Monsberger, Vorstandsmitglied beim ERP-Anbieter Asseco Solutions.

ITM: Herr Monsberger, welchen Eindruck gewinnen Sie aus Ihren Kundengesprächen aktuell von der Einstellung des Mittelstands zu Industrie 4.0?
Robert Monsberger:
Das Interesse an Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge steigt merklich an, in der Praxis sind entsprechende Konzepte allerdings bisher meist nur rudimentär umgesetzt. Viele Kunden beklagen die Schwierigkeit, die wirtschaftlichen Vorteile tatsächlich gegen den Investitionsaufwand abzuwägen. Deshalb werden wir hauptsächlich nach handfesten Resultaten aus Pilotprojekten gefragt – in der Produktion selbst, aber auch im Service-Bereich.

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ITM: Was macht Service so interessant für Industrie 4.0?
Monsberger:
Hier sehen wir aktuell sogar das Hauptinteresse, mehr noch als bei den eigentlichen Produktionsabläufen. Ein Stichwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist „Predictive Maintenance“, dass also gefertigte Produkte von ihren Einsatzorten aus Betriebsdaten zurück an den Hersteller senden. Dadurch lassen sich Wartungseinsätze vorausschauend planen und durchführen, um Ausfallzeiten zu vermeiden. Auch in der Auswertung dieser Betriebsdaten zur eigenen Produktverbesserung liegt hohes Potential.

ITM: Nun startet kein Unternehmen Industrie 4.0 auf der grünen Wiese, vielmehr verfügen sie über vorhandene Maschinenparks und etablierte Infrastrukturen. Wie könnten die ersten konkreten Schritte aussehen?
Monsberger:
Tatsächlich ist es für Interessenten häufig ein Problem, ihre etablierten Produktionsprozesse – die ja auf eine möglichst lange Lebensdauer der Anlage ausgerichtet sind und daher auch in absehbarer Zeit nicht ohne Weiteres online laufen werden – mit der Cloud zu verbinden. Hier sind spezielle Lösungen nötig, die auch „nicht-intelligente“ Maschinen oder Feldgeräte in eine smarte Infrastruktur einbinden können. Zudem fehlt den Kunden auch beim Einsatz cloud-basierter oder mobiler Anwendungen häufig die Erfahrung. Im ersten Schritt ist daher eine ausführliche Beratung unerlässlich. Das können durchaus auch Partner von ERP-Anbietern oder der ERP-Hersteller selbst sein. Voraussetzung ist stets, dass die Referenzen stimmen.

ITM: Zu beachten sind auch die Risiken von Industrie 4.0, etwa die erhöhte Gefahr von Wirtschaftsspionage. Ist das für die Kunden ein Hinderungsgrund?
Monsberger:
Dies ist tatsächlich ein zentraler Einwand, mit dem wir immer wieder konfrontiert werden – nicht ganz zu unrecht. Denn um die Dynamik und Autonomie einer smarten Produktion voll ausreizen zu können, ist ein hoher Grad an Dezentralität erforderlich. Das bedeutet jedoch auch, immer größere Datenmengen den verteilten Komponenten zu überlassen und damit aus der zentralen Kontrolle und Absicherung zu geben. Dieses Dilemma lässt sich zumindest aktuell noch nicht auflösen. In erster Linie müssen Sicherheitsbedenken daher als Aufgabe für das Risikomanagement verstanden werden: Wie viel Dezentralität ist nötig, wie viel Investition in welches Risiko ist nötig? Welche Kompromisse geht man ein?

ITM: Also müssen Kunden damit leben, durch Industrie 4.0 angreifbarer zu werden?
Monsberger:
Hundertprozentige Sicherheit kann es nie geben. Unternehmen werden nicht nur angegriffen, sondern müssen sogar davon ausgehen, dass diese Angriffe zumindest teilweise erfolgreich sind. Doch selbstverständlich besteht durchaus die Möglichkeit, die Sicherheit im Rahmen des angesprochenen Risikomanagements zu maximieren. Gerade hochsensible Bereiche benötigen das höchstmögliche Schutzniveau. Jeder Angriff von außen – etwa zum Zweck der Wirtschaftsspionage – ist immer auch eine Kosten-Nutzen-Kalkulation. Sind die Kosten, den Schutz zu knacken, zu hoch, wird das Ziel unattraktiv. 

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