MES-Systeme: Interview mit Karl M. Tröger, Psipenta

Industrie 4.0 erfordert flexible MES-Systeme

Um die Einführungskosten eines Manufacturing Execution System möglichst gering zu halten, sollten Mittelständler vor der Auswahl auf ein Betriebsdatenerfassungssystem setzten um notwenige Funktionalitäten auszumachen. Karl M. Tröger, Head of Product Management, Psipenta Software Systems GmbH, beschreibt im Interview die richtige Vorgehensweise

Karl M. Tröger, Head of Product Management, Psipenta Software Systems GmbH

ITM: Herr Tröger, welche Rolle spielt ein MES Ihrer Meinung nach bei der Entwicklung von „Industrie 4.0“?
Karl M. Tröger:
MES-Systeme sind ein wichtiger Bestandteil heutiger Produktionssteuerungssysteme und haben mittlerweile einen festen Platz in der Unternehmens-IT eingenommen. Im Zusammenhang mit Industrie 4.0 wird es darauf ankommen, insbesondere die vertikale Integration vom Engineering bis in die Automatisierungstechnik – auf der Basis von Standards – voranzutreiben. Die mit der Initiative Industrie 4.0 verfolgte massive Flexibilisierung der Produktionssysteme wird neue Anforderungen an ebenso flexible MES-Systeme mit sich bringen. Die zunehmende Autonomie und die Dezentralisierung der Produktion, zwei der im Zusammenhang mit Industrie 4.0 postulierten Ansätze, erfordern ebenso agierende unterstützende Softwaresysteme. Dem am nächsten kommen die heutigen MES-Systeme.

ITM: Welche Funktionen sollten in einem MES vorhanden sein?
Tröger:
Der Begriff „MES“ ist vielfach umfassend und aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben worden. Beispielhaft seien hier die VDI 5600 oder Veröffentlichungen im Umfeld der MESA genannt. Der Zuschnitt der Systeme, also die funktionale Abgrenzung untereinander, wird zunehmend schwieriger. Im Kern geht es um „Execution“, also Ausführung, und damit sind elementare Bestandteile Rückmeldung, Einplanung, Absicherung der Ressourcenverfügbarkeit, Betriebssicherung oder die Überwachung der Fertigungssysteme.

ITM: Welche Faktoren erschweren die Einführung eines MES in  mittelständischen Betrieben? Was gilt es zu beachten?
Tröger:
Die Einführung von MES-Systemen ist in mittelständischen Unternehmen von der Sache her nicht schwieriger als in Großunternehmen. Hemmnisse sind typischerweise die etwas dünnere Ressourcendecke in KMU und die Kosten für die Einführung der MES-Systeme. Es kommt darauf an, genau zu ermitteln, welcher Bedarf an MES-Funktionalität besteht und sich darauf zu konzentrieren. Das ist eine Grundvoraussetzung für die Einführung jedweder Business Software. Viel hilft nicht immer viel. Realistische Zeitpläne, geklärte Verantwortlichkeiten und eine klare Projektstruktur helfen bei der Erreichung der Projektziele.

ITM: Lässt sich ein MES als eigenständiges System oder als eine Erweiterung eines bestehenden ERP-Systems betrachten?
Tröger:
MES-Systeme werden vielfach als eigenständige Systemkomponente betrachtet. Zunehmend setzt sich aber das Verständnis durch, dass nur mit einer tiefen Integration von ERP- und MES-Systemen echter Mehrwert entstehen kann. Vielfach wachsen die einzelnen Bestandteile der Systeme zusammen. Anbieter, die beides aus einer Hand anbieten, haben klare Vorteile hinsichtlich Integration und funktionalem Zusammenwirken.

ITM: Für wen ist ein MES überhaupt notwendig bzw. gewinnbringend?
Tröger:
Generell gilt: soviel wie nötig und nicht so viel wie möglich. Welche Funktionsbereiche zum Einsatz kommen sollten, hängt vom Unternehmen selbst, den Fertigungsmethoden und der -typologie, der Produktionstechnik und vielen anderen Faktoren ab. Ein guter Einstieg sind Betriebsdatenerfassungssysteme. Damit werden die zeitnahe Ermittlung des Zustands des gesamten Produktionssystems und damit eine effiziente Produktionssteuerung möglich. Dem können dann weitere Komponenten wie Leitstände zur Werkstattsteuerung oder Instandhaltungsmanagement folgen.
 
ITM: Ist ein Produktionsbetrieb mit einem reinen betriebswirtschaftlichen System überhaupt noch möglich?
Tröger:
Der betriebswirtschaftliche Schwerpunkt einiger ERP-Systeme reicht für heutige Anforderungen an Produktionssteuerung oder sogar Produktionsregelung nicht mehr aus. Das Zusammenspiel von Ressourcen in einem Produktionssystem mit unternehmensübergreifendem Kontext – im Zusammenhang mit Industrie 4.0 wird von Wertschöpfungsnetzwerken gesprochen – kann nur in entsprechend ausgelegten ERP-, MES- oder auch APS-Systemen abgebildet werden. Der betriebswirtschaftliche Zusammenhang darf dabei allerdings nicht verloren gehen. Kosten- und Erlösbetrachtungen gehören genauso zu den Führungsinstrumenten eines Unternehmens wie eine funktionierende Produktionssteuerung.

ITM: Welche Schnittstellen sind notwendig, um ein MES an ein ERP- und andere Systeme anzubinden?
Tröger:
Das kommt auf die Anforderungen und die eingesetzten Systembestandteile an. In einer ersten Näherung kann von Auftrags- und Rückmeldedaten, Terminen oder dem Fertigungsfortschritt ausgegangen werden. Dies sind auch zu allererst die für die fortschreitende Planung im ERP-System wichtigen Daten. Weitere Anwendungsfälle ergeben sich durch die Kopplung an die Automatisierungstechnik (Maschinendatenerfassung). Hier entstehen dann auch Schnittstellen zu Instandhaltungssystemen (Störungsmanagement) oder auch Scada-Systemen (Supervisory Control and Data Acquisition) zur Überwachung von Fertigungslinien.

ITM: Inwieweit kann sich ein MES an die zunehmende Nutzung mobiler Geräte anpassen?
Tröger:
Mobile Geräte halten zunehmend Einzug in den betrieblichen Alltag und vergrößern die Reichweite kommerzieller Anwendungssoftware. Es kommt nun darauf an, die bestehende Funktionalität auch mobil zugänglich zu machen. Damit entstehen neue Anwendungsfälle. Mobile Mitarbeiter können vor Ort in den Prozess einbezogen werden. Neuartige Assistenzsysteme z.B. für Instandhalter werden nutzbar. Daten werden am Ort der Entstehung dargestellt bzw. erfasst. Fehler werden durch entsprechende Unterstützung in Logistikprozessen vermieden und zeitliche Lücken geringer. Die heute verfügbaren Technologien erlauben mittlerweile die robuste Anbindung mobiler Endgeräte an die stationären und bewährten Anwendungen.  

ITM: Gerade diese Geräte erfordern eine Echtzeitdatenerfassung, wie lässt sich diese umsetzten?
Tröger:
Die Nutzung mobiler Endgeräte erfordert nicht unbedingt eine Echtzeitdatenerfassung. Echtzeitanforderungen lassen sich meist nur durch automatische Systeme abbilden. Die Kopplung dieser kann natürlich unter Nutzung mobiler Technologien erfolgen. Menschen nutzen die Technik meist zur Information oder Durchführung von Produktions- oder Logistikprozessen.

ITM: Wie wird sich die Rolle des Produktplaners zukünftig bei einem vollautomatisierten Betrieb verändern?
Tröger:
Der Produktionsplaner der Zukunft wird sich mehr auf die Überwachung der Produktionsprozesse konzentrieren können. Der Schwerpunkt wird auf dem Design der Produktionssysteme liegen. Er wird zukünftig als Mittler zwischen der Produktentwicklung (Product engineering) und der Fertigung (Production engineering) auftreten. Fortgeschrittene Simulationsmöglichkeiten werden die Vorhersage kritischer Situationen und proaktives Eingreifen ermöglichen.

ITM: Klassische MES sind darauf ausgelegt innerhalb eines lokalen Netzwerks einer Fertigung zu laufen, immer häufiger müssen Daten standortübergreifend ausgetauscht werden, wie lässt sich dies realisieren?
Tröger:
Der standortübergreifende Informationsaustausch kann beispielsweise über ausgereifte Multisite-ERP-Systeme realisiert werden. Auf diese Weise werden die lokalen MES-Daten unternehmensweit verfügbar gemacht. Zentrale Instanzen erleichtern dabei die übergreifende Standortintegration. Dies funktioniert umso besser je enger die ERP- und MES-Systeme gekoppelt sind. Hier haben Lösungen aus einer Hand klare Vorteile hinsichtlich Integration und dem effizienten Zusammenspiel.


©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok