Drei Fragen an...

Innovative Technologien in der Logistik

Marvin Kunze, Marketing-Manager der Cosys Ident GmbH und Dr. Timo Unger, Country-Manager DACH bei Panasonic Mobile Solutions im Gespräch über die digitale Transformation in der Logistikbranche.

Digitale Transformation in der Logistik

Digitale Transformation in der Logistik: Marvin Kunze und Dr. Timo Unger im Interview.

Zum Einsatz kommen ganz augenfällig Drohnen, autonome Fahrzeuge und smarte Endgeräte mit Apps, aber auch Cloud Computing, Augmented Reality, 5G, Blockchain oder KI im Backend.

ITM: Die Kombination aus Zeitdruck, der Verwendung von Papierdokumenten und der „Fehlerquelle Mensch“ führt bei der Kommissionierung am häufigsten zu Fehlern. Wie kann moderne Kommissioniertechnik Fehlerquellen ausschalten oder zumindest minimieren?
Timo Unger: Fehleranfällige belegbasierte Lager- und Logistikabläufe werden heute durch vollständig digitalisierte Prozesse ersetzt. Mit modernen Warehouse-Management-Systemen (WMS) – teils mit Staplerleitsystem – wird der Materialfluss an sämtlichen Stationen der Supply Chain digital erfasst, optimiert und gesteuert sowie Echtzeitdaten-Nutzung ermöglicht: von Wareneingang über Lagerung und Kommissionierung bis hin zu Verladung, Transport und Ablieferung der Waren. So werden Papierdokumente überflüssig, doppelte und unleserliche Einträge sowie zeitraubender Datentransfer vermieden.

Da jede Sekunde zählt, werden Ausfälle von Technik und Personal schnell äußerst kostspielig. Der strapazierende Einsatz im 24-Stunden-Schichtbetrieb, in unbeheizten Hallen und im Freien, erfordert daher besonders zuverlässige Hardware für reibungslose Prozesse. Neben Weltmarktführern für Logistikdienstleistungen wie Katoen Natie setzen daher auch Mittelständler wie der Getränkefachgroßhändler Pachmayr auf robuste, ausfallsichere Tablets von Panasonic für ihre Logistik. Dank eines komplett digitalisierten Systems wurde die Warenverfügbarkeit bei Pachmayr auf 99,5 Prozent erhöht und zugleich die Fehlerquote auf unter ein Prozent reduziert.

Marvin Kunze:
Ursache für Fehler in der Lagerhaltung sind häufig papierbasierte Prozesse. Kommissionierungsprozesse sind zudem komplexer als andere Prozesse, in denen nur Artikel und Menge erfasst werden, wie z.B. bei der einfachen Inventur. Diese Kombination aus Lagerarbeiter mit Stift und Papier und zeitaufwändigen, komplexen Abläufen, die ständiges Mitdenken und Entscheiden des Werkers erfordern, sorgen bei geringer Automatisierung für viele Fehler.

Abhilfe schaffen eine Digitalisierung der Lagerbewirtschaftung und Prozesse mit mobiler Datenerfassung. Lagermitarbeiter werden dafür mit mobilen Lösungen für die Lagerverwaltung bzw. Kommissionierung ausgestattet, die ganz genau vorgeben, was der Mensch zu tun hat – und die Fehler im Ablauf erkennen und zurückmelden. Diese bestehen aus passender Hardware (MDE-Geräte, Barcodescanner oder Smartphones), der dazugehörigen App sowie einem intelligenten Backend, das die Prozessvorgaben macht, erfasste Daten verarbeitet und online prüft, wie z.B. der Cosys Webdesk. Eine Schnittstelle zum ERP-System und den Daten, die mit der Intelligenz des Backends für die mobilen Prozesse aufbereitet werden, runden das Ganze ab. Der Lagermitarbeiter kann die auftragsbezogenen Daten jederzeit mit der App auf seinem mobilen Gerät abrufen.

Mitarbeiter haben so alle Kommissionieraufträge laufwegeoptimiert und priorisiert in digitaler Form auf dem Gerät parat. Sie können so dank Barcodescans mit Fehlerprüfung und Online-Rückmeldung am MDE-Gerät schneller und genauer kommissionieren. Da bei dieser digitalen Kommissionierungsmethode die Abläufe vom Backend fest vorgegeben werden, muss der Mitarbeiter weniger mitdenken, Papier entfällt, die Prozessgenauigkeit steigt, was deutlich effizienter ist und Fehler vermeidet.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


ITM: Je geringer die Fehlerquote in Lager und Versand, desto geringer die Prozesskosten und höher die Kundenzufriedenheit. Deshalb ist es entscheidend, Lagerarbeiter von der neuen Technik zu überzeugen. Wie sollte man dabei vorgehen, damit das in einem mittelständischen Unternehmen gelingt? Gibt es „Best Practices“?
Kunze:
Kein Mitarbeiter macht freiwillig Fehler! Das Wichtigste ist, die Eigenmotivation des Mitarbeiters zu fördern und ein angenehmes Umfeld zu schaffen, in dem sich der Mitarbeiter wohlfühlt und gerne mit neuer Technologie arbeitet. Die Mitarbeiter sollten früh in die Auswahl der neuen Technik, der MDE-Geräte und der Software eingebunden werden. Dann ist später die Akzeptanz höher und die Lagerarbeiter haben sich selbst früh mit eingebracht.
Die Software muss selbsterklärend und intuitiv zu bedienen sein. Die MDE-Geräte, heute meist smartphone-ähnlich, sollten leicht sein und gefallen.

Die ersten Tests einer wahrscheinlich noch nicht funktionierenden Gesamtlösung sollte das Management nie von den Lagermitarbeitern selbst durchführen lassen – und auch keinesfalls abschreckende und demotivierende Betaversionen der Software an sie herausgeben! Wir arbeiten daher in den Testphasen eng mit dem Kunden zusammen. Optimierungen an einer laufenden Kommissionierungs-Software hingegen sollten auch die Werker einbringen dürfen, was als Mitgestaltung ebenfalls motivierend sein kann.

Unger: Die Akzeptanz der Nutzer ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Digitalisierungsprojekte. Bereits vor dem Rollout sollten Mittelständler deshalb Pilotprojekte mit „User Acceptance“-Tests, möglichst mit verschiedenen Geräten, durchführen und folgende Kriterien auf den Prüfstand stellen:  Ausfallsicherheit bzw. Zuverlässigkeit, Performance (Rechnerleistung und Scangeschwindigkeit), Handling in Bezug auf die Usability mit intuitiver Benutzeroberfläche und Bedienbarkeit sowie auf Ergonomie und Gewicht der Hardware.

Insbesondere Ergonomie und Gewicht sind bei großem Scanaufkommen erfolgskritisch: Mit ergonomischer Hardware werden branchentypische Gesundheitsschäden sowie der kostspielige Ausfall von Mitarbeitern minimiert.

Zusammenfassend kann man sagen: Mobile Geräte, die im strapazierenden 24/7-Dauerbetrieb und in IT-widrigen Umgebungen versagen oder schlecht konstruiert sind, bremsen Mitarbeiter aus, rufen gesundheitliche Beeinträchtigungen hervor, verursachen enorme Zusatzkosten und hemmen damit die Produktivität.

Mobile IT-Lösungen mit ergonomischer, robuster Bauart optimieren dagegen Arbeitsabläufe durch maximale Verfügbarkeit sowie erhöhte Mitarbeitermotivation und liefern so einen maximalen Return on Investment. Mit unserem zinslosen Mietmodell „Toughbook as a Service (TaaS)“ wird außerdem die Hürde „hohe Investitionskosten wie beim klassischen Kauf“ übersprungen und robuste, mobile Hardware für kleine, mittelständische Unternehmen erschwinglich.

ITM: Welchen Nutzen, welches Potenzial und welche Gefahren (Arbeitsplätze) sehen Sie im Umfeld von Industrie 4.0?
Unger:
Die Vernetzung sämtlicher Prozesse und Abläufe durch die vollständige Digitalisierung in Produktion und Logistik führt zum einen zu effizienteren Abläufen mit deutlich niedrigeren Fehlerraten und einer hohen Verfügbarkeit der Waren. Zum anderen ermöglichen sie optimierte Kundenservices und -erfahrung durch transparente Logistikprozesse mit Echtzeitdaten. Viele Kunden fordern heute eine vollständige Transparenz bei ihrer Warenlieferung.

Vollautomatisierte Prozesse führen zu einem erhöhten Einsatz von Robotern. Gleichzeitig haben große Versandunternehmen, zumindest in Saisonzeiten, in Deutschland nach wie vor Schwierigkeiten, genügend Mitarbeiter zu finden – auch für einfachere Lager- und Logistiktätigkeiten. Industrie 4.0 kann dazu beitragen, diese Engpässe zu beheben.

Kunze: Eine Gefahr für einen massiven Arbeitsplatzabbau in Richtung menschenleerer Fabriken sehen wir nicht. Natürlich können durch die Automatisierung im Lager Arbeitsplätze reduziert werden, die etwa zur Fehlerbeseitigung oder zur manuellen Prozesskoordination (Nacharbeiten, Chaosbeseitigung) bisher benötigt wurden.

Aber durch den stetigen Wandel der weltweiten Lieferketten hin zu immer kürzeren Zyklen sind heute wie morgen Mitarbeiter notwendig, die die Supply Chain immer wieder optimieren und neu gestaltet in die SCM-Tools einstellen. Eine gute Ausbildung wird immer wichtiger, da für Industrie 4.0 kompetente Fachkräfte zur Bedienung der Lagerlösungen erforderlich sind.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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