Drei Fragen an...

Intelligente ERP-Systeme für den nächsten Schritt

Ralf Bachthaler, Vorstand der Asseco Solutions AG und Karl Tröger, Business-Development-Manager der PSI Automotive & Industry GmbH im Gespräch über intelligente ERP-Systeme.

  • Roboterarm bei der Fertigung

    Das ERP-System stellt nach wie vor die zentrale Informationsdrehscheibe im Unternehmen dar.

  • Ralf Bachthaler, Vorstand der Asseco Solutions AG

    „Damit das ERP-System als ‚Datendrehscheibe‘ fungieren kann, muss die technische Integrationsfähigkeit mit Dritt-systemen sichergestellt sein.“ (Ralf Bachthaler)

  • Karl Tröger, Business-Development-Manager der PSI Automotive & Industry GmbH

    „Lieb gewonnene Systeme, die seit vielen Jahren ihren Dienst verrichten, können durchaus zeitgemäß sein.“ (Karl Tröger)

Viel ist heute von „Industrie 4.0“ und „Smart Factories“ die Rede. Um aber aus diesen wohlfeilen theoretischen Konzepten gelebte Praxis zu machen, sind intelligente ERP-Systeme erforderlich, mit denen sich auch disruptive Geschäftsmodelle umsetzen lassen.

Denn die schlichte Automation der Prozesse reicht nicht mehr aus – vielmehr braucht Digitalisierung eine erheblich höhere direkte Interaktion mit dem Markt – mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern. Worauf es dabei ankommt, erklären zwei Experten in IT-MITTELSTAND.

ITM: Projekte mit Blick auf Industrie 4.0 und Digitalisierung beschäftigen aktuell die IT-Abteilungen der Anlagen- und Maschinenbau-Unternehmen. Im Zentrum steht dabei das ERP-System. Wann kann ein bestens bewährtes ERP-System dafür entsprechend modernisiert und wann muss es ersetzt werden?
Ralf Bachthaler:
Das ERP-System stellt nach wie vor die zentrale Informationsdrehscheibe im Unternehmen dar. Im Zuge von Industrie 4.0 und Digitalisierung kommen nun auch vernetzte Produktionsdaten hinzu. Damit diese tatsächlich nutzbar gemacht und aus der Vielzahl dieser Daten Handlungsempfehlungen gezogen werden können, muss das ERP-System in der Lage sein, diese nicht nur aufzunehmen, sondern auch zu verarbeiten.

Ein Beispiel hierfür ist das frühzeitige Erkennen von möglichen Ausfällen im Maschinenpark und die Ableitung daraus resultierender Konsequenzen für die Fertigungsplanung. Entsprechend muss die Architektur der Lösung so aufgebaut sein, dass externe Datenquellen wie Maschinen oder Drittapplikationen leicht integriert werden können. Ist dies nicht der Fall oder nur mit hohem Kostenaufwand zu realisieren, bestehen aus meiner Sicht wenige Alternativen dazu, das Altsystem durch eine moderne, zukunftsfähige ERP-Lösung zu ersetzen.

Karl Tröger: Eine sich aus den Aktivitäten Industrie 4.0 und der Digitalisierung ergebende Top-Anforderung an jeden Teilnehmer in einem Produktionssystem ist Integrationsfähigkeit. Das betrifft Maschinen und Software gleichermaßen. Heutige moderne ERP-Systeme verfügen meistens – nicht immer – über die notwendige Konnektivität und bieten beschriebene APIs für den Zugriff auf die Objekte und Methoden des ERP-Systems.

Unter Umständen ist allerdings nicht der gesamte Funktionsumfang verfügbar. Hier kommt es dann darauf an zu ermitteln, ob a) die gegebene Funktionalität ausreicht und/oder b) erweitert werden kann. Sollten die Anforderungen an die Integrationsmöglichkeiten nicht erfüllbar sein und erfolgskritische – sowohl heute als auch in der Zukunft – Faktoren nicht ausreichend berücksichtigt werden können, kommt ein Unternehmen um eine Neuorientierung hinsichtlich des ERP-Systems wohl nicht herum.

Lieb gewonnene Systeme, die seit vielen Jahren ihren Dienst verrichten, können durchaus zeitgemäß sein. Es kommt wie immer auf das notwendige Augenmaß an. Allerdings sollten zukunftsfähige Lösungen mit modernen Technologie-Stacks nicht aus den Augen verloren werden. Der Wandel kommt oft schneller als gedacht.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 12/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.



ITM: Das ERP-System fungiert in den neuen „Smart Factories“ mehr denn je als regelrechter Integrations-Hub. Welche Funktionalitäten sind gefragt, damit das ERP-System als „Datendrehscheibe“ zwischen Shopfloor, Verwaltung, Kunden und Lieferanten innovative Geschäftsmodelle implementieren kann?
Tröger:
ERP-Systeme geben Daten den Kontext und generieren so die Informationen für die Planung und Steuerung aller Prozesse in der Fertigung und den unterstützenden Bereichen. Das heißt aber auch, dass die Daten für das ERP-System erreichbar sein müssen. Das Stichwort lautet hier: vertikale Integration. Das System muss über stets aktuelle Informationen über den Zustand des Produktionssystems und der gesamten Lieferkette verfügen. Nur so kann auftretenden Störungen begegnet und aktiv gegengesteuert werden.

Anforderung eins ist also: Integration mit dem Shop-Floor. Dabei geht es nicht um die direkte Konnektivität mit dem Prozess, d.h. den Maschinen und Anlagen, sondern heute eher um die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit MES- und Scada-Lösungen. Diese liefern, gegebenenfalls sogar verdichtet, genau diese Informationen.

Anforderung zwei ist die Herstellung von Transparenz über die Lieferkette; intern über die Standorte und extern mittels automatisierbarer Kommunikationslösungen. Geht es um neuartige Geschäftsmodelle als Anforderung drei, rückt auch das IIoT in den Fokus. Sogenannte „digitally
charged products“, also Erzeugnisse, die nicht nur physikalisch existieren, sondern auch einen digitalen Anteil besitzen, ermöglichen beispielsweise neuartige Wartungs- und Service-Konzepte.

Bachthaler:
Damit das ERP-System als „Datendrehscheibe“ fungieren kann, muss zunächst einmal die technische Integrationsfähigkeit mit Drittsystemen sichergestellt sein. Wir haben zu diesem Zweck beispielsweise unser „Business Integration Framework“ entwickelt, mit dessen Hilfe sich externe Systeme rein auf Konfigurationsbasis anbinden lassen, sodass die Release-Fähigkeit zu jedem Zeitpunkt sichergestellt bleibt.
 
Ein echter Wettbewerbsvorteil wird eine Funktion wie diese allerdings erst, wenn die dadurch erschlossenen Datenquellen tatsächlich zu Automatismen im Geschäftsprozess genutzt werden können – idealerweise sogar durch den Einsatz moderner KI-Technologie.

Vorausschauende Wartung ist hier ein gutes Beispiel: Mithilfe von KI wird es möglich, selbst in den Massen an Maschinendaten Fehlermuster zu identifizieren. Auf dieser Basis lassen sich dann z. B. Handlungsempfehlungen generieren, Ersatzteile rechtzeitig beschaffen und Stillstände verhindern. Und so lässt sich letztendlich die Produktivität der Maschine steigern.

ITM: Welche Voraussetzungen in der IT-Infrastruktur müssen geschaffen werden, damit das ERP-System auch im Zeitalter von Industrie 4.0 die führende Instanz im Hinblick auf die Stamm- und Bewegungsdaten eines Unternehmens bleiben kann?
Tröger:
Die IT-Infrastruktur wird zunehmend zum erfolgskritischen Faktor. In dem Maße, wie Geschäftsmodelle auf der Basis des IIoT implementiert werden, muss sich ein Unternehmen zuallererst mit zwei wesentlichen Faktoren auseinandersetzen: der Connectivity mit schnellen Internetzugängen und den hohen Anforderungen an Safety und Security. Dies wird durch die notwendige Öffnung der Infrastruktur nach außen verursacht.

Die Abwicklung des Geschäfts selbst erfolgt typisch in den ERP-Systemen. Somit kommen auch Bewegungsdaten aus dem Feld in den Zugriff. Die notwendige Standardisierung der Kommunikation mit Geschäftspartnern ist ein weiterer Aspekt. Auch hier kommt es auf stabile und sichere Kommunikation an. Das ist im Übrigen unabhängig von der Art und Weise der Interaktion.

Neben den Kommunikationsaspekten rücken zunehmend auch Cloud-Services in den Vordergrund. Die Systeme werden nicht mehr in homogenen Infrastrukturen betrieben, sondern in „Misch-Architekturen“ aus Cloud- und On-Premises-Anteilen, den Hybrid Clouds. Das betrifft den gesamten Umfang der Lösungen – von der Datenhaltung über die Funktionalität bis zur Anwenderschnittstelle. Auch das sind (lösbare) Aufgabenstellungen für die Betreiber der Infrastruktur.

Bachthaler:
Um den gestiegenen Anforderungen an Datenhaltung und -verarbeitung gerecht zu werden, kommt der IT-Infrastruktur zukünftig eine höhere Bedeutung zu. Das ERP-System muss in der Lage sein, Daten zentral zu halten, die dann von verschiedensten Zugriffspunkten aus benötigt werden.

Wenn ich sowohl von außen als auch von innen auf diese Daten zugreifen bzw. sie auf unterschiedlichsten Endgeräten nutzbar machen möchte, ist ein cloud-basiertes Konzept sinnvoll: So können Daten auch von externen Partnern bzw. Systemen in der Public oder Private Cloud abgelegt und im ERP-System genutzt werden.

Um bei unserem Wartungsbeispiel zu bleiben: Denken wir an die mobile Einbindung von Service-Technikern. Damit die Kollegen wichtige Daten jederzeit auch am externen Einsatzort im Zugriff haben, setzen wir ganz klar auf die Cloud. Das erfordert natürlich ein entsprechendes Sicherheits- und Berechtigungskonzept.

Die an einigen Stellen höhere Komplexität in der IT-Infrastruktur darf zudem für den Kunden in der Praxis möglichst nicht ersichtlich werden. Für ihn müssen allein die schnellere Verfügbarkeit und der gestiegene Nutzungsgrad der Daten als Wettbewerbsvorteile im Zentrum stehen.

Bildquelle:Thinkstock/iStock/Asseco Solutions AG/PSI Automotive & Industry GmbH

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