Firmenerweiterung und neues ERP-System

IT bereinigt und neu befüllt

Der Anlagenbauer Albert Frey AG vollzieht eine grundsätzliche Neuausrichtung.

  • Werner Purschke und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG

    Werner Purschke (li.) und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG.

  • Werner Purschke und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG

    „Unsere Aktivitäten verlagerten sich immer mehr in Richtung Fertigung und Produktion. Unsere alte Software war jedoch vom Grundsatz her für Handelsunternehmen konzipiert.“ (Werner Purschke)

  • Werner Purschke und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG

    „Das gesunde Wachstum der voran-gegangenen Jahre konnten und wollten wir nicht aufhalten.“ (Werner Purschke)

  • Werner Purschke und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG

    „Wir sind weit entfernt von einer Serienfertigung, bei uns steht die Projektabwicklung im Mittelpunkt.“ (Sebastian Hofer)

  • Werner Purschke und Sebastian Hofer von der Albert Frey AG

    „Die reine Anzahl der Projekte hat stark zugenommen. Deshalb benötigen wir software-technische Instrumente für die Gesamtsicht.“ (Sebastian Hofer)

Rahmen der Implementierung eines neuen ERP-Systems entschieden sich die Verantwortlichen des bayrischen Anlagenbauers Albert Frey AG für die weitgehende Auslagerung der IT. Der Vorstand Verwaltung, Werner Purschke, und der für das ERP-Projekt verantwortliche IT-Leiter, Sebastian Hofer, erläutern diesen Schritt und geben Einblick in ihre generelle IT-Strategie, die auch Industrie-4.0-Komponenten umfasst.


ITM: Herr Purschke, was ist das Geschäftsfeld von Albert Frey?
Werner Purschke: Albert Frey wurde 1906 als reine Handelsvertretung für Molkereien und Brauereien gegründet. Der heutige Inhaber und Vorstandsvorsitzende, Peter Frischmann, stieg 1990 in die Firma ein, deren Sitz sich damals noch in Stuttgart-Leonberg befand. Peter Frischmann war zuvor als Techniker bei verschiedenen großen Brauereien tätig gewesen und strukturierte das Unternehmen im Laufe der Zeit von einem reinen Handels- in ein Dienstleistungsunternehmen um. Zudem verlegte er den Firmensitz hier nach Wald ins Allgäu.

Zunächst vertrieb er Pumpen, KEG-Anlagen und KEG-Fässer. 1996 kamen Hans Wegele, heute Vorstand Software, und ich hinzu, was mit dem Umzug in größere Büroräumlichkeiten einherging. 1999 erwarben wir dann ein 6.000 Quadratmeter großes Grundstück, auf dem wir nach und nach unser Firmengebäude um Fertigungshallen, Werkstätten sowie ein Schulungszentrum erweiterten.

ITM: Was versteht man unter KEGs?
Purschke: KEGs – zu deutsch: Fässer – sind Mehrwegfässer, die zum industriellen Befüllen und zur keimfreien Lagerung von Getränken entwickelt wurden. Die Hauptaufgabe unserer Anlagen ist eben jenes Reinigen und Befüllen der KEGs, die von 50 Litern Inhalt bis hin zu Kleingebinden von 10 Litern reichen. Neben der KEG-Reinigungs- und Füllanlage, dem eigentlichen Herzstück einer Gesamtanlage, werden in der Peripherie oftmals auch Roboter zum End- und Bepalletieren eingesetzt. Hier kommt unser selbstentwickelter KEG-Greifer mit Servoantrieb zum Einsatz. Die Roboter kaufen wir hinzu, Software und Steuerung für Anlagen und Roboter hingegen kommen aus unserem Hause.

Im Bereich der Fassabfüllung sind wir mit unserem Know-how, unserer langjährigen Erfahrung sowie unserer stetigen Weiterentwicklung mittlerweile zum Marktführer in Deutschland aufgestiegen. Neben dem Maschinen- und Anlagenbau verfügen wir zudem über eine Technologie- und Verfahrensabteilung, eine Pumpenabteilung sowie einen Bereich Prozesstechnik.

ITM: Woran machen Sie die Marktführerschaft im KEG-Bereich fest?
Purschke: Wir fertigen keine Anlagen von der Stange, sondern gehen von der Planung bis zur Realisierung des Projektes individuell auf die Kunden ein. Unsere Anlagen entwickeln wir vor allem im „Hygienic Design“ ständig weiter, um die immer höheren Anforderungen an Hygiene und Sauberkeit zu erfüllen. Unser größtes KEG-Anlagenprojekt mit einer Leistung von 500 Fässern pro Stunde haben wir 2016 bei der Brauerei Veltins fertiggestellt. Die komplette Anlage wurde von uns konstruiert, vor Ort aufgebaut und mit unserer Software in Betrieb genommen.

Nach der Inbetriebnahme kommt natürlich der entsprechende Service hinzu, vorwiegend mit eigenem geschultem Personal.

ITM: Wurden auch externe Firmen hinzugekauft?
Purschke: Ja, 2015 übernahmen wir die Firma Boos aus Flörsheim, die u.a. individuelle Reinigungsanlagen, Transport- und Handlings-Syteme für die Getränke- und Lebensmittelindustrie, für Logistik und Automotiv sowie für den Agrarsektor fertigt. Da der damalige Inhaber einen Käufer suchte und da die Firma bereits unser Partner im Bereich Außenwascher war, war die Akquisition ein logischer Schritt. Denn auch für den Bau von Außenwaschern benötigt man sehr viel Know-how, das wir uns so hinzukaufen konnten. Der Standort in der Nähe von Mainz blieb erhalten. Insgesamt beschäftigen wir heute am Hauptstandort Wald ca. 60 Mitarbeiter, hinzu kommen die 15 Mitarbeiter bei Boos.

ITM: Ist das Pumpensegment ein reines Vertriebsgeschäft?
Purschke: Fast. Eintauchpumpen fertigen wir selbst, die Prozesspumpen hingegen, die in den Brauereien und Pharmaziebereich zum Einsatz kommen, stammen von unseren Produktionspartnern Grundfos und GEA-Hilge. Wir kaufen die Pumpen ein und verkaufen sie weiter, anschließend übernehmen wir das gesamte Servicegeschäft mit Wartung, Reparatur und Ersatzteilverwaltung.

Werner Purschke

  • Alter: 57  |  Familienstand: ledig, 2 Kinder
  • Werdegang: Betriebswirt seit 1996 bei Albert Frey
  • Derzeitige Position: Vorstand Verwaltung
  • Hobbys: Radfahren, Fussball, Wandern


Sebastian Hofer

  • Alter: 28  |  Familienstand: ledig
  • Werdegang: Ausbildung Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung, Studium Wirtschaftsinformatik, seit 2014 bei Albert Frey
  • Derzeitige Position: IT-Verantwortlicher
  • Hobbys: Mountainbiken, Tennis, Bergsport


ITM: Wann hielt das Thema IT Einzug ins Unternehmen?
Purschke: Zu Beginn war so gut wie keine IT vorhanden, Rechnungen wurden mit Excel geschrieben. Vor 15 Jahren dann, als wir uns mit dem Umzug hierher vergrößerten, legten wir uns ein erstes Software-System zu. Vor zwei Jahren mussten wir dann festlegen, welchen Kurs wir künftig einschlagen wollten. Der Auslöser für diese Überlegungen war, dass sich unsere Aktivitäten immer mehr in Richtung Fertigung und Produktion verlagerten. Unsere alte Software-Lösung war jedoch vom Grundsatz her für Handelsunternehmen konzipiert. Für unsere Pumpenabteilung, die keinerlei Fertigungsprozesse aufweist und für die wir überwiegend Angebote und Aufträge erstellen sowie Rechnungen schreiben, wäre die Software wohl noch für weitere fünf Jahre sehr brauchbar gewesen. Für Fertigungsprozesse hingegen passte sie überhaupt nicht.

ITM: Somit stand ein größerer Wechsel an?

Sebastian Hofer: Wie erwähnt entwickelte sich die Fertigung zu einer immer wichtigeren Komponente, wodurch auch die Projektabwicklung zunehmend an Komplexität zulegte. Der damaligen Software fehlten Module für die Projektverwaltung völlig. Wir behalfen uns im Produktionsbereich mit einigen Anpassungen, die letztlich aber doch nicht wirklich funktionierten. Somit mussten wir den Auswahlprozess für eine neue Software starten.

Purschke: Es stand eine generelle Entscheidung an. 2015 erörterten wir im Rahmen eines mehrtägigen Strategie-Meetings mit dem Aufsichtsrat, den Vorständen, dem erweiterten Führungskreis und den Aktionären ausführlich die Strategie für die kommenden 20 Jahre.

ITM: Ein ambitioniertes Ziel in unserer schnelllebigen Zeit.
Purschke: Aber ein notwendiges. Nachdem wir vor einigen Jahren weitere 14.000 Quadratmeter Grundstück erworben hatten, stellte sich die essentielle Frage, ob wir unser stetiges Wachstum fortsetzen wollten.

Die Antwort war klar: Das gesunde Wachstum der vorangegangenen Jahre konnten und wollten wir nicht aufhalten. Es fiel also die Entscheidung, uns zu vergrößern und rundum neu aufzustellen. Zum einen mit dem Bau eines neuen Verwaltungs- und eines neuen Fertigungsgebäudes, zum anderen mit einem modernen ERP-System. Das neue Fertigungsgebäude muss nebenbei gesagt pharmatauglich sein, denn neben den Brauereien wird die Pharmaindustrie immer wichtiger für uns. Bei unserem Kunden Roche etwa sind im Rahmen eines Wartungs- und Servicevertrags für Pumpen zwei unserer Mitarbeiter permanent vor Ort zugegen.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 06/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Wie sind Sie im ERP-Auswahlprozess vorgegangen?
Hofer: Zunächst sondierten wir natürlich den Markt. Einige  Monate nach besagter Strategietagung erfolgte dann die Übernahme von Boos, wo mit Sage ein eigenes ERP-System im Einsatz war. Von Beginn an war es unser primäres Ziel, alle Firmenbereiche auf eine Plattform zu bringen. Folglich zogen wir auch das bei Boos eingesetzte System in Betracht.

In unseren Überlegungen spielte selbst SAP eine Rolle, wobei sich recht schnell zeigte, dass das System eine Nummer zu groß für uns wäre. Die bei Boos eingesetzte Sage-Lösung wiederum erschien uns nach genauerer Begutachtung als funktional zu limitiert.

Über verschiedene Quellen kamen wir dann mit Microsoft Dynamics/NAV in Kontakt, dem ehemaligen Navision. Zusammen mit einem Microsoft-Partner erstellten wir ein Anforderungsprofil. In den folgenden Workshops und Präsentationen jedoch konnte uns das Projektmodul nicht vollständig überzeugen, von Dynamics/NAV als Systemplattform waren wir hingegen überzeugt.

Ein IT-Mitarbeiter unseres Kunden Flensburger Brauerei, zu dem wir sehr guten Kontakt pflegen, empfahl uns den Microsoft-Partner Kumavision, dessen Software Flensburger selbst nutzt. Wir luden den Anbieter daraufhin ein und kurze Zeit später kam das Projekt ins Rollen.

ITM: Wenn Flensburger die Software einsetzt, handelt es sich wahrscheinlich um eine Branchenlösung auf Basis von Dynamics?
Hofer: Ja, es handelt sich um einen Aufsatz namens „Factory“, der auf die Fertigungsindustrie zugeschnitten ist. Dieser Aufsatz ist in verschiedenen Ausbaustufen erhältlich: für Serienfertiger oder Einzel- bzw. Auftragsfertiger. Er eignet sich zudem auch für Unternehmen wie unseres, das – wie wir im Implementierungsprozess feststellten – überwiegend projektorientiert arbeitet. Mit in der Regel drei bis zehn Anlagen im Jahr sind wir weit entfernt von einer Serienfertigung, vielmehr steht die Projektabwicklung im Mittelpunkt.

ITM: Was muss ein Projektmodul in Ihren Augen mitbringen?
Hofer: Großen Stellenwert messen wir dem Projekt-Controlling bei, denn wir möchten eine möglichst hohe Transparenz erzielen. Diese Transparenz konnte die alte Software nicht liefern, weil sie keinerlei Controlling-Funktionalität besaß. Das meiste passierte in Excel-Listen, was etwa dazu führte, dass wir Angebote und Aufträge an der Software vorbei schrieben. Das ist im Grunde das Schlimmste, was man tun kann, denn wir mussten die Daten im Nachgang mühsam mit den im System enthaltenen Fertigungsaufträgen zusammenführen.

Oberste Prämisse war daher, Angebote künftig auch im Anlagenbau im ERP-System zu schreiben, wo sie schließlich hingehören. Diese banale Anforderung war die Voraussetzung dafür, dass wir im Weiteren die gewünschte Transparenz erlangen, mit einem Klick zu sehen, wo wir im Projekt stehen.

Purschke: Controlling wird immer wichtiger, denn am Projekt-ende ist es schön, wenn der Kunde zufrieden ist, aber letztlich muss auch die wirtschaftliche Komponente stimmen.
ITM: Welche weiteren Aspekte spielten in die Entscheidung hinein?
Purschke: Ein weiterer wichtiger Punkt betraf die Finanz- und Anlagenbuchhaltung. Mit dem alten System lief die Fibu über Datev, somit mussten wir immer den Umweg über den Steuerberater gehen, obwohl die Fibu hier ansässig ist. Der Vorteil ist heute, dass die aktuellen Zahlen stets auf Knopfdruck vorliegen, weil ERP und Fibu keine voneinander getrennten Inseln mehr sind.

Ein entscheidender Aspekt war also, die Finanz- und Anlagenbuchhaltung komplett im Hause zu haben, um den Vorständen z.B. über das BI-Modul jederzeit die aktuellen Zahlen liefern zu können. Dies war früher bei weitem nicht möglich, denn die gesamte Nachkalkulation musste immer noch einmal umständlich nachgerechnet werden. Heute sind sowohl die Dokumentation im Anlagenbau als auch die Stücklisten jederzeit einsehbar.

ITM: Wie unterstützt die Software die Projektabwicklung konkret?
Purschke: Über eine Plantafel lassen sich sämtliche Projekte auf einer Terminablaufschiene darstellen. Dies ist deshalb so wichtig, weil es früher vorkam, dass Kunden Angebote erhielten, die dann jedoch zunächst aufgeschoben wurden. Kam  der Auftrag dann, sollten wir schnellstmöglich liefern. Dies war die Folge mangelnder Planungsmöglichkeit. Wir streben also eine bessere Übersicht an, vor allem bei drei oder vier parallel laufenden Projekten.

Hofer: Die reine Anzahl der Projekte hat stark zugenommen. Aus dem Anfangsstadium, als die Verantwortlichen alle Projekte im Kopf hatten, sind wir längst herausgewachsen. Deshalb benötigen wir software-technische Instrumente für die Gesamtsicht. Heute liegen alle wirtschaftlichen Zahlen samt Buchhaltung in einem System, zudem besitzen wir eine professionelle Projektplanung.

ITM: Begutachteten Sie allein die drei genannten Lösungen oder gab es weitere in der Auswahl?
Hofer: Nein, wir beschränkten uns auf Sage, SAP und Dynamics/NAV. Zu SAP führte ich Gespräche mit unserem IT-Partner Cancom, der eine SAP-Sparte betreibt. Es wurde jedoch recht schnell klar, dass SAP nicht passen würde – allein schon preislich nicht.

Über unsere Kunden gab es im Vorfeld mehrfach Berührung mit SAP, und bei einigen Firmen läuft es auch sehr gut. Daher war man in der Firmenleitung der Meinung, die Software werde auch bei uns funktionieren. Doch letztlich, vor allem wenn man die Dienstleistungssätze betrachtet, spielt SAP schon in einer anderen Liga.

ITM: Hatten Sie sich im Vorfeld eine Kostenobergrenze gesetzt?
Purschke: Ja, wir hatten uns intern eine Kostenobergrenze gesetzt. Zum jetzigen Zeitpunkt sind wir absolut im Soll.

ITM: Waren Sie bereit, für die Einhaltung des festgelegten Betrags Einschränkungen in Kauf zu nehmen? Reichte Ihnen der Standard?
Hofer: Wir waren uns mit dem Systemhaus von Beginn an einig, dass wir möglichst nah am Standard der Software bleiben wollten. Dieses Ansinnen wurde dem internen Projektteam mit Key Usern aus allen Bereichen auch von vornherein kommuniziert.

Dieses Vorgehen hat vieles vereinfacht, wenngleich wir zugeben müssen – und das wurde vonseiten Kumavision auch häufig vorgebracht –, dass wir keine geringen Anforderungen hatten, beispielsweise hinsichtlich einer kompletten Dokumentenverwaltung.

Insgesamt hat es dank unserer grundsätzlichen Orientierung am Standard allerdings sehr gut gepasst. Natürlich mussten auch wir einige Anpassungen vornehmen, aber laut Aussage des Implementierungspartners war unser Projekt eines der wenigen, in dem es nahezu keine Individualisierungen gab.

ITM: Sie konnten den gesteckten Rahmen demnach einhalten?
Hofer: Das Projekt ging im vorgegebenen Zeit- und Budgetrahmen über die Bühne. Logischerweise kamen in den ersten Monaten der Nutzung einige Anpassungen hinzu und es werden wohl auch noch einige folgen, weil sichtbar wird, wo wirklich noch etwas fehlt. Dann erweitern wir eben jetzt im Nachgang, aber immer noch in einem verträglichen Rahmen und punktuell.

ITM: Inwieweit mussten Sie Ihre Abläufe ändern und denen der Software anpassen? Wie fiel die Reaktion der Mitarbeiter aus?
Hofer: Natürlich gab es verschiedentlich Kritik. Vor allen Dingen die Mitarbeiter in der Buchhaltung, die zuvor mit Datev gearbeitet hatten, taten sich mit der neuen Software anfangs ein wenig schwer. Generell konnten wir die vorgebrachten Punkte jedoch rasch im Dialog klären.

Purschke: Hilfreich war, dass sowohl der komplette Vorstand als auch die Geschäftsführung von Beginn in das Projekt einbezogen waren. Neun führende Mitarbeiter hatten an den Workshops teilgenommen, und alle neun hatten für das System votiert. Mit einer einstimmigen Meinung tut man sich im Falle aufkommender Schwierigkeiten natürlich leichter, weil sich niemand von der Entscheidung distanzieren kann.

Sicher, die Buchhaltung war anfänglich ein wenig skeptisch wegen der Datev-Ablösung. Dieser Aspekt bereitete uns auch die größten Bauchschmerzen. Die Skepsis ist jedoch komplett gewichen.

Hofer: Insgesamt haben wir durch die Beseitigung der Insellösung in der Buchhaltung auch am meisten profitiert. Wir arbeiten jetzt mit einem voll integrierten System, wodurch wir enorm viel Zeit einsparen. Früher geschah vieles manuell, heute sind die Prozesse weitgehend automatisiert. Gleichzeitig haben wir noch Luft nach oben, denn wir arbeiten ja erst seit Anfang 2018 mit dem System.

ITM: Herr Hofer, Sie waren der Projektleiter. Wie kam es dazu?
Hofer: Ich bin gelernter Software-Entwickler, habe dann Wirtschaftsinformatik studiert. Für einen Wirtschaftsinformatiker gibt es kein prädestinierteres Projekt als die Einführung eines ERP-Systems. Ich bin allerdings nicht wegen des Projektes eingestellt worden, sondern schon vorher. Die Entscheidung für die Neuimplementierung fiel allerdings wenig später, Anfang 2015.

Purschke: Man muss klar sagen, dass ein solches Projekt ohne einen Verantwortlichen wie Herrn Hofer nicht zu stemmen gewesen wäre. Wir haben zwar einen Vorstand Software, der allerdings für die Software unserer Anlagen zuständig ist.

Hilfreiche Ratschläge hinsichtlich der Vertragsgestaltung erhielten wir von unserem Aufsichtsrat Dr. Habauer, der früher in einem großen Unternehmen häufig in Software-Projekte involviert war. Mit der Einführung selbst hatte er nichts zu tun, er unterstützte uns eher in der Prozesssicht und der Projektabwicklung.

ITM: Wie lange lief die Implementierung?
Hofer: Es begann vor ziemlich genau einem Jahr. Die Auftragsvergabe erfolgte im Juni 2017, die Liveschaltung am 1. Januar 2018.

Purschke: Wir wussten, dass es eng werden würde, letztlich spielt es in unseren Augen jedoch keine große Rolle, ob man am 1.1. oder am 1.3. live geht, denn Probleme treten in jedem Fall auf. Somit haben wir uns und unsere Mitarbeiter bewusst ein wenig unter Druck gesetzt.

Hofer: Vor diesem Hintergrund muss ich nochmal darauf verweisen, dass die Einführung zum 1.1. ohne die Nähe zum Software-Standard unmöglich gewesen wäre. Große Anpassungen hätten den Rahmen gesprengt, die Zeit war ohnehin sehr knapp bemessen.

ITM: Mussten Sie infolge des ERP-Projekts Hardware anschaffen?
Hofer: Nein, die Software wurde nicht lokal installiert, stattdessen beziehen wir sie extern aus einem Rechenzentrum. Diese Auslagerung lief nebenbei noch mit.
Purschke: Die Frage, ob wir neue Server und Hardware anschaffen oder ins Rechenzentrum gehen sollten, war eine weitere weitreichende Entscheidung. Nach der Erstellung einer Kostenrechnung für die kommenden zehn Jahre stimmten wir letztlich für eine Auslagerung. Kostenseitig tut sich beides zwar nicht viel, allerdings hat Herr Hofer somit Raum für andere Arbeiten.

ITM: Wurde die gesamte IT ausgelagert oder „nur“ das ERP-System?
Hofer: Bislang läuft nur das ERP-System im Rechenzentrum. Im Herbst 2017 waren sowohl wir im Zuge der Implementierung als auch unser für die Auslagerung zuständiger Dienstleister, Cancom Pironet, ziemlich ausgelastet.

Im Nachhinein war auch dieses Vorgehen richtig, denn eine zweite große Baustelle wäre des Guten zu viel gewesen. Letztlich sind wir mit NAV am 1. 1. im Rechenzentrum gestartet, und just dieser Tage ziehen wir mit den restlichen Standarddiensten nach.

ITM: Um welche Komponenten handelt es sich dabei?
Hofer: Im Rechenzentrum werden dann Microsoft Dynamics, die E-Mail-Dienste und Office gehostet. Wir arbeiten mit Citrix-Terminal-Servern, es wird nur noch das Bild übertragen.

Die Albert Frey AG ...
... produziert seit über 100 Jahren Anlagensysteme für Brauereien und die Getränke- bzw. Pharmaindustrie. Die Kunden erhalten Komplettlösungen aus einer Hand, von Abfüll- bzw. Pumpensystemen über Roboter bis hin zur Steuerungssoftware. Zahlreiche Traditionsbrauereien gehören zum Kundenstamm. Von der Planung über die Realisation bis zum Service nach der Inbetriebnahme übernimmt das Unternehmen sämtliche Projektschritte. www.albertfrey.de


ITM: Inwieweit war Datenschutz ein Teil Ihrer Überlegungen?
Purschke: Datenschutz war und ist ein Thema, erst kürzlich wieder mussten wir einen umfassenden Vertrag unserer Systempartner Cancom und Kumavision unterschreiben. Datenschutz ist aber immer ein Thema, sowohl bei lokal installierter Software als auch ihrer Auslagerung ins Rechenzentrum. Von daher haben wir den Datenschutz erörtert, er war allerdings nicht ausschlaggebend für unseren Gang ins Rechenzentrum.

ITM: Wie gehen Sie mit sensiblen Daten um, etwa aus Ihrer Entwicklungsabteilung?
Hofer: Ins Rechenzentrum sind wir nur mit den Standarddiensten E-Mail, ERP und Office gegangen. Die gesamten CAD-Daten hingegen werden erst einmal weiterhin lokal vorgehalten, vor allem deshalb, weil es rein software-technisch anders noch nicht funktionieren würde. Einen CAD-Rechner im Rechenzentrum nachzubauen, ist aufgrund der Kosten noch unsinnig.

Zukünftig sollen sowohl die Mitarbeiter hier in Wald als auch die Kollegen bei Boos in Mainz auf dieselben Zeichnungen Zugriff haben und an beiden Standorten zeichnen können. Und deshalb muss man die Daten ja hin- und herbringen, was in meinen Augen nur über das Rechenzen-trum funktioniert. Ich denke, dass man sich irgendwann einmal von dem Gedanken des lokalen Vorhaltens trennen muss.

Purschke: Boos ist ein gutes Stichwort, denn ursprünglich wollten wir das neue ERP-System dort ebenfalls zum 1.1. liveschalten. Dies wäre jedoch zu viel geworden, weshalb wir im Oktober 2017 entschieden, Boos erst im Laufe des Jahres an Dynamics anzubinden. Vorgesehen ist jetzt Oktober 2018.

ITM: Gibt es dort spezielle oder andere Anforderungen als hier?
Hofer: Der Plan ist, Boos komplett mit auf unsere Navision-Version zu heben. Ich gehe zwar davon aus, dass es einige Anpassungen geben wird. Aber grundsätzlich werden wir unser Ziel erreichen, über alle Abteilungen und Niederlassungen hinweg auf einer integrierten Plattform zu arbeiten und die Prozesse und Abläufe zu konsolidieren.

ITM: Ist noch regelmäßig ein Berater von Kumavision im Hause zugegen?
Hofer: Wir stehen in regelmäßigem Kontakt, denn natürlich kann noch nicht alles perfekt laufen. Wir sind im Zeit- und Budgetrahmen geblieben, allerdings müssen wir in einigen Bereichen noch nachlegen. Hinsichtlich des Projektmoduls etwa ergeben sich einige neue Aspekte, die wir zunächst gar nicht auf dem Schirm hatten.

ITM: Können Sie ein Beispiel nennen?
Hofer: Anfangs sahen sowohl wir als auch Kumavision uns als Auftragsfertiger. Dann legten wir jedoch in der ersten Januarwoche auf einen Schlag über 50 Projekte in Dynamics an, was uns erstmals verdeutlichte, wie viele Projekte wir eigentlich gleichzeitig betreuen. Diese Transparenz war vorher nicht gegeben.

ITM: Waren dies vorrangig Serviceverträge?
Purschke: Nein, es ging um Anlagenprojekte wie KEG, KZE, Hefereinzucht sowie CIP-Anlagen, aber auch Steuerungsprojekte sowie Engineering-Aufträge.

Hofer: Dies war so etwas wie ein Aha-Effekt, so dass wir relativ bald nachfragten, was wir in Richtung effizienterer Projektabwicklung tun könnten. Da brachte Kumavision das Projektmodul ins Spiel, das wir uns näher angeschauten und voraussichtlich implementieren werden.

ITM: Sie programmieren Software auf Ihre Anlagen. Wie spielt das Schlagwort Indus-trie 4.0 in diese Programmierung hinein?
Hofer: Etliche unserer Software-Projekte gehen bereits in Richtung Industrie 4.0. Beispielsweise integrieren wir eine komplette Fassrückverfolgung mittels RFID in unsere Anlagen.

Bei einigen Kunden befinden sich unsere Anlagen in der Mitte zwischen diversen anderen Systemen, so dass wir Daten hin- und herbewegen. Dazu bieten wir den Kunden verschiedene Software-Tools unserer Produktlinie ALFlex an.

Bei einem Molkereikunden, der ebenfalls Dynamics NAV als ERP-System betreibt, erhalten wir Daten von der Palettierung und geben sie sowohl ans ERP-System als auch ans Produktionsplanungs- sowie ins Lagerverwaltungssystem weiter. Wir fungieren also als Schnittstellensystem, das Daten sammelt und nach Bedarf verteilt. In dem konkreten Projekt war es so, dass wir die einzigen waren, die dieses Schnittstellensystem erstellen konnten. Diese spezielle Software benötigen wir in fast  jedem Projekt, was den Kunden große Flexibilität bringt.

ITM: Ist denn die Nachfrage nach Lösungen wie RFID im Zuge der öffentlichen Diskussion um Industrie 4.0 gestiegen?
Hofer: Bezogen auf die Transponder sind es schon einige Anfragen mehr, das ist zumindest mein Eindruck.

ITM: Sie haben Servicekräfte im Einsatz. Wie steuern Sie diese Kräfte?
Hofer: Noch erhalten unsere Mitarbeiter die jeweiligen Aufträge von unserem Serviceleiter, sie sind noch nicht direkt ans System angebunden. Dies wird sich jedoch ändern, denn wir haben jetzt ein Servicemodul im Einsatz, in dem die verkauften Produkte und Komponenten als Service-Artikel geführt werden. Dort lassen sich  auch Serviceleistungen erfassen, beispielsweise welche Teile getauscht oder repariert wurden. Mit diesen Informationen wollen wir uns nach und nach eine konsistente Datenbasis aufbauen, um die Historien der Pumpen und Anlagen exakt nachvollziehen zu können.

ITM: Was wollen Sie mit dieser Datenbasis erreichen?
Hofer: Die aggregierten Daten sollen sowohl unseren Servicetechnikern und perspektivisch auch unseren Kunden auf einer Online-Plattform zur Verfügung gestellt werden. Sie sollen dort einsehen können, welche Anlagen bei ihnen verbaut sind. Kommt es dann zu einem Defekt, lässt sich das Ersatzteil über die Online-Plattform bei uns bestellen.

Sobald die Daten vorhanden sind, geht es in der Folge natürlich auch um deren Auswertung – Stichwort Big Data. Geht in regelmäßigen Abständen eine bestimmte Komponente kaputt, schickt man am besten prophylaktisch schon einmal ein Ersatzteil zum Kunden.

Der Weg dorthin ist weit, wurde allerdings von vorneweg von uns geplant. Der Anbieter des Web-Portals, der von Kumavision ins Spiel gebracht worden war, war bereits im ersten Workshop mit im Boot und versicherte, dass er das System anbinden könne

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