Langjährige Technologiepartnerschaft bei BWM

IT-Organisation mit Realitätssinn und Weitblick

Etwa 50 eigene Techniker und Ingenieure programmieren die Sondermaschinen beim Bremer Werk für Montage-Systeme (bwm) individuell, die im Haus eingesetzte IT hingegen wird extern betreut.

  • Franz-Josef Klegraf Sondermaschinenbauer bwm

    Seit 2014 ist Franz-Josef Klegraf Geschäftsführer bei bwm. In dieser Zeit hat es einiges an Umbruch gegeben, die IT-Betreuung hingegen ist diesselbe geblieben.

  • Christian Kutzner (li.) und Franz-Josef Klegraf

    Die Zusammenarbeit zwischen dem Sondermaschinenbauer und dem externen IT-Dienstleister setzen Christian Kutzner (li.) und Franz-Josef Klegraf fort.

  • Franz-Josef Klegraf spricht über ERP-Projekte

    „Die große Lehre, die ich aus bisherigen ERP-Projekten gezogen habe, ist, das Customizing auf das Nötigste zu reduzieren.“ Franz-Josef Klegraf

  • Franz-Josef Klegraf Geschäftsführer bei bwm

    „Die immer kürzeren Technologiezyklen bereiten mir im privaten sowie im beruflichen Umfeld Sorge. Bedenklich ist, dass man vieles kaum noch beeinflussen kann.“ Franz-Josef Klegraf

  • Franz-Josef Klegraf im Werk

    „Industrie 4.0 ist Bestandteil vieler Aufträge, wobei der Ansatz von Industrie 4.0 große Stärken, aber auch eklatante Schwächen aufweist.“ Franz-Josef Klegraf

Bei bwm werden IT-Netzwerke und -Infrastrukturen seit gut zwei Jahrzehnten von einem externen Systemhaus betreut. Über diese Bereiche hinaus hat sich die Zusammenarbeit beider Häuser mittlerweile stark ausgeweitet, was auch unter der neuen Geschäftsleitung des Sondermaschinenbauers seine Fortführung findet. Über die Art der Kooperation und die generellen IT-Anforderungen an ein hochspezialisiertes Technologieunternehmen berichten bwm-Geschäftsführer Franz-Josef Klegraf und Christian Kutzner, Chef des IT-Dienstleisters Kutzner IT.

ITM: Herr Klegraf, Sie sind seit drei Jahren Geschäftsführer bei bwm. Was haben Sie zuvor gemacht?
Franz-Josef Klegraf:
Ich war mehr als 30 Jahre in einem Großkonzern im Automobilzulieferersegment tätig und zuletzt verantwortlich für einen Produktionsbereich mit 15 Werken weltweit. Ich komme aus der Fertigung und habe viele Stationen durchlaufen. Mein Bestreben war es aber von jeher, irgendwann in die Selbstständigkeit zu gehen. Dies hatte lange nicht funktioniert, weil sich in der Regel alle drei Jahre neue Aufstiegschancen im Konzern boten, die ich nicht ausschlagen wollte. 2014 bin ich den Schritt in die Selbstständigkeit dann jedoch gegangen.

ITM: Wie kam es dazu? Und warum ausgerechnet bwm?
Klegraf:
bwm gehört zur Hueck Industrie Holding, die der Hueck-Familie gehört, die wiederum Eigentümer meines früheren Arbeitgebers ist. Dort wusste man von meinen Plänen und bot mir hier in Lilienthal die Stelle des geschäftsführenden Gesellschafters an.

ITM: Was genau macht Ihr Unternehmen?
Klegraf:
Wir sind ein Sondermaschinenbauer mit Fokus auf Automatisierungs- und Montagetechnik. Fast jede unserer Maschinen ist ein Unikat. Unsere Kunden kommen meist mit einer Sammlung von Einzelteilen und möchten, dass wir ihnen zur Montage dieser Teile eine komplette Maschine bauen. Diese soll dann eventuell alle zwei Sekunden ein fertiges Produkt herstellen, oftmals mit Anforderungen an die technische Verfügbarkeit von weit oberhalb 90 Prozent.

Über die Hälfte unserer 90 Mitarbeiter sind Ingenieure und Techniker, die meisten von ihnen arbeiten in den Feldern Konstruktion und Programmierung.

Unser Metier birgt natürlich hohe Risiken, weil jedes Produkt individuell gefertigt wird.

ITM: Können Sie diese Risiken näher benennen?
Klegraf:
Zu unseren Kunden zählen namhafte Konzerne aus der Elektronik-, Medizin- und Automobilbranche, d. h., dass wir uns als mittelständischer Lieferant stets auf einem schmalen Grat bewegen. Wir müssen qualitativ absolut hochwertige Produkte liefern, da wir umfangreiche Auseinandersetzungen oder gar Rechtsstreitigkeiten unbedingt vermeiden müssen.

Daher ist es so wichtig, einen Partner an seiner Seite zu wissen, der die IT beherrscht. Denn mehr als die Hälfte unserer Belegschaft arbeitet ausschließlich am Rechner. Fallen Rechner oder Netzwerk aus, herrscht spätestens nach einer Stunde Stillstand. Für mich ist es substanziell, dass Kutzner IT als externes Systemhaus eine Permanentbetreuung sicherstellt. Aus einem Pool von Spezialisten steht uns jederzeit einer zur Verfügung. Dieser Spezialist kann uns mit seinem Wissen im Bedarfsfall aber auch direkt helfen, was bei externen Dienstleistern nicht zwingend der Fall sein muss, weil sie sich sonst erst einmal in die Materie einarbeiten müssen. Diese Problematik entfällt bei unserem Dienstleister.

ITM: Herr Kutzner, wie würden Sie die Rolle Ihres Systemhauses bei bwm beschreiben?
Christian Kutzner:
Mein IT-Unternehmen ist bereits seit über 20 Jahren für bwm tätig. Ich habe hier seinerzeit ein Werkstudium absolviert, nach dessen Abschluss ich für anderthalb Jahre in einem anderen Unternehmen gearbeitet und mich dann selbstständig gemacht habe – mit der Unterstützung von drei Auftraggebern: zwei weiteren Maschinenbauern und eben bwm.

Wie viele EDV-Firmen starteten auch wir mit der Einrichtung von PCs, Netzwerken und der Wartung der Netzwerke. Über die Jahre bauten wir dann immer mehr Know-how auf, sodass wir auch individuelle Software- und Sicherheitslösungen entwickelten und schließlich das gesamte Spektrum abdecken konnten.

Die Zusammenarbeit geht inzwischen weit über den Netzwerkbereich hinaus in Richtung Software-Entwicklung und Projektunterstützung. Wir unterstützen, wenn erforderlich, auch bei der Installation der Anlagen, vor allem in den Bereichen Rechnertechnik und Schnittstellenentwicklung für die Anlagen sowie bisweilen auch in der Software-Entwicklung. Es gibt immer wieder neue Ansätze der Kooperation.

ITM: Herr Klegraf, Sie haben die Rolle von Kutzner IT bei bwm nie infrage gestellt?
Klegraf:
Wir haben in meinen ersten drei Jahren hier etliches an Umbruch hinter uns. Dafür benötigen wir Leute, die das Unternehmen kennen.

Die Vereinbarung lautet, dass uns aus dem Spezialisten-Pool von Kutzner permanent einer betreut. Die jeweiligen Mitarbeiter wechseln jedoch je nach Anforderung. Dies hilft uns, eine stabile IT-Versorgung zu gewährleisten. Es ist von größtem Wert für uns, die Firma Kutzner hier mit im Gebäude zu haben und die langjährige Beziehung auszubauen.

ITM: Das heißt, Kutzner ist Ihre extern-interne IT. Sie haben keine eigene IT-Mannschaft, die die Netzwerke, Rechner oder Software-Implementierungen betreut?
Klegraf:
Viele unserer Mitarbeiter sind Software-Experten. Unser eigenes ERP-System und unser CAD-System SolidWorks, mit dem die Ingenieure arbeiten, werden jedoch komplett von Kutzner betreut.

Wir vergeben zudem Software-Aufträge an Kutzner. Unsere Wertschöpfungskette beinhaltet die Konzeptionierung, Konstruktion, Beschaffung, Montage und Inbetriebnahme von Maschinen. Wir beschaffen alle Komponenten und fertigen nichts selbst. Nach der Anlieferung bauen unsere Monteure die Teile zusammen, bevor die Programmierer der Maschine den Geist einhauchen. Dabei gibt es drei Kategorien: die Robotik, die speicherprogrammierbare Steuerung und drittens die Hochsprache, in der Kutzner ebenfalls unterwegs ist. Es gibt auch rein auf PC-Basis programmierte Anlagen, für die wir Unterstützung anfordern. Wir können dann häufig auf die gleichen Leute zurückgreifen, die bereits mit unseren Spezialisten zusammengearbeitet haben, was sehr viel Einarbeitungszeit spart.

 

Die bwm GmbH ...

... mit Sitz in Lilienthal bei Bremen ist ein Sondermaschinenbauer mit ca. 90 Mitarbeitern und einem durchschnittlichen Jahresumsatz von ca. 18 Mio. Euro. Spezialisiert ist das Unternehmen auf Montage- und Automatisierungstechnik in verschiedensten Branchen. Im Jahr 2017 wurde der 1.000ste Roboter von bwm eingesetzt. Aufgrund des facettenreichen Kundenportfolios kann man auf eine sehr diversifizierte Erfahrung in den unterschiedlichsten Branchen wie z.B. Automotive, Health Care, Medizin und Kunststoffverarbeitung zurückgreifen. Durch die Mischung aus Erfahrung und Innovation will bwm hochkomplizierte, technisch aufwendige Herausforderungen lösen. Dies in Kombination mit einem sehr strikten Projektmanagement macht den Sondermaschinenbauer zu einem gesuchten Partner verschiedenster Industriebereiche.

Durch eine moderne Führungskultur und interdisziplinäre Strukturen will das Unternehmen ein Umfeld schaffen, in dem die Mitarbeiter nicht nur hochmotiviert und engagiert, sondern auch zufrieden und zielorientiert an entsprechenden Aufgabenstellungen arbeiten. 
www.bwm-gmbh.de


ITM: Mit der Programmierung der Anlagen sind wir bei Industrie 4.0, für die es in einem Unternehmen wie bwm bereits konkrete Ansätze geben dürfte?
Klegraf:
Industrie 4.0 ist Bestandteil vieler Aufträge, wobei der Ansatz von Industrie 4.0 große Stärken, aber auch eklatante Schwächen aufweist. Eine große Schwäche ist die, dass es als Oberbegriff für alles Mögliche verwendet wird und somit eine weitere Konkretisierung erforderlich wird. Wenn jemand mit dem iPad seine Kaffeemaschine anschaltet, ist es für ihn vielleicht bereits Industrie 4.0. Auf der anderen Seite finde ich es schade, dass die Begriffswahl gewisse Kategorien von vornherein ausschließt. Die gesamte Agrarwirtschaft z.B. kann mit dem Begriff nicht arbeiten. Denn niemand kauft einen Käse, auf dem ein Logo prangt, nach Industrie-4.0-Kriterien gefertigt worden zu sein. Wenn man heute allerdings wirklich einmal Industrie 4.0 erleben möchte, steigt man am besten auf einen modernen Traktor.

Wenn man sich anschaut, wie akribisch heute die Milchproduktion koordiniert wird, mit Futterzuwendung und Zugangsbereichsregulierung über Transponder, ist dies Industrie 4.0 in Reinform. Es darf nur nicht so genannt werden, denn Industrie 4.0 beißt sich mit ‚Bio’.

ITM: In Ihrer Sparte darf man den Begriff aber verwenden?
Klegraf:
Im produzierenden Gewerbe ja. Aber auch hier stellt man starke Unterschiede fest. Speziell Dinge wie Rückverfolgbarkeit (Traceability) werden je nach Kunde sehr verschieden gewichtet. Die Unterschiede in der Bewertung sind pro Kunde auszumachen, selten nach Branche und selten nach Produkt.

ITM: In vielen Branchen ist Rückverfolgbarkeit aber doch gesetzlich vorgeschrieben?
Klegraf:
Ja, aber wenn man sieht, welch hoher Grad an Traceability zum Teil für Allerweltsprodukte eingefordert wird, während dies für Erzeugnisse, von denen eventuell das Wohlergehen von Menschen abhängt, in viel geringerem Maße der Fall ist, kann man dem Verdacht von Willkür nicht ganz ausweichen. Den Grad der Rückverfolgbarkeit legt allein der Kunde fest, wir sehen uns hier als Umsetzungspartner, der die jeweiligen Anforderungen zur höchsten Zufriedenheit erfüllt.

ITM: Was glauben Sie, wie die Diskussion um Industrie 4.0 von der IT-Industrie geführt wird?
Klegraf:
Ich habe an einer Diskussion teilgenommen, bei der ich erstaunt feststellen musste, wie unterschiedlich die Sichtweisen sind. Ich wurde gefragt, ob ich im Kontext der Digitalisierung vor irgendetwas Angst habe. Meine Antwort war: Ja, und zwar vor der Geschwindigkeit der digitalen Entwicklung, die ich für ein relevantes, großes Problem halte. Was heute neu ist, ist morgen bereits veraltet. Zudem sind die sozialen Medien extrem schnelllebig. Gleiches gilt für Hoch- und Programmiersprachen.  

Um es auf unseren Fall zu beziehen: Wenn ein Kunde eine gut laufende Maschine einige Jahre nach der Erstbestellung in derselben Konfiguration noch einmal in Auftrag geben will, müssen wir zuallererst die Verfügbarkeit von Modulen und Komponenten prüfen. Danach werden dann alle Daten und deren Kompatibilität gecheckt. Dabei kann es zwischenzeitlich mehrere Software-Releases gegeben haben, die eventuell gar nicht mehr unterstützt werden. Schlimmstenfalls müssten wir eine nahezu neue Maschine bauen.

Diese sich immer schneller drehenden Technologiezyklen bereiten mir sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld Sorge, weil selbst die junge Generation gar nicht mehr allem Herr werden kann. Bedenklich ist in meinen Augen, dass man vieles kaum noch beeinflussen kann. Man muss mitmachen, will man den Anschluss nicht verlieren.

ITM: Man könnte es zumindest teilweise probieren.
Klegraf:
Aber diejenigen, die es probieren, sind zu sehr in der Minderzahl. Man kann sich persönlich gegen bestimmte Entwicklungen wehren, wirklich beeinflussen kann man sie jedoch nicht mehr. Oder man nimmt in Kauf, sozial ab und an ausgegrenzt zu werden. Wer Whatsapp ablehnt, bekommt vieles eben nicht mit. Im betrieblichen Bereich ist es ähnlich. Verwehren sich unsere Programmierer bestimmten Innovationen, wird es problematisch.

ITM: Weil die Konzerne die Geschwindigkeit der Innovation vorgeben, indem sie Technologien forcieren und Standards setzen?
Klegraf:
Genau, und da müssen wir Schritt halten. Denn im Unterschied zum Privaten bringen die Kundenanforderungen ja eine gewisse Zwanghaftigkeit mit sich. Macht man nicht mit, verliert man die Kunden sehr schnell. Wer hingegen mithalten kann, liegt im Wettbewerb ganz vorn. Dies versuchen wir u.a. durch die intensive Weiterbildung unserer Mitarbeiter zu gewährleisten.

ITM: Wie viele Sondermaschinen bauen Sie pro Jahr?
Klegraf:
Unser Umsatz liegt bei etwa 18 bis 19 Mio. Euro pro Jahr. Bauen wir Maschinen für 4 oder 5 Mio. Euro, bleibt es bei vier oder fünf Maschinen pro Jahr. Wir können aber auch 100 Maschinen für jeweils 180.000 Euro herstellen. In der Regel sind wir bestrebt, eine gute Mischung aus großen Anlagen und einer größeren Anzahl kleinerer Anlagen zu erreichen.

Die Gefahr beim Bau großer Anlagen besteht darin, dass sie nicht selten Nachträge von 20 oder 30 Prozent aufweisen, womit wir schnell eine zusätzliche Auslastung für einen gesamten Monat auffangen müssen. Folglich müssen wir die Aufträge bestmöglich austarieren. Dies gelingt umso besser, je besser wir die Produkte und Prozesse der Kunden kennen. Daher werden wir häufig in deren Produktentwicklung eingebunden, um eine gewisse Automatisierungsfähigkeit bei der Produktgestaltung sicherzustellen.

ITM: Werden diese Dinge denn nicht in Lastenheften fixiert?
Klegraf:
Doch, allerdings sind die Lastenhefte für zu konstruierende Anlagen teilweise derart umfangreich, dass bereits die Angebotserstellung sehr zeitaufwendig ist. Nachträge in unserem Sinne können sich aus Änderungen am Produkt, Prozessoptimierungen u.Ä. generieren. Diese durchzubringen, bedeutet, genau nachweisen zu können, dass dies nicht Bestandteil des Lastenheftes ist.

ITM: Sie programmieren Ihre Maschinen auf Basis bekannter Programmiersprachen individuell. Wie aufwendig ist deren Verknüpfung mit der internen IT der Kunden?
Klegraf:
Die Schnittstellen sind in meinen Augen nicht das große Problem, es sind vielmehr die Informationen, die der Kunde erhalten möchte. Womit wir wieder bei den Anforderungen wären. Will er nur wissen, ob die Maschine ein- oder ausgeschaltet ist, nennt er uns die Schnittstelle, wo Ein- und Ausgang hingesendet wird – fertig. Wünscht er jedoch einen Parametertransfer, in dessen Rahmen die Daten jedes Schraubers in jedem Prozess drehwinkelüberwacht auf einen zentralen Server geschrieben werden sollen, ist es ein anderer Sachverhalt.

Wir liefern robuste, hochwertige Maschinen, bewegen uns im Hochpreissegment und wissen, dass wir immer wieder mit außergewöhnlichen Anforderungen konfrontiert werden. Dazu gehören eben auch anspruchsvolle Schnittstellen und Programmierungen.

ITM: Datensammeln scheint mittlerweile ein richtiger Volkssport?
Klegraf:
Ich glaube, dass man die Menge der zu sammelnden Daten immer weiter steigern kann. Ich glaube aber auch, dass es irgendwann eine Konsolidierung im Sinne der Verwendung dieser Daten geben muss. In meinen Augen werden viele Daten nur gesammelt, um sie im Fall der Fälle verfügbar zu haben. Sie werden rein aus Sicherheitsgründen mitgeführt. Wir haben z.B. zwei Anlagen gebaut, auf denen für jedes Produkt verschiedenste Daten über einen Datamatrix-Code mitgeschrieben und hinterlegt werden. Jede Anlage läuft mit 180.000 Teilen pro Woche, was bedeutet, dass alle Daten für 360.000 Teile pro Woche hinterlegt werden.

ITM: Also stimmt erneut das Verhältnis nicht?
Klegraf:
Die Menge an derzeit produzierten Daten steht möglicherweise in keinem Verhältnis zu ihrer potentiellen Verwendung. Andererseits kann man es auch nachvollziehen. Ist etwas mit einem Produkt zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht in Ordnung, lässt sich exakt nachvollziehen, welche Chargen betroffen sind –
und schon hat sich der Aufwand bezahlt gemacht.

ITM: Fragen Ihre Kunden denn nicht, wie man bestimmte Daten sinnvoll auswerten kann?
Klegraf:
Klar, sie lassen sich ja auch auswerten, indem man sie in logische Reihenfolgen stellt oder Hoch- und Tiefstwerte ermittelt. Dies ist der ursprüngliche Gedanke von Industrie 4.0, nämlich Anlagen miteinander zu verketten, die erzeugten Daten in Logiken zu stellen und – jetzt kommt’s – konkrete Maßnahmen daraus abzuleiten. Genau daran hapert es jedoch häufig. Die Ableitung sinnvoller Maßnahmen aus den Erkenntnissen ist in vielen Fällen das größere Problem als das Sammeln.

ITM: In 95 Prozent der Fälle wird an dieser Stelle das Beispiel der vorausschauenden Wartung angeführt.
Klegraf:
Stimmt. Nur: Ich komme ursprünglich aus der Kunststoffverarbeitung, wo gerade in diesem Bereich Unmengen an Daten erhoben werden können. Dennoch ist häufig die reine Anzahl der Spritzzyklen die entscheidende Kennzahl für eine präventive Wartung. Was für meine Begriffe auch nach wie vor ein probates und sinnhaftes Vorgehen ist.

ITM: Denkbar wäre doch, solche Daten bereitzustellen, die zeigen, bei welchen Temperaturen, bei welchem Druck oder bei welcher Geschwindigkeit die besten Produktergebnisse erzielt werden?
Klegraf:
Klar, wenn es darum geht, welches Material bei welchen Konditionen zum besten Ergebnis am Produkt führt. Es kann auch eine Rückversicherung für den Anwender sein, wenn er sich auf gewisse Daten berufen kann. Reklamiert ein Kunde ein nicht funktionierendes Produkt, lässt sich anhand der Seriennummer nachvollziehen, wann das entsprechende Teil auf Funktion und Vollständigkeit geprüft wurde. Gab es dabei keine Unregelmäßigkeiten, ist der Kunde zunächst in der Beweispflicht. Es geht heute sehr häufig um juristische Absicherung und Beweisführung.

ITM: Kommen wir zu Ihrer internen IT. Womit arbeiten Sie?
Klegraf:
Wir setzen noch eine eigenprogrammierte Software ein, befinden uns jedoch gerade in einem ERP-Auswahlprozess, in den Kutzner IT maßgeblich eingebunden ist. Wir wollen auf jeden Fall ein System einführen, bei dessen Implementierung und Betrieb uns der externe Dienstleister unterstützen kann.

ITM: Worauf kommt es Ihnen bei der neuen ERP-Software an?
Klegraf:
Wir benötigen ein ERP-System, das als Produkt ein Projekt hat. Oder anders ausgedrückt: Das Projekt ist der Weg zum Produkt. Vor diesem Hintergrund haben wir bereits mehrere Systeme ausgeschlossen, drei befinden sich noch in der engeren Auswahl. Diese drei Produkte sind jeweils Branchenlösungen für Einzelfertiger, denn natürlich muss Grunderfahrung in unserer Sparte vorhanden sein. Ohne die wäre jeder Anbieter gleich ausgeschieden. In der jetzigen Phase kommt es darauf an, wie funktional die Systematik der Software gemessen an unseren Anforderungen ist. Wir haben uns Referenzprojekte angeschaut. Hier liegen die Anbieter gleichauf. Jetzt evaluieren wir, welches Modul am besten passt. Letztlich spielt natürlich auch der Preis eine Rolle.

Mein Vorteil ist vielleicht, dass ich nicht aus dem Sondermaschinenbau, sondern aus der Serienproduktion komme und damit einen anderen Blick auf die Software-Produkte habe.

ITM: Werden Sie sich am Standard der Branchenlösungen orientieren oder wollen Sie individualisieren?
Klegraf:
Wir setzen ganz klar auf den Standard. Ich habe mehrere SAP-Einführungen in großen Werken mitgemacht, natürlich mit dem einen oder anderen blauen Auge. Die große Lehre, die ich daraus gezogen habe, ist, das Customizing auf das Nötigste zu reduzieren und lieber ein System zu suchen, das in seinem Standard möglichst gut zu uns passt. Anpassungen will ich so weit wie möglich vermeiden.

ITM: Welche Ziele verfolgen Sie mit der neuen Software?
Klegraf:
Selbstkritisch müssen wir sagen, dass es in einigen Bereichen besser laufen muss. Wir haben heute im kaufmännischen Bereich zu wenig Transparenz und zu wenige Kennzahlen, aus denen wir eindeutig erforderliche Maßnahmen ableiten können.

Ein Beispiel: Einer der für uns schwierigsten kaufmännischen Prozesse ist die richtige Bewertung der Halbfertigerzeugnisse. Natürlich kann man nach dem Verbrauch gehen, nach der auf das Projekt gebuchten Stundenzahl oder dem Wert der Materialbestellung. Aber vielleicht stellt ein Konstrukteur nach 80 Prozent der veranschlagten Zeit fest, dass die Funktion seiner Konstruktion nicht gegeben ist. Dann beginnt er möglicherweise wieder bei null. Dies zeigt, dass die Spanne für die Bewertung der Halbfertigerzeugnisse immens groß ist. Wenn man zudem weiß, dass unsere Durchlaufzeiten bis zu 36 Wochen betragen können, ist der Anteil, der den Halbfertigerzeugnissen und deren Veränderungen im Monatsberichtswesen zugemessen werden muss, relativ groß. Hier müssen wir uns verbessern. In Bereichen wie der Materialsteuerung hingegen sind wir heute schon gar nicht so schlecht.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


ITM: Sie wollen möglichst wenige Anpassungen. Viele Firmen wollen sich aber doch gerade durch ihre individuellen Prozesse abheben ...
Klegraf:
Ich habe wie gesagt in mehreren großen Werken in SAP-Einführungen begleitet, in vielen Fällen haben wir unterschiedlichste Customizings vorgenommen. Letztlich wurden die hinzuprogrammierten Funktionalitäten häufig dann jedoch gar nicht genutzt, stattdessen wurde mit der altbewährten Excel-Tabelle weitergearbeitet. Das meiste Customizing ist in meinen Augen unnötig, es wird nur gemacht, um möglichst nah an den Status quo heranzukommen. Ich bevorzuge jedoch den Ansatz, das neue Modul den neuen Standard definieren zu lassen.

Die Frage ist doch, ob sich Sondermaschinenbauer wirklich durch ihre ERP-Systeme unterscheiden. Wenn man mit mittelständischen Geschäftsführern spricht, werden die wenigsten bestätigen, dass sie dank eines neuen ERP-Systems kostengünstiger arbeiten. Viele werden sagen, dass es aufwendiger und schwieriger geworden ist und die Prozesse länger dauern. Schaut man dann eine Ebene tiefer, stellt man meist fest, dass die Ursache in dem „gewaltsamen“ Zurechtbiegen der Software zu suchen ist.

Was ist so anders daran, ob ich ein Haus baue oder eine Sondermaschine? Letztlich ist es eine Frage der Anzahl der Komponenten und der Materialien, die zu einem Zeitpunkt x zu einem fertigen Produkt zusammengestellt sein müssen.

ITM: Individualisierung könnte auch im Interesse der IT-Leute liegen, die weiterhin eine Berechtigung benötigen.
Klegraf:
Deshalb ist es unser großer Vorteil, dass wir externe Spezialisten an Bord haben, die das Ganze objektiv bewerten. Christian Kutzner und ich haben uns in einer sehr frühen Projektphase hinsichtlich möglicher Anpassungen ausgetauscht. Dabei wurde recht schnell klar, dass er unsere Entscheidung unterstützt. Man hätte von ihm vielleicht auch eine andere Meinung erwarten können.

ITM: Her Kutzner, wie ist Ihre Meinung zum Thema Individualisierung bzw. Standard?
Kutzner:
Ich sehe unsere Berechtigung nicht darin, auf Teufel komm raus Anpassungen zu programmieren. Vielmehr geht es um Beratung und Lösungsansätze. Es ist ohnehin meist der größere Aufwand, hinter ein ERP-System und seine Abläufe zu schauen, als später ein Stück Software hinzuzuprogrammieren, das eine bestimmte Aufgabe verrichten soll.

Für uns geht es auch darum, die Mittel zu wahren und zu schauen, ob eine Lösung an einer bestimmten Stelle überhaupt notwendig ist. Wir beackern beide Bereiche und deshalb muss man Individualprogrammierung im Warenwirtschaftsbereich oder in der Projektplanung nicht unbedingt aufs Äußerste verteidigen. Denn dann verwehrt man sich auch gewissen Chancen. Es ist ähnlich wie die Diskussion um die Cloud: Es gibt Pro und Contra, letztlich kommt es auf den Einsatzzweck an.

Klegraf: Die Individualisierung des ERP-Systems ist im Sondermaschinenbau nicht unbedingt das Alleinstellungsmerkmal. Vielmehr geht es um das Know-how rund um die hergestellte Maschine. In der Serienfertigung verhält es sich mitunter ganz anders. Dort kann es sein, dass man durch Geschwindigkeiten, Rückweisungen, Nacharbeiten, Mehraufwendungen und Retourenanalysen durchaus einen zusätzlichen Nutzen durch Anpassungen erzielen kann. Bei der Herstellung individueller Maschinen eher nicht.

ITM: Sie sprachen das Thema Cloud an. Betreiben Sie die IT hier im Haus?
Klegraf:
Ja, die betreiben wir hier. Ob das so bleiben muss, wissen wir noch nicht. Wir sehen allerdings große Gefahren beim Auslagern, weil wir sehr viele Kundendaten gespeichert haben. Wir diskutieren die Möglichkeit des Auslagerns im Rahmen der ERP-Implementierung, ich sehe aber wie gesagt gewisse Probleme.

ITM: Was ist mit maschinenerzeugten Massendaten?
Klagraf:
Das ist etwas anderes. Ich spreche nur über unsere internen Programme und Daten.

ITM: Treffen Ihre Kunden diese Unterscheidung auch?
Klegraf:
Durchaus, wobei wir das häufig gar nicht genau wissen. Wir erstellen die Schnittstelle und wo die Daten dann hingeschrieben werden, ist vielleicht schnittstellenrelevant, für uns aber erstmal unerheblich. Ich weiß von zwei Kunden, die Maschinendaten in die Cloud schreiben.

Wir diskutieren die Cloud, vor dem Hintergrund der Sicherheit und des Datenschutzes ist es derzeit jedoch eher unwahrscheinlich, dass wir unsere Systeme in die Cloud legen.

ITM: Die großen IT-Anbieter werden Ihnen erzählen, dass sie die Daten im Zweifel sicherer aufbewahren können als ein Mittelständler.
Klegraf:
Deswegen haben wir die noch gar nicht gefragt. Bevor wir eine Entscheidung fällen, müssen Herr Kutzner und ich nochmals intensiv abwägen.  Letztlich geht es darum, die Sicherheit der Daten zu gewährleisten, weil ein großer Teil des Firmenwertes in den Produkten und den Produktdaten liegt. Diese müssen wir schützen.

Bildquelle: Andreas Muhme

©2018Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok