IT-Dienstleistungen: Interview mit Marc Neuschl und Thorsten Weber

IT-Outsourcing bei Deutsche See

Im Zuge eines Providerwechsels beschleunigte die Deutsche See GmbH nicht nur das Firmennetz, sondern modernisierte gleichzeitig auch die virtuelle Serverlandschaft. Im Gespräch mit IT-MITTELSTAND erläutern Marc Neuschl, IT-Verantwortlicher bei Deutsche See, und IT-Projektleiter Thorsten Weber, warum man bereits seit über zwölf Jahren auf IT-Outsourcing setzt und mit welchem Aufwand im vergangenen Jahr der Wechsel vom alten zum neuen Servicepartner verbunden war.

Marc Neuschl (r.), IT-Verantwortlicher bei der Fischmanufaktur Deutsche See, und IT-Projektleiter Thorsten Weber berichten im Titelinterview, wie der Umstieg zu einem neuen Hosting-Partner verlief.

Das in Bremerhaven ansässige Traditionsunternehmen Deutsche See hat sich nicht nur auf den Handel von Meerestieren spezialisiert. Vielmehr filetiert, portioniert, räuchert und mariniert die traditionelle Fischmanufaktur sämtliche Fische und Meeresfrüchte für ihre rund 35.000 Kunden u.a. aus der Gastronomie sowie dem Einzelhandel. Überdies kreieren die Bremerhavener vor Ort in Bremerhaven verschiedene Feinkostsalate, frisches Fingerfood oder diverse Sushi-Spezialitäten.

Da frische Meerestiere so schnell wie möglich verarbeitet und in den Handel gebracht werden müssen, zählt Schnelligkeit zu den wichtigsten Anforderungen an die Prozesskette des Mittelständlers. Hochverfügbare, stabile und sichere IT-Infrastrukturen bilden dafür die Basis, wobei man deren Betrieb seit Herbst 2013 der Cancom-Tochter Pironet NDH anvertraut hat, wie Marc Neuschl, IT-Verantwortlicher bei Deutsche See, und IT-Projektleiter Thorsten Weber im Interview mit IT-MITTELSTAND erläutern.

ITM: Herr Neuschl, wie sind Sie IT-seitig organisiert?
Marc Neuschl:
Unsere IT berichtet direkt an die Geschäftsleitung. Mit ihr werden grundlegende sowie eine gewisse Tragweite besitzende Projekte abgestimmt und entschieden. Das Tagesgeschäft hingegen wird auf operativer Ebene entschieden.

Generell sind unsere Firmenstrukturen nicht streng hierarchisch organisiert. Jeder Mitarbeiter sollte im Rahmen seines Verantwortungsbereichs selbstständig agieren sowie Entscheidungen treffen. Nicht alles muss über den Tisch des obersten Chefs laufen, da ein derart strukturiertes Unternehmen in unserem Fall auf Dauer sicherlich nicht funktionieren würde. Dennoch benötigt unsere Geschäftsführung stets entsprechende Informationen, um eine transparente Sichtweise auf relevante Sachverhalte zu erhalten.

ITM: Herr Weber, Sie haben Teile Ihrer IT-Landschaft ausgelagert – welche genau?
Thorsten Weber:
Nach wie vor managen wir sämtliche geschäftskritischen Applikationen bei uns in Bremerhaven. Die Betreuung der darunterliegenden Infrastruktur – etwa der Server und Speichersysteme – haben wir jedoch komplett ausgelagert. Hier übernimmt unser Provider sowohl das klassische Hosting unserer Softwaresysteme als auch den gesamten Betrieb der Infrastruktur.

ITM: Welche Applikationen managen Sie selbst?
Weber:
Neben unserer Warenwirtschaft inzwischen auch wieder die Desktopsysteme der Endanwender. Zuvor lag deren Betreuung in den Händen unseres früheren IT-Dienstleisters, seit dem Umstieg auf Pironet NDH realisieren wir dies wieder in Eigenregie.

ITM: Aus welchem Grund?
Weber:
Unserer Erfahrung nach macht es einen deutlichen Unterschied, ob die eigenen IT-Mitarbeiter oder Außenstehende die Enduser betreuen. Mit einem hausinternen Helpdesk ist man einfach näher an seinen Mitarbeitern dran und kann für eine höhere Supportqualität sorgen. Denn die eigenen IT-Kollegen sind oftmals motivierter, Probleme zu lösen und auch einmal etwas außerhalb der Reihe zu leisten.

ITM: Von wie vielen IT-Mitarbeitern sprechen wir insgesamt?
Weber:
Aktuell beschäftigen wir 16 IT-Mitarbeiter sowie zwei Auszubildende.

ITM: Seit wann arbeiten Sie mit Ihrem neuen Outsourcing-Partner zusammen?
Weber:
Der Produktivstart unserer Systeme im Hamburger Rechenzentrum von Pironet NDH erfolgte am 7. Oktober 2013.

ITM: Wann haben Sie sich dazu entschlossen, den Outsourcing-Partner zu wechseln?
Weber:
Der Vertrag mit dem vorherigen IT-Dienstleister T-Systems wurde bereits 2002 mit einer Laufzeit von zehn Jahren beschlossen. Im Laufe der Zeit führten wir eine einmalige umfängliche Neuverhandlung durch, weshalb sich der Vertrag bis zum 31. Oktober 2013 verlängerte. Bereits Anfang 2012 haben wir uns Gedanken über mögliche Alternativen gemacht: Verlängern wir stillschweigend mit T-Systems oder führen wir ein Benchmarking verschiedener Serviceanbieter durch. Wir haben uns für letzteres entschieden und einen offiziellen Ausschreibungsprozess angestoßen, wobei wir auf einen externen Berater zurückgriffen haben.

Neuschl: Wir begannen mit dem Projekt deutlich vor dem Vertragsende, weil wir die Auswahl des Dienstleisters in Ruhe durchführen wollten. Denn wir wussten aufgrund unserer langjährigen Outsourcing-Erfahrung was auf uns zukommen würde. Mit einem entsprechenden Zeitpolster wollten wir vermeiden, unter Druck wichtige Entscheidungen fällen zu müssen. Zudem wussten wir aus unserer Historie heraus, dass der künftige Dienstleister bei uns auf äußerst komplexe IT-Prozesse treffen wird, die sich nicht mal eben nebenbei umstellen lassen.

ITM: Wie verlief der Auswahlprozess im Detail?
Neuschl:
Wir haben mehrere Anbieter zur Präsentation nach Bremerhaven eingeladen, wobei wir schnell den einen oder anderen ausschließen konnten.

ITM: Warum?
Neuschl:
Wir hätten keinesfalls erwartet, dass die Qualitätsunterschiede bei der Erstpräsentation so deutlich ausfallen und es so schnell ersichtlich werden würde, wer nicht als Partner in Frage kommt.

ITM: Was jedoch nicht der Fall war?
Neuschl:
Nicht wirklich, so umfasste die Präsentation eines großen IT-Anbieters 70 Standard-Slides, die weder einen Bezug zu unserem Unternehmen noch zu unserer Branche hatten. Erst auf der letzten Folie befand sich der konkrete Bezug zu Deutsche See, überdies mit zahlreichen Rechtschreibfehlern. Solche Dienstleister haben wir sofort aussortiert. Denn wie soll jemand, der sich bereits beim ersten Präsentationstermin keine Mühe gibt, unsere kritischen IT-Systeme langfristig zufriedenstellend betreuen können?

ITM: Letztlich entschieden Sie sich für Pironet NDH. Wie realisierten Sie die Gestaltung des neuen Outsourcing-Vertrags, haben Sie Teile aus früheren Vertragswerken übernommen?
Weber:
Nein, es handelt sich um ein komplett neu aufgesetztes Konstrukt, das wir gemeinsam mit dem Dienstleister sowie unserem Berater aufgesetzt haben. Zudem ließen wir den Vertrag von einem Rechtsberater gegenprüfen.


„SLAs müssen genau auf die eigenen Bedürfnisse hin zugeschnitten werden, denn niemand sollte sich für seinen Dienstleister verbiegen müssen“, erklärt der IT-Verantwortliche Marc Neuschl.


ITM: Auf welche Service Level Agreements (SLA) haben Sie besonders geachtet? Was raten Sie anderen Mittelständlern?
Neuschl:
SLAs müssen genau auf die eigenen Bedürfnisse hin zugeschnitten werden, denn niemand sollte sich für seinen Dienstleister verbiegen müssen. Einzige Ausnahme bilden Standardservices, die für den eigenen Geschäftsbetrieb eher nachrangig sind und einfach übernommen werden können.

Vor diesem Hintergrund sollte man sich intern sowohl mit den eigenen IT-Kollegen als auch den Endnutzern auseinandersetzen und klären, was sie wirklich benötigen. Denn oftmals übernimmt man SLAs, die nicht hinterfragt werden und im Grunde komplett am Bedarf vorbeigehen.

Weber: Darüber hinaus muss ein Service Level Agreement für alle Parteien eindeutig messbar sein. Als Beispiel dienen die Antwortzeiten von Applikationen – diese empfinden die meisten Endnutzer rein subjektiv, dennoch muss es feste Regelungen geben, wie Ping-Zeiten.

ITM: Erhalten Sie dafür ein regelmäßiges Reporting vom Dienstleister?
Weber:
Wir erhalten ein regelmäßiges, inzwischen sehr übersichtliches SLA-Reporting. Das erste Reporting umfasste über 60 Seiten und besaß eine hohe Detailtiefe. Damit war die Prüfung jedoch recht aufwendig, weshalb wir die Berichte neu aufbereiten ließen. Heute erhalten wir allein zwei Din-A4-Seiten und erkennen auf einen Blick, welche SLAs eingehalten werden konnten bzw. welche verletzt wurden.

ITM: Wie verlief der Umstieg zum neuen Hosting-Partner?
Weber:
Während der Ausschreibung und den anschließenden Verhandlungen wurde schnell klar, dass ein sukzessiver Übergang von dem einen zum anderen Dienstleister nicht möglich sein wird. Von daher mussten wir eine Stichtagsumstellung mit sogenanntem Big Bang vornehmen. Dies realisierten wir an dem langen Wochenende vom 3. bis 7. Oktober 2013.

ITM: War dieses Vorgehen nicht äußerst riskant?
Neuschl:
Wir hatten zwar gehörigen Respekt vor der Umstellung, auch da wir um die Komplexität unserer IT-Landschaft wussten. Dennoch hatten wir eine solche Umstellung in der Vergangenheit schon zweimal erfolgreich gestemmt – zum einen beim initialen Outsourcing 2002 und zum anderen bei einem RZ-Wechsel während der Vertragslaufzeit. Die dadurch gesammelten Erfahrungswerte gaben uns das Selbstbewusstsein, diesen Providerwechsel erfolgreich zu realisieren.

ITM: Wie haben Sie sich auf den Umzug vorbereitet?
Weber:
Wir haben unsere Mitarbeiter intensiv auf das Wochenende vorbereitet und detaillierte Einsatzpläne erstellt. Somit wusste jeder genau, was passieren wird und war hinsichtlich der Komplexität des Unterfangens sensibilisiert. Im Vorfeld haben wir sämtliche Datentransfers nicht nur redundant geplant, sondern auch ausführlich getestet.

Wäre im Laufe des Umzugs etwas schief gegangen, hätten wir überdies ein Fallback-Szenario in petto gehabt, dann hätten wir die Maschinen bei unserem neuen Provider wurden komplett neue Maschinen aufgesetzt. Hätte Pironet die Systeme zu einem späteren Zeitpunkt in Betrieb genommen. Es wäre nicht so gewesen, dass hätte der Wechsel nicht zu einhundert Prozent geklappt, dass wir Montagsmorgens nicht mehr hätten produzieren können.

Neuschl: Desweiteren haben wir uns darüber informiert, ob in Bremerhaven etwas Besonderes ansteht, etwa ob unser Energielieferant zwecks Wartungsarbeiten plant, den Strom abzustellen. Nicht zuletzt brachten wir in Erfahrung, ob auf der Autobahn zwischen Magdeburg, wo wir unsere Daten abholten, und dem neuen Hamburger RZ-Standort Schwertransporte unterwegs sind. Eventuelle Brückenarbeiten inklusive möglicher Straßensperrungen haben wir ebenfalls im Vorfeld ausgeschlossen. Auch haben wir die Fahrt redundant geplant, d.h. wir haben unsere Daten auf zwei NAS-Boxen gespielt und diese in verschiedenen Fahrzeugen transportiert.

ITM: Können Sie etwas zum zeitlichen Ablauf sagen?
Weber:
Der gesamte Umzug musste innerhalb eines gewissen Zeitrahmens ablaufen. Denn benötigt ein IT-System eine zwölfstündige Anlaufzeit, dann dauert es mindestens 24 Stunden, um es von den alten Servern abzuziehen und wieder neu einzuspielen – plus die Transportzeit vom einen zum anderen Standort. In solchen Fällen kann auch ein langes Wochenende sehr schnell vorbeigehen.

Trotz bester Planung hatte dann tatsächlich ein Kollege auf dem Weg nach Magdeburg eine Reifenpanne. Da es sich um einen Firmenwagen handelte, war der Notdienst schnell vor Ort und alles lief glimpflich ab. So hatten wir einen Zeitverlust von ca. 1,5 Stunden zu beklagen, was jedoch locker in unseren geplanten Zeitpuffer passte.

ITM: Wie viele Server waren von dem Umzug betroffen?
Weber:
Wir betreiben mittlerweile rund einhundert virtuelle Server allein für das nationale Geschäft von Deutsche See, wobei das Datenvolumen ca. vier Terabyte beträgt. Besonders wichtig sind jedoch zwei physische Server, auf denen unsere Warenwirtschaftssysteme laufen. Unser neuer IT-Dienstleister trägt diesem Umstand mit einem „Dual Data Center“-Konzept Rechnung, d.h. beide Serversysteme werden geografisch voneinander getrennt vorgehalten, sodass wir im Katastrophenfall immer noch weiterarbeiten können.

ITM: Wo genau werden die physischen Server betrieben?
Weber:
Im Hamburger Rechenzentrum des Kölner Dienstleisters sowie im rund 20 Kilometer entfernten Backup-Rechenzentrum in Norderstedt.

ITM: Was war Ihnen hinsichtlich des RZ-Standorts besonders wichtig?
Neuschl:
Vor allem der Sicherheitsaspekt. Bei unserer Besichtigung des Hamburger Rechenzentrums haben wir uns ganz bewusst die Nachbarschaft angesehen ebenso wie die Absicherung des Betriebsgeländes sowie im Gebäude selbst die Brandschutzanlagen und Sicherheitsschleusen. Zudem informierten wir uns über mögliche Notfallszenarien: Was passiert, wenn der Strom ausfallen sollte? Wie viele Notstromaggregate gibt es und wo befinden sich diese? Welche Löschmittel werden bei einem Brand verwendet und wie sind die Brandschutzzonen organisiert? Wo ist die nächste Feuerwehrwache und wie schnell sind die Einsatzkräfte vor Ort?

Weber: Darüber hinaus war uns wichtig, dass alle Anwendungen beim Hosting-Partner ausschließlich auf unseren eigenen Systemen laufen – sozusagen in einer Private Cloud.

ITM: Wie redundant ist dabei die Anbindung an Ihren Hauptsitz in Bremerhaven ausgelegt?
Neuschl:
Die Redundanz ist je nach System unterschiedlich. Für die geschäftskritischen Anwendungen haben wir eine Verfügbarkeit von 99,9 Prozent festgelegt. Bei weniger wichtigen Systemen liegen wir bei 98,5 Prozent, was der niedrigste verfügbare SLA-Wert ist.

Weber: Unsere Warenwirtschaft gehört zu den kritischen Systemen, dabei handelt es sich um Prostore und Proplan des Anbieters Team aus Paderborn. Mit beiden steuern wir von Bremerhaven aus unsere gesamte Produktion sowie auch die Logistik. Ein weiteres wichtiges Programm ist für uns Lotus Notes, und zwar nicht nur als E-Mail-System. Denn mittlerweile verbreiten wir über diesen Kanal – quasi als Collaboration-Plattform – viele interne Informationen. Würde dieses System ausfallen, wären wichtige Inhalte nicht mehr verfügbar.


„Im Zuge des Providerwechsels wurde die Bandbreite von 8 Mbit/s auf bis zu 100 Mbit/s erhöht“, erklärt IT-Projektleiter Thorsten Weber.


ITM: Welche Geschwindigkeit haben Sie für Ihr Netzwerk vorgesehen?
Weber:
Im Zuge des Providerwechsels wurde die Bandbreite von 8 Mbit/s auf bis zu 100 Mbit/s erhöht. Dabei war uns wichtig, dass der neue Dienstleister ein eigenes Multi-Protocol-Label-Switching-Netz (MPLS) anbieten konnte. Naturgemäß zeigten sich insbesondere unsere IT-Kollegen davon sehr begeistert, wobei wir im vergangenen Jahr die Leitungen sicherlich kaum bis zur Oberkante ausgelastet haben.

Neuschl: Aufgrund des leistungsfähigen Netzwerks sowie neuer Hardware inklusive erhöhter Rechenleistung läuft die eine oder andere Applikation inzwischen deutlich schneller als früher, so konnten etwa bestimmte Buchungsvorgänge für den Warenausgang beschleunigt werden, was in unserem sehr zeitkritischen Geschäft von hoher Bedeutung ist.

ITM: Würden Sie eine solche Umstellung rückblickend nochmals vornehmen?
Weber:
Ja, aber sicherlich nicht alle drei Jahre. In der Zeit des Umstiegs haben wir uns primär mit uns selbst und dem Basisbetrieb beschäftigt, sodass wir in dieser Zeit keine Innovationen für die Endnutzer einführen konnten. Die User selbst haben von dem eigentlichen Umstieg nichts gemerkt, was durchaus als Kompliment für unsere IT-Abteilung als auch den Dienstleister zu verstehen ist.

ITM: Wie decken Sie mittels IT die Besonderheiten Ihrer Branche ab?
Neuschl:
Unsere Frischwaren sind äußerst kurzlebig und wir besitzen extrem kurze Bestellvorläufe. So schicken uns viele Gastronomen ihre Frischfischbestellungen per Mail oder Fax erst nach Restaurantschluss. Am darauffolgenden Morgen stoßen unsere Expedienten und Disponenten in den Niederlassungen dann die Bestellung in der Warenwirtschaft an. Dabei müssen die Produkte noch am selben Morgen per LKW von Bremerhaven aus in die Niederlassung geliefert werden. Bei so kurzen Vorlaufzeiten müssen unsere IT-Systeme einfach funktionieren, ansonsten würden sämtliche internen Abläufe sowie unsere komplette Lieferkette zusammenbrechen.

ITM: Wie viele Kunden beliefern Sie?
Neuschl:
Wir besitzen rund 35.000 Kunden aus unterschiedlichen Bereichen, beispielsweise aus der Gastronomie, dem Einzelhandel oder dem Catering für Firmen-, Krankenhaus- oder Schulkantinen.

ITM: Wie können Sie die Frische Ihrer Waren garantieren?
Neuschl:
Unsere Einkäufer bestellen Frischfisch und Meeresfrüchte auf dem weltweiten Markt bei verschiedenen Fischereien. Allerdings benötigen die Kunden die Ware innerhalb der nächsten 24 bis 48 Stunden. Innerhalb dieser Zeit ist es jedoch unmöglich, z.B. Fisch aus Südostasien oder Südamerika nach Bremerhaven, geschweige denn in eine der Binnenniederlassungen zu transportieren.

Von daher müssen unsere Einkäufer ihre Bestellungen immer vorausschauend auf Basis von statistischen Systemdaten und Erfahrungswerten, Schätzungen und Bauchgefühl vornehmen. Denn aufgrund der kurzen Haltbarkeitsdauer unserer Produkte können wir – anders als andere Nahrungsmittelanbieter – kaum Warenbestand aufbauen.

Da wir viele Produkte selbst veredeln, muss unser ERP-System schnell ermitteln können, ob wir selbst produzieren können oder wo möglich und nötig noch  zukaufen sollten. Das heißt, die Software muss uns kurzfristige „Make or buy“-Entscheidungen abnehmen.

ITM: Könnten sich Ihre Einkäufer nicht mit sogenannten Big-Data-Analysen behelfen?
Neuschl:
Wir vertrauen auf Mitarbeiter, die ihr Geschäft kennen und entsprechende Erfahrung mitbringen. Denn nicht alle Anforderungen oder auch Prozesse lassen sich hundertprozentig mit IT abdecken. Zwar könnten wir theoretisch mit Algorithmen arbeiten und mittels Big-Data-Analysen ermitteln, wann welcher Fisch gekauft wird, wie sich die weltweiten Fangquoten entwickeln und was dann letztlich auf dem internationalen Fischmarkt erhältlich sein wird. Doch oftmals spielen andere Faktoren eine viel wichtigere, etwa das Wetter: Denn wird es zu heiß, wird weniger Fisch gekauft als bei kühleren Temperaturen. Oder hinsichtlich regionaler Ausprägungen wie dem Aschermittwoch in den rheinischen Karnevalshochburgen.

ITM: Warum nutzen Sie die Warenwirtschaft eines relativ kleinen ERP-Anbieters und nicht etwa die eines Weltkonzerns wie SAP?
Neuschl:
Sowohl bei Prostore als auch bei Proplan handelt es sich um auf den Nahrungsmittelhandel zugeschnittene Branchensoftware. Mit dem dahinterstehenden Paderborner Anbieter befinden wir uns auf Augenhöhe, sodass dieser bei uns kurzfristig entstehende Anforderungen schnell in die Software integrieren kann.

ITM: Inwieweit müssen Sie als Fischmanufaktur die Rückverfolgbarkeit der Produkte gewährleisten können? Bis zu den Fanggebieten?
Neuschl:
Das Thema Rückverfolgbarkeit ist in der Lebensmittelwirtschaft und ganz besonders in der Fischbranche ein sehr wichtiges und gleichzeitig herausforderndes Thema. Wir gewährleisten bereits seit mehreren Jahren eine Rückverfolgbarkeit unserer Produkte, die weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Beispielsweise geben wir seit langem neben dem Fanggebiet auch sogenannte Unterfanggebiete und die verschiedenen eingesetzten Fangmethoden an. Die Herausforderung besteht für uns zum einen darin, die Informationen von unseren Lieferanten abzufragen und zum anderen die in unseren Systemen erfassten Daten anschließend produkt- und kundenspezifisch an unsere Kunden weiterzuleiten.

ITM: Müssen Sie besondere Saisonzeiten abfedern?
Weber:
Stoßzeiten gibt es bei uns vor Weihnachten und Ostern, worauf wir uns IT-seitig einstellen. So führen wir zu diesen Zeiten definitiv weder Wartungsarbeiten durch noch setzen wir wichtige IT-Projekte auf.

ITM: Wie würden Sie  Deutsche See einschätzen – sehen Sie sich als Vorreiter oder warten Sie mit IT-Vorhaben eher, bis die Technologien ausgereift sind?
Neuschl:
Einerseits sind wir in manchen Dingen sicherlich Vorreiter und probieren brandneue Technologien partiell aus, allein um zu sehen, welche Vorteile diese für unser Unternehmen bringen. Andererseits sind wir aber nicht diejenigen, die stets sofort das Neueste haben müssen.

Generell haben wir in den letzten Jahren versucht, uns von reinen Infrastruktur- oder Technikfragen zu lösen und die IT als Geschäftstreiber anzusehen. Wir machen uns bewusst, wie wir als IT-Abteilung das Geschäft von Deutsche See besser unterstützen können. Von daher besuchen wir regelmäßig die einzelnen Abteilungen, sehen uns deren Prozesse an und ermitteln Verbesserungspotential. Dies kommt bei allen Beteiligten gut an, sodass uns mittlerweile auch die Endanwender oder Abteilungsleiter aktiv ansprechen, ob wir sie bei gewissen Dingen unterstützen können.




Marc Neuschl

  • Alter: 47 Jahre
  • Familienstand: verheiratet, ein Sohn und eine Tochter
  • Werdegang: Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Lüneburg, anschließend Stationen in der Wirtschaftsprüfung/Steuerberatung sowie einer privaten Beteiligungsgesellschaft in Hamburg. Seit 1999 ist er als Prokurist bei Deutsche See tätig.
  • Derzeitige Position: Direktor Finanzen, Controlling, IT
  • Hobbys: Laufen, Golf


Thorsten Weber

  • Alter: 45 Jahre
  • Familienstand: verheiratet
  • Werdegang: Seit 1986 ist er bei Deutsche See beschäftigt. Im Jahr 2000 übernahm Weber die Leitung des SAP Application Management der Fischmanufaktur und seit 2002, mit dem ersten Outsourcing des IT-Bereiches, verantwortet er das Providermanagement. Daneben fallen die zentralen Anwendungen des Unternehmens sowie das Desktopmanagement in seinen Verantwortungsbereich.
  • Derzeitige Position: Leiter zentrale Anwendungen, Providermanager
  • Hobby: Sport in jeglicher Form




Deutsche See Fischmanufaktur

Hauptgeschäftsfeld des Lebensmittelherstellers mit Sitz in Bremerhaven ist die Verarbeitung von Fisch und Meeresfrüchten sowie deren Vertrieb an Einzelhandel, Gastronomie und Foodservice. Als Marktführer in Deutschland ist man bundesweit mit 22 Niederlassungen präsent.

Unter dem Motto „Besserer Fisch für alle“ wird der nachhaltig gefangene und gezüchtete Fisch in der hauseigenen Fischmanufaktur auch direkt weiterverarbeitet, etwa filetiert und portioniert. Zudem stellt der Mittelständler auch Fischspieße zum Grillen her, bereitet Fisch für den Ofen oder die Pfanne vor, räuchert, mariniert – und dies alles von Hand und nach bewährten Rezepten. Beliefert werden Köche, Restaurants und Kantinen, Fischhändler und der Lebensmittelhandel.

  • Branchen: Nahrungsmittel, Großhandel
  • Gründung: 1939
  • Hauptsitz: Bremerhaven
  • Mitarbeiter: rund 1.700

www.deutschesee.de

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