Interview mit Jürgen Richter, Unternehmensberater aus Erding

„Je stärker die Verzahnung, desto komplexer die Schnittstellen!“

Im Interview mit IT-MITTELSTAND weist Jürgen Richter, Inhaber der Erdinger Unternehmensberatung Catalyso, auf die ERP-Problematik von Unternehmen eines Gruppen- oder Konzernverbunds hin. Werden dort verschiedene Systeme eingesetzt, kommt es darauf an, inwieweit die Unternehmen geschäftlich verzahnt sind und interagieren müssen.

Jürgen Richter, Inhaber der Unternehmensberatung Catalyso

ITM: ERP-Systeme sind schon lange Standard im Mittelstand. Wo sehen Sie die Gründe dafür, dass das Zusammenspiel verschiedener ERP-Systeme, zum Beispiel denen von Kunden und Lieferanten oder denen von Konzern-Töchtern und Konzernzentrale, auch heute immer noch schwierig und komplex ist?

Jürgen Richter: ERP-Systeme sind komplex. Das betrifft sowohl die dahinter liegende Business-Logik als auch die Struktur der Datenmodelle. Unterschiedliche Systeme nutzen völlig unterschiedliche Logiken und Strukturen. Das gilt trotz der Tatsache, dass es am Ende immer um dasselbe geht – Ressourcen und Materialplanung.

Hinzu kommt, dass unterschiedliche Unternehmen ganz unterschiedliche Fertigungsprozesstypen und damit Prozesse haben können. Das gilt auch innerhalb der Unternehmen eines Gruppen- oder Konzernverbunds. Werden dort verschiedene Systeme eingesetzt, kommt es darauf an, inwieweit die Unternehmen geschäftlich verzahnt sind und interagieren müssen. Je stärker diese Verzahnung ist, desto komplexer werden die Schnittstellen, weil es dann nicht nur um den Austausch von Finanzdaten zur Planung und Konsolidierung geht, sondern um den Austausch von mehr oder minder komplex strukturierten Plan- und Transaktionsdaten.

Dazu können Planabsätze, Lieferpläne, Auftrags-, Produktionsdaten, Liefer-, Rechnungsinformationen und andere Daten zählen. Nach wie vor ist in solchen Zusammenhängen der Einsatz von EDI das zu erwägende Mittel der Wahl, um die unternehmensübergreifende Kommunikation disparater Systeme zu realisieren. Individuelle Schnittstellen gestalten sich schnell komplex, unflexibel und extrem wartungsintensiv.

Deswegen versucht man innerhalb von Konzern- oder Gruppenstrukturen häufig, in allen Gruppenunternehmen eine einheitliche Softwareplattform einzusetzen, die ein unternehmensübergreifendes Datenmodell bietet. Das erleichtert die Kommunikation sowie eine unternehmensübergreifende Planung und Steuerung ungemein. Eine solche Strategie kann allerdings auch dazu führen, dass Unternehmen Prozesse und Standards übergestülpt werden, die aus Konzernsicht zwar wünschenswert, aber aus der Sicht des einzelnen Unternehmens nicht optimal sind.

ITM: Genauso schwierig gestaltet sich oft die ERP-Anbindung von Fremdsystemen (CRM, WMS, PIM, Online-Shop). Hat das die gleichen Ursachen – oder kommen weitere Aspekte hinzu?

Richter: Hier stellt sich die Frage des Einsatzes von EDI in der Regel nicht. Grundsätzlich sind es jedoch auch hier die unterschiedlichen Datenstrukturen und Logiken, die aufeinander abzustimmen sind. Eine gewisse Herausforderung stellt dabei auch die laufend erforderliche Synchronisierung von notwendigen Redundanzen dar. Das betrifft zum Beispiel Artikel-, Produkt- und Kundenstammdaten oder auch Bestände und so weiter.

Vereinfacht werden kann die Erstellung und Pflege der Schnittstellen durch moderne Werkzeuge, wie etwa den Einsatz eines „Enterprise Service Bus“ (ESB), der gewissermaßen als Drehscheibe zwischen den unterschiedlichen Systemen fungiert. Er ersetzt die herkömmlichen, meist deutlich aufwändigeren und pflegeintensiveren Punkt zu Punkt Schnittstellen. Zusätzliche verfügen diese Tools über eigene Logiken, mit denen die Datenaufbereitung oder Konvertierung unterstützt wird. 

ITM: Inwiefern würden gemeinsame Datenmodelle, wie sie z-B. Adobe, Microsoft und SAP mit ihrer im September 2018 lancierten Open-Data-Initiative anstreben, das Zusammenspiel der ERP-Systeme untereinander und mit Fremdsystemen verbessern? 

Richter: Bei der Open-Data-Initiative geht es vor allem um die effizientere Nutzbarkeit von Daten disparater Systeme über ein einheitliches Modell, das in der Cloud realisiert wird. Grundsätzlich sind solche Ansätze sehr hilfreich, wenn es zum Beispiel darum geht, mit KI-Ansätzen Lösungen zu finden, um den Kundenservice zu verbessern oder auch um Antworten auf Problemstellungen wie die Vermeidung von Plastikmüll zu finden.

Zweifellos geht es den Partnern in diesem Fall auch darum, das Cloud-Thema voranzutreiben. Das macht in diesem Fall auch unbedingt Sinn. Generell sind solche Modelle eine wichtige Voraussetzung, um aus Massendaten intelligente Steuerungs- und Unterstützungswerkzeuge zu gewinnen. Grundsätzlich bleiben dabei die „Datensilos“ jedoch bestehen. Es geht in erster Linie darum, sie aufzubrechen.

ITM: Ein Problem bei der Integration heißt heute „Schnittstelle“: Was empfehlen Sie IT-Leitern, wie sie die berüchtigte Schnittstellen-Problematik vermeiden oder zumindest beherrschen können?

Richter: Die Lösung ist zum einen der Einsatz moderner Werkzeuge, wie zum Beispiel eines ESB. Wo möglich, sollte zum anderen auch immer überprüft werden, ob zum Beispiel das bereits eingesetzte integrierte ERP-System nicht Funktionen bietet, die den Einsatz von Drittsoftware zur Abbildung bestimmter Abläufe erübrigen. Damit entfallen dann auch die entsprechenden Schnittstellen. Das ist freilich immer eine Frage der Abwägung zwischen Anforderung und Funktionalität.

ITM: Eine bewährte Schnittstelle zwischen ERP-Systemen, vor allen Dingen über Firmengrenzen hinweg, bilden schon lange EDI-Systeme. Was fehlt bewährten Standards wie EDIFACT noch?

Richter: Dort sind doch bereits über über 200 klar definierte „EDIFACT-Nachrichten“ geschaffen, über die ERP-Systeme unmissverständlich Bestellungen, Rechnungen, Lieferavise, Frachtbriefe oder Zollerklärungen austauschen könnten.

Das Hauptproblem ist, dass EDIFACT im Grunde nur ein Rahmenwerk darstellt. Darunter versammeln sich verschiedene sogenannte Subsets wie etwa EANCOM für die Konsumgüterindustrie oder ODETTE für die Automobilindustrie und viele andere. Hinzu kommt, dass es unterschiedliche Versionen, sogenannte Verzeichnisse, gibt, die in unterschiedlichen Unternehmen, die miteinander Austausch treiben zum selben Zeitpunkt eingesetzt werden. Zu guter Letzt existieren dann auch noch unternehmensspezifische Besonderheiten. Im Ergebnis bedeutet das, dass grundsätzlich die Struktur jedes einzelnen Dokuments, das elektronisch ausgetauscht werden soll, zwischen den Geschäftspartnern abgestimmt, realisiert und getestet werden muss.

Noch komplexer wird die Welt des elektronischen Datenaustauschs dadurch, dass sich in den Zeiten des Internets weitere Standardisierungsinitiativen gebildet haben, wie etwa in ebXML und RosettaNet. Eine wichtige Rolle spielen heute zudem moderne Web-Services.

ITM: Herr Richter, vielen Dank für das Interview!

Bildquelle: Catalyso

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