Digitalisierung im Mittelstand

Konservativ heißt nicht innovationsfeindlich

Geht es um die schnelle Adaption neuer Technologien und Technologiekonzepte, wird dem deutschen Mittelstand gerne einmal konservatives, zögerliches Verhalten unterstellt. Dies zeigt sich gerade in letzter Zeit wieder sehr deutlich, wenn im Zuge der „digitalen Transformation“ über solch gehypte Themen wie Industrie 4.0, Internet of Things oder Cloud und Big Data diskutiert wird. Manche Auguren unken sogar den Verlust der Wettbewerbsfähigkeit herbei – und zwar gleich den der gesamten Volkswirtschaft. Dabei ist keineswegs sicher, inwieweit „konservativ“ gleichbedeutend mit „innovationsfeindlich“ ist. Denn: Können Weltmarktführer wirklich so rückständig sein?

  • Geht es um IT-Sicherheit, ist für den Vorstand des Internetverbandes Eco, Harald A. Summa, das Gegenteil von konservativ nicht fortschrittlich, sondern fahrlässig.

  • Oliver Grün, Vorstand des Bundesverbandes IT-Mittelstand (Bitmi), vertritt die Ansicht, dass der Mythos vom konservativen Mittelstand stimme, allerdings nicht in Bezug auf den klassischen Einsatz von IT, sondern eher bezüglich der „digitalen Transformation“.

  • Die IT-Verantwortlichen müssen laut Thomas Schauer, Vorstand der Thinking Networks AG, potentielle Risiken sehr genau abwägen und entwickeln daher logischerweise ein gesteigertes Maß an IT-Protektionismus.

  • „Der gestiegene Innovationsdruck zwingt viele Mittelständler dazu, ihre abwartende Haltung viel schneller abzulegen und mehr Risiko einzugehen, um den Anschluss nicht zu verlieren“, beobachtet Christian Leopoldseder, Vice President Operations beim ERP-Anbieter Asseco Solutions.

  • "Automatisierung ist not­wendig, um im internationalen Wettbewerb bestehen und ­kostendeckend arbeiten zu können“, sagt Dr. Peter Schimitzek, Vorstandsvorsitzender der CSB-System AG.

  • „Weltmarktführer wissen sehr gut, was sie tun. Ansonsten wären sie keine Weltmarktführer“, konstatiert Manfred Deues vom auf Einzelfertiger spezialisierten ERP-Anbieter ams.

In schöner Regelmäßigkeit dienen Unternehmen aus Großbritannien, Skandinavien oder den USA als leuch­tende Vorbilder in Sachen IT-technologischer Innovations- und Experimentierfreudigkeit. Dem deutschen Mittelstand hingegen stellen viele nationale und vor allem internationale Analysten im Vergleich dazu kein allzu gutes Zeugnis aus. Im Gegenteil. Wenn man jedoch weiß, dass man es mit der volkswirtschaftlichen Basis einer der stärksten Exportnationen der Welt zu tun hat, verwundern diese bisweilen pauschalen Urteile doch sehr. Da ist von der typischen German Angst die Rede, zudem seien die Bedenken hinsichtlich IT-Sicherheit doch eher ein rein deutsches Problem bzw. Hemmnis. Doch irgendwie haben es diese vermeintlich so piefig-provinziellen Unternehmen aus dem Mittelstand in vielen Bereichen vermocht, technologisch weltweit führende Produkte zu entwickeln und anzubieten. Dies ist mit Innovationsfeindlichkeit definitiv nicht zu schaffen.

Ja, es gibt Veränderungen


Vielleicht ist es manchen Marktbeobachtern auch „nur“ ein Anliegen, zu mahnen, sich auf dem Erreichten nicht auszuruhen. Denn wahr ist, dass gerade neue Geschäftsmodelle entstehen, die es rein digital aufgestellten Unternehmen erlauben, ohne eigene Infrastrukturen führende Positionen in Märkten zu besetzen, die ehemals allein einigen wenigen, etablierten Platzhirschen vorbehalten waren. Online-Banken sind ein gutes Beispiel: Die physischen Gerätschaften wie Geldautomaten halten die traditionellen Banken vor, schnelles Internet und Breitband stellen die Provider – und den Umsatz macht die Direktbank. Das einzige, was sie dazu braucht, ist ihr Online-Portal und eine gehörige Portion Marketing. Ein anderes Beispiel sind Reisebuchungsplattformen wie Airbnb, die sich aufgrund ihrer Beliebtheit bei den Nutzern in fast schon monopolistische Positionen hieven konnten. Hotelbetreibern oder Vermietern von Ferienwohnungen, die nicht über die einschlägigen Portale zu finden sind, geht Umsatz durch die Lappen – weil viele Fernsüchtige gar nicht mehr woanders suchen.

Die Frage ist nun, inwieweit solche Szenarien auf produzierende Unternehmen aus der Nahrungsmittelindustrie, dem Maschinenbau oder der Serien- und Einzelfertigung übertragbar sind. Eine B2C-Plattform à la Airbnb wird sich nicht wirklich im klassischen mittelständischen Kerngebiet breitmachen können. Selbst dann nicht, wenn der Mittelstand Entwicklungen verschlafen sollte. Doch konkrete Bestrebungen von Internet-Riesen wie Google im Bereich Connected Car oder der Markteintritt von Firmen wie Tesla zeigen, wie schnell sich die Vorzeichen ändern können. Und Automobilbau ist nun einmal definitiv eine der Kernkompetenzen der deutschen Industrie, vom Automobilbau hängen zudem jede Menge mittelständische Zulieferer ab. Das heißt: Die Unternehmensverantwortlichen sollten sich perspektivisch mit Themen wie Industrie 4.0 oder Big Data auseinandersetzen.

Abwartend prüfend


Doch zurück zum Ausgangspunkt. Dass das verallgemeinernde Urteil vom konservativen Mittelstand nicht stimmen kann, zeigen die Aussagen von Experten, die sich seit langer Zeit in diesem Wirtschaftssegment bewegen und die dortige Lage in verschiedenen Branchen sehr gut kennen. Zumindest stimmt es für die meisten nicht in der herkömmlichen, eher negativ konnotierten Bedeutung des Wortes ‚konservativ’. Für Christian Leopoldseder, Vice President Operations beim ERP-Anbieter Asseco Solutions, bedeutet konservativ im Zusammenhang mit Mittelstand denn auch keinesfalls innovationsfeindlich, sondern eher abwartend prüfend.

Neue Technologien stoßen seiner Erfahrung nach schon auf Interesse, doch wird bei ihrer Implementierung nichts überstürzt. Logisch, denn Mittelständler verfügen nicht über die Budgets von Großkonzernen, sie können nicht jedem Trend sofort folgen und in alle Richtungen investieren. Das tun sie erst, wenn sich Technologien als nützlich erweisen. Dieses bodenständische Vorgehen ist natürlich auch ein Zeichen für ein ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein, was gerade bei der Verwendung von IT immer vorherrschen sollte. „Das Gegenteil von konservativ ist in diesem Sinne auch nicht fortschrittlich, sondern fahrlässig“, sagt der Vorstand des Internetverbandes Eco, Harald A. Summa.

Diese Einschätzung wird von vielen Mittelstandskennern geteilt. Auch von Dr. Peter Schimitzek. Der Vorstandsvorsitzende der CSB-System AG nennt dieses bedachte Vorgehen pragmatisch, wobei er Mittelständler aufgrund ihrer schlankeren Organisationsstrukturen im Gegensatz zu Konzernen viel eher in der Lage sieht, nutzenbringende Technologieprojekte auch kurzfristig umzusetzen.

Eine interessante Ansicht vertritt der Vorstand des Bundesverbandes IT-Mittelstand (Bitmi), Oliver Grün, wenn er sagt, dass der Mythos vom konservativen Mittelstand stimme, allerdings nicht in Bezug auf den klassischen Einsatz von IT, sondern eher bezüglich der ‚Digitalen Transformation’: „Gerade was neue Geschäftsmodelle betrifft, die auf Plattformen oder Big Data basieren, ist der Mittelstand sehr zurückhaltend und konservativ.“ Was wohl zutreffend ist, wenngleich Christian Leopoldseder in letzter Zeit eine Abkehr von der bislang praktizierten, betriebswirtschaftlich nachvollziehbaren Vorgehensweise des Mittelstands beobachtet. Auslöser sei ein gestiegener Innovationsdruck, der zum einen durch die Konkurrenz aus Nordamerika und Asien und zum anderen durch vieldiskutierte Technologie-Trends wie Mobility ausgelöst werde. „Dieser Druck zwingt viele Mittelständler dazu, ihre abwartende Haltung viel schneller abzulegen und mehr Risiko einzugehen, um den Anschluss nicht zu verlieren“, so Leopoldseder.

Ganz oder gar nicht?


Ob dieses Mehr an Risiko gut oder schlecht ist, bleibt abzuwarten. Jedenfalls erwecken viele Kommentare zur gegenwärtigen Marktentwicklung den Anschein, als käme die Risikobereitschaft zu spät. Es wird suggeriert, viele Mittelständler stünden vor dem Hintergrund zunehmender Automatisierung und Vernetzung in Zeiten von Industrie 4.0 und Big Data bereits mit dem Rücken zur Wand: Entweder mitmachen oder mittelfristig abgehängt werden, ganz oder gar nicht scheinen die einzigen Alternativen.

Doch ist es wirklich so dramatisch wie geschildert? Gibt es keinen Mittelweg? Ein differenzierter Blick ist in jedem Falle ratsam, gerade deshalb, weil viele Mittelständler zum einen die Flexibilität ihrer individuellen Prozesse als entscheidend für ihren Erfolg ansehen und weil sie zum anderen das Vertrauen ihrer Kunden durch Kontinuität und verlässlich gute Produkte gewonnen haben, nicht durch IT-Innovation auf Gedeih und Verderb.

„Weltmarktführer wissen sehr gut, was sie tun. Ansonsten wären sie keine Weltmarktführer“, konstatiert Manfred Deues vom auf Einzelfertiger spezialisierten ERP-Anbieter ams. Er hält diese Firmen bei der Realisierung eines jeden individuellen Kundenauftrags für innovativ, in ihrem geschäftlichen Gebaren und ihrer Organisation hingegen für konservativ. „Dies ist doch gerade eine Stärke des deutschen Mittelstands, die von den Kunden geschätzt wird: Was ein Mittelständler verspricht, hält er auch“, fährt Deues fort. Viele Maschinen- und Anlagenbauer müssten organisatorisch auch gar nicht innovativ sein, da sie alle potentiellen Kunden und deren spezielle Anforderungen kennen. Sie konzentrierten sich dann ganz darauf, Top-Produkte zu entwickeln und zu bauen. Wachsen sie nicht stark, beherrschen sie ihre Abläufe auch mit überholter IT.

Angesprochen auf die Aspekte Standardisierung und Automatisierung, die im Zusammenhang mit Industrie-4.0-Szenarien nicht nur als innovativ, sondern aufgrund flächendeckender Vernetzung und globalem Datenaustausch als unabdingbar gelten, unterscheidet Manfred Deues dann aber ganz klar zwischen seinem speziellen Kundenkreis und der großen Menge der Serienfertiger. „In der Einzelfertigung hemmt Automation die Unternehmen, weil sie hochflexibel auf Kundenanforderungen reagieren müssen. Hier werden nur Baugruppen automatisiert, die in Projekten immer wieder eingesetzt werden.“ Automation sei nicht unbedingt Innovation, die finde vielmehr vorher statt, nämlich in der Entwicklung. Anders sei dies in der Serienfertigung, dort sei Automation entscheidend.

Automation und innovative Produktentwicklung müssen sich jedoch nicht notwendigerweise ausschließen, auch nicht in der Serienfertigung.
Christian Leopoldseder nennt ein Beispiel: Von Kundenseite her werden Mittelständler heutzutage immer häufiger mit dem Wunsch nach individuellen Lösungen oder Spezialanfertigungen konfrontiert. Das macht es für viele Fertiger zunehmend unerlässlich, in immer kleineren Serien bis hin zur Losgröße 1 zu produzieren. Gleichzeitig müssten solche Fertigungsprozesse natürlich wirtschaftlich bleiben. Gelingen könne dies nur, wenn die komplette Prozesslandschaft so effizient und schlank wie möglich gestaltet sei – und damit einen entsprechend hohen Automatisierungsgrad aufweise. Automatisierung sei in diesem Fall gleichsam das Mittel zum Zweck, nämlich die Grundlage, die freie Ressourcen schafft, damit Innovation überhaupt erst umsetzbar werde. Harald A. Summa pflichtet bei. Unternehmen, welche die durch Automatisierung freiwerdenden Ressourcen nicht einfach als Kosteneinsparungen einstrichen, sondern beispielsweise in Forschung und Entwicklung investierten, hätten beste Chancen, auch von der nächsten Innovation zu profitieren.

Individuelle Automatisierung – ein Gegensatzpaar?


Eine sinnvolle Automatisierung entlastet also idealerweise bei der Erledigung lästiger, zeitaufwendiger oder sich oft wiederholender Arbeitsvorgänge, wodurch sich – wiederum idealerweise – mehr Zeit für Innovation ergibt. „Ob man einen zu hohen Preis in Form von standardisierten Daten oder Prozessen zahlt, hängt dabei stark vom Grad der Automatisierung ab. Im Falle der Unternehmensplanung empfiehlt sich das Pareto-Prinzip, welches besagt, dass 80 Prozent der Geschäftsergebnisse mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20 Prozent der Ergebnisse benötigen mit 80 Prozent die meiste Arbeit“, rechnet Thomas Schauer, Vorstand der Thinking Networks AG, vor. Dieses prozentuale Verhältnis von 80 Prozent standardisierten und 20 Prozent individuellen Prozessen wird immer wieder auch im Zusammenhang mit betriebswirtschaftlichen Software-Produkten wie ERP-Systemen erwähnt, ist also auch in der IT ein angestrebtes Ziel.

Das Idealbild skizziert Oliver Grün. Für ihn bedeutet moderne Automatisierung individualisierte Automatisierung. Sie ist besonders flexibel, weil Maschinen selbstständig miteinander kommunizieren und direkt auf neue Anforderungen reagieren können. In Kombination mit aktuellen Daten könnten so individuelle Produkte automatisiert gefertigt werden: „In der herkömmlichen Massenproduktion werden die Maschinen für einen Produktionsdurchgang programmiert und stellen dasselbe Produkt tausendfach her. Hier war China sehr stark, verliert nun aber, denn der moderne Kunde wünscht auf ihn zugeschnittene Produkte. Mit einer individuellen Automatisierung kann eine Maschine beispielsweise mit dem entstehenden Produkt kommunizieren und erfahren, welche Farbe oder Zusammensetzung es haben soll – und damit Massenproduktion individualisieren“, erläutert Grün. Damit hemme Automatisierung Innovation nicht, sondern beschleunige sie im Gegenteil sogar. Zudem biete die individualisierte Automatisierung die große Chance, um Produktion in Deutschland gegenüber Ländern wie China wieder hoffähig zu machen.

Automatisierung im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit


„Automatisierung ist notwendig, um im internationalen Wettbewerb bestehen und kostendeckend arbeiten zu können“, bestätigt Dr. Peter Schimitzek. Das gelte insbesondere in den europäischen Ländern mit ihren hohen Lohnkosten. Die Kunst bestehe darin, die Automatisierungslösungen so auszugestalten, dass immer noch genügend Flexibilität bleibt, um auch individuelle Kundenwünsche berücksichtigen und wirtschaftlich bearbeiten zu können. Klar ist für den CSB-Vorstand auch: „Der Grad der Prozessautomatisierung hängt weder von der Größe des Unternehmens noch von dem Produktionsvolumen ab. Auch kleinere und mittlere Unternehmen werden durch einen hohen Automatisierungsgrad und standardisierte Prozesse in ihrer Flexibilität keinesfalls eingeschränkt, sondern vielmehr gestärkt.“ Letztlich gehe es doch darum, maximale Leistung und Qualität bei reduzierten Kosten zu erzielen.

Doch bevor es dazu kommt, müssen zunächst die organisatorischen und infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen werden. Autarke Produktion und Industrie-4.0-Szenarien basieren auf Vernetzung über und Anbindung an IP-Netzwerke. Logisch, werden alle sagen. Nur: Sind die Netze überhaupt so leistungsfähig, wie sie sein müssten? Und sind sie so sicher, dass man wirklich das gesamte Unternehmen ruhigen Gewissens über Sensoren ans Web anbinden kann? – Zweifel sind angebracht.

Zweifel haben deutsche Mittelständler denn auch seit jeher, wenn es um die Auslagerung von Daten in die Cloud geht, die ja quasi die Vorstufe zur Komplettvernetzung darstellt. Diese Skepsis hatte und hat mehrere Gründe, vor allem sicherheitsbedingte: „Diese Bedenken würde ich ungern als rein konservatives Gebaren abstempeln. Wir dürfen schließlich nicht vergessen, dass vor allem die IT im Unternehmen eine große Verantwortung trägt. Ein Geschäftsalltag ohne IT ist heutzutage undenkbar geworden“, gibt Thomas Schauer zu bedenken.

Fakt ist: Die meisten Unternehmen würden beispielsweise bei einem mehrstündigen Internetausfall kurzzeitig lahmgelegt und verlören im schlechtesten Fall sogar viel Geld. Folglich müssten die IT-Verantwortlichen potentielle Risiken sehr genau abwägen und entwickelten daher logischerweise ein gesteigertes Maß an IT-Protektionismus, wie Schauer es nennt. Vertrauen aufzubauen in eine wo und wie auch immer betriebene IT-Infrastruktur falle den IT-Verantwortlichen daher naturgemäß schwer. Dies beruht seiner Meinung nach allerdings wiederum nicht auf einer generell konservativen Einstellung, sondern liegt schlichtweg in dem Streben nach Betriebssicherheit begründet.

Skepsis nicht unbegründet


Ganz nebenbei: Die Angst vor Attacken über das Web und die Befürchtungen um fehlende Sicherheit sind ja alles andere als aus der Luft gegriffen, wie die immer neuen, immer gezielteren Angriffe auf Konzerne (Sony) und Connected Cars (Jeep Cherokee) belegen. Von daher ist es nur verständlich, dass Mittelständler und ganz besonders Weltmarktführer beim Thema Cloud ängstlich sind. Denn sie leben von Patenten und Entwicklungen, die sie schützen müssen. Manfred Deues formuliert es deutlich: „Man gibt seine Kronjuwelen nicht gern außer Haus. Das kann man konservativ nennen, ich kann es nachvollziehen und bezeichne dieses Verhalten eher als klug.“ Außerdem: So fortschrittlich eine Public Cloud auch sein mag, letztlich ist sie nicht mehr als eine virtualisierte Serverfarm, die ein Mittelständler unter dem Etikett ‚Private Cloud’ auch selbst betreiben kann. Im Maschinen- und Anlagenbau kommt laut Manfred Deues als Besonderheit hinzu, dass diese Unternehmen inzwischen selbst zu Softwareentwicklern geworden sind, die die Programmierung der Maschinen- und Anlagensteuerung überwiegend eigenständig vornehmen. „Dieser Softwareentwicklungsanteil wird im Rahmen von Industrie 4.0 sogar noch steigen. Daher gehen diese Unternehmen sehr restriktiv damit um, ihr Know-how in die Cloud zu stellen“, glaubt der ams-Chef.

Andere Beobachter bewerten die Situation hinsichtlich Cloud Computing nicht ganz so strikt. Sollte die Sicherheit weitestgehend gewährleistet sein, beispielsweise durch Rechenzentrumszertifizierungen nach ISO/IEC 2001:2013 (wie etwa bei der CSB-System AG) oder durch Datenhaltung in Deutschland außerhalb der Reichweite der NSA, dann stünden die Cloud und konservatives Unternehmertum nicht in Widerspruch zueinander, meint Harald A. Summa. Das sieht Christian Leopoldseder ähnlich: „Vor knapp fünf Jahren verfolgten wir das Ziel, Kunden und Interessenten von den Cloud-Funktionalitäten unserer Lösung zu überzeugen – mit mäßigem Erfolg. Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Vorbehalte gegenüber der neuen Technologie noch zu groß. Heute – nachdem sich die Technologie etabliert und bewährt hat und auch große Konzerne wie Microsoft, Salesforce oder SAP die Nutzung vorleben – erfahren wir das Gegenteil: Nun sprechen uns Kunden aktiv an, Tendenz steigend.“

Interessanterweise bleibe der Mittelstand allerdings auch hier seiner Linie der abwägenden Vorsicht treu: Denn im Gegensatz zu den USA beispielsweise folgen Kunden in Deutschland dem Cloud-Trend nicht blind, sondern sorgen sich sehr etwa um das Thema Datenschutz. Sie fragen nach, in welchen Ländern sich die Rechenzentren befinden, in denen ihre Daten gelagert werden – denn für Rechenzentren in Deutschland, Österreich oder der Schweiz gelten hierzulande die deutlich strengeren europäischen Datenschutzstandards.

Sicherheit und Vertrauen stehen für den Mittelstand damit auch bei neuen Trends im Vordergrund. „Denn oft sind die Unternehmen inhabergeführt. Und Inhaber denken auch heute noch häufig weniger quartalsgetrieben als vielmehr mit Blick auf das langfristige Wohl der Firma als Ganzes“, so der Asseco-Experte weiter.

Treffender kann man es kaum formulieren. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Zeiten schnelllebiger werden und dass Entscheidungen zügiger getroffen werden müssen. Dabei können Ansätze wie Big Data oder bessere Analysemethoden, beispielsweise durch die sensorgestützte Aufzeichnung von Daten in der eigenen Produktion oder die Auswertung der Nutzung von Produkten beim Kunden, durchaus hilfreich. Die Produktentwicklung kann sich mit besserem Wissen um die Marktanforderungen und die Kundenwünsche beschleunigen. Industrie 4.0 kann also etwas sein, aus dem man mittelfristig durchaus Nutzen ziehen kann.

 

Bessere Kenntnis der Kundenwünsche


Die Mittelständler in Deutschland müssen es bewerkstelligen, ihre schnelle Handlungsfähigkeit und ihren bodenständigen Pragmatismus in Einklang zu bringen, um Innovation zu fördern. Noch bis vor einigen Jahren war es für einen Mittelständler durchaus möglich, mit einem guten Produkt in seiner eigenen Nische zu existieren und auch ohne ständige Innovation erfolgreich zu sein. Konservativ zu sein war eine Tugend, die die Unternehmen davor bewahrte, zu viel oder unnötiges Risiko einzugehen oder Geldmittel an kurzlebige Trends zu verschwenden. Durch die stärkere internationale Konkurrenz und technologischen Fortschritte hat sich dies in den vergangenen Jahren allerdings deutlich verändert. Nun gibt es mehr Anbieter, die mit ähnlichen Angeboten auf den Markt drängen, vielleicht sogar mit leistungsstärkeren Varianten oder zu günstigeren Preisen. Auch die Mittelständler müssen ihre Lösungen daher schneller entwickeln und ausgereiftere Produkte mit breiterer Funktionalität bieten, um konkurrenzfähig zu bleiben. Das wiederum müssen ihre IT-Infrastrukturen unterstützen. Sind diese nicht mehr auf dem Stand der Zeit, haben sie unter Umständen gar keine andere Wahl, als mit neuer Technik zu modernisieren.

Doch man kann es auch so sehen wie Manfred Deues: Hinsichtlich der angeblichen technologischen Innovationsfreudigkeit der eingangs erwähnten Unternehmen im angelsächsischen und skandinavischen Raum fragt er nur: „Explizit auf den deutschen Mittelstand bezogen muss man eher fragen, wo hier die vorbildlichen Unternehmen in UK, Skandinavien und USA sein sollen. Vorbildlich sind in diesen Regionen vielleicht die Serienfertiger. Dies aber sind keine Unternehmen, die typisch für Deutschland sind. Bei uns steht Ingenieurskunst ganz weit vorne. Alle Exportweltmeister sind ingenieursgetrieben, z.B. die Maschinen- und Anlagenbauer. Für diese Unternehmen gibt es in UK, Skandinavien oder den USA keine Vorbilder.“ Im Gegenteil: Hier seien deutsche Unternehmen die Vorbilder. In Großbritannien versuche man doch nach der Wirtschafts- und Finanzkrise verzweifelt, sich am „German Mittelstand“ zu orientieren – damit die Auswirkungen der nächsten Krise nicht so massiv auf die Volkswirtschaft durchschlagen. 

 

 

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok