Spielfeld für Gross und Klein

Künstliche Intelligenz – ein Mysterium?

Über sie wird vielfach diskutiert – ihr Einsatz breitet sich rasant aus. Doch für den einen oder anderen deutschen Mittelständler scheint die Künstliche Intelligenz (KI) noch ein Mysterium zu sein. Woran liegt das und welche Entwicklungen sind in diesem Bereich für das Jahr 2019 zu erwarten?

  • Künstlerische Illustration eines Gehirns

    Methoden der KI erleichtern den Umgang mit bestimmten realweltlichen Herausforderungen. ((Bildquelle: Getty Images / iStock))

  • Tomatenernte mithilfe eines Roboters

    Selbstlernende Roboter können dank Künstlicher Intelligenz beim ressourcenschonenden Anbau von Pflanzen helfen. ((Bildquelle: Getty Images/iStock))

  • Sabine Bendiek, Microsoft

    Sabine Bendiek, Microsoft: „Viele Unternehmen zielen bei ihren Digitalisierungsvorhaben vor allem auf Effizienzgewinne und vernachlässigen das Potential digitaler Produkte und Geschäftsmodelle. Und sie setzen Zukunftstechnologien wie KI nicht konsequent genug um.“ ((Bildquelle: Microsoft))

  • Dr. Heiner Pollert, Prisma Analytics

    Dr. Heiner Pollert, Prisma Analytics: „KI ist auch im deutschen Mittelstand ein Thema, jedoch nutzen bisher nur wenige das Potential. Das liegt daran, dass der Einsatz von KI nicht in jeder Branche Sinn macht, denn kognitive Systeme verursachen zunächst relativ hohe Anschaffungskosten – außerdem ist die Skepsis noch sehr groß.“ ((Bildquelle: Prisma Analytics))

  • Peter Küssner,  Cubeware

    Peter Küssner, Cubeware: „Langfristig können wir vor allem im E-Commerce, wo es um die Kundeninteraktion im Einkaufsprozess geht, mit einem großen Entwicklungssprung rechnen. Eigentlich überall dort, wo es um das ganz große Geld geht. Dazu gehört für mich auch der Bereich Healthcare.“ ((Bildquelle: Cubeware))

  • Heinrich Welter, Genesys

    Heinrich Welter,Genesys: „Maschinelles Lernen ist in aller Munde, denn es erweckt den Anschein von Einfachheit und Automatik. Tatsächlich erfordert das Lernen jedoch qualifizierte Datenwissenschaftler, um sicherzustellen, dass die Maschine die richtigen Dinge lernt.“ ((Bildquelle: Genesys))

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist grundsätzlich nicht auf bestimmte Branchen festgelegt. Auf der diesjährigen Hannover Messe zeigte sich jedoch, dass KI gerade in Bereichen wie Produktion, Wartung und Maschinenbau spannende Innovationen und Geschäftsmodelle ermöglicht. Das kann eine verbesserte Lebensmittelproduktion, die Wartung von Windrädern durch Drohnen, selbstlernende Robotik oder auch der ressourcenschonende Anbau von Pflanzen mittels intelligentem Licht im urbanen Feld sein. „Überall dort, wo KI schneller Zusammenhänge und Muster erkennt, Empfehlungen oder Korrekturen vornehmen kann, lohnt sich ihr Einsatz“, bestätigt Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland.

Methoden der KI erleichtern also letztlich den Umgang mit bestimmten realweltlichen Herausforderungen. Das kann auch die Automatisierung der Algorithmusauswahl für die Umsatzprognose sein – oder sie lernt anhand von Beispieldaten, welche Variablen zur Berechnung des Algorithmus noch mit hinzugezogen werden müssen. KI-Methoden seien dabei nicht branchenspezifisch, betont denn auch Peter Küssner, Geschäftsführer der Cubeware GmbH. „Sie können für wirklich jede Branche und jeden Anwendungsfall antrainiert werden.“ Daher ist Küssner davon überzeugt, dass Künstliche Intelligenz in den nächsten Jahren fester Bestandteil „unserer aller Lebenswelten“ ist. Je digitaler die Realität werde, umso wichtiger werde auch KI – allein schon aus Gründen der Bequemlichkeit. „Wir als Menschen sind schon heute oft nicht mehr in der Lage, die Flut an Daten und Informationen sinnvoll zu sortieren, geschweige denn damit in Echtzeit zu interagieren und schnell valide Entscheidungen daraus abzuleiten“, gibt er zu bedenken.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 5/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Deutsche Mittelständler sind sich der KI-Diskussion durchaus bewusst. „Dennoch ist es für sie schwierig, KI konkret im Betrieb für ihre Themen einzusetzen“, weiß Heinrich Welter, Vice President Sales und General Manager der DACH-Region bei Genesys. Early Adopter seien hier bislang eher große Unternehmen mit großen IT-Budgets gewesen. Laut Peter Küssner wiederum ist Künstliche Intelligenz für viele Unternehmen gar noch ein Mysterium, denn unter ihrem Deckmäntelchen finde sich momentan letztlich „alles und nichts“. „Nur weil ein Algorithmus Vorhersagen für Umsatzzahlen in einer bis dato nicht gekannten Detailtiefe und Genauigkeit liefert, dass es intelligent anmuten mag, ist er es lange noch nicht“, so der Cubeware-Chef. „Hier bedarf es keiner Augenwischerei, sondern harter Fakten.“ Nur so können Lösungen mit Potential gefunden und auch Vorurteile zu diesem Thema abgebaut werden.

Einfluss auf die Joblandschaft

Eines dieser Vorurteile betrifft das Thema „Arbeitsplatzverlust“. Die Bundesregierung hat bei ihrer „Digitalklausur“ im Winter dazu folgende Prog-nose abgegeben: Sie beziffert den Verlust von Arbeitsplätzen durch Automatisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bis 2025 auf etwa 1,6 Millionen. Aber gleichzeitig sollen etwa 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze in Deutschland entstehen. Rechnet man beides gegeneinander auf, scheint es also einen positiven Ausblick zu geben. „Allerdings stehen dahinter auch 1,6 Millionen Erwerbsbiografien“, gibt Sabine Bendiek zu bedenken. „Und 2,3 Millionen neue Stellen besetzen sich auch nicht von selbst.“ Bereits heute sollen Studien belegen, dass der zunehmende Fachkräftemangel die deutsche Wirtschaft 30 Mrd. Euro pro Jahr kostet. Eine Lücke von geschätzt rund 500.000 Fachkräften in vielen Kernbranchen Deutschlands sei eine wesentliche Blockade für die Digitalisierung der Wirtschaft. Die größte Herausforderung bei KI sei daher die Investition in die menschliche Qualifikation.

Peter Küssner geht davon aus, dass jene Technologie vor allem Ressourcen bei Mitarbeitern freisetzen wird, die heute – entgegen ihrer eigentlichen Jobbeschreibung – häufig noch durch operative Prozesse des Tagesgeschäfts von strategischen Überlegungen abgehalten werden. Ähnlicher Ansicht ist Heinrich Welter: KI helfe, die wertvolle Zeit von Mitarbeitern effektiver einzusetzen. „Jobs werden attraktiver, da die Frustration in Bezug auf vergeudete Interaktionszeit verringert und positive Erfolgserlebnisse vermehrt werden“, so der Vice President Sales von Genesys.

Microsoft hat vor einigen Monaten im Rahmen einer Studie Arbeitnehmer konkret dazu befragt, wie sie den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Unternehmensumfeld einschätzen. Dabei kamen Folgendes zutage: Führungskräfte und Mitarbeiter sollen sehr unterschiedliche Einschätzungen mit Blick auf die Gestaltung und Vermittlung der digitalen Transformation vorweisen. So scheinen die Mitarbeiter gegenüber Innovationen und neuen Technologien –
wie eben KI – prinzipiell aufgeschlossener zu sein, als ihre Führungskräfte es vermuten. Umgekehrt erleben wohl aber nur elf Prozent der Beschäftigten diesen Wandel als gemeinschaftlichen Prozess unter Beteiligung der Mitarbeiter. So entsteht natürlich letztlich Reibungsfläche. Angst vor Veränderung sollte jedoch nicht generell bestehen, meint Dr. Heiner Pollert, CEO der Prisma Analytics GmbH. Ziel beim Einsatz von KI sei es eben nicht, Menschen zu ersetzen, sondern sie zu unterstützen.

Keine Allzweckwaffe

An der einen oder anderen Stelle übertrifft KI natürlich auch die Fähigkeiten des Menschen. So hat sie etwa ihre Stärken, wenn es um die schnelle Verarbeitung großer Datenmengen sowie das Erkennen von Mustern geht. Das sind vor allem sogenannte Cognitive-Services, die Bild-, Sprach- und Texterkennung in den Vordergrund rücken. KI ist hier hochspezialisiert und ermüdungsfrei – „und schon allein deswegen den Menschen überlegen“, weiß Sabine Bendiek. Aber es gibt zugleich auch Verbesserungsbedarf, den Peter Küssner gerade im Bereich der emotionalen Intelligenz sieht. Er stellt infrage, ob dieses Feld überhaupt für den Einsatz von KI geeignet ist. „Menschen sind kreativ, empathisch und neugierig – um nur mal drei Eigenschaften zu nennen, die absehbar nicht zu ersetzen sind“, wirft denn auch Bendiek ein. Die Technologie könne zwar rasant schnell lernen, aber sie könne nicht denken. Diesen Einwand hat auch Heiner Pollert: „KI ist keine Allzweckwaffe, auch wenn die Technologie den Arbeitsalltag in vielen Fällen bereits massiv erleichtern kann. Geht es darum, komplexe Entscheidungen zu treffen oder beispielsweise Fake News aufzudecken, bietet KI Analysen und unterstützt somit bei der Entscheidungsfindung, sie trifft jedoch nicht selbst die Entscheidung.“

Darüber hinaus müsse sie in Bezug auf das „maschinelle Vergessen“ verbessert werden, ergänzt Heinrich Welter. „Während ich einen Agenten einfach bitten kann, etwas zu ‚vergessen‘, so ist es eine komplexere Aufgabe, dies mit einer KI zu tun.“ In Zukunft werde die Technologie seiner Ansicht nach weniger auf Dialogführung fokussiert sein, sondern mehr die komplette Customer Journey im Blick haben. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen sollen von diesen KI-Fähigkeiten profitieren, um wertvolle menschliche Ressourcen besser nutzen zu können.

Auch Microsoft hat sich etwa zum Ziel gesetzt, den Einsatz von KI weiter zu demokratisieren, damit jene Technologie nicht nur ein Spielfeld für große Unternehmen bleibe. So sei es de facto auch nicht, da KI in Kombination mit Cloud-Infrastrukturen als Services bereits heute allen zur Verfügung stünden. Laut einer aktuellen Pulse-Umfrage sollen Unternehmen, die sich intensiv mit KI beschäftigen, wesentlich stärker wachsen als vergleichbare Wettbewerber. „Das ist keine platte Kausalität, im Sinne von ‚nutzt KI und alles wird besser‘“, gibt Bendiek zu verstehen. Es zeige aber eine Entwicklung, dass Unternehmen, welche die kreativen Möglichkeiten jener Technologie entdecken, sich selbst und ihren Marktangang verändern.

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