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Logistik: Vernetzung ist das Ziel der Reise

Wenn die Zustellfahrzeuge der Logistiker durch ihre Dauerpräsenz zum Problem in den Innenstädten werden, zeigt dies symptomatisch, wie sehr sich das Transportwesen infolge des modernen Konsumverhaltens und der generellen Marktsituation verändert hat. Nach Just in Time wird zunehmend Same-Day-Delivery zum erwarteten Standard. Dem müssen auch mittelständische Unternehmen, Zulieferer und Verlader Rechnung tragen, indem sie ihre Logistikprozesse neu definieren. Entscheidend ist eine Software-Basis, die weitreichende Vernetzung gestattet.

  • Transporter bei der Auslieferung

    Mittelständische Unternehmen, Zulieferer und Verlader müssen Ihre Logistikprozesse neu definieren um gestiegene Anfordungen, wie Same-Day-Delivery, erfüllen zu können.

  • Herrmann Malek von Malek Software

    Für Herrmann Malek von Malek Software wird kein Logistikdienstleister ohne digitalisierte Betriebsabläufe mehr wettbewerbsfähig sein, was aber deshalb seinen Schrecken verliere, weil diese Digitalisierung so kostengünstig sei wie noch nie.

  • Soloplan-Geschäftsführer Wolfgang Heidl

    Soloplan-Geschäftsführer Wolfgang Heidl: „Der klassische speditionelle Mittelstand muss sich mehr und mehr gegen technologische ‚Alleinstellungsmerkmale’ der Großlogistiker behaupten und dabei stets die persönliche Bindung zum Endkunden im Fokus haben.“

  • Jens Heinrich, Technikchef bei Ehrhardt & Partner

    Für Jens Heinrich, Technikchef bei Ehrhardt & Partner, ist für den Einsatz einer speziellen Logistik-Software nicht das Versandaufkommen, sondern der Komplexitätsgrad der logistischen Abläufe von entscheidender Relevanz.

  • Wilfried Pfuhl von Inconso

    Als Erfolgsfaktor für eine nahtlose Integration von ERP- und Logistik-Software-Systemen nennt Wilfried Pfuhl von Inconso deren funktionelle Trennung: „Optimierungen in der Logistik können vorgenommen werden, ohne dass dies Einfluss auf die ERP-Abläufe nimmt. Selbstverständlich wird darüber hinaus ein durchgängiger Belegfluss sichergestellt.“

  • Cargo-Support-Geschäftsführer Volker Hasch

    „Meines Erachtens sind die Tage jener Logistik-Software-Produkte gezählt, die von allem ein wenig, aber keine Tiefe in der Branche beherrschen“, befindet Cargo-Support-Geschäftsführer Volker Hasch.

Vernetzung ist das Wort, das in Zusammenhang mit moderner Logistikabwicklung immer wieder genannt wird. Es geht um die digitale Abbildung sämtlicher Prozesse der Lieferkette. Den Weg dorthin ebnen integrative System- und Plattformlösungen, die nicht nur die firmeninternen Lager-, Betriebshof- und Transportabläufe zusammenführen, sondern auch die Prozesse von Kunden und Partnern integrieren. „Die aktuellen Entwicklungen zeigen ganz klar, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit (in der Logistik, die Red.) zunehmend am Grad der Integrationsfähigkeit misst“, konstatiert Wilfried Pfuhl, Geschäftsführer des Logistik-Software-Anbieters Inconso.

Insgesamt ist im Zuge der Digitalisierung der Logistiksparten ein Wandel zu beobachten, der zunehmend in Richtung einer autonomen und möglichst elektronischen Verarbeitung des Tagesgeschäfts zielt. Dabei geht es konkret um die Vereinigung der früher getrennten Systeme für das Transportmanagement, das Dokumentenmanagement, die Lagerverwaltung und die Abwicklung der betriebswirtschaftlichen Prozesse (ERP) zu einer zentralen Plattform, um in einem höchst umkämpften Umfeld Wettbewerbsvorteile dadurch zu erlangen, dass man den Endkunden möglichst transparente und online geführte Informationen zu ihren Sendungen bereitstellt. Dies gilt nach Meinung von Soloplan-Geschäftsführer Wolfgang Heidl sowohl für B2B- als auch für B2C-Kunden.

Transparenz der Transportführung

Wenn es alle Logistikkunden betrifft, schlägt diese Entwicklung natürlich auch in den Mittelstand durch. „Der klassische speditionelle Mittelstand muss sich mehr und mehr gegen technologische ‚Alleinstellungsmerkmale’ der Großlogistiker behaupten und dabei stets die persönliche Bindung zum Endkunden im Fokus haben“, fährt Heidl fort und nennt das entscheidende Stichwort: Transparenz der Transportführung. Hermann Malek von Malek Software sieht eine ähnliche Entwicklung. Nachdem viele Jahre über eine Konzentration bei Logistikdienstleistern gesprochen wurde, wird diese sowohl im Ladungsverkehr als auch bei den Sammelspeditionen deutlich spür- und sichtbar. Verlader greifen immer mehr auf große als auf mittelständische Unternehmen zurück. Dies mag insbesondere in deren besserer IT-Infrastruktur und Datenkommunikation begründet sein, die in erster Linie (Echtzeit-)Informationen zum Live-Status und zum Point of Delivery ermöglichen.

Der aussortierte, aber dennoch gut sortierte Mittelstand hat laut Malek jedoch mit seiner Flexibilität, seiner Spezialisierung und auch seiner persönlichen Kundennähe nicht nur seine Chance und Daseinsberechtigung, sondern auch Wettbewerbsvorteile, wenn er sich der Digitalisierung stellt. Für ihn bedeutet Digitalisierung in erster Linie die Einbindung mobiler Endgeräte. Gleichzeitig stellt Malek zwei Thesen auf: Zum einen werde kein Logistikdienstleister ohne digitalisierte Betriebsabläufe mehr wettbewerbsfähig sein, was aber deshalb seinen Schrecken verliere, weil zum anderen diese Digitalisierung so kostengünstig sei wie noch nie.

Bevor man jedoch Informationen in Echtzeit mobil zur Verfügung stellen kann, benötigt man Logistiklösungen, die neben der beschriebenen Integrationsfähigkeit einige andere Merkmale beherrschen sollten: „Meines Erachtens sind die Tage jener Logistik-Software-Produkte gezählt, die von allem ein wenig, aber keine Branche in die Tiefe beherrschen“, befindet Cargo-Support-Geschäftsführer Volker Hasch. Sicher gebe es für generalistische Lösungen immer noch einen Markt.

Wolle man aber alle internen und externen Prozesspartner vernetzen, hätten bereits kleine Änderungen an den Daten große Auswirkungen. „Diese wirken sich dann in alle noch so kleinen Prozesse und Teilprozesse aus. Beherrscht dies die Logistik-Software nicht, wurden Kompromisse an der falschen Stelle gemacht, denn es führt automatisch zu Systembrüchen und zu einer rapiden Abnahme der Akzeptanz seitens der Mitarbeiter. Von anderen negativen Begleiterscheinungen ganz zu schweigen.“

Vernetzung bis zum Endkunden

Die Zukunft sieht Hasch in prozessorientierten Produkten, die die Tagesabläufe in der Tiefe beherrschen. Das Wort „Kollaboration“ dürfe in diesem Zusammenhang durchaus ernst genommen werden, denn moderne Logistik-Software sollte sich ohne Probleme an digitale Integrationsschichten bei den Kunden anbinden lassen und so das Zusammenspiel verschiedener Prozessbeteiligter oder weiterer Software-Produkte anderer Anbieter ermöglichen. Bei Ehrhardt & Partner spricht man in diesem Zusammenhang von Systemen für Supply Chain Execution (SES), die die gesamte Lieferkette bis hin zum Endkunden vernetzen, steuern und darüber hinaus die vor- und nachgelagerten Prozesse einbeziehen.

Viele Mittelständler werden sich fragen, ob dazu nicht auch das oftmals vorhandene Logistikmodul ihres jeweiligen ERP-Systems in der Lage sei. Und wenn nicht, ab welchem Versandvolumen sich der Aufwand für die Implementierung einer SES-Lösung lohnt. Wolfgang Heidl von Soloplan dazu: „Unsere Software-Lösungen sind bereits bei speditionellen Unternehmen ab einer Anwendergröße von zwei oder drei Nutzern im Einsatz. Hierbei werden weniger die zahlenmäßig überschaubaren Transportvolumina (ab ca. 1.000 Transporte pro Monat) als vielmehr primär die zeitgemäße elektronische Verarbeitung in den Vordergrund gesetzt.“ Im Speziellen sei hierbei das Ineinandergreifen der einzelnen Arbeitsschritte vom Kundenauftrag bis zum Transport inklusive Planung und Ausführung, Abrechnung und Fakturierung sowie der Austausch der Informationen mit externen Applikationen (z.B. Finanzbuchhaltung) gefordert.

Für Jens Heinrich, Technikchef bei Ehrhardt & Partner, ist bei dieser Abwägung ebenfalls nicht das Versandaufkommen, sondern der Komplexitätsgrad der logistischen Abläufe von entscheidender Relevanz. E-Commerce oder Omnichannel und die dazugehörigen Lieferstrategien erforderten eine leistungsstarke Logistik, die nur mit intelligenter Software zu bewerkstelligen sei. Diese müsse über einen entsprechenden Funktionsumfang verfügen, um auch komplexen Anforderungen gerecht zu werden. Die einzelnen Stationen der Lieferkette müssten darüber hinaus transparent dargestellt und miteinander verknüpft werden können. Wichtige Funktionen wie Ressourcenplanung, Staplerwegsteuerung sowie der Einsatz spezifischer Kommissioniertechnologien wie Pick by Voice sind in einem modernen Lagersystem abzubilden. Dies gehe weit über herkömmliche Funktionen von ERP-Systemen hinaus.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2018.Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

 

Verknüpfung und Aufgabenteilung

Sobald die Firmenverantwortlichen logistische Dienstleistungen entweder als unternehmerische Kernkompetenz oder zumindest als Service zur Kundenbindung oder Kundengewinnung erachten, bietet spezielle Logistik-Software das geeignetere Funktionsspektrum. Dennoch müssen ERP-System und Logistik-Software eng miteinander verknüpft sein. Interessanterweise wird gerade die klare Aufgabenteilung zwischen den Systemen als Erfolgsfaktor für eine nahtlose Integration von ERP- und Logistik-Software-Systemen genannt. „Diese funktionelle Trennung“, erklärt Wilfried Pfuhl von Inconso, „hat ihre Gründe: Optimierungen in der Logistik können vorgenommen werden, ohne dass dies Einfluss auf die ERP-Abläufe nimmt. Selbstverständlich wird darüber hinaus ein durchgängiger Belegfluss sichergestellt.“ Beispielhaft gestaltet sich die Aufgabenteilung wie folgt: Auszuliefernde Aufträge und erwartete Wareneingänge werden an die Logistik-Software übergeben, von der wiederum Statuswerte zur Abarbeitung zurückgemeldet werden. Das ERP-System kennt die kaufmännischen Bestände. Welche Artikel wo genau lagern und warum, wird vom Logistik-Software-System übernommen. Übergeordnet agiert das ERP-System als zentrale Datendrehscheibe für gemeinsame Daten, während das Logistik-Software-System diese Daten um spezielle Zusatzinformationen anreichert.

Aus diversen Integrationsprojekten der vergangenen Jahre weiß man bei Soloplan, dass die ERP-Systeme mittlerweile primär die Produktionssteuerung in den Vordergrund stellen, wohingegen wichtige operative Geschäftsprozesse im Bereich der logistischen Bearbeitung anschließend zentral durch SES-Applikationen bewerkstelligt werden.

Der Datenaustausch erfolgt laut Wolfgang Heidl hierbei mittlerweile über standardisierte Schnittstellen, welche sich jeweils an den aktuellen Marktgegebenheiten ausrichten, sowie über Benutzeroberflächen, die es den Anwendern ermöglichen, eigenständig Schnittstellen zum elektronischen Datenaustausch zu realisieren. Neben dem Eingang von Informationen sei hierbei inzwischen auch der bilaterale Austausch von Status- und Finanzinformationen in den Vordergrund gerückt, um auch auf ERP-Seite jederzeit über die entsprechenden Transportschritte informiert zu sein.

Den entscheidenden Unterschied zwischen SES- und ERP-Systemen sieht Jens Heinrich von Ehrhardt & Partner in der Art ihrer Prozessverarbeitung: „Aufgrund ihrer Kernaufgaben arbeiten Warenwirtschaftssysteme stets belegflussorientiert. In der Logistik ist jedoch die Erfassung von Bewegungsdaten entscheidend, weshalb spezialisierte SES-Systeme speziell bewegungsorientiert arbeiten.“ Sie erfassen die physikalischen Prozesse und dokumentieren die Bewegung der Waren. Im Umkehrschluss tituliert Heinrich SES-Systeme als ERP-Systeme für die Logistik. Dem pflichtet Wolfgang Heidl bei. Auch er sieht die belegorientierte Prozessverarbeitung auf dem Rückweg. In den Fokus trete mehr und mehr der bewegungsorientierte Verarbeitungsschritt, um jederzeit den aktuellen Status innerhalb der Prozesskette in allen beteiligten Systemen nachverfolgen zu können.

Belegorientiert vs. bewegungsorientiert

Belegorientierte Prozesse kommen laut Darlegung von Ehrhardt & Partner vornehmlich in der ERP-Welt vor. Hierunter verstehen sie eine „Belegdenkweise“ (z.B. hinsichtlich Rechnungen, Lieferscheinen, Auftragsanweisungen etc.). Erst anschließend folgen die entsprechenden Prozesse, die notwendig sind, um etwa einen Auftrag auszuführen.
 
Bewegungsorientiert hingegen bezieht sich auf die Arbeitsweise von Supply-Chain-Execution-Systemen, bei denen physikalische Bewegungen der Ausgangspunkt sind – z.B. wenn eine Palette von A nach B bewegt wird.  Erst nach einer ausgeführten Bewegung wird ein Beleg erstellt.
 
Zusammenfassend ist das Ziel bei beiden Denkweisen dasselbe: Es geht immer um Belege. Nur eben jeweils aus einer anderen Richtung. In der ERP-Welt sind Belege der Ausgangspunkt für nachfolgende Prozesse; in der SES-Welt sind physikalische Bewegungen der Ausgangspunkt, aus denen - falls notwendig - Belege generiert werden.


Online-Schnittstellen

Hinsichtlich der erforderlichen, nahtlosen Integration der Systeme zeigt sich in Projekten der jüngeren Vergangenheit, dass der Anteil der Online-Schnittstellen (Web-Services, ODBC, DB-Link) im Verhältnis zu den klassischen file-basierten Schnittstellen (CSV, ASCII) zunimmt. Dies geschieht vor dem Hintergrund der wachsenden Anforderung, Daten möglichst „live“ zwischen Systemen und Plattformen auszutauschen, ohne dabei Funktionen wie Validierung und Benachrichtigungen zu verlieren. Neben den klassischen Schnittstellenanbindungen gilt es laut Wolfgang Heidl hierbei auch, die Restriktionen und User-Interaktionen zu berücksichtigen. „Dies wird in unserer Software durch proaktive Informationsketten sowie Benachrichtigungen sichergestellt, wodurch sich Soloplan-Kunden rein auf ‚Ausnahmetransporte‘ konzentrieren können, während das ‚reguläre‘ Standardtagesgeschäft durch die Systeme möglichst automatisiert verarbeitet wird.“

Da ERP-Systeme in den meisten Fällen festgelegte Datenaustauschformate und/oder feste Kommunikationsverfahren nutzen, wird von den Logistiksystemen Anpassungsfähigkeit gefordert. Dies gilt gleichermaßen für die Anbindung neuer Technologien, die den Einsatz mobiler Endgeräte und Apps im Lager und Transport unterstützen. „Darüber hinaus muss neben der klassischen, zentral geplanten Ausführung von logistischen Prozessen und Materialflusssteuerung in Zukunft auch auf die Kommunikation mit den immer weiter verbreiteten ‚smarten‘ Objekten in der Prozesskette reagiert werden“, erläutert Wilfried Pfuhl von Inconso. So könne die Abwicklung auch kurzfristig an die aktuell vorliegende Datenlage angepasst werden. Gleiches gelte für die externe Kommunikation, wobei sich hier die Kommunikation mittels Web-Services (SOAP, REST) und XML als Datenaustauschformat bereits stark etabliert hat.

Bildquelle: Thinkstock/iStock/Malek Software/Soloplan/Inconso/Ehrhardt & Partner/Cargo-Support

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