Magento-1-Support-Ende

Migration will sorgfältig geplant sein

Im Interview mit IT-MITTELSTAND weist Vera Hofer, Senior E-Commerce Consultant bei Netz98, auf das Support-Ende von Magento 1 hin und gibt Tipps, wie sich die Migration auf die neue Version der Shop-Software problemlos bewältigen lässt.

Vera Hofer von Netz98

Laut Vera Hofer von Netz98 endet der Magento-1-Support im Juni 2020.

ITM: Frau Hofer, welche Rolle spielt Open-Source-basierte Online-Shop-Software im Mittelstand?
Vera Hofer:
Ein wesentlicher Faktor für die Wahl des Shop-Systems ist der Umsatz eines Unternehmens bzw. der durchschnittliche Warenkorbwert des Online-Shops pro Bestellung. Wenn einzelne Produkte eines Shops keinen hohen Wert haben, aber immer zu sehr großen Anzahlen bestellt werden, muss die Performanceleistung sehr hoch sein. Höher als die einer E-Commerce-Plattform eines Shops für Luxusprodukte mit sehr geringen Bestellraten. Das heißt, je höher der durchschnittliche Warenkorbwert im Vergleich zu der Bestellungsanzahl ist, desto performanter muss ein Shop sein.

Gerade im Mittelstand geht es laut Definition um Umsätze von bis zu 50 Millionen Euro  im Jahr. Solche Summen und den damit verbundenen Website-Traffic kann eine Open-Source-Software nicht stemmen. Dementsprechend spielen Open-Source-E-Commerce-Plattformen nur eine eher untergeordnete Rolle im Mittelstand. Dies gilt besonders für den B2B-Sektor, beispielsweise bei Baumaterial- oder Ersatzteilbestellungen.

ITM: Worin sehen Sie die Vor-, aber auch Nachteile einer Open-Source-E-Commerce-Plattform?
Hofer:
Der größte Vorteil liegt beim Preis: Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist, kann in der Regel auch kostenlos genutzt werden. Dies beinhaltet aber auch direkt einen Nachteil: die Sicherheit. Open-Source-Software ist viel anfälliger für Angriffe, da der Aufbau meist nicht so professionell betreut wird wie bei einer Version mit Lizenzkostenmodell. Dies hat zur Folge, dass mögliche Lücken nicht oder nicht rechtzeitig erkannt werden. Ein weiterer großer Nachteil ist die begrenzte Skalierbarkeit von Open-Source-Programmen. Trotz des hohen Grades der Anpassbarkeit einer Open-Source-Software, ist das Performancemaximum nicht frei erweiterbar.

Wenn diese beiden Faktoren für ein betroffenes Unternehmen wichtig sind, ist immer eine professionelle E-Commerce-Plattform zu empfehlen, die in der Regel von den Experten eines Dienstleisters umgesetzt wird.

ITM: Eine bekannte Online-Shop-Software ist Magento. Wann genau endet der Support für „Magento 1“ und welche Versionen sind betroffen?
Hofer:
Magento 1 ist mittlerweile über zehn Jahre alt, die Nachfolgeversion Magento 2 ist seit etwa fünf Jahren auf dem Markt. Deshalb war es seitens Magento an der Zeit, den Support für die erste Version allmählich einzustellen. Dieser endet für alle Varianten im Juni 2020. Danach gibt es keinerlei Updates mehr, auch keine Sicherheits-Patches. Online-Shops, die auf Magento 1 basieren, funktionieren danach weiterhin ganz normal und der Vertrieb darüber kann wie gewohnt fortgesetzt werden, allerdings ist die Sicherheit nicht mehr gewährleistet. Aus diesem Grund sollten betroffene Shop-Betreiber unbedingt über eine Migration bzw. ein Replatforming zu Magento 2 nachdenken. Denn gerade beim Thema „Sicherheit im E-Commerce“ werden auch diverse Drittanbieter unruhig, vor allem aus dem Payment-Sektor.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 4/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Warum spricht man bei der Migration von „Magento 1“ auf „Magento 2“ eher von einem „Replatforming“?
Hofer:
Auch wenn sich beide Versionen namentlich nur von der Ziffer her unterscheiden, sind es doch zwei sehr verschiedene Systeme. Magento 2 hat eine völlig andere Architektur und Coding-Standards als der Vorgänger. Das geht vom Frontend über das Backend durch alle Bereiche, vor allem aber die Schnittstellen und die höheren Technologiestandards von z.B. PHP und Varnish sind hier zu nennen. Desweiteren verfügt Magento 2 über einen zusätzlichen Service-Layer. Dieser Layer ermöglicht eine bessere und kosteneffizientere Anpassung der E-Commerce-Plattform an neue Anforderungen.

Ein simples Update von Magento 1 auf 2 ist insofern nicht möglich, da viele Schnittstellen von Version 2 nicht abwärtskompatibel sind und neu implementiert werden müssen. Daher empfiehlt es sich bei einer Migration von Version 1 auf Version 2 den Online-Shop von Grund auf neu aufzusetzen. Dies ist ein komplexerer und aufwändigerer Prozess als ein reguläres Software-Update. Deshalb ist die Bezeichnung „Replatforming“ in diesem Fall treffender.

ITM: Mit welchen Herausforderungen und Stolpersteinen ist solch ein Migrationsprojekt verbunden?
Hofer:
Der größte Stolperstein für viele Unternehmen bei einem Migrationsprojekt ist wohl die fehlende Klarheit über den Mehrwert eines Replatformings. Eine reine Abbildung aller Funktionalitäten aus Magento 1 – ohne sinnvolle Anpassungen – auf Magento 2 zu übertragen, würde der Sache nicht gerecht werden. Stattdessen müssen sich die betroffenen Shop-Betreiber eine Strategie überlegen, was neben der Erreichung aktueller Sicherheitsstandards mit der neuen Plattform erzielt werden soll. Zum Beispiel Dinge, die im alten System nicht machbar waren, wie höhere Skalierbarkeit oder variablere Endgerätekompatibilität.

Die größte Herausforderung dabei ist es, herauszufinden, welche Features und Add-ons betroffen sind, ob sie sich zu Magento 2 migrieren lassen oder ob ein Ersatz notwendig ist. Das Gleiche gilt für die Datensätze. Die wichtigsten Daten wie z.B. Kunden- und Produktdaten und gültige Rabattcodes sollten auf keinen Fall verloren gehen. Auch das Thema „Auffindbarkeit/Web-Präsenz“ (SEO) ist beim Replatforming essenziell. Von daher muss eine Migration sehr sorgfältig geplant werden, auch wegen der zeitlichen Dringlichkeit bis zum Support-Ende der ersten Version.

ITM: Welche Vorgehensweise empfehlen Sie Mittelständlern demnach für ein Migrationsprojekt im Online-Shop-Bereich?
Hofer:
Zunächst sollten sich betroffene Shop-Betreiber ob all des Planungsaufwands nicht entmutigen lassen und sich besonnen auf den Faktor „Know-how“ konzentrieren. Dazu wird ein Dienstleister benötigt, der Erfahrung bei der Umsetzung von entsprechenden Migrationsprojekten hat und allgemein über die nötigen Fachkenntnisse und die Manpower verfügt. Denn mit einem richtigen Partner stellen Zeit- und Kosten-Management kein Problem mehr dar. Gemeinsam mit dem gewählten Dienstleister sollten zunächst einmal umfassende Analysen getätigt werden. Wie viele Kunden sind und waren aktiv? Welche Produkte gehen am besten? Wieviel Umsatz muss der neue Online-Shop stemmen können? Diese und viele weitere Fragen müssen geklärt sein, noch bevor es in die Planung der technologischen Details geht.

Es empfiehlt sich, ein solches Projekt in verschiedenen Phasen anzugehen, um die Komplexität und die Risiken zu minimieren. Oft spricht man hier von einem MVP-Ansatz, der für den ersten Go Live des Projekts verfolgt werden sollte. MVP ist die Kurzform von Minimum Viable Product. Frei übersetzt bedeutet das, dass sich die Projektentwicklung zunächst auf das kleinstmöglichste und praktikabelste Produkt konzentriert.

Anschließend wird der Shop in kurzen Iterationen weiterentwickelt und so um neue Funktionalitäten, Content oder Automatisierungen angereichert. Dieses Vorgehen führt auch dazu, dass ein erfolgreicher Go Live deutlich realistischer und zeitnaher realisiert werden kann.

Bildquelle: Netz 98

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