Fachkräftemangel im Mittelstand

Mit KI passende IT-Talente finden

Bedingt durch die allgegenwärtige Digitalisierung und Trends wie IoT und KI müssen sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitssuchende die eine oder andere Qualifikations- und Wissenslücke füllen, damit der deutsche Mittelstand letztlich nicht durch einen IT-Fachkräftemangel ausgebremst wird. Zugleich kann Künstliche Intelligenz aber auch dabei helfen, die passenden IT-Talente bzw. Jobs zu finden.

  • Junge Fachangestellte

    Damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer letztlich zueinander finden, ist in erster Linie eine gewisse Offenheit gefordert. ((Bildquelle: Getty Images/iStock))

  • Vérane Meyer, Bitkom

    „IT-Fachkräfte haben beste Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Bei guter Qualifikation können sie sich den Job in der Regel aussuchen”, meint Vérane Meyer, Bitkom. ((Bildquelle: Bitkom))

  • Christian Umbs, Robert Half

    „Es liegt auch an den Unternehmen, sowohl neue als auch bestehende Mitarbeiter ständig weiterzubilden und sie in die Lage zu versetzen, neue Technologien zu nutzen“, Christian Umbs, Robert Half. ((Bildquelle: Rober Half))

Gerade dieser Mangel an IT-Spezialisten stellt Unternehmen aller Branchen derzeit vor große Herausforderungen. Laut Bitkom waren Ende 2018 rund 82.000 Stellen unbesetzt – 49 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Mittelstand sei hier besonders betroffen. Daher muss er jetzt die eigenen Vorteile für IT-Fachkräfte noch stärker deutlich machen und verschiedene – auch individuelle – Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung umsetzen. „Das Recruiting von Spezialisten ist ein entscheidendes Thema, das durchaus ‚zur Chefsache‘ gemacht werden sollte“, bestätigt Florian Walzer, Head of Sales & Marketing bei Rexx Systems. Laut Schätzungen des Beratungshauses EY würden dem deutschen Mittelstand pro Jahr knapp 50 Mrd. Euro Umsatz entgehen, weil er nicht genügend Mitarbeiter finden könne und deshalb Aufträge ablehnen müsse.

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Laut einer aktuellen Bitkom-Studie scheitert die Besetzung von IT-Stellen vor allem am Geld, aber auch an fehlender Kompetenz. Denn die starke Nachfrage nach IT-Spezialisten lässt mitunter die Gehaltsvorstellungen der Bewerber steigen, zugleich bemängeln 38 Prozent der befragten Unternehmen fehlende fachliche Qualifikation und 35 Prozent vermissen Soft Skills wie etwa Sozialkompetenzen, kritisches Denken und Kreativität. „Meiner Erfahrung als Personalberater nach stimmt es, dass zwischen den Anforderungen der Industrie und den Grundlagen, die im Rahmen einer Ausbildung vermittelt werden, eine große Divergenz besteht“, berichtet René Jacobsen von D.vinci Recruitinglösungen. Das Studium sei oft nicht so realitätsnah, wie es sein müsste, die Vorbereitung auf den Beruf unzureichend. Gut geeignet aus seiner Sicht sei ein duales Studium, in dem alle Fachkompetenzen erlernt würden und zugleich Berufserfahrung gesammelt werde.

Achillesferse der deutschen Wirtschaft

Eine der größten Herausforderungen ist, dass sich im Zuge der Digitalisierung und des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz die Anforderungen an die Arbeitnehmer sehr schnell verändern. Und gerade weil sich alles im stetigen Wandel befindet, kann die Ausbildung auch nicht immer mithalten. Es entstehen letztlich andere, neue Aufgabengebiete, zu denen sich Mitarbeiter fortbilden müssen. Das bekräftigt denn auch Florian Walzer: „Das Thema ‚Weiterbildung‘ ist ganz entscheidend, insbesondere in mittelständischen Unternehmen. Die Menge an Informationen in unserer Gesellschaft im Verhältnis zu anderen Bereichen der Gesellschafts- oder Wirtschaftsordnung nimmt überproportional zu. Andere nennen das bereits Informationsexplosion.“ So sei es insbesondere für die Arbeitgeber wichtig, sich gezielt um die Weiterbildung der Mitarbeiter zu kümmern, auch im Sinne des Employer Branding, also der Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen, sowie um die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sicherzustellen. René Jacobsen schließt sich dieser Meinung an: „Bleiben die gut ausgebildeten Arbeitnehmer bei der Firma, bedeutet das schließlich auch geringere Recruiting-Kosten in der Zukunft und die damit einhergehende Sicherstellung der Fachkräfte.“

Das Thema „IT-Weiterbildung“ sei aber auch eine politische Aufgabe, ergänzt Vérane Meyer, Referentin für Bildungspolitik beim Bitkom. Das habe sich im Rahmen einer gemeinsamen Studie mit dem Tüv-Verband im vergangenen Jahr herausgestellt. „Insbesondere der Mittelstand verfügt oft nicht über die nötige Orientierung im Weiterbildungsdschungel“, so die Referentin. „Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam handeln, damit fehlende Weiterbildung nicht zur Achillesferse der deutschen Wirtschaft wird.“

Fehlende Budgets und zeitliche Kapazitäten

Doch mit welchen konkreten Maßnahmen lassen sich die Qualifikations- und Wissenslücken z.B. hinsichtlich IoT und KI schließen? Christian Umbs, Managing Director bei Robert Half, empfiehlt Unternehmen an dieser Stelle, „aktuelle und individualisierte Seminare und Schulungen anzubieten – extern oder intern“. Dabei könnten Unternehmen ihren Mitarbeitern finanzielle Unterstützung bei Kursen zur beruflichen Zertifizierung oder einem Aufbaustudium bieten. Auch sei die Teilnahme an Online-Kursen eine gute Möglichkeit, sich hinsichtlich eines speziellen Gebietes fortzubilden. „Wir empfehlen, sich individuell mit dem Mitarbeiter auszutauschen und seine Bedürfnisse zu klären“, so Umbs. Dementsprechend könne dann das Training gestaltet werden. Laut der 2018er-Bitkom-Studie bilden fast zwei Drittel aller Unternehmen (63 Prozent) ihre Mitarbeiter zu Digitalthemen weiter. Zwei Jahre zuvor sollen erst 36 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern Fortbildungen angeboten haben, damit sie digitale Kompetenzen erwerben und vertiefen können.

Befragt nach möglichen Hürden im Zusammenhang mit der Weiterbildung gibt gut die Hälfte der Unternehmen an, „dass es keine Zeit für entsprechende Freistellungen gibt (52 Prozent)“, bemerkt Vérane Meyer. Das sieht Florian Walzer von Rexx Systems ebenso: Die wesentliche Ursache für das Scheitern von Weiterbildungsmaßnahmen sei fehlende zeitliche Kapazität. Für Arbeitgeber geht es also nicht nur um das finanzielle Investment in eine entsprechende Maßnahme – denn spezifische Fortbildungen sind oftmals teuer und dem Mittelstand steht nicht immer das nötige Budget zur Verfügung –, sondern vor allem um Zeitverlust. Wenn Mitarbeiter auf Fortbildung sind, stehen sie schließlich nicht zur Verfügung, um ggf. wichtige, zeitkritische Projekte zu bearbeiten.

„Auf Seite der Arbeitnehmer beobachten wir teilweise ein ungesundes Selbstvertrauen, das vor allem bei ITlern etwas ausgeprägter ist als in anderen Bereichen“, fügt Walzer hinzu. So falle es ITlern oftmals schwerer, inhaltlich von anderen etwas anzunehmen. Das basiere auf dem eigenen Stolz, selbst zu wissen, was richtig ist. Aber auch hier hindern fehlende zeitliche Ressourcen den Erfolg von Weiterbildungsmaßnahmen. Weiterhin scheitern sie oftmals daran, „dass sich die Ziele der Schulung nicht an den realen Bedürfnissen des Unternehmens orientieren“, weiß René Jacobsen. Die eigentliche Qualifizierung findet seiner Meinung nach eher „on the job“, in Meetings, über private Projekte oder auch in Fachforen und IT-Communities statt. Zudem sollte den Entwicklern z.B. in Form von Open-Space-Büros ein Umfeld geschaffen werden, wo sie sich gegenseitig inspirieren und gemeinsam Lösungen finden können. „Wenn agile Arbeitsweisen für Arbeitgeber ein Fremdwort sind, trifft das nicht mehr den Zahn der Zeit – und nicht die Wünsche der Arbeitnehmer“, so Jacobsen. Und das führe letztlich auch dazu, dass der Mittelstand durch den IT-Fachkräftemangel ausgebremst wird.

Arbeitsplätze leichter finden

Übrigens können sich Unternehmen Innovationen wie eben Künstliche Intelligenz ebenso zunutze machen, um passende Mitarbeiter zu finden. „Es gibt bereits heute im Recruiting selbstlernende Tools, die bei der Vorauswahl von Kandidaten unterstützen können“, weiß Jacobsen. So kann KI Lebensläufe automatisch durchforsten und häufig gestellte Fragen von Bewerbern beantworten, was letztlich die Effizienz und Geschwindigkeit bei der Personalauswahl steigert. „Immer mehr Unternehmen setzen auch auf Applicant Tracking Systems (ATS). Sie scannen Bewerbungen auf bestimmte Inhalte und Schlüsselbegriffe, die wichtig für die Position sind. Bei Diskrepanzen oder fehlender Übereinstimmung wird die Bewerbung aussortiert“, erklärt Christian Umbs von Robert Half. Andersherum hilft KI aber auch Bewerbern bei der Jobsuche. „Das ist beispielsweise bei Apps wie dem ‚Jobbringer‘ der Fall“, berichtet wiederum Florian Walzer. Jene Applikation selektiere Stellenangebote nach den individuellen Wünschen der Nutzer und durch Algorithmen der KI aus der Jobbörse finest-jobs.com.

Derzeit scheint zudem „Google for Jobs“ ein großes Thema zu sein. Aktuell wird es in Deutschland ausgerollt. Ziel der Lösung ist es, das Finden von Arbeitsplätzen leichter zu machen. „Da Google unsere Bewegungsprofile trackt, könnte es dahin gehen, dass einem z.B. Stellenanzeigen in Stuttgart angezeigt werden, wenn man sich öfter in Stuttgart einloggt oder auch nach Wohnungen in Stuttgart googelt“, überlegt Jacobsen. Wer seine Jobsuche direkt in der Suchmaschine eingebe, dem würden künftig konkrete offene Stellen angezeigt werden. Klicke der Suchende darauf, werde er auf die Karrierewebseiten der entsprechenden Unternehmen geleitet. Der Recruiting Consultant ist sich sicher, dass Google for Jobs die Stellensuche stark beeinflussen wird. Unternehmen sollten sich darauf vorbereiten, indem sie ihre Karriereseiten so attraktiv wie möglich gestalten und aktuell halten.

Damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer letztlich zueinander finden, ist in erster Linie eine gewisse Offenheit gefordert. „Eine Offenheit für Veränderung und Change-Prozesse aktiv mitzugehen, die Fähigkeit, sich selbst zu öffnen und zu vernetzen, aber auch der Erwerb und die Vermittlung digitaler Kompetenz“ hält Florian Walzer für besonders wichtig. Aber natürlich gehe es auch um die Fähigkeit, konzeptionell denken zu können und auch zu wollen. Dazu noch etwas Spritzigkeit, die Gabe von Inspiration und Innovation – und schon hätte man den perfekten Mitarbeiter „gebacken“.

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