Digitale Transformation

Mittelständler verweilen in Lauerstellung

„Anstatt in die Digitale Transformation zu investieren, wird vor allem in der produzierenden Industrie das Geld erst einmal in Maschinen gesteckt“, kritisiert Dr. Stefan Sambol, Managing Partner Ommax. Damit würden Mittelständler häufig den Anschluss zum internationalen Wettbewerb verlieren.

Dr. Stefan Sambol, Managing Partner Ommax

„In der Realität ist es häufig so, dass CDOs mehr als ‚zahnlose‘ Tiger in der Organisation agieren, da ihnen ein echtes Mandat vom Vorstand fehlt“, weiß Dr. Stefan Sambol, Managing Partner Ommax.

ITM: Herr Dr. Sambol, in welchen Bereichen bzw. bei welchen Themen haben Mittelständler aktuell den größten Beratungsbedarf?
Dr. Stefan Sambol:
Der Mittelstand hat nach wie vor einen großen Beratungsbedarf beim Aufsetzen einer ganzheitlichen digitalen Strategie über die Wertschöpfungskette, denn dafür benötigt er nicht nur ein gewisses Maß an Erfahrung, sondern auch eine große Workforce. Im nächsten Schritt muss dann für das Unternehmen genau abgewogen werden, mit welchem Aufwand welche Initiativen umgesetzt werden und welche Kennzahlen dabei wie verbessert werden sollen. Daraus leitet sich dann die Priorisierung der Initiativen ab, die in ein ganzheitliches Digitalprogramm münden und über einen Zeitraum von drei bis vier Jahren umgesetzt werden. Hierbei können sowohl Strategie- als auch Digitalexperten – vor allem, wenn es ins Operative geht – unterstützen, denn sie können aufgrund ihrer Erfahrung aus einer Vielzahl von Projekten besonders gut beurteilen, was letztlich funktioniert und was eher nicht. Durch die tägliche Arbeit in diesem Bereich sind sie immer up-to-date.

Ein weiterer wichtiger Anknüpfungspunkt ist die Customer Journey, die immer hoch komplex ist und eine Vielzahl – meist digitaler – Kanäle umfasst. Vor allem in diesem Bereich ist es für Mittelständler aufgrund fehlender Expertise wie auch Ressourcen oft nicht möglich, die nötigen Arbeitsschritte selbst abzudecken. Letztlich stoßen aber auch bei einer digitalen Unternehmensprüfung, der Digital Due Diligence, nicht nur viele Mittelständler, sondern auch konventionelle Beratungen schnell an ihre Grenzen. Für derartige Projekte braucht es einen verlässlichen und unparteiischen externen Partner, der einen hohen Erfahrungsschatz im digitalen Umfeld besitzt – idealerweise auch im operativen Bereich.

ITM: Wie war es bislang um die Digitalisierungsbemühungen kleiner und mittlerer Unternehmen bestellt? Wer oder was stand ihnen hierbei oftmals im Weg?
Sambol:
Generell gesprochen, gibt es auch hier einige Vorreiter. Insgesamt sind die meisten Mittelständler aber noch sehr zögerlich und verweilen in einer Art Lauerstellung. Oftmals fehlt ihnen für die Digitalisierung das nötige Know-how, um auch ins Operative zu starten. Aber auch der Wettbewerb, die besten digitalen Talente für sich zu gewinnen, ist für viele Mittelständler hart. Hinzu kommen fehlende Ressourcen und ein fehlendes Change Management. Die Umsetzung des Digitalprogramms erfordert auch intensive Kommunikationsmaßnahmen, nach innen wie nach außen, die die Unternehmen vor neue Herausforderungen stellen. Anstatt in die Digitale Transformation zu investieren, wird vor allem in der produzierenden Industrie das Geld erst einmal in Maschinen gesteckt. Damit verlieren sie häufig den Anschluss zum internationalen Wettbewerb.

ITM: Worauf sollten Mittelständler bei der Auswahl eines Digitalberaters besonders achten?
Sambol:
Die Beratung sollte einerseits einen ganzheitlichen Beratungsansatz vorweisen, gute Referenzen sowie eine langjährige Erfahrung in dem Bereich, so dass diese dem Unternehmen vor allem auch bei der Umsetzung zur Seite stehen kann und nicht nur das theoretische Konzeptpapier ausarbeitet. Andererseits ist das Erarbeiten einer langfristigen Vision und einer digitalen Agenda essentiell. Dazu gehört auch ein Mehrjahresplan mit Business Cases und Milestones. Wichtig ist natürlich auch, dass die Berater beachten, dass die vorgeschlagenen Maßnahmen auch tatsächlich für das Unternehmen umsetzbar sind. Generell gibt momentan nahezu jede Beratung an, digital zu sein, deshalb sollten Mittelständler besonders darauf achten, dass die Beratung auch wirklich eine digitale DNA vorweist.

ITM: Wie gestalten sich die ersten Schritte, wenn sich Anwender und Berater „gefunden“ haben?
Sambol:
Wir starten in der Regel mit einem Projekt-Kick-off, um uns besser kennenzulernen und auch die operativen Arbeitsabläufe besser verorten zu können. Dabei ist es wichtig, den Ist-Zustand sorgfältig zu analysieren und daraus gemeinsam eine digitale Roadmap mit Hinblick auf die nächsten drei bis fünf Jahre zu entwickeln. Diese beinhaltet eine klare und realistische Zielsetzung. Dies geht in einer langfristigen Strategie auf, die auch Milestones und gegebenenfalls Pilotprojekte und Minimum Viable Products, kurz MVPs, beinhaltet. Dann teilen wir die To-dos in Low Hang Fruits, also Aufgaben, die schnell und leicht abzuarbeiten sind, und in dauerhafte Wertschöpfungspotenziale, die dann wiederum in kurz-, mittel- und langfristig gliederbar sind. Zusammen mit dem Unternehmen etablieren wir ein schlagkräftiges Digitalteam, das die Organisation gut kennt und offen für die digitalen Initiativen ist. Im Rahmen einer Digitalakademie werden dann Mitarbeiter schrittweise abgeholt und in die Thematik eingeführt. Während der operativen Umsetzung wird die Strategie kontinuierlich überprüft und gegebenenfalls nachjustiert. Diese Flexibilität ist ein riesiger Vorteil, der mit der Tatsache einhergeht, dass Strategie und Umsetzung miteinander verbunden werden. Einer der Schlüssel zum Erfolg in einem derart dynamischen Feld ist, dass eine stetige Anpassung der Strategie erfolgt.

ITM: Welche konkreten Bereiche sollte ein Digitalisierungsvorhaben dann in erster Linie betreffen und warum?
Sambol:
Insbesondere soll die Effizienz innerhalb der internen digitalen Organisation gesteigert werden. Generell ist das aber immer auch stark abhängig vom jeweiligen Digitalisierungsgrad der Branche sowie des Unternehmens selbst. Daraus können in aller Regel etwa 30 bis 50 Initiativen für die nächsten drei bis fünf Jahre abgeleitet werden, die jedoch auf die Wirksamkeit auf die spezifische Situation des Unternehmens priorisiert und schrittweise implementiert werden müssen. Wenn das Unternehmenswachstum im Fokus stehen soll, sind häufig die digitalen Kanäle, das Frontend sowie Kundenportale und E-Commerce relevant. Sollen hingegen die Kosten im Unternehmen auf ihre Effizienz hin überprüft werden, stehen oftmals eine Prozessoptimierung und eine Automatisierung auf der Agenda.

ITM: Was sind hierbei häufige Stolpersteine und wie lassen sich diese frühzeitig umgehen?
Sambol:
Es gibt einige Stolpersteine, die aber alle auch zu meistern sind. Es muss eine digitale Kultur im Unternehmen etabliert werden, die Proaktivität und Mut fördert, aber auch Fehler, aus denen man lernen kann, erlaubt (beispielsweise im Rahmen einer Digitalakademie). Nur durch ein Try-and-Error-Prinzip können Unternehmen schnell besser werden. Oftmals fehlen aber auch die nötigen Ressourcen, insbesondere, wenn es um fachkundiges Personal geht. Das Top-Management muss den Wandel unterstützen und aktiv vorleben, nur dann folgen auch die Mitarbeiter. Die Manager müssen mit der notwendigen Entscheidungskompetenz ausgestattet werden, die gebraucht wird, um wirklich etwas voranzutreiben. In der Realität ist es häufig so, dass CDOs mehr als „zahnlose“ Tiger in der Organisation agieren, da ihnen ein echtes Mandat vom Vorstand fehlt. Der „War for Digital Talents“ ist auch für den Mittelstand bittere Realität. Außerdem müssen die Silostrukturen zwingend aufgebrochen werden, so dass der digitale Wandel auf sämtliche Geschäftsbereiche übertragen werden kann. Dies gelingt nur, indem priorisiert und holistisch an die Sache herangegangen wird. Nicht zu unterschätzen sind natürlich auch die digitalen, zum Teil internationalen Wettbewerber, die dem Mittelstand im Zweifel einen Schritt voraus sind. Diese graben dem Unternehmen nach und nach die Umsätze ab und erschweren damit die für die Digitale Transformation nötigen Investitionen.

ITM: Mit welchem Aufwand (zeitlich, personell, finanziell ...) muss der Mittelstand letztlich in solchen Beratungsprojekten rechnen?
Sambol:
Das ist pauschal schwer zu sagen, denn Projekte müssen immer individuell gescoped werden. In der Regel beträgt die Konzeptphase mindestens vier bis zwölf Wochen, die Umsetzungsphase meist drei bis fünf Jahre. Der Return on Investment (ROI) für das Unternehmen steht hierbei stets im Mittelpunkt. Ziel muss es sein, kurzfristige Erfolge in Form von Pilotprojekten zu realisieren, die dann den Mut zu mehr machen und dabei helfen, Vorurteile in der Organisation abzubauen.

ITM: Auf welche weiteren Trends und Innovationen sollte der Mittelstand anno 2020 reagieren?
Sambol:
Immer mehr digitale Wettbewerber aus dem Ausland drängen auf den deutschen Markt. Der Mittelstand muss sich aus der Lauerstellung herausbewegen und in die Aktion starten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Darüber hinaus ist und bleibt Big Data ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg. Nur wer, eine große Menge an Daten erheben, verarbeiten und verstehen kann, ist auch fähig, das Handeln und Kaufverhalten von Kunden zu analysieren und für seine Vertriebsstrategien zu nutzen.

Bildquelle: Paul Träger

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