Die Rolle internationaler Netzwerke

Mittelstand: Bedrohung durch Globalisierung?

Im Interview betont Stephen Duignan, Vice President International Marketing beim Collaboration-Software-Anbieter LogMeIn, dass zwar viele Mittelständler das Potential von Synergieeffekten erkannt haben und strategische Firmenpartnerschaften in verwandten Branchen eingegangen sind, bislang aber oft nur auf nationaler Ebene. Der Grund: Sie fürchten die Rutschgefahr auf dem internationalen Parkett.

Stephen Duignan, Logmein

„Der Erfolg der Zusammenarbeit hängt maßgeblich von Tools ab, die Kommunikation ermöglichen oder vereinfachen“, betont Stephen Duignan, Vice President International Marketing bei LogMeIn.

ITM: Herr Duignan, warum wird die Globalisierung von vielen kleineren Unternehmen als Bedrohung wahrgenommen?
Stephen Duignan:
Sie wird von vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen deshalb als Bedrohung wahrgenommen, weil sie den Markt für internationalen Wettbewerb öffnet. Insbesondere in Branchen, in denen der Preis eine entscheidende Rolle spielt, sind viele deutsche Unternehmen nicht in der Lage, mit dem Wettbewerb, z.B. aus den BRIC-Staaten, mitzuhalten. Generell wird Globalisierung eher als etwas wahrgenommen, das großen Unternehmen mit einer länderübergreifenden Präsenz und einer internationalen Marke weit mehr nutzt als kleineren Unternehmen. Aber das muss nicht der Fall sein.

ITM: Welches Potential bietet die internationale Vernetzung für Mittelständler?
Duignan:
Tatsächlich eine ganze Menge. Deutsche Unternehmen genießen den Ruf, hervorragende Qualität zu liefern, und in Fällen, in denen es vor allem um die Faktoren Leistung und Performance geht, können auch Mittelständler von den Vorteilen profitieren, die ein internationaler Markt bietet. Das gilt nicht nur für die produzierende Industrie, sondern auch für Dienstleister, z.B. in der Tourismusbranche – dafür allerdings braucht man ein gut aufgestelltes internationales Netzwerk. Und das aufzubauen ist so ähnlich, wie einen Berg abzutragen: Schaufel für Schaufel, ein Schritt nach dem anderen und nicht das Ziel aus den Augen verlieren.

ITM: Inwieweit wurde das Potential bereits erkannt? Aus welchen Gründen sträuben sich Mittelständler noch vor Kollaborationen?
Duignan:
Viele Mittelständler haben das Potential von Synergieeffekten längst erkannt und sind strategische Partnerschaften mit Firmen in verwandten Branchen eingegangen, bislang aber oft nur auf nationaler Ebene, weil sie die Rutschgefahr auf dem internationalen Parkett fürchten. Zwar ist in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung der Begriff „Collaboration“ in aller Munde, aber vielen Unternehmen gelingt es nicht, dieses Buzzword mit Leben zu füllen – obwohl im Geschäftsleben mindestens genau so viel von Kontakten abhängt wie von qualitativ hochwertigen Produkten oder einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. In Branchen, in denen vor allem sogenannte „Knowledge Worker“ dominieren, also Menschen, die in erster Linie für das Denken, Erfinden oder Konzipieren bezahlt werden, gibt es dabei zwei, auf den ersten Blick gegenläufige Trends: Einerseits setzt sich die Idee durch, dass räumliche Nähe, also z.B. geteilte Büroflächen mit anderen Firmen, die Zusammenarbeit befruchten und den Horizont erweitern kann. Andererseits sind immer mehr Arbeitnehmer zunehmend mobil und vernetzt und arbeiten dort, wo sie gerade sind – und das ist nicht notwendigerweise am Schreibtisch.

Eine wichtige Rolle bei der Zusammenarbeit spielen aber auch die Sensibilität für unterschiedliche Mentalitäten und Geschäftspraktiken sowie die Bereitschaft, sich darauf einzulassen. Sprache kann dabei sowohl eine Barriere als auch eine verbindende Brücke sein. Wenn man ausschließlich Mitarbeiter beschäftigt, die kein Englisch oder andere relevante Fremdsprachen sprechen, wird man in einem internationalen Umfeld nicht weit kommen. Hier müssen Mittelständler genau prüfen, wie gut sie auch auf potentiell komplizierte Situationen vorbereitet sind.

ITM: Was gilt es bei der Auswahl möglicher Partner zu beachten?
Duignan:
Partner sollten das Angebot des eigenen Unternehmens sinnvoll ergänzen: Wenn man z.B. aus der produzierenden Industrie kommt, dann kann es von Vorteil für alle Seiten sein, wenn man einen Partner für die Software oder einen Service-Dienstleister mit im Boot hat. So kann man Kunden ein Komplettpaket anbieten – oder eben auch ein ganz individuelles. Ein Netzwerk aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld.

ITM: Woran scheitern Kollaborationen oftmals und führen zu Bruchlandungen?
Duignan:
Nicht alle Unternehmen oder Partnerschaften scheitern, aber man muss darauf eingerichtet sein, dass eine ganze Reihe von Herausforderungen auf einen zukommt. Bei der Auswahl möglicher Partner gilt vor allem eins: Recherche, Recherche, Recherche – das ist der Schlüssel zum Erfolg. Man sollte sich vorab schlau machen und so viele Informationen wie möglich über seinen potentiellen Partner sammeln. Es gibt auch immer wieder Unternehmen, die sich aus dem internationalen Geschäft wieder zurückziehen, weil sie merken, dass sie das, was sie an Geld sparen, an Qualität verlieren. Aber trotz aller Risiken gilt: Sich international aufzustellen, war noch nie so einfach wie heute, und das liegt vor allem an der verfügbaren Technologie.

ITM: Inwiefern können Technologien und Tools bei der übergreifenden Zusammenarbeit helfen?
Duignan:
Der Erfolg der Zusammenarbeit hängt maßgeblich von Tools ab, die Kommunikation ermöglichen oder vereinfachen. Traditionelle Videokonferenzlösungen und ihre oft umständliche Handhabung muten in der heutigen vernetzten Gesellschaft schon fast altmodisch an. Zahlreiche Lösungen, darunter das weit verbreitete Skype, sind zeitgemäßere Alternativen dazu. Noch benutzerfreundlicher sind Tools wie Join.me, die ohne vorherigen Download sogar das Durchführen von Videokonferenzen unterwegs und auf mobilen Geräten ermöglichen und so vor allem den Bedürfnissen einer zunehmend mobilen Zielgruppe entgegenkommen.

Das wichtigste für Mittelständler ist hierbei, nicht mit Tools zu arbeiten, die die bestehenden Prozesse eins zu eins ersetzen, sondern sich immer zu fragen, wie neue Tools die Prozesse verbessern und integrieren und so das Unternehmen verbessern können. Kann ein Kundenservice-Tool auch zusätzliche Kundeninformationen liefern? Könnte ich mit meiner Kollaborationsplattform die Kommunikation direkter gestalten und so mein Netzwerk besser ausnutzen? Durch die große Auswahl an Lösungen heutzutage bietet sich auch für kleinere Unternehmen die Möglichkeit, ihre eigene Auswahl an Apps und Services genau nach ihren Ansprüchen zusammenzustellen.

Ganz konkret können folgende Tools in verschiedenen Bereichen helfen, Unternehmen bei der Internationalisierung zu unterstützen:

  • E-Mail: Mailbox, Google Inbox, Immediately
  • Team Messaging: Slack
  • Cloud-Speicher: Box, Dropbox, iCloud
  • Kalender: Tempo, Sunrise, Google Calendar 
  • Online-Meetings: Join.me
  • Online-Projektmanagement: Trello, Asana, Basecamp
  • CRM: Salesforce
  • Security: Lastpass

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