Digitalisierungsgrade in Deutschland

„Mittelstand ist sehr heterogen aufgestellt“

Warum die Corona-Krise für die Digitalisierung tatsächlich zwei ganz unterschiedliche Seiten hat, erklärt Marcus Metzner, Chief Marketing Officer von Arvato Systems, im Interview.

Marcus Metzner, Chief Marketing Officer von Arvato Systems

„Digitalisierungsverweigerer werden es immer schwerer am Markt“, meint Marcus Metzner von Arvato.

ITM: Herr Metzner, inwieweit hat der deutsche Mittelstand anno 2020 seine Prozesse bereits digitalisiert?
Marcus Metzner:
Aus meiner Sicht ist der deutsche Mittelstand diesbezüglich recht unterschiedlich aufgestellt. Viele Unternehmen setzen bereits intensiv auf Cloud Computing und haben die dadurch entstehenden Vorteile erkannt, andere sind weiterhin skeptisch. Viele Unternehmen haben es ihren Mitarbeitern bereits ermöglicht, durch moderne digitale Arbeitsplätze ohne Reibungsverluste außerhalb von Firmenstandorten zu arbeiten, während sich manche bis zum heutigen Tage – auch außerhalb eigentlicher Produktionsstrecken – damit schwertun. Daher würde ich insgesamt sagen: Der deutsche Mittelstand – und dabei sprechen wir von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Unternehmen – ist bezüglich des Themas „Digitalisierung“ sehr heterogen aufgestellt.

ITM: Welchen Einfluss übt hierbei die aktuelle Corona-Krise aus?
Metzner:
Grundsätzlich hat die Corona-Krise Unternehmen gezeigt, wo Digitalisierungslücken bestehen, die sie ganz besonders schnell schließen müssen bzw. mussten. Immer dann, wenn innerhalb kürzester Zeit ganze Belegschaften ins Home Office wechseln mussten, ist klar geworden, wie gut oder schlecht Unternehmen hier aufgestellt sind. Bei solchen Themen sorgte also die schiere Notwendigkeit für einen spürbaren Digitalisierungsschub. Gleichzeitig ist jedoch auch zu sehen, dass viele Unternehmen aufgrund der schwer vorhersehbaren wirtschaftlichen Entwicklung sehr konservativ mit Investitionen umgehen. Und das heißt: Digitalisierungsprojekte, die zum Teil wichtig für die zukünftige Aufstellung eines Unternehmens wären, werden zum Teil vorerst verschoben oder gar abmoderiert. Insofern hat die Corona-Krise für die Digitalisierung tatsächlich zwei ganz unterschiedliche Seiten.

ITM: Welche Prozesse rücken bei der Digitalisierungsstrategie derzeit besonders in den Fokus?
Metzner:
Wir sehen aufgrund der aktuellen Situation bei vielen Unternehmen das Bedürfnis, sichere und verlässliche Möglichkeiten zu schaffen, um auch außerhalb der Firmenstandorte zu arbeiten – also Home Office bzw. Remote Work zu ermöglichen. Das bedeutet zunächst, dass typische Office-Anwendungen überall zur Verfügung stehen müssen und dass der Zugriff auf die Daten und Systeme des Unternehmens reibungslos funktionieren muss, ohne dabei das Thema „Security“ außer Acht zu lassen. Neben diesem Modern Workplace wünschen sich Unternehmen immer häufiger, dass auch branchenspezifische Systeme für mobiles Arbeiten ausgelegt sind. All das sorgt natürlich dafür, dass das Thema „Cloud“ eine noch größere Bedeutung erhält.

ITM: Was sind häufige Stolpersteine bei der Umsetzung?
Metzner:
Digitalisierung insgesamt ist ja nicht nur ein technologisches Thema, sondern basiert neben der IT als wesentlichem Faktor auch auf den Säulen Strategie, Organisation und nicht zuletzt Kultur. Sich der digitalen Transformation zu stellen, bedeutet also, sich ganzheitlich mit seinem Unternehmen und dessen Prozessen, aber eben auch mit den heutigen und zukünftigen Geschäftsmodellen auseinanderzusetzen und zu beleuchten, was all das für die Art und Weise, miteinander zu arbeiten, bedeutet. Ein einfaches Beispiel: Die technischen Möglichkeiten dafür zu schaffen, dass Menschen im Home Office arbeiten können, ist das eine. Die Arbeit im Home Office jedoch sinnvoll im Sinne des Unternehmens und der Belegschaft zu nutzen und dadurch echte Mehrwerte zu generieren, erfordert an vielen Stellen ein Umdenken. Und dafür ist nicht zuletzt ein gutes Change-Management notwendig. Unternehmen sind gefordert, ihre Mitarbeiter aktiv auf den Weg der Digitalisierung mitzunehmen. Passiert das nicht, entsteht Demotivation – und damit einer der größten Stolpersteine überhaupt. Eine motivierte Belegschaft, die die Digitalisierung des Unternehmens mitträgt, ist das A und O.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITM: Worauf sollten Mittelständler achten, wenn sie auf Digitalisierungsexperten zurückgreifen?
Metzner:
Ich glaube, es ist grundsätzlich wichtig, dass Dienstleister auf Augenhöhe mit mittelständischen Unternehmen agieren und sich als Partner ihrer Kunden verstehen. Und das bedeutet, sie müssen im besten Falle Branchenkenntnisse mitbringen und gleichzeitig die spezifischen Bedürfnisse des Mittelstandes kennen. Wenn das gepaart ist mit entsprechender Erfahrung in Digitalisierungsthemen – und zwar, sowohl was Beratung und Umsetzung als gegebenenfalls auch den Betrieb von Systemen angeht –, sollten die wesentlichen Voraussetzungen für erfolgreiche gemeinsame Projekte erfüllt sein.

ITM: Wie viel Digitalisierung(swahn) wird nach Corona tatsächlich erhalten bleiben?
Metzner:
Von einem „Digitalisierungswahn“ sind wir aktuell noch weit entfernt, da ist noch deutlich Luft nach oben. Ich bin davon überzeugt, dass alle Unternehmen – und nicht zuletzt die mittelständischen – ihre Hausaufgaben rund um die Digitale Transformation machen müssen. Früher oder später wird sich zeigen, dass es „Digitalisierungsverweigerer“ immer schwerer am Markt haben werden, weil sie anderen Unternehmen schlicht und ergreifend unterlegen sind. Demzufolge wird in jedem Falle sehr viel Digitalisierung bestehen bleiben oder besser gesagt: zukünftig weiter erfolgen. Grundsätzlich sollte eine einfache Regel gelten: Digitalisierung in Unternehmen ist immer dann sinnvoll, wenn sie perspektivisch Mehrwerte bietet und darum wirtschaftlich angebracht ist.

Bildquelle: Arvato

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